Neuntes Kapitel

161 21 22
                                        

Ernesto

Ich habe das Gefühl, dass wir Katherine hier ganz gut werden einsetzen können. Zwar ist sie ein bisschen zu stur und wird wohl noch einige Überzeugungskraft benötigen, um sich mit unseren Werten zu identifizieren. Aber bisher scheint sie gesund und wissensdurstig zu sein, beides gute Voraussetzungen für einen Funken.

Das Bandana auf der Nase trete ich den relativ kurzen Weg zu Marleens Werkstatt an. Da die morgendliche Wärme bereits wieder einen heissen Tag verspricht, verfluche ich meine empfindliche, blasse Haut. Damit ich mich nicht verbrenne, werde ich wohl oder übel die ganze Hitze in meinem Flanellhemd ertragen müssen.

Sobald wir den Eingang zu Marleens Keller erreicht haben, löse ich mein dünnes Tuch von meinem Hals und falte es zu einem Band. Schnell binde ich mir das Bandana um meine Stirn, sodass wenigstens meine Haare zurückgehalten werden. Seit ich herausgefunden habe, dass die Variante eigentlich ganz gut aussieht, nutze ich den Ausweg aus einer verschwitzten Stirn ziemlich fleissig.

„Gestern Abend hast du ja schon Roscoes Hälfte des Kellers gesehen", drehe ich mich zu unserem Neuzugang um, die aufmerksam zuhört. Extrem schnell scheint sie sich uns angepasst zu haben, sodass ich ihre Schritte hinter mir kaum wahrnehme. Selbst die Treppe hinunter, wo jede Bewegung auf dem Betonboden ziemlich hallt, höre ich kaum etwas.

„Den anderen Teil wird von Marleen als eine Art Informatikbüro gebraucht. Dies ist der erste Sammelpunkt, den du dir merken solltest."

Wir kommen unten an, wo ich gleich das Licht anschalte und hinter die Treppe trete. Etwas versteckt führt dort eine schmalere Treppe noch weiter in den Boden. Ich deute auf den Abgang.

„Unten haben etwa zehn Leute Platz, wenn man ein bisschen eng steht, dann fünfzehn. Je nachdem müssen wir an die zwei Stunden unten verharren, weshalb du immer eine Flasche Wasser dabeihaben solltest. Natürlich holst du die nicht, wenn wir die Warnung herauslassen. Ziel wäre, dass du zu jedem Zeitpunkt in der Flamme eine mehr oder weniger volle Wasserflasche dabei hast."

„Alles klar."

„Sobald du einen eigenen Schlafplatz eingerichtet hast, solltest du ausserdem dafür sorgen, dass dieser bei der Ankunft der Beamten nicht verräterisch wirkt. Meistens haben wir so fünfzehn Minuten, bevor die Leute wirklich hier sind. In der Zeit musst du zu deinem Keller rennen, diesen unkenntlich machen, und an einen Sammelpunkt zurückkommen. Manche haben das Glück, ihren Eingang gut verbergen zu können. Wenn du das nicht hast, musst du immer mindestens einen Kessel Steinchen und Staub im Raum haben, damit du notfalls alles damit überwerfen kannst. So, dass der Ort völlig verlassen und verstaubt aussieht."

Ein Blick auf Katherine bestätigt mir, dass sie mit all den Neuigkeiten etwas überfordert ist. Sie nickt zwar verstehend, ihre Augen sind dabei aber weit geöffnet.

„Keine Angst", beschwichtige ich sie schnell, „wenn du das erst einmal gemacht hast, wird es zur Routine. Bisher haben wir uns noch immer alle rechtzeitig verstecken können."

Ich trete an ihr vorbei auf Marleens Schreibtisch zu, auf dem zu meiner Missbilligung wie immer ein riesiges Chaos herrscht.

„Marleen ist – wie du schon weißt – unsere Informatikerin. Obwohl wir mit den Neuen Amerikanern niemals Kontakt aufnehmen, ist dieser Standort einer der wichtigsten."

Katherines Blick wandert über die Ansammlung an Computern und Geräten, die sich auf dem Schreibtisch und in Regalen türmen. Nur zu gut kann ich ihre Gedanken erraten.

Unsere Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Die Flamme verfügt über keine fortschrittliche Technik, so wie sie es heute Standard ist. Wir haben keine Chips, die wir uns implantieren lassen, um dann mit Anderen Kontakt aufnehmen oder lesen zu können. Natürlich besitzen wir auch keine der Drohnen, die man mit den gleichen Chips bewegen kann. Wir haben keine Projektionen, die so lebensecht sind, dass man sie kaum von echten Menschen unterscheiden kann. Kurz gesagt: Wir haben keine Technik, die uns das Leben erleichtert. Das Einzige, was hier gebraucht wird, sind Möglichkeiten zur Informationsgewinnung über die und Warnung vor der Regierung.

Fehlerhaft - Bist du das Leben wert?Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt