Stunden später, es war mitten in der Nacht, ließen Geräusche mich hochfahren. James hatte den Krankenflügel verlassen und schloss gerade die Tür hinter sich. Meine Mum und ich saßen aneinander gekuschelt gegen die Wand gelehnt und ich musste wohl eingedöst sein.
„Wie geht es ihr?", fragte meine Mum besorgt und der Wächter seufzte schwer. Er ließ sich ebenfalls zu Boden sinken und rieb sich das Gesicht. Es war blass und er wirkte sehr erschöpft, so als sei er plötzlich um Jahre gealtert.
„Sie schläft. Der Blutverlust hat sie geschwächt."
„Gut ... gut", nickte meine Mutter halbwegs erleichtert, bevor ihre Stimme verklang. Das Schweigen verursachte mir Unbehagen und erinnerte mich an einen Horrorfilm, an diese Szenen, bevor irgendetwas Schreckliches geschah. Nur, dass ich bereits wusste, was dieses Schreckliche war.
„Und ... das Kind?" Meine Mum sprach es schließlich aus. Zögerlich und kaum hörbar.
James antwortete nicht, sondern schwieg. In der Dunkelheit schien sein Gesicht wie in Stein gemeißelt. Undurchdringlich, zerfurcht durch Trauer und Wut.
„Sie hat es verloren."
Die Worte hingen wie ein Todesurteil in der Luft.
„Es tut mir so unendlich leid, James", flüsterte meine Mum und ich schluckte schwer. Noch nie hatte ich den Wächter so niedergeschlagen erlebt.
„Geht ins Bett", sagte er schließlich und meine Mutter nickte stumm. Müde stemmten wir uns auf die Beine.
„Gute Nacht", murmelte Mum dem Wächter zu und umarmte ihn kurz.
„Hm", machte er. Dann ließen wir ihn in der Dunkelheit zurück. Wie benebelt sank ich auf mein Bett und starrte einfach nur vor mich hin. Dieser Tag hatte etwas Besonderes für meine Tante werden sollen, doch er war zu einem Albtraum geworden. Einem Albtraum, den sie nie vergessen würde. Ihr Geburtstag war nun der Todestag ihres Kindes. Ich lachte trocken auf. Sie würde wahrscheinlich nie wieder ihren Geburtstag feiern und ich konnte das nachvollziehen. Doch zu sagen, dass man verstand, was sie jetzt durchlitt, das war falsch. Denn das konnte niemand von uns. Nicht einmal ansatzweise.
Vollständig angezogen legte ich mich schließlich hin und schloss die Augen. Immer wieder musste ich an den Schmerz in ihrem Gesicht denken. Der grausamen Erkenntnis, dass etwas mit ihrem Baby nicht stimmte. Es war beinahe so schlimm wie die Sache mit den roten Augen. Ich war einfach nicht in der Lage, sie aus meinen Gedanken zu verbannen.
Seufzend vergrub ich mein Gesicht im Kissen, bis es nicht mehr auszuhalten war. Und so kam es, dass ich mitten in der Nacht aus der Akademie schlich, über den finsteren Campus huschte immer mit dem Gefühl im Nacken, etwas würde gleich über mich herfallen.
Meine Mum öffnete mit müdem Gesicht die Tür und ich warf mich wortlos in ihre Arme. Sie schien genau zu wissen, was in mir vorging und das Gefühl der Geborgenheit ließ mir die Tränen in die Augen steigen. Dann weinte ich leise an ihrer Schulter. Ich konnte nicht erklären, warum, aber ich verspürte eine tiefe Trauer. Meine Cousine beziehungsweise mein Cousin war gestorben, bevor sie oder er überhaupt richtig gelebt hatte.
„Komm mit", flüsterte meine Mum sanft und dirigierte mich ins Haus. Die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss. Das Geräusch hatte etwas Endgültiges. Endgültig wie der Tod und wieder begannen meine Augen zu brennen. Schniefend wischte ich mir über die Wangen und folgte meiner Mutter nach oben. Zum ersten Mal seit Jahren schlief ich wie ein kleines Mädchen im Bett meiner Mum. Früher hatte ich es getan, wenn ich von Albträumen gequält worden war. Dann hatte ich geglaubt, meine Mum würde die bösen Geister verschwinden lassen. Um ehrlich zu sein, hoffte ich das jetzt auch.
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Academy for Elementarys 1 - Verborgene Kräfte
Fantasy》„Hannah Windemear." Ich zuckte zusammen. Noch nie hatte sich mein Name so angehört, als würde ich mit Eiswasser übergossen werden.《 Nun ja, ich hatte auch noch nie jemandem mit Magie fast meine Tasche ins Gesicht geschleudert. Abgesehen davon, dass...
