Ich weiß nicht, wie lange ich schon im Kreis durch den Sand laufe, aber es ist genauso langweilig wie es sich anhört. Melody läuft mit hängendem Kopf hinter mir her und Juli steht außen am Zaun, ruft immer mal wieder genervt etwas rein und schüttelt sonst nur pausenlos den Kopf.
Nachdem sie mir das Pony im Stall in die Hand gedrückt hat, hat sie mir nur knapp erklärt, wie man das Tier am sogenannten Führstrick richtig führt. Ich wusste gar nicht, dass man sogar so etwas falsch machen kann. Danach sind wir um das große Stallgebäude drum herum und sind zu einem überdachten Sandplatz gekommen, der lediglich durch einen Metallzaun verhindert, dass Pferde auf nimmer wieder sehen verschwinden. Juli hat mir dann ein Tor geöffnet, mich und Melody herein gelassen, um dann selber draußen stehen zu bleiben. Der graue Hund, der uns aus dem Stall gefolgt ist, hat sich dann irgendwo in wildes Gestrüpp verzogen und ist seitdem nicht mehr aufgetaucht.
Auf meine Frage hin, was ich denn jetzt bitte hier tun soll hat Juli mit den Schultern gezuckt und gemeint, ich solle einige Runden laufen gehen und dafür sorgen, dass Melody mir folgt. Doch irgendwie ist sie nie damit zufrieden gewesen, wie ich das mache, deswegen drehe ich seitdem Runde um Runde auf diesem verkackten Platz, mitsamt Melody im Schlepptau.
„Na Juli, wie läuft's so?" Ich hebe den Kopf, um besser sehen zu können von wem die Stimme kommt. Aaron, der langhaarige Typ von gestern, kommt zu Juli an den Zaun, streckt ihr eine knisternde Tüte hin und beobachtet mit ihr zusammen, wie ich durch die Gegend latsche. Er trägt schon wieder ein ausgewaschenes T-Shirt irgendeiner Band, auf seiner Jeans sind Staubflecken in jeder Form und Größe und seine Haare stehen in alle Richtungen ab, was er notdürftig mit seinen großen Händen zu bekämpfen versucht.
„Naja, siehst du ja...", murmelt Juli so leise, dass ich es fast nicht verstehe. Inzwischen bin ich auch auf der anderen Seite des Platzes angekommen und muss mich bemühen, um noch etwas mitzukriegen.
„Versteht sie's nicht, was du von ihr willst, oder hast du's ihr noch nicht erklärt?" Ich muss mich beherrschen nicht stehen zu bleiben, den Kopf herum zu reißen und dem Bedürfnis nachzugehen, Juli an den Hals zu springen. Was soll das heißen? Ich verstehe ganz genau, was sie mir erklärt hat, aber Juli ist einfach zu gehässig, um irgendwem irgendwas zu gönnen und sucht einen Grund mir mein Nichtkönnen unter die Nase zu reiben, anstatt mir meine Fehler ordentlich wie eine reife Person zu erklären, damit ich sie besser machen kann.
„Ich hatte das schon erahnt, dass es schwierig wird. Aber sie ist noch stumpfer wie Wanda. Sie merkt es einfach nicht." Ich versteife mich in meiner Haltung und beginne schneller zu laufen, vorraufhin der Führstrick beginnt zu spannen und Melody mehr oder minder hinter mir her gezogen wird.
„Dann erklär's ihr doch mal auf eine Art, die sie versteht und nicht auf deine Art, Juli. So wie ich dich kenn, seid ihr beide genauso starrköpfig wie der andere und dann muss einer mal anfangen, 's einzusehen, sonst klappt das alles nicht, verstehst du was ich mein?" Das war wieder Aaron, mit vollem Mund. Zumindest scheint er meinen Standpunkt zu verstehen. „Und unternimm schnell etwas, sonst zeigt Melody dir die nächsten Tage den Mittelhuf, wenn du sie wieder mit der zusammentun willst. Sie weiß ja nicht, was sie alles anrichtet durch ihr Nichtwissen..." Naja, vielleicht doch nicht so ganz. Juli stöhnt auf und ich unterdrücke den Drang, den Strick auf den Boden zu werfen.
„Brooklyn, jetzt konzentriere dich doch mal und tu verdammt noch mal auch das, was ich dir gesagt habe!", meint sie aufgebracht und ich verdrehe die Augen. Ich bleibe stehen, woraufhin Melody beginnt mit ihrer Schulter gegen mich zu drücken, als wolle sie mich zum weiter laufen motivieren.
„Was denn bitte? Ich laufe doch schon seit Stunden im Kreis wie eine Psychopathin! Was soll ich denn bitte noch machen?", fauche ich zurück, worauf hin Juli, die vorhin noch am Zaun gelehnt hat, aufspringt und sich die Haare rauft. Aaron steht sichtlich amüsiert daneben und steckt sich etwas in den Mund, was einem Fruchtgummi ähnlich sieht. Er hat also nicht vor, irgendwie einzugreifen.
„Hörst du eigentlich nie zu, wenn dir jemand was erklärt?!", erwidert sie wütend und ihrem Gesicht nach zu urteilen, würde sie mir nur zu gern irgendetwas zerbrechen, bevorzugt einen meiner Knochen. Dann atmet sie betont langsam ein und aus, bevor sie mich wieder versucht mit ihren Blicken zu erdolchen. „Beim Teufel höchstpersönlich, ich hab dir vorhin doch schon erklärt, dass du dafür sorgen musst, dass Melody dir folgt. Was du machst, ist, sie hinter dir her zu ziehen!" Sie taucht unter dem Metallzaun durch und stapft mit großen Schritten durch den Sand auf mich zu. Melody schaut sie verwundert an und geht sogar neugierig auf sie zu. Dabei drückt mich so zur Seite, als würde ich für sie gar nicht existieren. Du kleine Verräterin.
„Siehst du, die hat keinen Funken Respekt vor dir. Du strahlst aber auch keinen aus. Pferde sind ein Spiegel von dem, was wir nach außen hin zeigen und auch was wir innerlich sind und laut Melody bist du eine absolute Lachnummer, die keiner auch nur irgendwie ernst nimmt." Autsch, das saß. Ich starre sie erst mit offenem Mund fassungslos an, dann merke ich, wie mir die Wut ins Gesicht schießt und bestimmt rote Flecken auf meiner Haut hinterlässt.
„Dann räume doch mal dein beschissen großes Ego zur Seite und erkläre mir, was ich anders machen kann! Wenn du nur vorhast mich die nächsten Wochen anzuschreien, kann ich auch wieder gehen und dich mit deinem Problem alleine lassen. Hoffentlich hat dein Vater die Adresse vom Internat aufgehoben!" Etwas erschrocken bin ich über meine Worte schon, doch Juli hat angefangen und so schaffe ich es endlich den ganzen Frust loszuwerden, der sich die ganzen gelaufenen Runden über angesammelt hat. Ich versuche ihr den Führstrick vor die Füße zu werfen, doch es wirkt etwas ernüchternd, als er sich einfach nur in der Luft ausrollt, zurückschwingt und Richtung Boden an Melodys Kopf hängen bleibt. Nicht mal richtig meine Wut zum Ausdruck bringen kann ich. Und Pferde führen und respekteinflößend wirken ja anscheinend auch nicht.
Jetzt liegt es an Juli fassungslos zu starren. Doch bevor auch sie wieder böse zurückfeuern kann, kommt Aaron mit langen Laufschritten über den Sand geflogen und stellt sich zwischen uns.
„Ruhig, Mädels. Jetzt entspannt euch doch mal!" Er hebt beschwichtigend die Hände, in einer eine angefangene Tüte Fruchtgummifrösche. Das haben die beiden also die ganze Zeit gegessen. Wütend starren Juliane und ich nun ihn an, doch obwohl unsere Blicke ohne Zweifel eine Herde Elefanten unschädlich machen könnten, bleibt er immer noch ruhig und hat immer noch dieses leichte Lächeln im Gesicht. „Geht doch." Zufrieden mit sich selbst, atmet er langsam aus. „Du, Brooklyn, oder wie auch immer du heißen magst, entschuldigst dich bei Juli, und versprichst, ihr jetzt richtig zu zuhören." Sofort will ich in Protest ausbrechen, doch Aaron bringt mich mit einer harten Handbewegung zum Schweigen. „Und du, Juliane, entschuldigst dich auch und erklärst's ihr jetzt so, dass sie's versteht. Ist doch alles kein Grund, den dritten Weltkrieg anzuzetteln." Juli schaut von ihm zurück zu mir und streckt, wenn auch widerwillig, mir ihre Hand entgegen.
„Entschuldigung, ich hätte nicht direkt so rumschreien sollen...", murmelt sie etwas lustlos vor sich hin. Ich hebe die Augenbrauen.
„Irgendwie kaufe ich dir das nicht ab." Juli kneift die Augen zusammen und ich kann ihr ansehen, dass sie nur zu gern etwas entgegen möchte.
„Es tut mir wirklich leid, dass ich dich nur angeschnauzt habe, anstatt es dir zu erklären, okay? Glaubst du mir jetzt?" Ich verdrehe die Augen und schüttle kurz ihre Hand, um sie sofort wieder loszulassen. Wirklich überzeugt war ich zwar nicht, aber das ist jetzt nicht so wichtig.
„Und ich entschuldige mich auch und verspreche von nun an, dir richtig zuzuhören", antworte ich und bemerke Aarons zufriedenen Blick von der Seite. Er streckt Juli die Tüte mit den Fruchtgummifröschen hin und sie nimmt nach einigem Zögern einen. Es sind sogar die mit Mäusespeckbäuchen. Dann streckt Aaron mir die Tüte hin und ich nehme mir nach einem unsicheren Blick einen orangenen heraus.
„Zucker beruhigt den Blutdruck und hilft beim Denken, Mädels. Und nun da wir uns alle wieder lieb haben, wieder frisch ans Werk. Ich muss auch zurück zu den Pensionären, da wartet noch Arbeit auf mich." Er nickt mir kurz zu und wendet sich beim Umdrehen noch einmal an Juli. „Ich lass die Tüte da, wo sie immer liegt, okay Juli? Die kannst du dir dann später holen." Die beiden lächeln sich flüchtig auf eine undefinierbare Weise an und dann verkrümelt sich Aaron wieder so plötzlich wie er immer auftaucht. Dieser Typ ist mir ein echtes Mysterium.
Juli schaut wieder zu mir und angelt dann seufzend nach Melodys Strick.
„Ich könnte eine zweistündige PowerPoint- Präsentation darüber machen, was du alles falsch gemacht hast, aber ich halte mich kurz." Sie nimmt den Strick wieder auf und nimmt ihn in beide Hände. Und sofort ändert sich ihr Gesichtsausdruck und ihre Haltung. Ihre Züge werden ganz weich und ihre Hände arbeiten sanft, aber bestimmt, wie vorhin beim Putzen. Es ist für mich kaum zu begreifen, was für eine Wirkung diese Tiere auf Juli zu haben scheinen. „Zuerst musst du beide Hände nutzen, dass hast du vorhin auch irgendwie schon gemacht, aber da fehlt noch ein bisschen. Wie ich ja vorhin schon gesagt habe, du gehst links vom Pferd, also packst du mit deiner rechten Hand den Strick etwas näher am Haken, etwa hier. Mit der linken Hand hältst du einfach nur den restlichen Strick fest, damit du nicht selber drauftrittst. Und um Himmels Willen, wickle ihn dir bitte niemals um die Hand, wie du das gerade eben gemacht hast, verstanden? Bei Melody kann da eigentlich nicht passieren, aber wenn du mal ein anderes Pferd hast und das erschreckt sich, dann zieht sich das Seil fest und du hast eine Hand weniger, okay?" Ich starre sie an, um sicher zu gehen, ob sie nicht vielleicht Witze macht, aber sie scheint es todernst zu meinen.
„Sag mal, wie viele Menschen gehen eigentlich jährlich beim Reiten drauf, wenn du schon so anfängst?" Juli schaut mich kurz an und zuckt dann mit den Schultern.
„Keine Ahnung, ich beschäftige mich mit sowas eigentlich nicht. Wir haben hier alle paar Monate mal kleinere Verletzungen, Knochenbrüche hatten wir auch schon lange nicht mehr..." Das macht ja Mut, denke ich zähneknirschend und plötzlich sehe das niedliche Pony Melody mit seinen großen schwarzen Kulleraugen in einem ganz anderen Licht. „Du kannst froh sein, wir mussten zumindest noch keinem die Hand wieder annähen. Und ich hoffe auch das bleibt so", fährt Juli fort, als sie meinen Gesichtsausdruck sieht. „Du nimmst den Strick einfach doppelt oder mehrfach und dann funktioniert das auch, ohne sich Extremitäten abschnüren." Sie klopft Melody kurz über den Hals, dreht sich dann um und beginnt loszulaufen. Mit einem leichten Zug mit der rechten Hand schafft sie es auch Melody in Bewegung zu setzen.
„Sobald sie läuft, passt du dich ein wenig ihrem Tempo an und bleibst ungefähr auf Schulterhöhe mit ihr. So hast du sie gut unter Kontrolle und außerdem im Blick. Du bestimmst den Weg, aber eigentlich merkt Melody fast schon an deiner Körpersprache, wo du hinwillst und wenn du jetzt mal schaust..." Juli löst den Griff unterm Halfter und der Strick hängt durch. Anders als bei mir vorhin. „Sie folgt mir jetzt und vertraut mir. Und wenn du anhalten willst, richtest du dich einfach etwas weiter auf, wirst langsamer und bleibst stehen. Dabei sagst du laut und deutlich: ‚Steh!'. Und das H ruhig schön langziehen, das macht der nichts", erklärt sie und führt ihre Erklärung im selben Moment aus und zieht das H solang, das ich kurz Zweifel habe, ob sie noch aufhört. Dann winkt sie mich zu sich. „Jetzt bist du dran." Ich schlucke und gehe zu Juli, um ihr den Führstrick und Melody abzunehmen. Ich versuche die richtige Position für meine Hände zu finden und nach einem unsicheren Blick zurück zu Juli setze ich mich auch schon in Bewegung. Wie Juliane ziehe ich kurz mit meiner rechten Hand am Strick und dann setzt sich Melody in Bewegung. Ich gehe weiter, passe mein Tempo kurz an und dann taucht ihr großer Kopf neben mir auf.
So wie in der Gewitternacht bei Flashlight.
Nur der Kopf neben mir nun wesentlich niedriger ist.
„Siehst du, ist gar nicht mal so übel. Ändere ruhig auch mal die Richtung, geh man diagonal über den Platz und sowas. Wenn du dich aber zum Beispiel umdrehen willst, achtest du bitte darauf, dass du außen bleibst und das Pferd den Kreis quasi innen entlang geht." Ich nicke und beschließe den es direkt mal mit einem Kreis auszuprobieren. Ich muss Melody zwar mit manchmal kurzem Ziehen daran erinnern, dass ich immer noch einen Kreis laufen will und sie nicht einfach mit einem großen Schritt geradeaus weiter laufen kann, schließlich will ich nicht überrannt werden. Und tatsächlich funktioniert es besser, als ich erwartet hätte. Manchmal will sie die Richtung ändern oder stehen bleiben, aber sonst scheint es jetzt echt besser zu funktionieren.
„Das sah sogar ganz gut aus, Brook. Lauf noch ein drei ganze Runden, dann wollen wir sie auch wieder erlösen. Schließlich bist du vorhin schon mehr als genug gelaufen." Ich höre Juli lachen und verdrehe grinsend die Augen. ‚Mehr als genug' ist schon mehr als untertrieben und das weiß sie genau.
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Mit Herz und Huf - Gefunden
Teen FictionBrooklyn ist ein Kind der Stadt, das ist sie seit ihres ersten Tages und das wird sie auch immer bleiben. Davon ist sie zumindest immer stark ausgegangen. Doch wie es das Schicksal will, kommt ihrem perfekten Leben ein Umzug dazwischen. Und ausgerec...
