Es wurde noch ein schöner Weihnachtsabend und meine Mum schenkte mir als krönenden Abschluss eine Reise nach Europa.
„Amerika dürftest du ja inzwischen in und auswendig kennen", schmunzelte sie, als ich ihr überglücklich um den Hals fiel und fest drückte.
„Danke, du bist die Beste", flüsterte ich und strahlte über das ganze Gesicht.
„Das will ich doch hoffen, mein Schatz." Natürlich hatte sie bereits mitbekommen, dass da was zwischen mir und Will war, hatte aber nur gelächelt und mir zugezwinkert. Sie war wirklich die allerbeste Mum, die man sich wünschen konnte.
Am nächsten Tag leerte sich die Akademie sichtbar. Mehr als die Hälfte der Schüler und auch Lehrer fuhren über Neujahr zu ihren Familien. Mara umarmte mich zum Abschied ganz fest und wünschte mir schon im Voraus ein gesundes neues Jahr, auch Ethan wurde gedrückt, wenn auch nicht so überschwänglich wie Mara und Will gab mir einen innigen Kuss, bevor er in den Bus stieg, der zum Bahnhof fuhr. Er besuchte seine Großeltern, die in New York lebten und ich vermisste ihn jetzt schon.
„Es ist doch nur für knapp zwei Wochen", tröstete meine Mum mich, als wir dem Bus zusahen, wie er außer Sichtweite fuhr.
„Ja. Es werden die längsten zwei Wochen meines Lebens."
Und damit sollte ich recht behalten. Die Feiertage verbrachte ich nicht wie gewohnt in meinem Zimmer, sondern bei meiner Mum. Wir spielten zu zweit Mensch-ärgere-dich-nicht, aßen Lebkuchen, schauten kitschige Weihnachtsfilme und unternahmen ausgedehnte Spaziergänge über den Campus. Abends schrieb ich stundenlang mit Mara und Will, die mir ihrerseits von ihrem Tag berichteten und morgens nutzte ich meine freie Zeit um ganz lange auszuschlafen. Wenn es draußen wieder anfing zu schneien, schlenderte ich durch die fast menschenleere Akademie, bewunderte von neuem die majestätischen Statuen in der Eingangshalle und übte mit meiner Magie. Das warme Kribbeln war ein Teil von mir geworden und ich genoss das Gefühl der Macht, wenn die Magie durch meine Adern floss.
Genauso genoss ich auch die tiefe Stille in der Bibliothek. Hier verbrachte ich ebenfalls einen großen Teil meiner Zeit, stöberte in den Büchern oder saß einfach nur in meiner Lieblingsecke und starrte durch die mit Eisblumen beschlagene Scheibe. Eines Nachmittags entdeckte ich zwei Gestalten, die nebeneinander über den Campus spazierten und erkannte Direktorin Frey sowie ihren Wächter James. Seit dem Ball hatte ich die beiden nicht mehr zusammen gesehen und so war meine Neugier geweckt. Immerhin hatte ich mir ja vorgenommen, sie im Auge zu behalten. Behutsam hauchte ich gegen das Fenster und wischte mir mit der Handfläche ein kleines Loch. Aus der Entfernung konnte ich den dunkelroten Mantel der Direktorin ausmachen, der sich stark vom weißen Rest der Umgebung abhob. Da rutschte sie plötzlich aus und geriet gefährlich ins Schwanken, doch James fing sie ab und die beiden liefen weiter. Ich lächelte und widmete mich wieder meinem angefangenen Buch.
Silvester feierten meine Mum und ich zusammen mit Direktorin Frey und James, wobei ich die angespannte Stimmung zwischen meiner Mutter und der Direktorin nicht übersah. Scheinbar hatten die beiden sich noch immer nicht ausgesprochen.
Ich für meinen Teil unterhielt mich bestens mit James, während meine Mum und die Direktorin das Essen zubereiteten, der mir etwas über seinen Job als Wächter erzählte. Zum Beispiel, dass man als Wächter keine Kräfte besaß, dafür jedoch zu den besten Kämpfern gehörte, die man sich vorstellen konnte. Um Wächter zu werden durchlief man ein Spezialtraining bei der AFE, das nur die Besten überstanden. Viele machten noch während der Ausbildung einen Rückzieher, doch diejenigen, die es durchzogen, erlangten Stärke, Ausdauer, Wendigkeit und Schnelligkeit. Unverzichtbare Eigenschaften im Kampf. Er berichtete mir außerdem, wie er an die Akademie gekommen und Direktorin Freys Wächter geworden war. Bei der Erwähnung ihres Namens wurden seine harten Züge weicher und ich lächelte leicht.
„Sie lieben sie, nicht wahr?", fragte ich gedämpft und wartete auf seine Reaktion.
Er verspannte sich und schien krampfhaft darüber nachzudenken, was er antworten sollte, sprang dann aber über seinen Schatten und nickte kaum erkennbar.
„Zeigen Sie es ihr, bevor es zu spät ist", riet ich, worauf er jedoch nichts mehr erwidern konnte, denn in dem Moment brachten meine Mum und die Direktorin das Essen. Es roch fantastisch und schmeckte genauso gut. Die verbleibenden Stunden bis Mitternacht verbrachten wir mit Spielen, wobei der Wächter nur stumm zusah.
„Kommen Sie, James. Es ist Silvester. Da brauchen Sie nicht die ganze Zeit aufzupassen", ermunterte die Direktorin ihn und winkte einladend. Ihre Augen glänzten fröhlich, was zum Teil an dem Wein liegen konnte, den meine Mum aufgemacht hatte. Ich nickte ihm ebenfalls zu und schließlich gesellte er sich zu uns.
Eine viertel Stunde vor Mitternacht erhob Direktorin Frey sich plötzlich.
„Ich kenne den perfekten Ort, um die Feuerwerke in der Umgebung beobachten zu können." Wir sahen sie erstaunt an, folgten ihr aber gerne und sie führte uns auf eine kleine Dachterrasse auf dem höchsten Punkt der Akademie. Meine Mum deponierte den Sekt auf einem winzigen Tisch und ich ließ meinen Blick über die Landschaft schweifen. Im Hellen musste die Aussicht atemberaubend sein, doch selbst im Dunkeln erkannte ich die zackigen Spitzen der Berge in der Ferne. Vereinzelt funkelten Sterne am Himmel, wenn die Schneewolken aufrissen. Ein frischer Wind wehte mir ins Gesicht und ich zog meine Jacke enger um den Körper.
„Es ist wunderschön hier oben", murmelte ich.
„Oh ja", stimmte meine Mum zu, während sie anfing, den Sekt in die Gläser zu füllen. Dann drückte sie jedem von uns eines in die Hand, obwohl meines eher dem Zweck diente, als dass ich den Alkohol wirklich trinken würde. James holte sein Handy heraus, legte es neben die Sektflasche und so konnten wir zusehen, wie die Zeit verstrich. Sekunde für Sekunde. Minute für Minute. In diesem Jahr waren so viele unglaubliche Dinge passiert, die ich gar nicht alle zusammenfassen könnte. Aber eines stand fest. Es war mit Abstand das verrückteste Jahr seit gefühlten Ewigkeiten gewesen.
„10 ... 9 ... 8 ... 7 ... 6 ... 5 ... 4 ... 3 ... 2 ... 1 ... Frohes neues Jahr!"
Die Gläser klirrten, um uns ertönte das Feuerwerk der umliegenden Städte und meine Mum umarmte mich und ich erwiderte es. Dann wollten wir uns der Direktorin und James zuwenden, doch als ich sah, wie der Wächter sein Glas abstellte, Direktorin Frey das ihre abnahm und ebenfalls zur Seite stellte, bedeutete ich meiner Mum lächelnd, leise zu sein. Mit großen Augen beobachtete sie ihre ehemals beste Freundin, die wie erstarrt dastand, als James seine Hand auf ihre Wange legte, sich leicht hinunterbeugte und sie küsste. Wie versteinert stand sie da, bevor sie ihn schließlich ruckartig von sich stieß. Die beiden starrten sich an, vollkommen aufeinander fixiert und ich hielt gespannt die Luft an. Nach Sekunden, die mir vorkamen wie eine Unendlichkeit, machte sie einen kleinen Schritt auf ihn zu, und schien sich langsam zu entspannten. Der Wächter schien das ebenfalls zu spüren und legte seine Hände auf ihre Hüften. Dann packte sie ihn am Kragen, zog ihn an sich und setzte den Kuss fort.
Ich schaute zu meiner Mum, die sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte und über das ganze Gesicht strahlte. Sie freute sich offensichtlich für ihre Freundin. In diesem Moment vermisste ich Will schrecklich. Wie gerne hätte ich auch in seinem Arm gelegen und dem bunten Funkenregen des Feuerwerkes zugeschaut.
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Academy for Elementarys 1 - Verborgene Kräfte
Fantasi》„Hannah Windemear." Ich zuckte zusammen. Noch nie hatte sich mein Name so angehört, als würde ich mit Eiswasser übergossen werden.《 Nun ja, ich hatte auch noch nie jemandem mit Magie fast meine Tasche ins Gesicht geschleudert. Abgesehen davon, dass...
