Das geschlagene Miststück

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Während dem Frühstück fällt mir erst auf, dass Matty aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Dafür war ich davor einfach viel zu müde gewesen.

"Mum hat mich gestern übrigens wieder geschlagen.", meine ich, als ich gerade in der Pfanne rumkratze.

Ich gucke nun zu Matty, welcher auf den Tisch starrt. Er weiß nicht, was er sagen geschweige denn tun soll.

"Vor mir.", gibt Steven dazu, was meinen Bruder nun wirklich überrascht.

Meine Mutter hat mich schon einige Male geschlagen, aber nie vor anderen. Höchstens vor Matty, aber nie vor Freunden. Mit dem gestern hat sie wirklich bei mir verkackt. Ich hab ihr diesmal nicht einmal was getan.

Ich sehe Matty an, dass er versucht es irgendwie rechtzufertigen, aber nichts findet.

"Ich rede mal mit ihr.", ist dann das Einzige, was er dazu sagt.

"Nein."

Er stochert in seinem Rührei rum, während wir diskutieren. Wir werden beide lauter und Steven sitzt mal wieder nur tatenlos daneben. Nur diesmal muss er mich danach nicht trösten, da Matty mich niemals schlagen würde.

"Es bringt nichts, Matty! Sie hasst mich verdammt nochmal und du wirst das nicht ändern können.", schreie ich ihn an und fahre mir durchs Gesicht. Ich bin total aufgebracht und muss meine Wut irgendwie rauslassen.

Also laufe ich in den Garten und schmeiße den Aschenbecher auf den Boden. Weiß nicht, was ich mir davon erhofft habe. Er landet auf dem Gras und sonst passiert nichts. Ich setze mich auf die Hollywoodschaukel und ziehe meine Beine an mich. Dann stehe ich wieder auf, da ich nicht ruhig da sitzen kann.

"Verfickte Scheiße, man!", brülle ich und laufe wieder nach drinnen.

Matty und Steven beobachten mich, aber handeln nicht. Erst als ich meinen Teller auf den Boden schmetter, greifen sie ein. Steven nimmt mir den zweiten Teller aus der Hand und Matty zieht mich in seine Arme. Ich bin so wütend und verletzt, mit sowas kann ich nicht umgehen. Es wird mir mal wieder alles zu viel und ich würde das alles gerade so gerne vergessen. Mit Drogen würde ich das.

Am liebsten würde ich mich für den Gedanken gerade selbst ohrfeigen.

Matty hält mich weiter in den Armen, während Steven die gröbsten Scherben wegräumt.

"Tut mir leid.", murmle ich.

Die Tränen sammeln sich in meinen Augen, aber ich will sie nicht rauslassen. Viel zu viel weine ich in letzter Zeit. Das bin nicht ich, ich weine nie. Aber vielleicht hat mein altes ich nur nie geweint und mein neues ist die Heulsuse schlecht hin.

"Maul.", antwortet Matty und streicht mir über die Haare.

Wir verweilen ein wenig so und sehen Steven bei unserer Arbeit zu. Die Jungs beschließen heute wieder auf unser Stadtfest zu gehen. Wir rufen Conor und Ian an und sie stimmen beide zu mitzukommen. Ich dusche und ziehe mich um. Diesmal kein Kleid, sondern Jeansshorts und ein schlichtes, schwarzes Top. Meine Haare binde ich mir zusammen, da sie mich irgendwie stören. Nur leicht trage ich Mascara und ein wenig Puder auf. Conor hat mich sowieso schon ungeschminkt gesehen.

Ich warte, bis Matty und Steven fertig geduscht sind, damit wir gehen können. Während ich warte kommt Mum nachhause. Sie guckt mich abwertend an und geht erstmal aufs Klo. Ob sie sich jemals entschuldigen wird?

Danach kommt sie wieder und guckt in den Kühlschrank. Enttäuscht schließt sie ihn wieder.

"Kannst du dich nicht einmal nützlich machen und etwas zu essen kochen?", fährt sie mich an.

"Hab ich doch. Nur eben nicht für dich."

