10. Dezember

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Ich holte das Messer raus und hielt es ihm an die Kehle. 

„Noch ein paar letzte Worte? Wie wäre es mit der Wahrheit?", grinste ich, als ich seine immer größer werdenden Augen betrachtete. 

„Ups. Ich bin ja vergesslich. Es ist schwer zu reden, wenn man mit einem Messer bedroht wird, aber keine Sorge. Allzu lange wird es nicht mehr dauern und du quälst dich dann nur noch.", ich zog ihn an seinem Hemd hoch, doch mit der anderen Hand hielt ich immer noch das Messer. 

„Sag es mir, wo ich ihn finde. Dann ist die Chance größer, dass ich dich verschone." Ein Stückchen entfernte ich das Messer, damit er reden konnte. „Ich weiß es nicht.", brachte er heraus und hustete. 

„Schade, dass du eigentlich ganz niedlich bist, doch leider hasse ich es Lügen zu hören. Deine letzte Chance.", willigte ich ein und zog meine Augenbraue hoch. 

Auf einmal wurde ich mit voller Wucht nach hinten geschleudert und schlug hart auf dem Boden auf. Mir wurde schwindelig, doch ich ignorierte dieses Gefühl. „Eigentlich bist du ja ganz niedlich, aber du kooperiert nicht mit mir.", wiederholte er meine Worte von vorhin und ich versuchte mich zu wehren. 

Er kam mit seinem Gesicht näher und starrte in meine Augen. „Was willst du überhaupt noch hier? Keiner will dich. Du hast alle verloren. Sie sind freiwillig gegangen, weil sie dich nicht mehr ertragen konnten. Du bist eine Zumutung. Ich stelle mir die Frage, warum du noch lebst und dich noch nicht umgebracht hast.", er schnaubte und ich erstarrte. 

Mein Körper hörte auf sich zu wehren. Er hatte einen wunden Punkt getroffen. „Du bist zu nichts zu gebrauchen. Schon alleine dein Blick lässt jeden Menschen verzweifeln. Du bist eine Schande.", er machte weiter und mit jedem Wort zerbrach ein Stückchen mehr in meinem Inneren. 

Schon früh hatte ich gelernt, nicht schwach zu sein und zu weinen, weshalb ich dies jetzt auch nicht tat, doch es schmerzte. Es tat verdammt weh. 

„Dein letztes Stündlein hat geschlagen. Hast du noch ein paar letzte Worte, bevor du stirbst und es keiner bemerkt? Keiner, der um dich trauern könnte, weil du es eh nicht verdient hattest zu leben?", wollte er wissen und grinste mich teuflisch an. 

Ich glaubte ihm und hielt still. Bewegte mich nicht. Denn er hatte Recht. 

„Ich würde eher sagen, dass dein letzte Stunde geschlagen hat.", hörte ich wen sagen und spürte, wie die Last von meinem Bauch abnahm. Ein wenig entfernt von mir hörte ich, wie jemand kämpfte und auch fluchte, doch ich blieb still liegen. 

Ich war nutzlos, verdiente es nicht zu leben. 

In gewisser maßen gab ich auf, obwohl ich einen Auftrag hatte, den ich noch auf jeden Fall erfüllen müsste. „Steh auf.", forderte mich irgendwer auf, doch ich blieb einfach liegen. Ich hörte jemanden seufzen und spürte, wie mich jemand aufrichtete, weshalb ich meinen Blick auf die Person heftete. 

Es war der Neue. 

„Bist du okay?", erkundigte er sich und ich ziehe misstrauisch meine Augenbrauen zusammen. „Geht dich nichts an.", fauchte ich und schüttelte seine Hand von mir ab. „Ich wollte bloß nett sein unter Kollegen.", wehrte er sich und hob die Hände. 

„Ich brauche keine Hilfe.", knurrte ich und stand auf, während er ebenfalls aus der Hocke aufstand. „Sah aber gerade anders aus. Du hättest dich locker wehren können, aber du hast es noch nicht einmal versucht.", erklärte er und versuchte mit seinen Augen durch mich durch zu dringen. 

„Bist du jetzt mein persönlicher Spion und weißt über meine Kräfte Bescheid?", schrie ich und bemerkte aus den Augenwinkel eine Bewegung. Ich wendete meinen Blick ab, holte aus und trat mit meinem Bein mit voller Wucht in sein Gesicht. Sofort ertönte ein schmerzvolles Stöhnen. 

„Ich brauche keine Hilfe. Merk dir das, wir sind quitt.", knurrte ich und ging bis zur Tür, „Regel Nummer 2: Man steht niemals mit dem Rücken zu dem Feind, auch wenn er fast tot ist." 

Kaum war ich draußen rannte ich los ohne mich richtig umzusehen. Die Häuser zogen nur so an mir vorbei und in diesem Moment störte es mich nicht, dass alle mich wahrscheinlich komisch ansahen. Sonst wäre es mir wichtig, da sie Verdacht schöpfen könnten, doch auch das war mir gerade egal. 

Ich musste einfach weg. 

Dieses Mal widerstrebte ich meinem Drang die Feuerleiter hochzuklettern. Stattdessen ging ich in einen kleineren, fast leeren Park und versuchte unauffällig einen Baum zu erklimmen. Ich setzte mich auf einen dicken Ast, bei dem ich mir sicher war, dass dieser mich auch halten würde. 

Unter mir liefen ab und zu mal Menschen her, doch das nicht oft und wenn beachteten sie mich nicht, da sie nicht auf die Idee kamen nach oben zu gucken. Das kam mir gerade Recht, da ich Ruhe wollte. Auf den Dächern wäre ich vermutlich viel zu aufgewühlt gewesen, weshalb ich hierhin geflüchtet bin, um der Natur näher zu sein. 

Es mag sich komisch anhören, doch die Natur gibt mir das Gefühl bodenständig zu sein. Ich habe nicht das Gefühl unerwünscht zu sein. Es hat einfach eine beruhigende Wirkung und ich kann abschalten, um der Realität für ein paar Sekunden zu entkommen. Denn selbst im Schlaf konnte ich nicht entspannen. 

Wieso war ich vorhin so schwach? 

Ich wusste genau die Antwort, doch ich wollte sie mir nicht einstehen. Einen Moment dachte ich noch über die gesamte Situation nach, obwohl es einfach grotesk war. Ausgerechnet der Neue hat mich gerettet. 

So ein Fehler darf mir nie wieder unterlaufen. 

Ich darf keine Fehler machen. 

Fehler sind in meinem Job nicht zulässig. 

Alles muss nach Plan verlaufen. Fehler wären zu menschlich und ich habe meine Menschlichkeit abgelegt. 

Ich holte noch einmal tief Luft ehe ich den Baum hinunter klettere. Im Park sah ich mich um, doch keiner beachtete mich. Alles so wie immer. 

Mein Blick glitt hinauf in den Himmel und ich sah Wolken über mir. Früher hatte ich mir immer vorgestellt, wie tote Menschen auf diesen saßen und auf ihre Liebsten Acht gaben. 

So schnell wie dieser Gedanke kam, verwarf ich ihn auch sofort wieder. Ich straffte meine Schultern und setzte einen entschlossenen Blick auf. 

„Ich werde mich rächen.", murmelte ich, sah ein letztes Mal hinauf in den Himmel und machte mich auf dem Weg.


The Order (Adventskalender 2015)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt