24. Zwischen Supermarktregalen

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Die kleine Glocke über der Tür gibt einen hellen Ton von sich, als die Tür geöffnet wird. Vorsichtig betrete ich den Laden und versuche mich zwischen den Regalen zurechtzufinden. Der bunte Aufdruck verschiedener Konserven leuchtet mir entgegen. Ich krame nach dem Einkaufszettel, den mir meine Mutter in die Hand gedrückt hat und beginne mit der Suche nach unserem Wochenendeinkauf.
Wie sie mir vorhergesagt hatte, hat meine Mutter mich letztes Mal nur mit in den Eckladen genommen, damit ich dieses Mal alleine gehen kann. Es ist Samstagvormittag und entgegen meiner Befürchtungen, ist absolut nichts los. Eine ältere Frau steht an der Kasse und unterhält sich mit der Verkäuferin von letztem Mal, aber außer mir sehe ich sonst niemanden im Laden.
Ich scanne das Regal nach Fertigravioli ab und werfe die Dose in den geflochtenen Einkaufskorb. Die Türglocke klingelt erneut, als die ältere Frau den Laden verlässt. Im Hintergrund bekomme ich mit, dass ihr jemand die Tür aufhält, aber beachte das nicht weiter. Lieber suche ich im nächsten Gang nach Spaghetti und packe sie zu der Fixtüte für Carbonara.
„Hallo Aaron. Na, wie geht es dir und Maik?" Die alte Frau klingt hocherfreut ‚Aaron' zu sehen. Jemand schlendert in den Gang vor mir und knistert mit der Plastikverpackung von irgendeinem Produkt. Ich knie mich hin, um die Preise vom unteren Regalbrett lesen zu können.
„Soweit...", murmelt die Stimme eines jungen Mannes und irgendwo in mir macht sich ein mulmiges Gefühl breit. „Aber was macht ihr denn? Wie geht's Konni? Immer noch so Probleme mit 'm Stumpf?" Langsam erhebe ich mich wieder und versuche einen unbemerkten Blick in den anderen Gang zu werfen.
„Ach, das ist schon wieder besser geworden, seit der Doktor aus Ebersbach diese Salbe verordnet hat. Der Doktor meinte, Konrad könne froh sein, dass er nicht auf Prothesen angewiesen wäre. Aber seien wir ehrlich, der wird den Rollstuhl nicht mehr verlassen, selbst wenn er wollte." Ich erhasche einen Blick auf wilde braune Locken, als die Person sich aufrichtet.
„Ihr seid bis nach Ebersbach gefahren? Mann, Erni, ich hab euch doch gesagt, ihr sollt anrufen, wenn ihr irgendwo hinmüsst. Du sollst keine so weiten Strecken fahren!" Er klingt tatsächlich aufgebracht und wandert ein Regal weiter nach vorne. Meine Chance, ebenfalls einen Gang weiterzukommen. Zuvor werfe ich auf dem Weg aber noch Margarine und Nutella in den Einkaufskorb.
„Aaron, so weit ist das doch gar nicht. Nicht mal ganze zwanzig Minuten entfernt von hier. Und wir wollen dir keine Umstände machen. Guck, du hältst dich in deiner Stelle doch so gut und wir wollen nicht, dass du wegen sowas dann noch rausfliegst." Ich greife mir etwas Toast aus dem Regal und tue so, als würde ich die Inhaltsstoffe studieren. Stattdessen sauge ich die Worte der Unterhaltung auf wie ein Schwamm.
„Zwanzig Minuten, Himmel, Erna! Sprech ich undeutlich?" Aaron wandert in den Seitengang und holt Milch aus einem der Kühlfächer. „Die juckt's nicht, wenn ich eben fehle. Wenn ich Bernhard sag, dass ich euch beide zum Arzt fahr, versteht der's. Deswegen verlier ich doch nicht meinen Job. Nächstes Mal erwart ich einen Anruf von euch, wenn sowas ist. Verstanden?" Er kehrt zurück in den Gang und ich nutze die Gelegenheit, mich vielleicht ungesehen an ihm vorbei zu schleichen. Ich nehme schnell noch zwei Packungen Erdbeerjoghurt aus dem Kühlregal und gehe dann an die Kasse. Da schiebe ich noch eine Tafel Schokolade in den Korb.
