30.

504 27 21
                                        

Schon in der Sekunde, in der ich meine Augen wieder öffnete, wusste ich, dass es nun so weit war. Mein Ende war gekommen und ich konnte nichts tun, ich war hoffnungslos in Isabellas Gewalt, da konnte ich nichts ändern.

Mein linkes Handgelenk war an die Luft gekettet, wie an etwas Metallenes, sodass ich mich nicht bewegen konnte. Das war wohl eine Spezialität von Isabella. Apropo Isabella, wo war diese Schlange denn hingegangen? Da! Sie tappte aus dem Schatten heraus und positionierte sich mit verschränkten Armen vor mir.

Ich wollte sie töten! Bevor sie mich Unschuldige töten würde und Thomas somit ebenfalls ins Verderben reißen würde. Hatte sie mich doch einfach aus dem Hinterhalt bewusstlos geschlagen, ohne Vorwarnung einfach ausgeholt und meinem Bewusstein ein Ende bereitet.

Ich war verletzt. Zutiefst verletzt. Das blanke Entsetzen und die tiefe Angst spiegelten sich gerade in mir wider, alle meine Gefühle hatten sich wie ein Stausee angestaut und wurden nun freigesetzt. Wann denn auch sonst außer jetzt? Es waren meine letzten Minuten hier, meine letzten Minuten überhaupt und ich musste sie voller Qualen ertragen, in dem Wissen, dass es niemals besser werden würde.

„Es ist so weit, ich wünsche dir ein gutes Durchhaltevermögen", sagte Isabella kalt. „Mehr hast du nicht zu sagen?!", zischte ich voller Wut, „jetzt, da du dem allen ein Ende bereitest, kann dir nicht mal ein kleines 'Entschuldigung' entweichen? Mensch, du hast gewonnen, okay, ich bin bald für immer weg und du kannst hier schön weiterleben. Es macht dir wohl so Spaß, zwei sich liebenden ein Ende zu bereiten!"

Ich ließ meinen Kopf auf meine Brust senken und schluchzte einfach nur, mir egal, was sie dachte, es spielte nun keine Rolle mehr. Ich würde Thomas nie wiedersehen, es war zu Ende! Mein Herz war schon beinahe zersprungen, da ich ihn einfach zu schrecklich vermisste.

„Leana, du bist nur wütend, Schätzchen! Komm, rege dich nicht auf, spare dir deine Kraft lieber, denn du wirst sie noch brauchen. Ich habe das mit Absicht getan, damit du jetzt noch nicht vollkommen bei Kräften bist. Ich werde es jetzt durchziehen und mit dem Gedanken auf deine Gesundheit werde ich dir raten, dich lieber nicht zu wehren. Das ist nicht gut und belastet dich nur unnötig, denn du kannst nichts mehr ausrichten. Ich wünsche dir ein schönes Leben im Jenseits, mögest du jemanden finden, der dich genau so liebt wie unser Tommy ...!"

Ich wollte etwas erwidern, sie angiften, wie sie es nur wagen könnte, ihn unseren Tommy zu nennen, doch unendliche Schmerzen bohrten sich in meine Brust und breiteten sich durch meinen ganzen Körper aus. Isabella hielt mit angestrengtem Blick meine Hand und ich konnte sehen, dass sie sich ein Lächeln verkneifen musste.

Voller Schmerzen verzog ich mein Gesicht, zitterte wie Espenlaub und fühlte mich, als würde ich unter Strom stehen. Ein bohrender Schmerz hatte sich in meine Brust gebohrt, ich konnte spüren, dass es Isabellas Kraft war, die mich anfing, aufzulösen. Es war wie wenn sie auf einem Computer die Löschen-Taste betätigt hatte, ich konnte spüren, wie meinem Dasein in dieser Welt ein Ende bereitet wurde und ich langsam ausradiert wurde.

Es fühlte sich an, als würde Gift durch meine Adern gepumpt werden. Ich würfe nun sterben! Es war vorbei! Ich schloss meine Augen, in dem Bestreben, endlich mein Leben zu lassen und diese Schmerzen hinter mir zu haben.

Doch es sprang mir ein Gesicht vor Augen, Thomas' Gesicht. Ich konnte in seine braunen Augen blicken und wusste, dass ich es nicht tun konnte. Ich durfre nicht aufgeben. Thomas brauchte mich und er brauchte mich. Kämpfe Leana, drang eine Stimme in meinen Kopf. Ich liebe dich!

Das war doch eindeutig Thomas' Stimme gewesen! Ich wusste nicht, wie ich es durchstehen sollte, dass ich es schaffen würde, Thomas noch einmal zu sehen, bevor ich hier verschwinden würde. Ich musste vor meinem Aufwachen im Krankenhaus wissen, dass er noch da war und ich somit die Zeit und Kraft hätte, zu überleben und die Zeit zu überstehen.

Meine Haut, alles an mir löste sich auf! Hilfe, jemand musste mir helfen, jemand musste das stoppen! Ich konnte das nicht länger aushalten, ich musste zu Thomas!