Ich weiß, dass ich es mir gerade wieder verkacke, aber das ist mir egal. Schlagen werde ich sie nie, weshalb ich ihr irgendwie anders weh tun muss.

"Pass bloß auf junge Dame.", warnt sie mich.

Pff.

"Warum? Weil du deine Tochter dann wieder schlagen wirst? Dein Fleisch und Blut? Erbärmlich.", spucke ich ihr vor die Füße.

Dann tut sie etwas mit dem ich nicht gerechnet hätte. Sie weint.

Ich gucke ihr dabei zu, unfähig mich zu bewegen. Sie sieht dann auf zu mir und wischt sich die Tränen weg. Wird sie sich jetzt entschuldigen?

"Was bist du nur für ein Kind, wenn du deiner Mutter beim Weinen zusehen kannst.", pampt sie mich an und kommt näher.

Ich will sie anspucken, schlagen, beleidigen, aber werde es nie tun.

"Du bist nicht mehr meine Mutter für mich. Nur noch meine Erzeugerin."

Ich hoffe sie dadurch zu verletzen, aber stattdessen verärgere ich sie nur. Sie steht nun direkt vor mir, der Hass lodert in ihren Augen.

"Du undankbares, kleines Miststück!", schreit sie mich an und fängt an auf mich einzuschlagen.

"Ich hasse dich!", brülle ich zurück und schubse sie weg von mir.

Ich hätte nie gedacht, dass es so zwischen uns eskalieren würde. Tief in mir drinnen habe ich immer auf Versöhnung gehofft. Aber statt Versöhnung hagelt es nur noch mehr Schläge. Sie geht erneut auf mich los und erneut wehre ich mich nicht, da ich ihr das einfach nicht antun kann. Sie mag vielleicht nicht mehr meine Mutter sein und ich mag sie hassen, aber sie hat mich in die Welt gesetzt, ohne sie wäre ich ein weiteres Spermium in dem Hodensack meines dummen Vaters.

Matty poltert die Treppe runter und schubst meine Mutter weg von mir.

"Bist du wahnsinnig geworden?", schreit er sie an.

Nun sieht sie wirklich verletzt aus. Es ist Matty der nun enttäuscht von ihr ist, was ihr echt zu schaffen macht. Sie fängt an zu weinen, in der Hoffnung, dass sie jemand in den Arm nimmt, aber das tut keiner. Matty nimmt mich in den Arm und Steven läuft ebenfalls zu mir. Ich weine bitterlich, spüre das Blut aus meiner Nase laufen und schmecke es in meinem Mund. Hätte nicht gedacht, dass die Frau so eine Kraft hat. Sie hat mir mit der Faust direkt auf die Nase gehauen und mir mehrere Schellen verpasst.

Matty nimmt mich an der Hand und läuft mit mir an unserer Mutter vorbei. Steven tut es uns nach und wir verlassen das Haus. Dann fahren wir direkt zum Volksfest, keiner von uns redet über das gerade eben. Während Matty fährt, versuchen Steven und ich die Blutung zu stoppen. Es fällt uns etwas schwer, da wir keine Taschentücher oder sonstiges haben. Wir halten mir lediglich die Hände unter die Nase. Zum Glück sind wir sofort da und können uns etwas besorgen.

Ein Passant reicht mir ein Taschentuch ohne, dass wir ihn ansprechen müssen. Ich bedanke mich bei ihm und halte es unter meine Nase. Währenddessen sehe ich zwei bekannte Gestalten auf uns zu laufen. Conor und Ian haben bereits auf uns gewartet.

"Ach du Scheiße, was ist denn mit dir passiert?", fragt Ian geschockt und läuft zu mir.

Conor eilt ihm hinterher und mustert mich besorgt.

"Nichts, bin nur hingefallen.", lüge ich.

Conor guckt fragend zu Matty, welcher einfach nur nickt. Ich will nicht, dass Conor weiß, was ich für Probleme mit meiner Mutter habe.

Falls wir wirklich eine Beziehung eingehen werden, werde ich ihn permanent anlügen müssen. Ihm eine heile Familie, eine heile Ava vorspielen. Hoffen wir, dass das mal gut geht.

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