„Guten Tag", begrüßt mich die Frau freundlich und beginnt die Artikel einzuscannen, die ich vor ihr auf die Theke lege.
„Nächstes Mal rufe ich an", mischt sie sich dann wieder in ihre Unterhaltung mit Aaron ein. „Aber mach hier bitte nicht so einen Aufstand deswegen. Was sollen wir denn sonst tun? Seitdem sich der Doktor Finger umgebracht hat, Gott habe ich selig, ist ja hier in der Nähe kein Arzt mehr. Aber ich sage dir, dass der sich erschossen hat, liegt bestimmt an der Familie seines Vaters. Waren auch alles Trinker und Tablettensüchtige. Tut mir Leid um die arme Karolina, die konnte nun wirklich nichts dafür. Und ihn dann so vorzufinden..." Sie reicht mir mein Wechselgeld über die Theke, welches ich etwas verwirrt an mich nehme. Ich verstaue die letzten Artikel im Korb, als ich auch schon die Wärme an meiner rechten Schulter spüre.
„Oh, hey Brooklyn. Es war doch Brooklyn, oder?" Es ist tatsächlich derselbe Aaron, wie der, den Juli mir vorgestellt hat. Derselbe ironische Unterton, dieselben krausen langen Haare und dieselbe kalte Ausstrahlung wie damals, als wir uns das erste Mal vorgestellt worden sind. Und immer noch bekomme ich von diesem Typen eine leichte Gänsehaut.
„Oh, ihr kennt euch?" Die Verkäuferin lächelt uns breit an, während ich betreten in meinen Korb starre und versuche, alles so zu positionieren, dass nichts zerdrückt wird, bis ich Zuhause bin. Unter ihrem Einwurf geht meine wütend gemurmelte Antwort an Aaron unter.
„Ja, sie ist eine Schulfreundin von Juli", antwortet Aaron für uns beide und verteilt ebenfalls seine Einkäufe vor der Verkäuferin. Oder sollte ich besser Erna sagen, denn so nennt er sie ja schon die ganze Zeit.
„Ach." Erna beginnt die Sachen einzuscannen und reicht sie Aaron direkt zurück. Unter seinen Einkäufen befindet sich auch eine Tüte Fruchtgummifrösche. „Du bist das Mädchen, was letztens neu zugezogen ist, nicht wahr?", fragt Erna hochinteressiert und ich sträube mich innerlich.
„Ja", gebe ich knapp zurück und verstecke meine Tafel Schokolade ganz unten im Korb. Ich stecke mein Portemonnaie mit Wechselgeld zurück in meine Jackentasche und nehme den Korb von der Theke. „Auf Wiedersehen." Ich lächle die Frau etwas verkniffen an, die immer noch breit zurück lächelt und mir freundlich nachwinkt.
„So ein nettes Mädchen. Und so jung", höre ich sie noch zu Aaron sagen, als ich die Tür aufziehe und der Glocke einen ein helles Klimpern entlocke. Ich habe mich noch keine hundert Meter vom Laden entfernt, als ich jemanden über den Asphalt trotten höre und kurz darauf Aarons wirren Haare neben mir auftauchen. So im direkten Vergleich ist er bestimmt über einen Kopf größer wie ich. Was die Situation nicht wirklich besser gestaltet.
„Haben wir irgendetwas wichtiges zu besprechen, dass du mir nachläufst?", frage ich unfreundlich, bevor Aaron irgendwelche dämlichen Kommentare loswerden kann. Er gibt einen verächtlichen Laut von sich und grinst mich dämlich an. Seine Haare wirken hier draußen heller als drinnen im künstlichen Licht und irgendwie wirkt er so aus der Nähe nicht ganz so alt, wie er es wahrscheinlich sein wird.
„Hat Kilian schon mit dir gesprochen, dass du mir so unfreundlich gegenüber bist?", erwidert er mit Unterton, den ich nicht definieren kann. Ich schaue verwirrt zu ihm hoch.
„Was? Nein, ich meine... Nein. Was sollte Kilian denn bitte schon über dich gesagt haben?" Ich kann mich nicht erinnern, ihn und Kilian je zusammen gesehen zu haben. Und auch ich begegne ihm ja kaum. Wenn dann sehe ich ihn nur aus der Entfernung auf Rosenfeld von einem Stall zum anderen hetzen. Und davon wird Erna auch als „Stelle" gesprochen haben.
„Och, so dies und das. Er erzählt gern, wenn der Tag lang ist", meint Aaron mit überheblicher Stimme und ich rümpfe die Nase.
„Kilian würde nie schlecht über jemanden reden", versuche ich ihn zu verteidigen. Wirklich sicher bin ich mir da zwar nicht, aber ich weiß, dass er eine ehrliche Haut ist und niemals jemanden in den Dreck ziehen würde, selbst wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Er macht ja nicht mal wie alle anderen bei den kleinen Klassenlästereien mit.
„Bist du dir da sicher?" Aarons Frage verunsichert mich. Warum sollte ich mir nicht sicher sein? Allerdings habe ich ja keine Ahnung, wie Kilian vielleicht tickt, wenn keiner hinsieht. Ich weiche Aarons Blicken aus und starre auf den gepflasterten Bürgersteig.
„Hey, ich wollt dir dein Bild von unserem Strahlemann nicht versauen. Er würd tatsächlich nicht schlecht über jemanden reden. Zumindest nicht ohne guten Grund." Aaron seufzt und streicht sich eine seiner Haarsträhnen aus der Stirn. „Eigentlich bin ich gekommen, um mich bei dir zu entschuldigen, wenn das vorhin etwas abfällig rüber kam. Ich bin mit Namen einfach nicht so gut. Und neue Leute, wie du, kommen meist mit meiner Art nicht klar. Das wollt ich dir sagen, bevor du dich bei Juli beschwerst, wie scheiße ihr Freund zu dir war."
„Ihr Freund?" Ungläubig, dass nun wirklich jemand im Stande ist, es mit ihr auszuhalten, bleibe ich stehen. Aaron ebenfalls. In einer Hand trägt er einen bedruckten Stoffbeutel und in der anderen die Tüte Fruchtgummifrösche. Genauso wie an dem Tag, wo wir ineinander gekracht sind.
„Naja, Freund wie in guter Freund oder bester Freund. Wir sind nicht zusammen, das wär ja noch schöner." Er lacht auf und ich kann irgendwie nicht ganz zuordnen, ob er es ehrlich meint.
„Keine Sorge, ich nehme dir das nicht übel, wenn du mich für Julis Lover hältst. Ich hab mich ungeschickt ausgedrückt", fügt er dämlich grinsend hinzu, als er sieht, wie ich die Farbe wechsle.
„Zumindest hast du nicht ihren Bruder für ihren festen Freund gehalten", murmle ich in den Kragen meiner Jacke. Aaron grinst breit. Wir setzen uns wieder in Bewegung.
„Ach, doch. Ist mir auch passiert. Passiert eigentlich jedem, der dazu kommt. So wie die den ganzen Tag aneinander kleben." Er lacht wieder. Sein Lachen ist rau, nicht so angenehm wie das von Kilian. Aber irgendwie ansteckend. Ich muss grinsen.
„Also hast du es auch geschafft?" Ich muss überlegen. „Wie hast du herausgefunden, dass sie doch nur Geschwister sind?", frage ich und stecke meine freie Hand in meine Jackentasche.
„Naja, sie hat in eines Tages Bruderherz genannt und das war ziemlich eindeutig. So wie du vorhin geguckt hast, musst du es wohl auf die harte Tour herausgefunden haben", antwortet er und ich zucke mit den Schultern.
„Wenn du mit harte Tour meinst, dass ich es einfach gesagt habe und Juli mich darauf so dermaßen ausgelacht hat, dass selbst ihre nicht vorhandenen Nachbarn noch etwas davon hatten, dann ja." Aaron gibt einen schnorchelnden Laut von sich, als müsse er einen Lacher unterdrücken, und reißt die Tüte Fruchtgummifrösche auf. Er nimmt sich einen und hält mir die Tüte dann entgegen.
„Auch einen?" Etwas zögernd greife ich hinein und stecke mir einen roten Frosch in den Mund. Es sind wieder die mit dem Mäusespeckbauch. Ich werfe genaueren Blick auf die Tüte Fruchtgummi in seiner Hand.
„Du stehst auf die Dinger, was?", meine ich mit halbvollem Mund und Aaron kaut nachdenklich auf seinem Frosch herum.
„Geht so. Ich bring die eigentlich immer nur Juli mit, weil sie die echt gern mag. Und inzwischen ess ich sie auch selber, also..." Er schluckt und steckt sich einen neuen in den Mund.
„Echt? Solche Freunde hätte ich auch gern, die mir immer meine Lieblingssüßigkeit mitbringen." Eigentlich habe ich diese Freunde, drüben in Frankfurt, aber die werden mir wohl eher weniger Vollmilchschokolade päckchenweise hier runter schicken. Zudem haben sie sowas auch nur zu Geburtstagen gemacht. Aber dennoch ist es eine schöne Geste, sowas für Freunde zu machen.
Ich muss etwas schief grinsen, doch ich merke, dass Aaron nach dieser Aussage meinen Blicken beginnt auszuweichen. Er hält mir die Tüte wieder hin und ich nehme wortlos einen. Noch bevor ich ihn mir in den Mund stecke, schießt etwas in mir hoch. Eine Erinnerung an den ersten Tag, den ich mit Melody verbringen durfte. Aaron hat Juli und mir auch einen Frosch angeboten gehabt, um unsere Gemüter zu beruhigen. Wie er und Juli sich angesehen haben, als er meinte, er würde die Tüte dahin legen, wo sie immer liegt. Dann fällt der nächste Dominostein.
Der Tag, an dem Juli uns einander vorgestellt hat, wie sie sich gegenseitig angesehen haben. Das war mir da so komisch und doch so vertraut vorgekommen, dass ich keine Ahnung gehabt habe, was ich damit anfangen soll. Und dann fällt der nächste Stein.
Das Gespräch von Kilian kommt mir in den Sinn. In der Cafeteria habe ich natürlich nicht gewusst, dass es sich bei der Schwester mit dem Schwerverbrecher als Freund um Juli handelt. Und schon gar nicht, wer dieser Straftäter sein soll.
Das also meinte Aaron, als er gefragt hat, ob Kilian schon mit mir geredet habe.
Ach du meine Scheiße!
„Alles klar, Brooklyn?" Aaron mustert mich fragend, aber ich nicke schnell. In seinem Gesicht suche ich nach etwas, was Verbrecher schreit, aber finde nichts. Außer seiner komischen Ausstrahlung und seiner Art zu sprechen unterscheidet ihn nichts von jedem anderen x-beliebigen Bewohner dieses Dorfes.
„Kommst du eigentlich von hier?", versuche ich das Thema zu wechseln und mich selbst von diesen komischen Gedanken abzulenken. Ich stecke mir meinen Fruchtgummifrosch in den Mund.
Aaron sieht nicht aus wie ein Verbrecher, der würde bestimmt niemandem etwas antun... Oder doch? Ab wann sieht denn jemand aus wie ein Straftäter? Wenn man die ersten Tattoos hat? Oder Piercings? Meistens sind es doch die unscheinbaren Leute, liest man ja immer wieder in der Zeitung, dass man jahrelang nicht wusste, dass ein Massenmörder neben einem wohnte.
„Ne, bin erst vor einigen Jahren hier hingekommen. Wegen... Sagen wir, zuhause war's schwierig. Mir gefiel's da nicht mehr." Aaron macht eine kurze Pause, um zu schlucken. „Bin dann hier hingekommen, weil ich früher öfters hier war. Wohn jetzt im nächsten Ort, Wellingen." Wellingen liegt auf dem direkten Weg von Rosswald nach Kirchheim, es gibt kaum eine andere Möglichkeit zur Schule zu kommen, ohne da durch zu fahren. Außer natürlich man will eine schlappe halbe Stunde durchs tiefste Hinterland über unebene Feldwege ruckeln.
„Hab vorher wie du in 'ner Stadt gewohnt. War jetzt nicht Frankfurt, aber immerhin hatten wir 'ne S-Bahn", fährt er fort und ich versuche zu verstecken, was mir alles durch den Kopf geht. Beim Wort Stadt werde ich allerdings hellhörig.
„Dann bist du freiwillig von der Zivilisation hier hin?" Ich deute mit meinem Daumen auf die Häuser an der Hauptstraße. Wenn man es überhaupt Hauptstraße nennen kann, an der wir gerade lang gehen.
Aaron nickt und wirkt wenig erfreut darüber, dass ich einen abfälligen Tonfall benutzt habe.
„Mein Großvater hat einen Ort weiter gelebt. Sind aber immer hier hin. Wegen dem Spielplatz und dem Ross, da haben wir immer abends gesessen. Im Sommer auch wegen dem Schützenfest oder dem Erntedankfest." Ein kleines Lächeln huscht über sein sonst ausdrucksloses Gesicht, doch er hat sich schnell wieder im Griff. „Ist jetzt schon eine Weile her. Großvater ist auch schon tot. Hab mich dann aber entschieden hier hin zu gehen, ist ja ganz schön hier." Aaron schweigt und ich sage auch nichts. Immer noch kreisen meine Gedanken um das, was Kilian in der Cafeteria erzählt hat. Raub mit Körperverletzung.
„Ich muss jetzt auch. Erika wartet bestimmt schon auf mich. Tschau." Aaron hebt kurz die Hand, mustert mich noch einmal von oben bis unten und trabt dann ohne sich umzuschauen über die Straße zu einem kleinen Nebenweg, der zwischen ein paar Gärten herführt und von dichten Bäumen vor der Sonne geschützt ist. Durch den aufgebrochenen Asphalt gucken einzelne kleine Blümchen. Ich hatte nicht mehr die Chance ihn noch andere Dinge zu fragen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, das war auch Sinn seiner plötzlichen Flucht.
Ich bleibe auf dem Bürgersteig stehen und schaue Julis komischen Freund hinterher. Seine große hagere Gestalt verschwindet aber bald hinter einer Wegbiegung.
Ich seufze und setze meinen Weg fort. Wenn Juli Kilians Schwester ist, bleibt nichts anderes übrig, als dass Aaron dieser Straftäter ist, der versucht mit ihr anzubandeln. Ich meine, alle Indizien sprechen für ihn. Und dass er nicht von hier kommt, macht ihn irgendwie nicht unbedingt unverdächtiger. Und wenn ich genauer drüber nachdenke, könnte ich ihm schon so etwas wie Körperverletzung im Affekt zutrauen. Ein schrilles Klingeln unterbricht meine Gedankengänge.
Völlig aufgeschreckt fische ich mein Handy umständlich aus meiner Jackentasche und drücke auf den grünen Hörer, ohne wirklich zu gucken, wer mich da anruft.
„Ja?" Aufgeregt lausche ich in mein Telefon hinein.
„Brooklyn! Endlich erwische ich dich mal!" Es ist Janine, dass erkenne ich sofort an der Stimme. Ein dickes Grinsen schleicht sich auf mein Gesicht.
„Endlich mal? Was soll das denn heißen? Die letzten verpassten Anrufe sind von meiner Ma gewesen, du Lügnerin." Janine lacht und ich stimme mit ein. Im Hintergrund höre ich ein durchgehendes Rauschen fremder Stimmen. „Wo bist du?", frage ich verwundert.
„Wir sind gerade beim Aufräumen, aber es ist mehr ein Restetrinken, also dachte ich, ich rufe mal an."
„Bei welchem Aufräumen denn bitte?" Ich biege um eine Hausecke und schaue bereits die Straße auf und ab. Jemand grölt etwas im Hintergrund und ich höre, wie Janine „Halt's Maul Jasper!" dagegen ruft.
„Was hast du gefragt? Sorry, ich verstehe hier echt kaum was, wenn die weiter so rumschreien." Der Hintergrundlärm wird dumpfer und Schritte hallen. Janine scheint den Raum gewechselt zu haben.
„Bei welchem Aufräumen du bist, hab ich gefragt", wiederhole ich meine Frage und ich kann förmlich hören, wie Janine tief Luft holt und sich aufrichtet, um mir überschwänglich zu berichten, wo sie jetzt gerade ist. Ich versichere mich noch mal, dass kein Auto kommt und überquere dann die Hauptstraße von Rosswald.
„Es ist so viel passiert, seit du weg bist, Brook. Wir haben eine Stufenfete organisiert und ich bin ins Fetenkomitee gegangen. Wir haben eine echt coole Location in der Nähe vom Gibson organisiert und die Getränke hat Adi ganz simpel über seinen Vater bekommen, der arbeitet ja bei dem Getränkemarkt, und Eintritt haben wir vier Euro glaube genommen. Es war unglaublich cool, Brook, da machst du dir kein Bild von. Es waren einfach alle da und manche haben noch welche vom Grimm eingeladen und von der Fürstenberger und sogar vom Lessing- Gymnasium." Janine ist kaum in der Lage, mal Luft zu holen, so begeistert redet sie von der Fete, die sie veranstaltet hat. Und sie bemerkt auch nicht, wie ich immer stiller werde und wie ich langsamer meinen Weg zum Backsteinhaus fortsetze. „Es war einfach mega geile Stimmung den ganzen Abend über. Lea hat sogar einen DJ organisiert und den nehmen wir nächstes Mal auch wieder, der war so genial. Wollte auch nur 50 Euro und Freigetränke den ganzen Abend, also echt günstig." Sie kichert. „Wir haben die Kosten der Miete und der Getränke zwar noch nicht vom Gewinn abgezogen, aber ich sag dir, dass sieht mega gut aus. Damit ist die Finanzierung der anderen Partys schon mal gesichert. Und für die Abifete wird auch noch was übrig bleiben." Sie lacht und ich höre, wie im Hintergrund eine Tür geknallt wird. „Aber so eine Fete macht auch echt eine Sauerei, die Toiletten mache ich definitiv nicht, kannst du mir glauben!" Sie lacht. Ich nicht. Schließlich verstummt sie. Über das Telefon schweigen wir uns einige Sekunden über an.
„Brook, bist du noch dran?"
„Ja, klar, klingt superspaßig. Ich hoffe, ihr habt für mich mit gefeiert." Ich ringe mir ein gequältes Lachen ab, was so künstlich klingt, dass Janine es eigentlich bemerken muss. Aber sie geht nicht drauf ein. Vielleicht hat sie sich schon zu sehr am Restetrinken beteiligt.
„Ja, natürlich. Ich meine ja auch, die Planung war mega unlustig ohne dich. Und außerdem sind die anderen des Fetenkomitees absolute Nieten." Mein Mundwinkel zuckt nach oben. „Mit dir hätten wir bestimmt noch eine viel bessere Party veranstaltet." Ich lächle kurz. „Aber genug von mir, was ist bei dir so los? Ich weiß, bestimmt nicht viel, aber vielleicht hast du ja neue Erkenntnisse im Fall Oberzicke und Traumprinz gefunden." Ich hätte fast angefangen zu lachen und will gerade etwas darauf erwidern, dass ich absolut alles über den Fall Oberzicke und Traumprinz herausgefunden habe, als im Hintergrund wieder eine Tür knallt und jemand spricht. Ich verstehe nicht, um was es geht, aber er klingt aufgeregt. Janine kichert unkontrolliert.
„Hör zu, Brooklyn, ich muss auflegen. Ich glaube, Gabriel versucht eine Kerze zu essen. Ich vermisse dich jetzt schon, vergiss nicht mir zu mailen, hab dich lieb, bye!" Kaum als sie laute Knutschgeräusche durch den Hörer schickt, legt sie auch wieder auf. Ohne es zu merken, bin ich stehen geblieben und nehme mein Handy vom Ohr. Janines Kontaktdaten leuchten noch einmal auf, dann verschwinden sie und zeigen mir meinen Sperrbildschirm. Ein Bild von mir und Janine zusammen auf einer Geburtstagsparty von irgendeinem unserer Klassenkameraden. Mit Getränken in der Hand haben wir den Arm umeinander gelegt und drücken unsere Gesichter gegeneinander. Ich kann mich an den Abend noch gut erinnern. Er war zwei Tage, bevor mir meine Eltern von ihren Umzugsplänen erzählt haben. Ich habe damals gedacht, dass es für immer so bleiben würde.
Ich starre der lachenden Janine ins Gesicht.
Ich hatte nicht mal mehr Zeit, ihr zu antworten.

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