39. Diebstahl

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Als ich einige Stunden später im Eingang zu unserem Klassenraum stehe, kann ich das nagende Gefühl in meinem Magen immer noch spüren. Die anderen sitzen auf den Tischen und Stühlen, laufen durch die Gegend und unterhalten sich, als wäre es ein ganz normaler Tag.
Leider konnte ich meine Eltern trotz meines mehr als miserablen Aussehens nicht davon überzeugen, mich für heute zuhause zu behalten.
„Wir wissen zwar nicht, was gestern vorgefallen ist, aber es wird nicht besser, wenn du dich in deinem Zimmer verkriechst", hatte Papa gemeint und mir sogar Milch in meine Tasse geschüttet. An einem anderen Tag hätte ich ihm bestimmt zugestimmt und ihn für seine Lebensweisheiten bewundert, aber heute Morgen war ich zu nichts mehr in der Lage, als auf meinen Teller zu starren und mich geschlagen zu geben.
Juli und Kilian sind bereits da. Kilian steht mit den anderen Jungs am anderen Ende des Raums zusammen. Er starrt dabei an Max vorbei aus dem Fenster und scheint keinen Kopf für die eigentliche Unterhaltung zu haben. Juli sitzt auf ihrem Platz und sieht aus wie der lebendige Tod. Während ich mir dann wenigstens noch die Mühe gemacht habe, meine gigantischen Augenringe (ausgelöst durch bleierne Müdigkeit und stundenlanges Geheule) wenigstens etwas zu überschminken, hat Juli sich heute Morgen wahrscheinlich nur nach langem und gutem Zureden von Kilian überhaupt die Zähne geputzt und die Haare gekämmt.
Sie starrt vor sich auf die Tischplatte und beteiligt sich an keinem der laufenden Gespräche um sich herum. Doch von den anderen scheint auch keiner einen Versuch zu unternehmen, sie aktiv anzusprechen. Aus dem Augenwinkel bekomme ich mit, wie Cora und Amelie ihr einen verstohlenen Blick zuwerfen.
Ich hole tief Luft und bereite mich darauf vor, die nächsten sieben Stunden neben Juli, oder besser gesagt, neben dem, was von Juli noch übrig ist, zu verbringen, doch da hat Kilian mich entdeckt. Er kommt sofort auf mich zu. Na toll...
„Brooklyn." Er deutet hinter mir in den Flur und ich nicke. Wir verlassen den Klassenraum wieder und suchen uns einen ruhigen Ort im Schulflur. Dort lehnen wir uns gegen die raue Wand und ich beginne an dem Tragegurt meiner Tasche zu spielen.
„Wie geht's dir?" Kilian verschränkt die Arme und irgendwie sieht auch er etwas fertig aus. Ich will gar nicht wissen, wie lange er gestern noch versucht hat, Juli zu beruhigen und die Wogen zwischen ihr und ihrem Vater zu glätten.
Ich zucke mit den Schultern. „Weiß nicht. Müde?" Ich formuliere es mehr wie eine Frage. Denn ich habe keine wirkliche Ahnung, wie ich mich eigentlich fühle. Die Schuldgefühle und die Trauer sind weg, denn ich habe Flashlight ja vor seinem Schicksal und vor allem vor Falk versteckt. Doch wirklich gut geht es mir auch nicht. Ich mache mir Sorgen, wie es Flashlight gerade geht und ob meine dumme Aktion ihn überhaupt wirklich retten kann. Müde ist das einzige Gefühl, was ich derzeit benennen kann. Und müde kauft Kilian mir bei meinem Aussehen immerhin ab.
„Mhh..." Kilian weiß anscheinend auch nicht, was er sagen will. Doch in seinen Augen sehe ich, dass er mit irgendwem über gestern reden muss. Und Juli wird es bestimmt nicht.
„Und Juli?", frage ich zurück. Ihr Anblick hat mich zwar nicht verwundert, dennoch etwas schockiert.
Kilian schüttelt leicht den Kopf und schaut an mir vorbei in den Gang. Andere Schüler der Oberstufe laufen an uns vorbei und lachen über irgendwas. Ich schaue ihnen nach. Es wirkt so falsch, dass es allen anderen Menschen hier gut geht, während mir und Juli eher nach Heulen zumute ist.
„Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen." Ich schaue wieder zu Kilian. „Sie redet mit keinem. Sie hat auch nichts mehr gegessen." Kilian wirkt ernsthaft besorgt über diese Tatsache. Ich dagegen kann mich auch nicht daran erinnern, wirklich gefrühstückt zu haben. Um meinen Vater zu beruhigen, habe ich dann wenigstens ein halbes Toast runtergezwungen und dann versichert, etwas in der Schule zu essen.
„Ich hoffe einfach, dass es ab nächster Woche besser wird. Wenn nicht, muss Vater sich was überlegen..." Kilian lehnt seinen Kopf gegen die Wand und mustert mich nachdenklich. Ich erwidere seinen Blick, obwohl ich mich dabei etwas unwohl fühle. Mein Griff um meinen Tragegurt wird fester. „Es ist nicht eure Schuld gewesen."
Ich seufze und schaue zu Boden. Ich weiß, dass Kilian mir nur mein schlechtes Gewissen nehmen will und versucht, mir die Sache leichter zu machen. Aber er lügt. Und das weiß Kilian auch. Doch bevor ich etwas erwidern kann, redet er weiter.
„Es ist nicht eure Schuld. Nicht Julis und schon gar nicht deine. Es hätte auch jederzeit abends beim Reinholen passieren können. Es war nur eine Frage der Zeit und Vater wusste das. Juli auch. Es ist nur blöd gelaufen."
Ich kann ihn nicht anschauen und merke, wie ich wieder gegen meine Tränen ankämpfen muss. Doch ich würde mir nicht die Blöße geben vor Kilian zu weinen, geschweige denn in der Schule. Aber Kilians Worte tun weh und sind falsch. Flashlight ist kein aggressives Tier. Er würde niemals jemanden absichtlich verletzen. Und das ist es, was Juli weiß. Gestern war vielleicht ein blöder Zufall, aber kein Grund Flashlight für etwas zu bestrafen, für das er nichts kann.
Am liebsten würde ich Kilian jetzt alles erzählen. Dass ich Flashlight in Sicherheit gebracht habe, dass es keinen Grund gibt, sich noch Sorgen um ihn zu machen. Und außerdem würde ich es Juli gerne erzählen. Denn ihr schlechtes Gewissen hat sie bereits fertig gemacht. Sie weiter unnötig leiden zu lassen, wäre nur unfair. Doch wenn ich es erzähle, gehe ich das Risiko ein, dass Kilian es Falk erzählt. Und Juli kann ich nicht noch weiter mit reinziehen.
Es klingelt zum Unterricht. Die Stille zwischen mir und Kilian hat sich gefährlich weit ausgedehnt und er wirkt froh, dass er jetzt zurück in die Klasse kann. Im Vorbeigehen legt er mir seine Hand auf den Arm und zwingt mich so, ihn anzusehen. Diese tröstliche Geste wirkt verzweifelt.
„Ich weiß, dass Juli heute eigentlich keinen mehr sehen will, aber es wäre trotzdem schön, wenn du vielleicht vorbeikommst. Nach vier Uhr sollte alles durch sein. Natürlich nur, wenn du überhaupt kommen willst." Ich beiße mir auf die Unterlippe. In Kilians Augen liegt ein Mitgefühl, was ich so noch nie bei anderen Personen gesehen habe. Ich wende meinen Blick ab und nicke. Dann lässt Kilian mich im Flur stehen.
Ich folge ihm erst, nachdem ich mich wieder im Griff habe und Herr Brandt die Treppe hochkommt.

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⏰ Letzte Aktualisierung: Jul 03, 2021 ⏰

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