„Wollen wir uns die Präsentationen anschauen?" wollte Mara wissen und nestelte an ihrem Kleid herum.
„Ja, klar", erwiderte ich drängelte mich mit ihr durch die Schülermenge.
„Hey, wollt ihr mich mitnehmen?", rief eine Stimme und Ethan tauschte vor unserer Nase auf. Sein Jackett saß ein bisschen schief und seine Brille war verrutscht.
„Was hast du denn angestellt", kicherte Mara und rückte ihn zurecht.
„Bisschen viele Leute auf einem Haufen", erklärte er verschmitzt. „Da wird man alle Nase lang angerempelt. Furchtbar, oder?"
„Ja, ja und jetzt los, sonst stehen wir ganz hinten", drängelte Mara aufgeregt, wie ein kleines Kind und übersah sogar, dass Ethan mal ohne sein Tablet aufgetaucht war. Ein Wunder. Ich lachte und ließ mich von ihr ziehen, bis wir schließlich einen guten Platz erwischten. Die Präsentationen fanden auf einer freien Fläche statt, die mich an eine Arena erinnerte. Es gab einen kleinen Teich, der Boden bestand aus normaler Erde und Kerzen flackerten rundherum. Über uns erstreckte sich der Himmel. Agenten der AFE in ihren dunklen Anzügen hatten am Rand der Erdfläche Platz genommen und riefen nacheinander die Schüler und Schülerinnen auf.
Es war beeindruckend und ich hatte das Gefühl, die gesamte Zeit über mit offenem Mund dazusitzen.
Ein Junge mit Erdmagie ließ Pflanzen aus dem Boden schießen und mit einer Handbewegung wieder welken, ein Mädchen, das wie ich Luftkräfte besaß, schwebte Minuten lang über unseren Köpfen und vollführte waghalsige Kunststücke, ein weiteres Mädchen mit Wassermagie ließ es regnen, während ein blonder Junge die Kerzenflammen so hoch auflodern ließ, dass ich erschrocken zusammenzuckte.
„Das ist doch ein Kinderspiel", murmelte jemand neben mir und als ich den Kopf drehte, um zu erwidern, dass es das überhaupt nicht war, blieben mir die Worte im Hals stecken. Eisblaue Augen sahen mich durchdringend an und ich versuchte, normal weiter zu atmen. Ein Schauer lief mir über den Rücken und Gänsehaut breitete sich auf meinen nackten Armen aus.
„Ist dir kalt?", fragte Will skeptisch und ich schüttelte heftig den Kopf. Dass ich so gerade meine Frisur zerstörte, interessierte mich nicht.
„Okay", erwiderte er einfach und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Jugendlichen in der Arena.
Langsam holte ich tief Luft und begann, den Ansturm von Gefühlen zu verarbeiten. Ich war mir seiner Anwesenheit mehr als bewusst und meine Haut kribbelte, aber nicht vor Magie, wie sonst. Den Rest der Zeit saß ich wie auf Kohlen und konnte mich nicht mehr konzentrieren. Dafür wollte ich einfach nur weg.
„Das war doch der Wahnsinn, oder!", rief Mara begeistert, als die Vorführungen endlich ein Ende hatten. „Das mit den Pflanzen will ich auch können."
Ich nickte nur und machte, dass ich davonkam, wobei ich mehrere Leute anrempelte und unschöne Kommentare zu hören bekam. Erst, als ich den Waldrand erreichte, hielt ich an und stieß erleichtert Luft aus.
„Mensch, Hannah", beschwerte Mara sich. „Was ist denn bloß in dich gefahren?"
„Der Teufel?", versuchte ich es mit einem Scherz und sie zog ihre perfekten Augenbrauen in die Höhe.
„Doch nicht etwa ein gewisser schwarzhaariger Junge mit Feuerkräften?", fragte sie dann und riss die Augen auf.
„Doch", bestätigte ich und zog eine Grimasse. „Er saß plötzlich neben mir und ich konnte nichts tun."
Sie verdrehte die Augen. „Ich warne dich nur. Pass auf, dass er dir nicht den Kopf verdreht."
Ich seufzte. Das konnte ja heiter werden.
„Ich versuch's, aber versprechen kann ich nichts."
Die nächsten zwei Stunden verliefen entspannt. Mara, Ethan und ich stopften uns mit den absolut köstlichen Häppchen des Buffets voll, lachten und redeten viel. Dann stellte ich die beiden meiner Mum vor, die sich mit Mrs. Adams unterhielt, Ethans Lehrerin für Wassermagie. „Mum, darf ich dir kurz jemanden vorstellen?", fragte ich und meine Mutter entschuldigte sich bei Mrs. Adams, die uns freundlich zunickte.
