Ab heute erkläre ich den Dienstag zum offiziell schlimmsten Tag der Woche. Denn ich darf geschlagene anderthalb Stunden des Vormittags in Chemie verbringen und starte am Nachmittag in eine weitere Runde Physik. Es gibt nichts, was diesen Tag noch wirklich schlimmer gestalten könnte.
Vor uns auf den gefliesten Tischen steht ein Becherglas auf einer Heizplatte und köchelt munter vor sich hin. Zu viert beobachten wir das Gebräu und warten darauf, dass irgendetwas passiert. Silas nimmt einen Kugelschreiber und stupst das Glas an, während ich gelangweilt auf meinem Stuhl sitze und aufgehört habe, mir die Mühe zu geben, Notizen auf mein Blatt zu bringen. Paul kratzt sich nachdenklich am Hinterkopf und Amelie starrt das Becherglas an, als wolle sie die Reaktion heraufbeschwören.
„Und wie wir jetzt beobachten sollten, verfärbt sich unsere Flüssigkeit. Oh, sieh mal einer an. Bei Tisch Drei hat es geklappt!" Unsere Chemielehrerin, die mich ein wenig an die schrullige Wahrsagelehrerin aus Harry Potter erinnert, winkt uns zu Tisch drei, wo Sarah, Ann-Marie, Jonas und Kilian vor einer blau gefärbten Flüssigkeit stehen und eifrig Notizen machen. Mir entgeht nicht, wie Amelie Kilian von ihrem Platz aus anhimmelt, während er einfach nur krakelige Linien auf sein Blatt malt.
„Und wieso passiert das bei uns nicht?" Silas hat aufgehört das Glas mit seinem Stift zu bearbeiten und schaut verzweifelt zwischen uns und Tisch Drei hin und her.
„Du bist dir aber sicher, dass du die richtigen Mengen von allem genommen hast?", fragt Amelie anklagend und mustert Paul argwöhnisch.
„Na klar, Frau Kainz stand doch direkt neben mir. Die hätte dann doch was gesagt!", verteidigt sich Paul und Amelie verdreht die Augen.
„Und was ist, wenn das Becherglas nicht richtig sauber war?" Die anderen starren mich auf eine Art an, als hätte ich gesagt, der Mond bestände aus Käse. „Das war bei uns an der Schule manchmal so...", füge ich schnell hinzu.
Silas runzelt die Stirn und tippt sich mit seinem Kugelschreiber ans Kinn. Ich weiß nicht, ob wir ihm hätten Bescheid geben müssen, dass die Spitze noch draußen ist.
„Du könntest recht haben", murmelt er.
„Oder Paul ist einfach unfähig!", erwidert Amelie aufgebracht. Pauls Einwand geht im allgemeinen Getuschel der anderen Gruppentische unter.
Plötzlich springt die Tür auf und alle Schüler starren erwartungsvoll nach vorne. Ein weißhaariger Mann mit einem spärlichen Oberlippenbart sieht uns erstaunt durch seine dicken Brillengläser an und winkt unserer Lehrerin nervös zu. Sie nickt und räuspert sich, um unsere Aufmerksamkeit zurück zu erlangen.
„Kleinen Augenblick, Klasse. Ich muss kurz was klären. Macht keinen Unfug, wenigstens für fünf Minuten! Ich bin sofort wieder zurück. Bemüht euch, euer Versuchsprotokoll zu vervollständigen." Dann verschwindet Frau Kainz mit wehendem Laborkittel auf dem Flur. Sofort bricht ein lautes Geschwätz los.
Wie auf ein Signal erhebt sich Amelie, schnappt sich ein unbenutztes Becherglas, streicht ganz lady-like ihren komischen Rock glatt und stolziert zu Tisch Nummer Drei.
„Die ist doch echt die größte Plage", zischt Silas zwischen den Zähnen hindurch und wir beobachten gespannt, wie unser Gruppenmitglied sich zu Jonas und Kilian beugt und mit einem honigsüßen Lächeln beginnt mit ihnen zu reden.
„Spielt die gerade ihre weiblichen Reize aus?", fragt Paul ungläubig. Tatsächlich scheint sie ihr spärliches Dekolleté möglichst aufreizend zu präsentieren, denn Jonas Augen wandern immer wieder nach unten.
„Die ist doch wirklich immer wieder für eine Überraschung gut...", nuschelt Paul und lehnt sich neben mich an einen der umherstehenden Tische.
„Positiv oder negativ?", frage ich vorsichtig nach.
„Was denkst du denn?", antwortet Silas und beobachtet kopfschüttelnd, wie Amelie versucht den beiden anscheinend die Lösung für unseren Versuch zu erschleichen. Die giftigen Blicke von Sarah und Ann-Marie von der anderen Seite des Tisches aus ignoriert sie gekonnt.
Ich werfe einen unsicheren Blick durch den Raum zu Juli. Ich sehe wie Blitze durch die Gläser ihrer Schutzbrille schießen und für jeden Anwesenden bestimmt tödliche Folgen haben. Ihre Fingerknöchel stechen warnend hervor und ich bin überrascht wie gut ihr Bleistift das doch aushält. Sie hat bestimmt schon den ein oder anderen Stift auf dem Gewissen.
Mein Blick wandert zurück zu Kilian, Jonas und Amelie. Während Jonas sie durchgängig angrinst und bei jeder ihrer Aussagen nickt, scheint Kilian von der ganzen Situation relativ unbeeindruckt zu sein. Er hört Amelie zwar zu, scheint aber keine Antworten auf ihre Aussagen zu geben. Amelie lächelt und Jonas schüttet tatsächlich etwas von der Lösung ihres Versuchs in das saubere Becherglas.
„Nicht ernsthaft...", flüstert Paul ungläubig und Silas schüttelt den Kopf. Amelie zeigt ihre Zähne ein letztes Mal und kommt dann zurück zu uns. Sie stellt unseren Versuch von der Heizplatte und stellt die blaue Flüssigkeit von Tisch Drei auf ihren Platz.
„Das kannst du doch nicht ernst meinen!", zischt Silas sie an.
„Warum denn nicht?", erwidert sie, „Hat Frau Kainz ja nicht mitbekommen." Adrett setzt sie sich wieder auf ihren Platz und schaut stolz auf unser ‚Ergebnis'.
„Ich schwöre dir, wenn das auffliegt, bis du allein dafür verantwortlich!", knurrt Silas und baut sich vor Amelie auf.
„Du willst doch eine gute Note haben, oder nicht?", faucht sie zurück. In dem Moment fliegt die Tür auf und Frau Kainz kommt wieder zurück. Sie schaut sich um und entdeckt das Becherglas mit dem fertigen Experiment. Sie kommt begeistert auf uns zu und Amelie lässt unser eigentliches Experiment schnell hinter ihrem Rücken verschwinden.
„Sieh einer an, dann hat es hier auch noch geklappt. Ich hoffe, ihr habt alles notiert!" Amelie nickt lächelnd. Frau Kainz klatscht in die Hände.
„Für heute war es das leider auch schon. Bitte vervollständigt eure Versuchsprotokolle, orientiert euch an den Ergebnissen der anderen, wenn ihr selber es nicht geschafft hat. Nächsten Dienstag gebt ihr die Protokolle dann bitte bei mir ab, davon hängt auch eure Halbjahresnote ab, verstanden? Das gilt besonders für euch, Jonas und Erik! Die Sachen könnt ihr einfach in den Abfluss gießen."
Es bricht ein lautes Gemurmel los, alle Schüler laufen durcheinander zu den Spülbecken, um ihre mehr oder weniger gescheiterten Experimente im Abfluss in die Freiheit zu entlassen.
Amelie schnappt sich unsere zwei benutzten Bechergläser und entleert sie so schnell und unauffällig wie möglich in das nächste Spülbecken.
„Die glaubt doch echt, dass sie mit allem durchkommt", flüstert Silas in unsere Richtung.
„Und das Versuchprotokoll? Was haben wir denn beobachtet? Wie sie Jonas den Kopf verdreht hat?", flüstere ich zurück. Paul zuckt ratlos mit den Schultern und packt unsere letzten Sachen zusammen.
„Das werden wir uns irgendwie anders besorgen müssen", meint er und stellt die Heizplatte zum Abkühlen zu den anderen auf einen der anderen Gruppentische.
Ich verdrehe die Augen, schiebe meine Sachen in meine Tasche und werfe meine hässliche Schutzbrille in den Karton zu den anderen. Dann nuschle ich Silas ein eiliges ‚Bis nachher' zu und verkrümle mich eiligst aus dem Chemieraum. Länger als nötig will ich in der Ortschaft des Grauens nicht bleiben.
Wieder sitze ich alleine auf einer der Bänke in der Nähe der Cafeteria und lasse meinen Kugelschreiber über das Papier flitzen. Ich mache mir eine Liste. Besser gesagt, ich probiere es. Denn genug Punkte, um es eine Liste nennen zu können, gibt es noch nicht. Ich bin mir auch noch nicht ganz sicher, was ich mit dieser Liste erreichen will.
Das Listensystem habe ich mir von Maggie abgeschaut und ist zum Organisieren oder Planen von bestimmten Dingen echt praktisch. Bis jetzt habe ich jedoch nur Sachen aufgeschrieben, die ich in näherer Zukunft mal machen will. Ein großer Punkt ist Janine und Frankfurt wieder zu sehen. Ein weiterer; kaum zu glauben, aber wahr; Flashlight davon zu überzeugen, dass ich ihm freundlich gesinnt bin und einmal seine weiße Stirn zu berühren, ohne das er zurückzuckt.
„Hey, Brook." Vor Schreck fällt mir mein Block fast vom Schoß. Kilian setzt sich wieder neben mich und lässt seinen Rucksack zwischen unseren Beinen auf den Boden rutschen.
„Hi...", erwidere ich zurückhaltend und mustere ihn irritiert. „Ähh... Was wird das?" Kilian verschränkt die Hände hinter seinem Kopf und hebt eine Augenbraue.
„Ich leiste dir Gesellschaft, was sonst?" Ich rolle innerlich mit den Augen. Natürlich, was frag ich auch so blöd.
„Warum gehst du dich nicht zu den anderen hinten ans Sportfeld? Oder zu Paul und Silas hinten unter den Baum? Mit denen kamst du doch im Chemieunterricht gut aus." Kilian streckt seine Beine noch etwas weiter aus und schielt auf meine unvollständige Liste.
„Nein. Danke, aber nein danke. Ich brauche gerade keine Gesellschaft. Ich hab gerne meine Ruhe", erwidere ich. Kilian verzieht den Mund.
„Was machst du da?", wechselt er geschickt das Thema. Er will mich also vorerst wieder mit seiner Anwesenheit beglücken, bis ich zu faul bin, mich dem zu widersetzen.
„Eine Liste. Ich dachte, das ist ziemlich offensichtlich", gebe ich mit einem leicht bissigen Ton zurück. Kilian legt den Kopf interessiert schief und versucht einen erneuten Blick auf meinen Block zu erhaschen, den ich aber schleunigst zuhalte.
„Cool. Ich mag sowas. Listen erstellen, meine ich. Einen Plan zu haben, was man im Leben so vorhat." Er setzt sich nun etwas aufrechter hin und scheint wirklich ehrliches Interesse für meine Liste zu haben. „Für was ist die Liste? Was du bist zum Ende des Sommers erreichen willst?"
Ich schaue auf. Eigentlich keine so schlechte Idee. Ich schaue zurück auf meine bisherigen Punkte. Warum nicht?
„Jap. Zumindest bis zu meinem sechszehnten Geburtstag im September. Bis Ende August schaffe ich die bestimmt nicht mehr alle." Was auch immer ich mir hier gerade selber vorlüge, in meinem Kopf ergibt es durchaus Sinn. Also muss ich es nun irgendwie schaffen, bis zum 23. September nach Frankfurt zu fahren. Auf den ersten Blick vielleicht etwas unwahrscheinlich, da in nächster Zeit keine Ferien mehr anstehen, aber durchaus realistisch und machbar. Kilian macht ein nachdenkliches Gesicht.
„Willst du noch mehr, als nur deine alten Freunde zu besuchen?", fragt er nach einigem Zögern. Ich zucke mit den Schultern.
„Ich denke, ich werde die Liste über die nächsten Tage noch um einige Punkte ergänzen." Ich füge mit einem geübten Schwung eine Überschrift zu meiner Liste hinzu.
Mein Sommer auf dem Land.
Kilian grinst, als er die Überschrift liest und schüttelt leicht den Kopf.
„So aufregend ist es hier nicht, dass man eine Liste anfertigen müsste", lächelt er und ich grinse halbherzig mit.
„Aber so behalte ich den Überblick, was ich zumindest alles gemacht habe, bevor ich vor Langeweile sterbe." Kilian lacht und erhebt sich. Er wirft sich seinen Rucksack über die Schulter und schaut mich erwartungsvoll an.
„Hat du vielleicht Lust mich zu Juli und Freddy in die Cafeteria zu begleiten? Ist vielleicht angenehmer, als hier draußen alleine herum zu sitzen." Ich beiße mir auf die Unterlippe und schaue zu Boden. Auf Juliane habe ich nun wirklich keine Lust, nicht nachdem was meine Laborpartnerin da vorhin abgezogen hat.
„Vielleicht morgen", versuche ich mich raus zu reden. „Ich muss meine Liste noch etwas bearbeiten." Kilian nickt, als würde er verstehen was ich meine, aber ich gehe mehr davon aus, dass er weiß, was ich eigentlich gesagt habe.
„Klar, wir sehen uns dann gleich im Unterricht", verabschiedet er sich und trottet Richtung des kleinen Gebäudes. Ich schaue ihm noch etwas nach und ergänze meine Liste dann um einen weiteren Punkt.
Freunde hier finden.
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Mit Herz und Huf - Gefunden
Teen FictionBrooklyn ist ein Kind der Stadt, das ist sie seit ihres ersten Tages und das wird sie auch immer bleiben. Davon ist sie zumindest immer stark ausgegangen. Doch wie es das Schicksal will, kommt ihrem perfekten Leben ein Umzug dazwischen. Und ausgerec...
