Kapitel 18 - Magielos

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Auf der Fahrt zurück hing jeder seinen Gedanken nach und immer wieder stellte sich mir die eine Frage. Was wenn Mara ihre Magie verloren hatte? Was würde dann mit ihr geschehen? Ich hatte auf jeden Fall vor, mich für sie stark zu machen, denn ich konnte doch nicht zulassen, dass ich meine einzige, beste Freundin verlor. Das kam nicht in die Tüte. Auf keinen Fall. Und wenn ich dafür bei Direktorin Frey Kopfstand stehen müsste.
Unauffällig musterte ich meine Freundin von der Seite. Sie lehnte mit geschlossenen Augen am Fenster, denn wir hatten Plätze getauscht, und wirkte müde. Allgemein herrschte im Bus eine gedrückte Stimmung, die unser Kampflehrer zusammen mit der damit verbundenen Stille gleich auszunutzen wusste, um unsere Hausaufgabe anzukündigen: Einen Aufsatz über das Archiv. Was auch sonst. Ich seufzte. Langsam aber sicher hatte ich die Nase voll von Aufsätzen. Aufsatz über mythologische Kreaturen hier, Aufsatz zum Thema Geschichte der Elementarys da ... hatten die Lehrer denn gar kein Verständnis für uns Schüler? Ich sollte mich ernsthaft bei Direktorin Frey beschweren. Zwei Aufsätze die Woche wären wirklich ausreichend. Mehr als ausreichend. Man sollte denjenigen verklagen, der die Aufsätze erfunden hatte. Ganz ehrlich? Ohne ihn wäre mein Leben um einiges entspannter gewesen. Wenn dieser jemand überhaupt existiert hatte, denn über die Entstehung des Aufsatzes hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht. Wozu auch. Sollte ich demnächst Langeweile bekommen, dann wusste ich ja jetzt, wie ich sie mir würde vertreiben können.
Am Nachmittag erreichten wir endlich die Akademie und während wir zum Hauptgebäude liefen, beobachtete ich Will, der nur ein paar Meter vor uns ging. Er hatte einen federnden Gang, der von Kraft und Ausdauer zeugte und ich stellte mir vor, er beim Training herumwirbelte. Es war eine verlockende Vorstellung und ich erwischte mich dabei, wie ich anfing zu Grinsen.
„Haaallo ... Erde an Hannah", riss Maras Stimme mich aus meinen Träumen und ihr wissender Blick verriet, dass sie genau wusste, woran oder besser an wen ich gerade dachte. Das Blut schoss mir ins Gesicht und ließ meine Wangen heiß werden. Schnell schaute ich zur Seite und bemühte mich, tief durchzuatmen.
„Ja?", konzentrierte ich mich dann auf meine Freundin.
„Ich muss noch zu Direktorin Frey und ihr meinen Zusammenbruch melden. Kommst du mit?"
„Klar."
„Danke."
Wir nahmen die Abkürzung über den Campus. Trotz der kühler werdenden Temperaturen saßen noch immer Schüler auf Decken auf der Wiese, lachten, lästerten und tratschten. Die Blätter der Ahornbäume leuchteten in warmen Tönen. Von Rot über Orange bis hin zu Goldbraun war alles dabei. In meinem ganzen Leben hatte ich bestimmt noch keinen so schönen Herbst erlebt. Der Kies knirschte leise unter meinen Sohlen, als wir den Weg zu Direktorin Freys Haus einschlugen. Sie war die einzige der Lehrer – bis auf meine Mum – die direkt hier auf dem Campus lebte und somit ein eigenes, kleines Haus besaß, das für uns Schüler eigentlich tabu war. Doch weil die Direktorin am Wochenende nie in ihrem eigentlichen Büro anzutreffen war, versuchten wir es gleich hier.
„Du klingelst", schob Mara die ehrenvolle Aufgabe sofort auf mich ab, als wir die Tür erreichten.
Ich zierte mich ein wenig, denn das hier war nochmal etwas anderes, als ihr normales Büro, doch schließlich überwand ich mich Mara zuliebe und drückte den Knopf. Wenige Sekunden später waren Schritte zu hören, die Klinke wurde heruntergedrückt und dann standen wir Direktorin Frey gegenüber.
„Ähm, hallo Mrs. Frey, entschuldigen Sie die Störung, aber ich wollte einen kleinen Zwischenfall melden", begann Mara.
„Ist er von Bedeutung?"
„Ich ... ich weiß nicht."
„Ist er", sprang ich meiner Freundin zur Seite und ihre Lippen verzogen sich andeutungsweise zu einem dankbaren Lächeln. Sie war nervös. Das las ich ihr von der Nasenspitze ab. Kein Wunder. Wahrscheinlich dachte sie die ganze Zeit an das Was wäre wenn. Direktorin Frey zögerte kurz, ließ uns dann jedoch rein und wir folgten ihr durch einen Flur in einen büroähnlichen Raum. Dann drehte sie sich zu uns herum und verschränkte die Arme vor der Brust. Mir fiel auf, dass sie keines ihrer eleganten Kleider trug, sondern ein schlichtes, schwarzes Top, das jedoch nicht weniger enganliegend war, als die Kleider sowie eine einfache Jogginghose und kuschelig aussehende Socken.
„Also, worum geht es?", wollte sie wissen und ein Hauch von Ungeduld schwang in ihrem Tonfall mit.
„Ich ... ich bin vorhin umgekippt", brachte Mara es hastig hinter sich.
„Und Mr. Greyham auch", schob ich hinterher, denn spätestens jetzt musste sie hellhörig werden. Das tat sie auch. Ihre Augen weiteten sich minimal und ein Muskel an ihrem Kiefer begann zu zucken.
„Wie ist das passiert?"
Verunsichert schaute Mara zu mir und ich nickte leicht.
„Es war komisch. Ich meine, es ging mir gut und plötzlich war es so, als entziehe mir jemand meine Kraft. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber genauso war es."
Bei jedem von Maras Worten hatte sich Direktorin Freys Blick verdüstert. Schweigend wandte sie sich zu einem der Fenster und strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. Das Schweigen zog sich wie Kaugummi in die Länge und wurde immer bedrückender. Dann – ganz ruckartig – fuhr sie wieder herum.

„Hannah, ich muss dich bitten, jetzt zu gehen." Obwohl sie es nett formuliert hatte, wusste ich doch, dass dies keine Bitte sondern ein Befehl gewesen war.

„Nein", entgegnete ich bestimmt und straffte die Schultern, während ich innerlich zitterte.

„Hannah, ich meine es ernst. Geh bitte." Ihre grünen Augen funkelten mich an, aber ich schüttelte den Kopf.

„Ich werde diesen Raum erst verlassen, wenn ich weiß, wie es um Maras Magie steht."
Jetzt schien die Temperatur im Zimmer um mehrere Grad zu fallen und Direktorin Frey starrte mich an.

„Woher?", fragte sie bedrohlich leise und ich schluckte. Es gab kein Zurück mehr.
„Ich habe vielleicht zufällig gehört, wie Sie mit jemandem über Flora geredet haben und habe mir zufällig etwas dabei gedacht."
Die Direktorin schloss resigniert die Augen und seufzte.

„Ihr solltet euch setzen", schlug sie vor, deutete auf ein kleines Sofa, ging zur Tür und schloss sie, bevor sie sich selbst auf ihren Schreibtischstuhl sinken ließ. Mara und ich folgten ihrer Anweisung stumm und warteten auf ihre nächsten Worte.

„Um eines als erstes klarzustellen: Nichts von dem, was ich euch jetzt sage, verlässt diesen Raum. Verstanden?"

Wir nickten synchron und sie fuhr fort.

„Flora besitzt tatsächlich keine Kräfte mehr. Ich habe bereits mit ihr gesprochen und ihr Bericht deckt sich – so leid es mit tut, Mara – genau mit deinem."
Neben mir verspannte Mara sich und ich ergriff ihre Hand.

„Um sicher zu gehen, möchte ich, dass du versuchst, deine Magie einzusetzen."

„Okay", stimmte meine Freundin mit rauer Stimme zu, richtete ihre Hände auf eine der Topfpflanzen auf dem Fensterbrett und konzentrierte sich. Ich hielt vor Anspannung die Luft an und fixierte die Pflanze in der Hoffnung, sie würde sich irgendwie verändern. Aber nichts geschah. Die Blätter blieben grün und die Blüten weiß.

„Es geht nicht. Ich kann überhaupt nichts spüren", brachte Mara hervor und der Kloß in meinem Hals wurde dicker. Die Direktorin presste ihre Lippen zusammen und wirkte nachdenklich.

„Was ... was passiert jetzt mit mir?", wollte Mara wissen und ich merkte, wie sehr sie versuchte, nicht die Fassung zu verlieren. „Muss ich die Akademie ... verlassen?"

„Nein", erwiderte Direktorin Frey entschieden. „Du bist jetzt die Zweite ohne Magie und wenn Mr. Greyham nicht aus einem anderen Grund umgekippt sein sollte, dann hat ihn das gleiche Schicksal ereilt. Ich werde mit Mr. Hilbour reden. Du und Flora werdet ab heute extra Kampfunterricht bekommen. Sollte euch jemand darauf ansprechen, dann richtet ihm meine Grüße aus. Irgendetwas geht hier vor sich, aber ich möchte unnötige Panik vermeiden. Also behaltet das für euch."
Eindringlich bohrte sich ihr Blick erst in meine, dann in Maras Augen und ich begriff den Ernst der Lage absolut.
„Wir werden schweigen wie ein Grab", versprach ich und meine Freundin nickte zustimmend.
„Gut, dann geht jetzt." Langsam erhoben wir uns und ich sah die Trauer in Maras Gesicht.
„Komm", murmelte ich und hakte mich bei ihr unter. Gerade hatten wir die Tür erreicht, als Direktorin Frey noch etwas sagte.
„Mara."
Meine Freundin drehte sich um.
„Es tut mir so leid." Die Züge der Direktorin waren weich und ehrliche Betroffenheit glänzte in ihren Augen. Mara nickte und schluckte schwer. Dann drehte sie sich abrupt um und rannte an mir vorbei, den Flur hinunter und hinaus ins Freie.
„Mara!", rief ich und rannte ihr hinterher, während ich die Direktorin noch leise seufzen hörte.
„Mara, warte!"
Suchend blickte ich mich vor dem Haus um und entdeckte meine Freundin unter einem ausladenden Ahorn sitzen.
„Hey", flüsterte ich und ließ mich neben sie auf den Boden sinken.
„Verdammt, Hannah", fluchte Mara mit erstickter Stimme. „Ich habe keine Magie mehr. Ich bin keine Elementary mehr."
Darauf wusste ich nichts zu erwidern, denn Floskeln wie „Das wird schon wieder" oder „Wir kriegen das schon hin" würden rein gar nichts bringen. Stattdessen umarmte ich sie fest und sie klammerte sich an mich wie eine Ertrinkende.
„Verflucht, Hannah", schluchzte sie und ließ ihren Tränen endlich freien Lauf.

Academy for Elementarys 1 - Verborgene KräfteWo Geschichten leben. Entdecke jetzt