„Das sind Mara und Ethan, meine beiden neuen, besten Freunde." Ich grinste breit.
„Hallo, Mrs. Windemear, ich freue mich so, Sie endlich mal kennenzulernen", fing Mara sofort an und meine Mum schmunzelte.
„Die Freude liegt ganz meinerseits, aber nennt mich doch bitte Helen." Für einen Moment schien Mara verdutzt zu sein, doch dann lächelte sie breit.
„Helen. Wie schön."
„Ihr seid also diejenigen, die meiner Hannah ein bisschen unter die Arme greifen. Sie hat es auch ein wenig nötig."
„Mum!", rief ich leicht empört und spürte, wie mir die Wärme in die Wangen stieg.
„Tut mir leid, mein Schatz", lächelte meine Mum und drückte mir einen Kuss auf die Schläfe. Ich schwankte, ob ich mich entziehen oder sie lassen sollte und entschied mich für letzteres.
„Wow, Hannah, du bist deiner Mum ja wie aus dem Gesicht geschnitten", stellte Mara begeistert fest.
„Ja, aber wirklich", pflichtete Ethan ihr bei und die beiden scannten meine Mum und mich neugierig ab.
„Das stimmt wohl", erwiderte ich. „Von meinem Dad habe ich wohl nichts geerbt." Es sollte als Scherz gemeint sein, aber meine Mum versteifte sich neben mir und als sie zu lächeln begann, wirkte es aufgesetzt.
„Da waren meine Gene wohl stärker", meinte sie und zog eine Grimasse.
Eine peinliche Stille entstand und niemand von uns, schien zu wissen, was er sagen sollte.
„Ah, Mrs. Windemear!", durchbrach eine Stimme unser Schweigen und beinahe war ich demjenigen dankbar, bis ich die Person zu der Stimme erkannte. Oh nein.
„Mr. Hampton", entgegnete meine Mum freundlich.
„Wie geht es Ihnen?", fragte der AFE – Leiter, während meine Freunde sich dezent zurückzogen. Na toll.
„Ich kann mich nicht beklagen."
„Wie schön. Und das muss ihre Tochter sein. Hannah, richtig?"
Woher kannte der meinen Namen? Hatte Ashley etwa von dem Vorfall im Speisesaal erzählt?
„Ja, die bin ich", zwang ich mich, zu sagen und lächelte.
„Die Familie vereint. Das ist ein schöner Anblick. Nur schade, dass Jake nicht dabei ist."
Bei der erneuten Erwähnung meines Vaters, verspannte ich mich nun auch.
„Ja", erwiderte meine Mum knapp und ihr aufgesetztes Lächeln fiel nach und nach in sich zusammen, wie ein Luftballon, aus dem man die Luft herausließ.
„Jake war ein wirklich guter Mann, nur leider stand er auf der falschen Seite", fuhr Blake Hampton unbeirrt fort und beobachtete mich dabei aus Argusaugen. Wieder diese Andeutung.
„Was meinen Sie mit falscher Seite?", platzte ich heraus, bevor ich auch nur ansatzweise darüber nachgedacht hatte, was diese Frage nach sich ziehen konnte.
„Nun, sagen wir so ... dein Vater war sehr engagiert in Sachen Raven Dragoni."
„Es reicht!", fuhr meine Mum dazwischen und ihre blauen Augen blitzten.
„Mr. Hampton, einen guten Abend noch." Dann packte sie mich am Arm und zog mich weg von dem AFE – Leiter, der unheimlich lächelte.
„Hannah! Was sollte das?"
„Was denn? Ich habe doch nur gefragt. Er ist schon der zweite, der solche Andeutungen macht."
„Andeutungen?"
„Dass Dad den Gorgonen angehörte und Raven Dragonis rechte Hand war!"
Meine Mum kniff die Lippen zusammen und ihre Miene verdüsterte sich. Mir stockte der Atem. Konnte es sein, dass meine Mutter es gewusst hatte? Die ganze Zeit über?
„Mum, sag nicht, dass das wahr ist und du die ganze Zeit Bescheid wusstest!", rief ich.
„Hannah, ich ...", setzte sie an, als ein gellender Schrei aus dem Wald zu uns hinüberschallte.
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Academy for Elementarys 1 - Verborgene Kräfte
Fantasy》„Hannah Windemear." Ich zuckte zusammen. Noch nie hatte sich mein Name so angehört, als würde ich mit Eiswasser übergossen werden.《 Nun ja, ich hatte auch noch nie jemandem mit Magie fast meine Tasche ins Gesicht geschleudert. Abgesehen davon, dass...
