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Verstört gucke ich meinem Bruder dabei zu, wie er meine Klamotten aus dem Schrank räumt. Mein Arzt hat mir heute mitgeteilt, dass ich vollständig clean bin und nach Hause gehen kann.
"Matty, kannst du das bitte mal lassen?", pampe ich ihn an.
"Maul, Ava. Hilf mir lieber, dann können wir schneller nach Hause."
Aber das war genau das, was ich nicht wollte. Mir gefiel es hier, ich hatte sogar einigermaßen gute Freunde gefunden. Dass die Hälfte von ihnen abgekratzt ist, ignorieren wir jetzt einfach mal. Und jetzt sollte ich nach einem von der Außenwelt abgeschotteten Jahr, einfach wieder ein normales Leben anfangen?
"Kann ich nicht lieber hier bleiben?", frage ich ihn und ernte einen entsetzten Blick von ihm.
"Vermisst du etwa nicht deinen Lieblingsbruder?", gibt er empört von sich.
"Ich hab nur einen Bruder.", gebe ich genervt zurück.
"Exakt."
Ich stöhne auf, verlasse mein Zimmer und laufe in den Aufenthaltsraum. Dort begegne ich dem schrägen Alten, der aufschlitzenden Soziopathin und meiner Liebsten, der kleinen Fetten.
Ich hatte allen Spitznamen gegeben, da mir hier so das Leben einfacher gefallen war.
Die kleine Fette kommt auf mich zu und drückt zur Begrüßung ihren massigen Körper gegen mich.
"Heute ist mein letzter Tag.", sage ich zu ihr.
"Ich weiß, das erzählen sich hier alle. Unglaublich dass die am meisten Abhängige unter den Jugendlichen am schnellsten wieder raus kommt."
Sie setzt sich auf einen Stuhl und atmet kurz durch. Dieses Gespräch ist für sie wie ein Marathon.
"Komm, so abhängig war ich nicht.", meine ich daraufhin und setze mich ebenfalls.
Wir brechen beide in schallendes Gelächter aus, was denn schrägen Alten zum Ausrasten bringt. Er fängt an rumzuschreien und sich gegen die Stirnfalten zu hauen. Soll er doch schreien, der kratzt sowieso bald ab.
"Ich glaub nicht, dass ich das jetzt sage. Aber ich denke, ich werde dich echt vermissen.", meint sie, nachdem wir uns beruhigt haben.
Normalerweise würde ich jetzt lachen, aber das würde sie wütend machen. Denn sie sagt sowas nie.
"Geht mir genauso. Kannst du nicht irgendwie abhauen? Oder bald auch entlassen werden?"
Sie zieht einen aufgeweichten Schokoriegel aus ihrem Bh, öffnet die Verpackung und beißt ein großes Stück ab.
"Keine Chance, man. Ne Pflegerin hat mich dabei erwischt, wie ich aus ihrer Parfumflasche getrunken habe. Seitdem bewachen die mich, als wäre ich Obama höchstpersönlich.", nuschelt sie mit vollem Mund.
Sie lacht, aber ich weiß genau, wie sehr sie das stört. Dass sie beobachtet wird, dass sie entdeckt wurde und vorallem, dass sie immer noch nicht ihre Sucht bekämpft hat.
Ich entdecke meinen Bruder an der Eingangstür des Aufenthaltsraumes, wie er sich mit meinem Arzt unterhält. Es wird Zeit.
Die kleine Fette starrt ihn an, als wäre er ihr Nachtisch. Sie hat schon lange ein Auge auf ihn geworfen, aber heute sieht sie ihn sowieso das letzte Mal in ihrem Leben.
"Wir sehen uns.", sage ich zu ihr und stehe auf.
Sie schiebt den restlichen Riegel in ihren breiten Mund, kaut ein, zwei Mal und schluckt den Schokoladenbrei dann runter.
"Bau keine Scheiße da draußen.", antwortet sie mir und presst sich ein letztes Mal an mich.
Sie weint, denn sie weiß, dass sie es ohne mich nicht mehr hier raus schaffen wird. Ich war ihr Anker gewesen und nun treibt ihr Schiff ratlos übers Meer.
"Du schaffst das, kleine F-. Patricia.", verbessere ich mich. Puh, gerade nochmal gerettet.
Sie löst sich von mir, wischt sich über die Hamsterbacken und zwingt sich zu einem Lächeln.
Ohne noch ein weiteres Wort zu sagen und mich von weiteren Patienten zu verabschieden, laufe ich zu meinem Bruder Matty. Die kleine Fette war meine beste Freundin hier gewesen und nun überließ ich sie ihrem Tod. Das klingt dramatisch, aber ich wusste, dass sie sich entweder bald umbringen würde oder in die Geschlossene eingewiesen werden würde. Und da würde sie sich zu 100% umbringen.
Mein Bruder lächelt mich an, genauso wie mein Arzt.
"Na, Ava. Freust du dich?", fragt er mich aufgeregt.
Ach, leck mich doch du Ekelpaket. Ich vergesse sicher nicht, wie du mich begrabscht hast, als deine Frau gerade keine Lust auf dich hatte und deinen Nachbarn gefickt hat.
"Das einzige, worauf ich mich freue ist, dass ich Sie Schwanzlutscher nie wieder sehen werde.", zische ich und laufe aus dieser Irrenanstalt raus.
Matty rennt mir eilig hinterher.
"Kannst du nicht wenigstens Mal zum Abschied nett sein?", fragt er mich, als er zu mir hastet.
"War ich doch."
Er seufzt und zusammen laufen wir aus der Entzugsklinik. Das erste Mal seit meiner Einweisung stehe ich draußen. Sonst haben sie uns nur auf den Balkon gelassen und damit haben sie aufgehört, nachdem zwei von dort runtergesprungen sind.
Ich schließe meine Augen und atme tief ein. Die Luft riecht ganz anders. Nicht nach Desinfektionsmittel, kranken und alten Menschen und Ärzten.
"Kommst du?", höre ich Matty sagen und öffne meine Augen wieder.
Wir laufen zu einem mir unbekannten Auto. Ich weiß, dass es nicht seins ist, da er noch nicht fahren darf. Aber er steigt auf der Fahrerseite ein und steckt den Schlüssel in das Schloss.
"Seit wann darfst du fahren?"
"Seit ich einen Führerschein habe, Ava."
Ich schnaube auf und setze mich ebenfalls. Diese alltäglichen Dinge sind mittlerweile ziemlich ungewöhnlich für mich. Ich erschrecke mich jedes Mal, wenn Matty abrupt bremst und kralle mich an meinem Gurt fest.
"Geht's?"
Ich nicke verkrampft und hoffe einfach, dass wir bald da sind. Die Musik aus dem Radio beruhigt mich. Ich habe die Lieder noch nie gehört und auch keine Ahnung von wem sie sind. Sie klingen alle ziemlich gleich.
"Ist Mum zuhause?", frage ich ihn, als wir schon wieder an einer Ampel stehen.
"Nein, sie arbeitet. Aber sie freut sich unglaublich, dass du wieder kommst."
Wieder schnaube ich verächtlich auf.
"Ja, sie hat bestimmt vermisst, mich zu schlagen."
Ich spüre Matty's Blick auf mir, aber ignoriere ihn.
"Du weißt, dass das ein Ausrutscher war."
Genauso, wie meine Geburt wahrscheinlich. Wer's glaubt wird selig.
Matty schnallt sich ab und steigt aus dem Auto. Wir stehen vor unserem Haus, aber es kommt mir fremd und absurd vor. Langsam steige ich aus und betrachte meine zukünftige Unterkunft.
"Ich kann das nicht, Matty.", murmle ich.
Hier habe ich meine Drogen versteckt, vertickt und genommen. Hier wurden sie gefunden und hier wurde meine Drogengeschichte zur Strecke gebracht.
Matty kommt mit meiner Tasche, die er gerade von der Rückbank geholt hat, auf mich zu und guckt mir liebevoll in die Augen.
"Doch du kannst das. Ich helfe dir. Du bist doch meine kleine Schwester."
Dann gibt er mir einen Kuss auf die Stirn, nimmt meine Hand und läuft zur Eingangstüre.
Mein neues Leben würde also jetzt beginnen. Normalerweise waren Neuanfänge etwas tolles, aber dieser war einfach nur zum Kotzen.
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Clean
Roman pour Adolescents"Du bist clean, Ava." "Ich hab' schon bessere Witze gehört." Diese Geschichte widme ich meinem Lieblingsbuch meiner Lieblingsautorin: Schnauze Alien.