Also ließ ich es einfach, ich ließ alles los, was mich hier hielt. Ich ließ los, schwebte wie eine Feder am Himmel, wie die Blätter im Wind, war leicht und trieb dahin. Ich gab auf, verließ diesen Ort, Isbella und die Traumwelt. Diesen Ort, der mir so viel Trost, Zuversicht und Liebe geschenkt hatte und er war fort. Ich würde ihn nie wiedersehen können, könnte nie wieder diesen Glanz in meinen Augen haben und diese Freude verspüren, wenn ich nachts hier aufwachen würde und mich Thomas in die Arme werfen würde, seinen Duft einatmen.

Nie wieder.

Ich war traurig, zutiefst deprimiert, doch die Hoffung, die ich gerade noch hatte, war das einzige, was mir momentan noch blieb.

„Leana?" Mir wurde mein Name warm ins Ohr gewispert und ich verlor das Gleichgewicht, meine Beine gaben unter mir nach und ich fiel in seine Arme. Thomas' Arme. Er war tatsächlich hier bei mir. Mein Herz raste wie eine Maschine und ich presste mich an ihn, dass kein Spalt zwischen uns war, umklammerte ihn so fest ich konnte, denn ich hielt meinen Tommy wieder in den Armen, ich hatte es geschafft, er war hier bei mir. Dieses Gefühl war so unbeschreiblich. Ich liebte ihn so sehr und konnte nun endlich seine Anwesenheit spüren.

„Ich liebe dich so sehr!", schluchzte ich unter Tränen und klammerte mich an ihn. Es war vorbei! Ich war hier bei ihm. Ich konnte gar nicht beschreiben, wie erleichtert ich war, es war einfach so toll, ihn hier bei mir zu haben.

Thomas klammerte sich mit seiner ganzen Kraft an mich, er presste mich so stark an sich, dass ich das Gefühl hatte, erdrückt zu werden. Er zitterte wie Espenlaub und seine Hände waren eiskalt, solche Angst musste er wohl um mich gehabt haben.

„Ich habe Isabella überstanden, Thomas. Ohne dich hätte ich das niemals überlebt. Du bist das beste, was mir je passiert ist und nun, endlich, können wir glücklich ohne Angst zusammen sein", sprach ich mit zitternder Stimme voller Freude und erwiderte seine starke Umarmung. Ich war noch nie in meienem Leben so glücklich gewesen.

„Leana?", fing Thomas an zu schluchzen und er nahm mein Gesicht in seine beiden Hände. Ich sah ihm in seine Augen und sah etwas in ihnen, das ich in der ersten Sekunde nicht eindeutig identifizieren konnte. Was war denn nur los? Liebte er mich doch nicht mehr? Das wäre das schlimmste, was mir passieren könnte.

„Ich habe es geschafft, Thomas, ich lebe!", rief ich und rüttelte ihn an der Schulter, um es ihm begreiflich zu machen. „Du ... du hast es nicht geschafft, Leana. Sieh nur, du verschwindest von hier ... Und auch nicht in die realte Welt sondern in den Tod...!" Er scherzte doch. Das konnte nicht wahr sein.

Ich konnte nicht sterben, das war einfach nicht möglich, Isabella hatte es zwar gesagt, doch ich dachte hier in dieser Zwischenwelt war es nur ein Übergang zur Realität, doch es war genau das Gegenteil. Ich starb gerade, alles war verloren. Ich würde Thomas nie wiedersehen, ich hatte alles verloren.

Verwundert hielt ich mir meine Hand vor Augen und zuckte erschrocken zurück. Ich konnte durch sie hindurchsehen, konnte in Thomas' tränennasse Augen blicken.

Das war doch nicht möglich, das war doch alles nur ein schlechter Scherz. Thomas packte mich an der Hüfte und legte seine Lippen auf meine. All seine Verzweiflung wurde in diesen Kuss gelegt, sein Kuss schmeckte salzig von seinen Tränen und ich hatte Angst, dass er mich fallen lassen würde, so sehr zitterte er.

„Ich liebe dich, ich kann dich nicht gehen lassen, niemals. Bitte, bleib bei mir!", brüllte Thomas voller Verzweiflung und presste seine Lippen auf meine. Ich wusste nicht, was ich denken konnte, ich spürte Thomas schon fast gar nicht mehr, so sehr hatte ich mich schon entfernt.

„Lass mich nicht los!", schluchzte ich und hielt mich mit der letzten Kraft, die ich noch hatte, an ihm fest. Doch es war sinnlos, meine Finger glitten durch seine Schulter in die unendliche Leere, in der nichts war, keine Liebe, keine Wärme, einfach nichts. Ich würde meine Familie nie wiedersehen und ihnen nie wieder sagen können, wie sehr ich sie liebte.

Doch das Schlimmste war, dass ich Thomas loslassen musste. Für immer und ewig. Die Dunkelheit war zu präsent. Isabella Melling hatte mich umgebracht und uns durch meinen Tod geschieden.

„Ich werde dich nie loslassen!", schluchzte Thomas, genau in der Sekunde, in der ich wie eine Wolke durch seine Finger glitt und in die unendliche Leere fiel.

Mein letzter Gedanke, bevor alles vorüber war, war der Moment, als er mich das erste Mal geküsst hatte.

Nie wieder.

In our dreams (Thomas Sangster FF) Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt