29. Kleine Schritte

70 8 5
                                        

Das Wetter hat sich in Hinsicht zu gestern nicht wirklich gebessert. Die Hitze war immer noch drückend und das ist im Obergeschoss der Schule kein Segen. Zum Glück konnten wir uns für die späteren Stunden einen der unteren Räume nehmen.
Ich schaue nach oben. Der Himmel ist blau, aber trotzdem scheint etwas die Farbe zu trüben. Leider entdecke ich aber keine Wolke, die der Sonne Einhalt gebieten könnte.
Ich trete kräftiger in die Pedale und kann bereits die Weiden neben der Auffahrt sehen, sowie die beiden massiven Steinsäulen mit den großen Pferdestatuen oben drauf. Ihre Köpfe schimmern rötlich im Sonnenlicht.
Ich fahre an der ersten leeren Wiese vorbei und biege auf die Auffahrt. Ich rolle einige Meter auf den Vorplatz des Reiterhofes und steige von meinem Fahrrad ab, bevor es wirklich zum Stehen gekommen ist. Scheriff kommt hinter dem Wohnhaus hervor, bellt mich einmal an und wendet sich dann wieder ab, um zurück in den kühleren Schatten zu verschwinden. Ich grinse. Inzwischen scheint er mich akzeptiert zu haben.
„Brook!" Juli kommt mit einer vollbeladenen Schubkarre aus dem Stall, als ich mein Fahrrad auf das Gebäude zuschiebe. Schnaufend setzt sie Karre ab und winkt mir zu.
„Hi, Juli." Ich nehme mir die Zeit, mein Rad an die Stallmauer zu lehnen und komme zu ihr. Die Schubkarre ist voll mit schmutzigen Stroh und Pferdeäpfeln. „Wie ich sehe schon hart am Arbeiten."
„Ich wollte wenigstens ein paar meiner Aufgaben schaffen, bevor du auftauchst. Wenn du mir natürlich helfen willst, wäre das super!" Sie grinst schelmisch und schiebt die Schubkarre weiter an mir vorbei. „Kannst deine Sachen schon mal in den Schrank sperren. Heute aber keinen Reithelm, okay?" Ich nicke, obwohl sie das nicht mehr sieht und betrete den Stall. Die Boxen sind alle geöffnet und die meisten scheinen schon von Juli sauber gemacht worden zu sein. Weiter hinten vor einer der Boxen steht eine weitere Schubkarre, in die im hohen Bogen eine neue Ladung Mist fliegt. Ein Mädchen taucht aus dieser Box auf, schenkt mir ein kurzes Lächeln und widmet sich dann wieder ihrer Box.
Ich öffne Melodys Schrank und stopfe meine Tasche in eines der Fächer. Der Sattel und die Trense fehlen. Anscheinend ist Melody schon mit einem anderen Reitschüler unterwegs. Ich schlüpfe aus meinen Turnschuhen und ziehe die Stiefel an, mehr aus Gewohnheit als alles andere. Bevor ich den Stall verlasse, wandert mein Handy aus meiner Hosentasche in eines der Innenfächer meiner Umhängetasche. Sicher ist sicher.
„Bist du soweit?" Juli ist im Tor aufgetaucht und schiebt ihre Schubkarre in eine Ecke. Ich verschließe Melodys Schrank und nicke.
„Ich bin eben weg, Lou! Schaffst du die anderen auch alleine?", ruft Juli in den Stall hinein und einige Schwalben beginnen aufgeregt zu tschilpen. Das Mädchen aus der hinteren Box taucht wieder auf und lacht.
„Alleine? Weißt du eigentlich, dass die Schulpferde und drüben die Pensionäre auch noch alle gemacht werden müssen? Meinst du, ich mache das alles alleine? Besser schickst du mir mal deinen allerliebsten Bruder vorbei, der ist heute auch noch dran!" Sie wirft ihre Mistgabel in die Schubkarre und schiebt sie auf uns zu. Ihre Stimme klingt tief und kratzig und irgendwie schleicht sich das Bild einer Käsereibe in meinen Kopf.
„Ich kann es probieren, aber er ist noch unterwegs, soweit ich weiß." Das Mädchen ist bei uns angekommen und sieht irgendwie älter aus als aus der Entfernung. Unter ihrer dunkelpinken Tönung sieht man ihre eigentliche Haarfarbe durchschimmern und ihre eckige Brille sitzt ihr schief auf der Nase. Lou, wie Juli sie eben gerufen hat, pustet sich eine Haarsträhne aus der Stirn, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hat und schüttelt den Kopf.
„Das ist keine Entschuldigung. Entweder schickst du mir Kilian vorbei oder du organisierst mir wen aus dem Pensionsstall. Aaron und Adam haben bestimmt unglaublich viel Spaß zu zweit." Sie lacht gackernd und Juli grinst. „Wie auch immer, viel Spaß euch beiden." Sie streckt uns die Zunge raus und läuft mit ihrer Ladung Stroh aus dem Stall heraus.
„Wer war das?", frage ich, nachdem ich mir sicher bin, dass diese Lou aus unserer Hörweite ist. Juli grinst und wir beide verlassen ebenfalls das Stallgebäude.
„Das ist Louisa, sie arbeitet hier als Pflegerin. Danach will sie vielleicht eine Ausbildung zur Pferdewirtin machen. Aber eventuell bleibt sie auch einfach hier, sie weiß es noch nicht so genau." Juli schaut Louisa nach und deutet dann auf den linken Flügels des Stallgebäudes. „Da parkt sie immer ihr Motorrad mit Beiwagen drin, das wirst du auch irgendwann noch mal sehen. Das ist echt der Hammer!"
„Oh, okay", murmle ich, aber dem schenkt Juli schon keine weitere Beachtung mehr.
„Sieh mal einer an! Lady, Pearl, was macht ihr denn hier?" Mit verzerrter Kinderstimme läuft Juliane auf ein großes schlankes Pferd zu, an dessen Führstrick ein Mann mit bereits lichter werdenden grauen Haaren hängt. Die beiden sind gerade hinter dem linken Gebäudeflügel aufgetaucht und man sieht das schwarze gepflegte Fell des Pferdes in der Sonne glänzen, genauso wie den Schweiß auf der Stirn des Mannes. Und neben den langen Beinen des schwarzen Pferdes steht ein kleines orangenes Fohlen mit einem dicken weißen Streifen im Gesicht.
Der Mann lächelt stolz, als Juli dem Pferd über die Nase streichelt und dann dem Fohlen über den Hals fährt, woraufhin es sich gegen ihre Beine wirft.
„Wow, Lady, du hast ordentlich an Kraft gewonnen, was?" Sie kichert und krault dem Fohlen durch die kurze Mähne.
„Jaja, sie ist schon viel kräftiger wie noch vor einigen Tagen. Das macht das viele Laufen", sagt der Mann grinsend und beobachtet belustigt, wie Juli mit dem Pferdchen zu rangeln scheint. Irgendwoher kenne ich ihn.
Vorsichtig nähere ich mich dem Mann und den beiden Pferden. Das schwarze Tier bemerkt mich als erstes und streckt mir zur Begrüßung seine dunkle Nase entgegen. Unsicher lege ich meine Hand darauf. Sie ist ganz warm und weich. Naja, nicht ganz so weich wie Flashlights. Ein kurzes Lächeln huscht mir übers Gesicht, als ich mit meiner Hand über die breite Stirn des Pferdes und den kleinen weißen Fleck in dessen Mitte streiche.
„Ah, du musst Brooklyn sein." Der Mann lächelt mich an und ich merke, wie eine angenehme Ruhe von ihm ausgeht.
„Ja, bin ich." Wir reichen uns kurz die Hand. Der Mann lächelt immer noch.
„Ich will mich nochmals herzlich bedanken, dass du uns in der Gewitternacht Flashlight wiedergebracht hast. Wir hätten ihn womöglich nie gefunden, jaja..." Plötzlich weiß ich, wer der Mann ist. Es ist Bernhard Wilke, der mir Flashlight abgenommen hat, nachdem ich völlig durchnässt auf dem Hof aufgetaucht bin. Er scheint hier also auch zu arbeiten.
„Ich bin ja auch nur froh gewesen, dass es ihm gut ging", erwidere ich und zucke mit den Schultern.
„Neinnein, du hast ein gutes Gespür für Pferde, das merke ich. Bist du früher auch geritten, da wo du herkommst?" Bernhard legt den Kopf leicht schief und ich merke, wie Juli ungläubig in ihrer Bewegung inne hält, sich von dem Fohlen aus dem Gleichgewicht bringen lässt und fast hinfällt. Ich schüttle nach einem kurzen unsicheren Zögern den Kopf.
„Nein, eigentlich war das nicht... naja, Juli bringt es mir jetzt erst bei." Das schwarze Pferd zieht seinen großen Kopf unter meiner Hand weg, um sich nach dem Fohlen umzusehen, was immer noch voller Energie um Juli herumhüpft und versucht, sie umzuwerfen.
„Wo wollt ihr hin?", fragt Juli, die derweil versucht, eben nicht vom orangenen Minipferd in den Kies geschubst zu werden.
„Einen kleinen Ausflug in die Halle, damit sich Lady auspowern kann. Es ist draußen auf der Wiese einfach zu warm für die Kleine. Aber sie hat den Bewegungsdrang ihrer Mutter geerbt, jaja..." Bernhard legt dem Pferd seine Hand auf den Hals. „Sie wird sicher später genauso ein hervorragendes Pferd wie Black Pearl."
„Black Pearl also, hm?", flüstere ich dem Pferd zu, als es mir wieder den Kopf zudreht. Zustimmend schnaubt es mich an.
„Lady, jetzt ist auch mal gut!" Juli kichert und drückt das Fohlen von sich weg. Sie klopft sich den Staub von der Hose und wuschelt dem Tier ein letztes Mal durch die kurze rote Mähne.
„Dann macht nicht zu lange, Bernhard." Sie nickt zum Abschied und setzt ihren Weg fort. Ich nehme meine Hand von Pearls Nase und folge Juliane. Das Fohlen dackelt uns noch kurz hinterher, rennt dann aber schnell wieder zurück zu seiner Mutter und Bernhard.
„War das süß", murmle ich und grinse verzückt, als ich Bernhard hinterher schaue, wie er das schwarze Pferd mit dem Fohlen im Schlepptau zum Pensionsstall führt.
„Ja, Lady ist echt ein Schnuckelchen. Sie ist jetzt um die fünf Wochen alt und ein absoluter Schatz. Auch wenn sie langsam ziemlich rabiat wird." Ihre Augen leuchten, als sie sich ebenfalls noch einmal nach dem Fohlen umdreht.
„Fünf Wochen, wow. Ich hätte es jetzt älter geschätzt." Ich sehe Juli aus dem Augenwinkel verträumt grinsen. „Warst du dabei? Also bei der Geburt?", frage ich neugierig und Juliane lacht.
„Ja, ich habe die Nachtwache gehalten, als es losging." Sie scheint sich sehr darüber zu freuen. „Bei ihr ging es überraschend problemlos, bei Triumph war damals mehr Theater."
Wir nähern uns dem Holzzaun auf dem Hinterhof und Flashlight steht wie die letzten Male in einer Ecke in seinem abgesteckten Bereich. Es versetzt mir einen Stich, ihn so zu sehen.
Juli geht zum Holzzaun und nimmt ein abgewetztes beiges Halfter mit grauem Führstrick von einem der Pfosten. Sie reicht es mir und deutet auf Flashlight.
„Hol ihn runter, heute wollen wir in die Halle." Sie lehnt sich gegen die oberen Balken und beobachtet mich. Sie scheint mir meine Unsicherheit anzusehen. „Wenn was passiert, sag ich dir Bescheid, keine Sorge. Ich lasse ihn nicht aus den Augen." Sie nickt mir auf eine Art zu, die bestimmt aufmunternd aussehen soll. Entschlossen packe ich den Strick fester.
Etwas umständlich klettere ich zwischen den mittleren Balken durch, während Juli am Zaun wartet und das Pferd aufmerksam beobachtet.
„Hey, Großer." Flashlight hebt den Kopf. Seine Nüstern blähen sich auf, aber er weicht nicht zurück, als ich vorsichtig einen Schritt auf ihn zu mache. „Wollen wir heute wieder etwas arbeiten, wie wär's?" Juli hat mir schon vor meinem ersten Ritt auf Melody genau erklärt, wie man einem Pferd das Halfter anlegt, aber bei dem Gedanken, das bei Flashlight zu versuchen, fangen meine Handflächen an zu schwitzen. Wie hat Juli gesagt? Groß, wild, unkontrollierbar? Eben genau das Gegenteil der putzigen kleinen Melody.
Ich nähere mich ihm, doch als ich keine zwei Meter mehr von ihm entfernt bin, reißt er den Kopf hoch, wendet sich ab und trabt in die entgegengesetzte Ecke seiner Wiese. Dort bleibt er stehen und schaut unsicher zurück zu mir.
„Zeig ihm das Halfter und lass ihn mal dran schnuppern. Er versteht nicht ganz, was du von ihm willst. Das macht ihm Angst." Juli macht einige Schritte vom Zaun weg und schaut zwischen mir und Flashlight hin und her. „Versuch es nochmal."
Ich komme wieder auf ihn zu, langsamer wie vorher und strecke ihm das Halfter in meiner halb geöffneten Hand entgegen.
„Hier, das kennst du doch bestimmt. Das benutzt Juli sonst auch immer, um dich abzuholen." Ich weiß, dass sie es zumindest oft benutzt hat, wenn sie ihn von der Wiese hinten bei mir abgeholt hat. Aber so aus der Nähe sieht es sehr lieblos aus.
Flashlight reagiert nicht und ich nehme das Halfter wieder runter. Dabei gehe ich vorsichtig weiter auf ihn zu.
„Geh etwas seitlich auf ihn zu, dass er zur Not ausweichen kann", murmelt Juli von der anderen Seite des Zauns, gerade so laut, dass ich sie hören kann. Ich nehme ihren Rat an und versuche nicht frontal auf ihn zuzulaufen. Flashlight mustert mich von der Seite, um mich im Auge zu behalten. Auch ich lasse ihn nicht aus den Augen, während ich immer näher komme.
Als erneut den Kopf hochnimmt, bleibe ich stehen, versuche ihm nicht in die blauen Augen zu schauen und halte wieder das Halfter hin.
„Bitte, Großer. Du kennst das doch." Ich flüstere nur noch. Seine Ohren zucken, dann senkt er den Kopf wieder etwas. Unsicher setzt er einen Huf nach vorne und streckt langsam seinen langen Hals in meine Richtung. Flashlights Nase schwebt über den Halfter, als er vorsichtig daran schnuppert und ich spüre seinen warmen Atem auf meiner Handinnenfläche.
Er nimmt den Kopf wieder zurück und schaut argwöhnisch von mir zum Halfter und wieder zurück, als suche er nach etwas, was ihm gefährlich werden könnte.
„Alles gut, siehst du?" Ich mache einen Schritt auf ihn zu und dann noch einen. Ich strecke eine Hand aus und lege meine Fingerspitzen sanft auf Flashlights Nase, als er nicht zurückweicht.
Kaum habe ich ihn berührt, nehme ich meine Hand wieder zurück, stelle mich neben seinen Hals und streife ihm langsam das Halfter über die Nase, die Stirn und schließlich über seine langen Ohren.
Keine halbe Minute später habe ich es ihm aufgezogen und stehe mit dem Strick in der Hand zufrieden auf der Wiese.
Juli ist vom Zaun verschwunden und ist auf dem Weg, das Tor der großen Weide und dann eine Ecke unseres kleinen abgesteckten Bereichs zu öffnen.
„Bereit?", ruft Juli aus der Entfernung, als sie durch das metallene Tor geht und ich recke den Daumen in die Luft. Sie lehnt das Tor hinter sich an und kommt in großen Schritten auf uns zu.
„Hat besser geklappt als ich dachte", meint sie, als sie sich zu einer kleinen Kiste runterkniet und an einem Regler spielt. Es knackt einmal laut, dann hört das beständige Summen, was sonst von dem weißen Band ausgeht, plötzlich auf.
„'Besser als ich dachte'? Was soll das denn heißen?", ich führe Flashlight auf den weißen Stromzaun zu, doch er beäugt das Ding misstrauisch. Anscheinend hat er schon Bekanntschaft damit gemacht.
„Naja, ich hätte eher erwartet, dass er versucht vor dir wegzulaufen oder – im schlimmsten Fall – dich angreift, weil du ihn zu sehr bedrängt hast." Sie richtet sich wieder auf und zieht einen der Plastikstäbe aus der Erde, die den weißen Zaun halten.
„Du sagst mir jetzt erst, dass er mich womöglich angegriffen hätte, wenn ich was falsch gemacht hätte?" Ich starre sie ungläubig an. „Ist das dein Ernst?! Hättest du mir das nicht vorher mitteilen können? Bevor ich mit Flashlight auf einer Fläche in der Größe eines Abstellraums herumspringe?" Juliane verdreht die Augen.
„Ist doch nichts passiert, oder? Und jetzt mal ernsthaft, wärst du zu ihm gegangen, wenn ich dir gesagt hätte, dass er dich möglicherweise dem Erdboden gleichmacht? Außerdem hat es doch die letzten Male mit euch beiden auch immer super funktioniert." Sie wickelt den weißen Zaun ein und legt den weißen Plastikstab neben die komische Kiste auf die Erde. Ich denke über ihre Worte nach. Unrecht hat sie nicht. Ich bezweifle, dass ich so zuversichtlich durch den Zaun geklettert wäre mit dem Wissen, dass ein kleiner Fehler mich womöglich das Leben oder zumindest einen gebrochenen Arm kostet. Ich schäme mich ein bisschen für die Angst, die ihre Aussage mir gemacht hat. Ich weiß ja, dass er schwierig ist. Aber mich verletzten? Würde er das? Doch Juli scheint ein unglaubliches Vertrauen in mich zu haben. Und die anderen Begegnungen mit Flashlight verliefen ja immer durchaus positiv.
„Aber eine Warnung wäre wenigstens schön gewesen", entgegne ich, als ich Flashlight von der Wiese führe und Juli folge, die das breite Metalltor öffnet und beginnt, den Horizont abzusuchen.
„Jetzt weißt du es ja", sagt sie seufzend, als ich an ihr vorbei durch das Tor gehe. „Geh einfach auf den Platz, ich hab das Tor da schon aufgemacht. Aber Flashlight erst abmachen, wenn ich wieder da bin, okay?" Ich nicke und gehe auf überdachten Platz zu.
Das Tor steht offen und ich führe Flashlight in die Mitte des Sandplatzes. Beunruhigt reißt er immer wieder den Kopf nach oben, aber ich denke nicht daran, den Strick loszulassen. Wir bleiben stehen und er starrt nervös um sich.
„Alles ist gut, Großer. Wir üben heute nur wieder ein bisschen." Flashlight scharrt unruhig mit dem Vorderhuf im Sand und hat die Ohren verdreht. Für ihn ist das hier mehr als angsteinflößend.
„Flashlight, wirklich, es gibt keinen Grund sich aufzuregen." Er schaut zu mir herunter, aber sein Blick sagt mir, dass meine Worte gerade nichts erreichen. Vorsichtig versuche ich ihm meine Hand auf die Nase zu legen, doch er wirft den Kopf zurück und entzieht ihn somit meiner Reichweite.
„Okay, dann eben nicht", schnaufe ich und beobachte lieber als Tor. Dieses Pferd ist gerade für kein warmes Wort empfänglich.
Als Juli endlich auftaucht, reißt Flashlight den Kopf herum und bläht seine Nüstern auf. Juliane verschließt das Tor quietschend hinter sich und winkt mir zu.
„Mach den Strick ab!" Mit leicht zitternden Händen löse ich den Strick. Kaum habe ich den Haken vom Metallring am Halfter gelöst, prescht Flashlight auch schon von mir weg und galoppiert über den Platz, als wäre der Teufel hinter ihm her.
„Lass ihn erst mal auslaufen und sich umschauen. Hier war er schon lange nicht mehr. Er erinnert sich wahrscheinlich nicht mal mehr daran, dass er jemals hier war." Juli ist neben mir aufgetaucht und beobachtet zusammen mit mir, wie Flashlight panisch Sand hinter sich aufwirbelt. „Bald hat der sich wieder im Griff." Sie lässt das Pferd nicht aus den Augen, immer auf der Hut, falls er die Richtung ändern sollte.
„Meinst du nicht, das setzt ihn zu sehr unter Stress?" Ich werfe Juli einen unsicheren Seitenblick zu und wickle den Strick um meine Hände.
„Natürlich setzt ihn das unter Stress, hier riecht es überall nach fremden Pferden. Aber wir brauchen mehr Platz wie das bisschen Round-Pen dahinten. Außerdem benutzt das heute schon wer", erwidert sie und schaut zu mir. „Aber er wird das schaffen. Kein Körper kann ewig lange ein Stresslevel so hoch halten, wie er das gerade hat." Sie zuckt mit den Schultern, als wäre es nichts und schaut wieder zu Flashlight.
Auch ich beginne ihn zu beobachten. Er stürmt von einer Ecke in die andere, reißt den Kopf so hoch es ihm möglich ist und rennt dann in die entgegengesetzte Richtung weg. Aber er wird zusehend langsamer.
„Siehst du, er schwächelt bereits." Juliane grinst zufrieden, glücklich darüber, dass sie mal wieder Recht hatte. Flashlight bleibt plötzlich schweratmend in einer Ecke stehen und senkt seinen Kopf, um am Untergrund zu schnuppern. Dann hebt er den Kopf wieder und geht in eine andere Ecke, um dort dasselbe zu tun.
„Wenn er gleich fertig ist, wird er im besten Falle versuchen, zu uns, beziehungsweise zu dir zu kommen. Dann schickst du ihn wieder weg." Sie klopft mir auf die Schulter und verzieht sich an den Rand des Platzes. Mit einem Satz sitzt sie oben auf der Holzwand und mustert mich. „Dasselbe Spiel wie letztes Mal. Du weißt doch noch wie das geht, oder?" Ich nicke und verdrehe die Augen, als ich mich Flashlight widme. Juli kann einem echt auf den Geist gehen.
Tatsächlich kommt Flashlight bald auf mich zu, doch ich hebe meine Arme und scheuche ihn weg. Sofort tritt er die Flucht in eine der hinteren Ecken an und ich hinterher. Ja, mehr Platz ist hier schon, aber auch mehr Strecke, die man laufen muss.
Flashlight läuft tapfer vor mir weg und ich tapfer und schwitzend hinterher. Doch irgendwann beginnt er engere Kreise um mich zu ziehen und endlich dreht sich sein Ohr zu mir. Viel schneller wie letztes Mal.
Auch ohne, dass Juli mich dazu auffordern muss, höre ich auf, Flashlight von mir weg zu jagen, bleibe ruhig stehen und lasse ihn auslaufen. Als er anhält, drehe ich mich von ihm weg und warte. Lange passiert nichts, doch dann höre ich seinen Atem und seine Schritte auf dem Sand. Dann streckt er seinen Kopf über meine Schulter und schnaubt leise.
„Gut gemacht, Großer. Du wirst besser, hast du das gemerkt?" Ich grinse und fahre ihm kurz mit meinen Fingerspitzen über seine rosafarbene Nase. Er drückt seine Nase kurz gegen meinen Oberkörper, als würde er mich ebenfalls für meine Leistung beglückwünschen.
„Jetzt wieder laufen und warten wie letztes Mal, aber kannst ruhig mehrere Strecken gehen. Wir haben den Platz." Juli malt mit ihrem Finger komische Bahnen auf den Platz. Ich nicke und gehe einige Schritte. Sofort kommt Flashlight hinter mir her. Ich bleibe nach einigen Metern wieder stehen und belohne ihn erneut mit einer flüchtigen Berührung an der Nase. Ich laufe noch weitere Zickzacklinien auf dem Platz herum, doch Flashlight weicht mir nicht mehr von der Seite. Ich beginne meine Schritte zu beschleunigen. Flashlight folgt mir. Als ich anfange zu laufen, trabt er mit wehender Mähne hinter mir her und bleibt schließlich schnaubend neben mir stehen. Lachend streiche ich ihm über die Nase.
„Das war super!", ruft Juli über den Platz, springt von der Holzwand und kommt zu uns. Ich lächle und schaue zu Flashlight.
„Hast du toll gemacht, Großer", flüstere ich ihm zu und er atmet mich an, als wolle er zustimmen. Als Juli bei uns ist, weicht er jedoch vor ihr zurück. Obwohl er sich ihr gegenüber schon wesentlich besser verhält wie zu Beginn, so wirklich traut er ihr wohl immer noch nicht. Ich grinse in mich hinein.
„Das war absolute Klasse. Ich hätte nicht erwartet, dass er doch so schnell lernt. Dann können wir morgen direkt mit dem Ansaugen weiter machen. Dafür muss man das Pferd eigentlich anfassen, aber das kriegen wir auch mit einer flüchtigen Berührung hin." Zufrieden klatscht Juli in die Hände und grinst.
„Ansaugen?" Ich hebe fragend die Augenbraue. Doch Juli winkt ab.
„Das ist nicht schwer. Das ist das hier, quasi nur, dass du rückwärtsgehst und Flashlight dir folgt. Ich zeige es dir vorher mit Picasso, dann kannst du dir darunter bestimmt mehr vorstellen." Sie schaut mit strahlenden Augen zwischen mir und Flashlight hin und her. „Jetzt habt ihr aber zumindest die richtige Bindung zueinander aufgebaut, damit wir jetzt richtig mit euch arbeiten können. Anfangen muss man immer mit kleinen Schritten, aber wenn das so weiter geht können wir ganz schnell ganz große Sprünge machen." Ihre Augen funkeln bei jedem weiteren Wort etwas mehr. „Wenn du willst, kannst du noch einige Runden gehen und ihm dann das Halfter anlegen." Ich mache mich wieder auf den Weg und sie beobachtet mich und Flashlight von der Mitte des Platzes aus. Ohne einen kurzen Moment des Zögerns nimmt Flashlight wieder die Verfolgung auf und bleibt stehen, wenn ich es tue. Wieder spiele ich etwas mit der Geschwindigkeit und mit Richtungswechseln, doch er bleibt an mir dran. Nach einer weiteren Runde lege ich ihm schließlich ohne Probleme das Halfter wieder an. Er hat nicht einmal gezuckt.
„Was jetzt?", frage ich Juliane, als ich mit ihr und Flashlight den Platz wieder verlasse. Juli zuckt mit den Schultern und grinst.
„Ich habe ihn schon länger nicht mehr ordentlich geputzt. Wenn er sich vielleicht drauf einlässt und du auch Lust hast..." Sie lässt den Rest des Satzes in der stickigen Luft hängen, doch ich lache.
„Na klar, helfe ich dir. Ohne mich hast du Flashlight doch gar nicht unter Kontrolle", kichere ich und sie stimmt mit ein.
„Du wirst überrascht sein, wie brav er beim Putzen ist."

Mit Herz und Huf - GefundenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt