Jetzt ist es soweit. Ich stehe vor einem flimmernden Neonschild, das mit riesigen leuchtenden Buchstaben den Namen des Ladens über den Eingang schreibt. Meine Eltern haben mich abgesetzt, mir viel Spaß gewünscht und sind dann wieder zurück gerauscht, schließlich fängt jeden Moment ihre Lieblingsserie an.
Ich folge den ausgetretenen Steinstufen hinunter zu einer schweren Metalltür, die von einem Schrank mit schwarzer Lederjacke und Kurzhaarschnitt bewacht wird. Die Tür steht offen und ein dicker Vorhang verhindert, dass die kalte Nachtluft bis zu den Feiernden durchdringt. Ich höre die Musik im Hintergrund und ein gleichmäßiges Gemurmel der Anwesenden.
„Ausweis?", fragt der Schrank mit rauchiger Stimme. Ich hole meinen Personalausweis hervor und mit einem forschenden Blick zu mir, reicht er mir ein blaues Papierbändchen, das ich mir über den Arm streife und so eng wie möglich einstelle, sodass ich das raue Material deutlich auf meiner Haut spüre. Danach leuchtet er mit seiner kleinen Taschenlampe noch durch meine winzige Handtasche und hält mir schließlich den schweren Vorhang auf.
„Viel Spaß, Mädchen." Ich nicke freundlich und gehe dann den schmalen Gang entlang, an dessen Wänden sich etliche Plakate befinden, die die verschiedensten Events der letzten zehn Jahre im Kellerclub anpreisen. Die Musik wird lauter und auch das Lachen und Rufen der anderen Partygäste. Ich gehe einige Stufen herunter, trete aus einer Tür und stehe schließlich vor der Garderobe, oberhalb des Clubs. Zwei Meter unter mir tanzen die ersten dichtgedrängt und lachen und feiern. Weiter hinten befindet sich anscheinend ebenfalls eine Tanzfläche. Ich kann den DJ erkennen, der auf den Füßen wippend ein neues Lied aussucht. Unterhalb der Garderobe, geradewegs unter dem Geländer, was mich daran hindert, in die Menge zu stürzen, befinden einige Bänke und Tische, in der sich bereits einige Pärchen knutschend niedergelassen haben.
Ich lasse meinen Blick durch den Kellerraum schweifen, auf der Suche nach Kilian oder einem meiner neuen Klassenmitglieder. Obwohl es noch gar nicht so spät ist, ist im Kellerclub schon jede Menge los. Die Jugendlichen der ganzen Schule scheinen heute Abend hier zu sein, was es nicht einfacher macht, meine Klasse zu finden. An der Wand, die die beiden Tanzflächen voneinander trennt, entdecke ich schließlich Kilian mit einigen anderen Jungs aus der 11b. Als würde er merken, dass ich ihn anstarre, schaut er hoch zu mir. Er lächelt, als er mich erkennt, scheint sich kurz bei den anderen zu entschuldigen und beginnt sich seinen Weg durch die Menge zu suchen.
Ich gebe meine Jacke bei der freundlichen Frau an der Garderobe ab und stecke das Zettelchen mit der Nummer tief in meine Handtasche. Nervös steige ich die Stufen herunter und nähere mich den tanzenden Jugendlichen. Kilian taucht vor mir auf und scheint sich echt zu freuen mich zu sehen. Ich lächle zurück.
„Hast du gedacht, ich komme doch nicht?", rufe ich grinsend gegen die laute Musik an und Kilian muss lachen.
„Naja, ich hätte es verstehen können, wenn du Zuhause geblieben wärst", ruft er zurück und wir beide bahnen uns einen Weg durch die feiernden Schüler.
„Wieso sind hier schon so viele? Es ist doch erst halb neun!", frage ich Kilian und er führt mich sicher durch die Tanzenden.
„Heute veranstaltet der Kellerclub sowas wie eine ‚Back to School'- Party und alle ab 14 Jahren sind dabei. Klingt etwas chaotisch, der Kellerclub hat das aber alles sehr gut organisiert. Die unter 16 haben grüne Bänder bekommen, damit sie nicht an Alkohol kommen. Und sie werden schon um 23 Uhr rausgeworfen. Wir haben die blauen Bänder, wir bekommen begrenzt Alkohol und dürfen bis 1 Uhr bleiben. Die Leute ab 18 haben rote Bänder und dürfen alles, was die wollen. Also so ungefähr. Ab 5 Uhr ist Schluss", erklärt er lachend.
Kilian bringt mich zur zweiten Tanzfläche. Neben dem erhöhten DJ- Pult befindet sich die Theke, an die sich die Anwesenden drängen und versuchen, sich und ihren Freunden etwas gegen den Durst und die Hitze zu besorgen. Gegenüber der Theke, die Wand entlang befinden sich dieselben Sitzgruppen, wie unter der Garderobe.
„Was ist mit deinen Freunden?", rufe ich gegen die Musik und die grölende Menge an. Kilian zuckt mit den Schultern und weicht geschickt dem wirbelnden Ellbogen einer Achtklässlerin aus. Selbst in dem schummrigen Licht und den gelegentlich vorbeihuschenden bunten Leuchten kann ich erkennen, dass sie sich vollkommen mit Make-Up zugekleistert hat. Ich selbst habe heute nur etwas Wimperntusche und Lippenstift aufgetragen, um nicht komplett underdressed in meiner weiten und luftigen Bluse und der Jeans zu wirken. Aber wenn ich mich zu umschaue, war meine Sorge eigentlich begrenzt. Außer einigen Mädels aus der Mittelstufe hat sich keiner sonderlich Mühe mit einem besonders schicken Outfit gegeben. Was habe ich von Landmenschen eigentlich anderes erwartet?
„Die kommen auch ohne mich aus", erwidert Kilian und führt mich zu einer Sitzgruppe in der Ecke. Der Tisch ist so zugeschnitten, dass er wunderbar in die Ecke des Raumes passt und den Gästen auf den dunklen, mit Leder bezogenen Bänken noch genug Platz lässt, um frei zu atmen. Auf einer der wuchtigen Bänke sitzt Juli, eine Art Cocktail mit dickem Trinkhalm vor sich auf der dunklen Holzplatte und lässt ihren undurchsichtigen Blick über die wogende Menge schweifen. Wirklich spaß scheint sie auf den ersten Blick nicht wirklich zu haben.
Kilian bleibt vor ihr stehen und die beiden schenken sich ein freches Grinsen. Dann bemerkt Juli mich und ein kurzer Schatten huscht über ihr Gesicht.
„Hey, Juli", begrüße ich sie aus Höflichkeit und sie nickt mir über ihren Drink zu.
„Möchtest du was trinken, Brooklyn?", fragt mich Kilian und ich nicke etwas zögernd.
„Eine Cola wäre gut", antworte ich und Kilian macht sich sofort auf den Weg durch die Schüler zur Theke auf der anderen Seite des Raumes. Ich sehe, wie sich sein dunkelbrauner Haarschopf durch die Menge bewegt, bis ihn irgendwann unter den ganzen Menschen verliere.
„Wenn du fertig bist mit starren, kannst du dich endlich hinsetzen? Sonst beginnt er noch Fragen zu stellen", richtet sich Juli an mich, schaut aber nicht zu mir, sondern beobachtet weiter die Jugendlichen beim Feiern. Ihre Frage gleicht mehr einem Befehl und ich setze mich etwas schüchtern Juli gegenüber und schaue zusammen mit ihr über die tanzende Menge. Sogar abseits des Weidezauns verfallen wir in unser altes Muster, gemeinsam in eine Richtung zu starren und kaum ein Wort miteinander zu wechseln. Obwohl die Gesellschaft von Flashlight in den anderen Fällen eigentlich unsere zwischenmenschliche Kommunikation ersetzt. Hier ist es einfach nur seltsam. Ich beginne an meinem blauen Band herumzuspielen und fange mir einen schiefen Seitenblick von Juli ein.
„Ich weiß gar nicht, wieso mir dieser Türsteher ein blaues gegeben hat. Ich bin nicht mal sechzehn", murmle ich, weniger um Juli in meine Gedanken einzuweihen, eher um eventuell ein Gespräch in Gang zu kriegen und das Schweigen unterbrochen wird. Juliane hebt eine Augenbraue und lehnt sich etwas weiter in meine Richtung über den Tisch, während sie beginnt mit ihrem Trinkhalm in ihrem Cocktail herum zu rühren.
„Man sieht dir nicht an, dass du noch nicht sechzehn bist. Und er weiß, wer zu welchem Jahrgang gehört, er hat die Klassenlisten, die die Schüler dem Club vorher gegeben haben. Er hat sich bestimmt nicht jeden Namen gemerkt, aber Kilian hat dafür gesorgt, dass du ziemlich weit oben stehst. Außerdem ist Brooklyn ein Name, der ins Auge springt. Wer nennt sein Kind schon nach einem Stadtteil von New York?" Juliane klingt überaus belustigt darüber, dass meine Eltern mich nach einem Stadtteil benannt haben.
„Kann ja nicht jeder wie seine Tante heißen", feuere ich zurück, aber es geht im Lärm der Feiernden unter. Juliane scheint sich wieder zu fangen und schaut mich beim Reden das erste Mal an.
„Was ich damit meine ist, dass er sich bestimmt gedacht hat, dass es eh nicht auffällt, ob du ein blaues oder grünes Band hast. Du bist jetzt in der Oberstufe, da bekommt man quasi einen Freischein", sie mustert mich kurz von oben bis unten und fährt dann fort, „Du bist echt noch nicht sechzehn?" Ich nicke.
„Das fragen mich alle. Aber ich hab erst Ende September Geburtstag. Meine Eltern haben aber beschlossen, dass es auf diese paar Wochen auch nicht mehr ankommt und haben mich kurzerhand eingeschult", fasse ich die Geschichte zusammen. Juli fängt an zu grinsen und ich wappne mich auf ein sarkastisches Kommentar von ihrer Seite. Doch stattdessen nimmt sie nur einen tiefen Schluck von ihrem Getränk.
„Du hast also ein Kindergartenjahr übersprungen? Du Musterschülerin. Konntest wohl schon früh innerhalb der Linien malen." Wir beide müssen über ihre dämliche Aussage lachen. Das ist das erste Mal, dass ich Juliane lachen höre und ich muss sagen, es ist ein schönes Lachen. Voll und kräftig, ein Lachen, das ansteckt. Und genauso wie ihre etwas kratzige Stimme, mit einigen Unebenheiten. Anders als meins, was eigentlich mehr ein lautes Kichern und Glucksen ist.
„Du hast es erfasst. Und weißt noch was? Ich konnte sogar schon fehlerfrei mit einer Bastelschere arbeiten." Juli schüttelt lachend den Kopf und nimmt einen weiteren Schluck von ihrem Drink, hört aber nicht auf, hin und wieder zu kichern. Etwas verwirrt mustere ich das Getränk in dem hohen Glas und dem dicken Trinkhalm. Das ist bestimmt kein reiner Fruchtsaft, den sie da in sich hereinschüttet.
„Ich dachte, mit dem blauen Band bekommt man nur begrenzt alkoholische Getränke. Also Bier und Radler und so etwas." Juli fängt wieder an, ihren Blick über die Menge schweifen zu lassen.
„Man muss nur wissen, wenn man fragen muss", meint sie nüchtern und zwinkert kurz jemandem über die Tanzfläche zu. An der Theke nickt ihr ein junger Mann mit schwarzem T-Shirt und tätowierten Armen zurück, der sich dann an ein paar jüngere Mädels wendet und kurz darauf vier Colaflaschen über den Tresen reicht.
„Wer ist das?", frage ich etwas verunsichert. Juli nimmt einen tiefen Schluck durch ihren Trinkhalm und wirft mir einen verschwörerischen Blick über ihr Getränk zu. Ein freches Grinsen schleicht sich auf ihr Gesicht und ihre Augen beginnen zu leuchten.
„Das ist ein Kumpel von meinem Freund", antwortet sie geheimnisvoll. Ich lehne mich dichter zu ihr über den Tisch, um eine spannendere Atmosphäre zu schaffen.
„Dein Freund- Freund?", frage ich mit einem schelmischen Grinsen und Juli prustet vor Lachen.
„Das hätte man wohl gern", erwidert sie lachend und nimmt erneut etwas von ihrem Cocktail. „Nein, einfach nur ein Freund von mir. Und der kennt den Barmann. Deswegen ein hübscher Drink für eine hübsche Dame", meint sie lächelnd. Ich grinse und will mit einem frechen und lustigen Kommentar etwas mehr über diesen Freund herausfinden, soweit Juli das zulassen würde. Aber jemand stellt vor mir eine Cola auf die Tischplatte.
„Kilian, da bist du ja wieder. Ich hab schon gedacht, du hast dich aus Versehen verlaufen." Juli rückt etwas zur Seite und macht Kilian Platz auf der Sitzbank. Er setzt ich neben sie und grinst uns beide an. In seiner Hand eine Flasche Bier.
„Wie ich sehe, scheint ihr euch zu amüsieren. Und, wie übernehmt ihr die Weltherrschaft?", fragt er belustigend. Juli zuckt mit den Schultern und ich lache.
„Wissen wir noch nicht so genau, aber das Datum steht schon fest", antworte ich und Kilian hebt sein Getränk, ohne etwas Weiteres darauf zu erwidern.
„Auf einen gelingenden Abend", meint er stattdessen und stößt mit mir und Juli an. Er mustert ihren fast leeren Drink zwar etwas misstrauisch, sagt aber nichts dazu. Dann beginnt Kilian mir über meine neuen Klassenkameraden zu erzählen, während Juli immer wieder die ein oder andere witzige Geschichte einwirft und uns zum Lachen bringt. Kurz kommt auch Frederick, der, wie er mir bereits leicht angeheitert erklärt, ‚beschte' Freund von Kilian vorbei, setzt sich neben uns, verschwindet aber auch genauso schnell wieder, wie er aufgetaucht ist, als er ein Mädchen aus der Parallelklasse entdeckt und sie anscheinend zum nächsten Opfer seiner schlechten Anmachsprüche erklärt, mit denen er auch mich und Juli kurz bearbeitet hat, bis sie ihm eindeutig die Meinung gegeigt hat. Ihr Glas ist inzwischen leer und man merkt deutlich, dass der Alkohol sie gesprächiger macht, aber sie dennoch aufpasst und manchen Themen geschickt ausweicht. Zwischendurch verabschiede ich mich kurz auf die Toilette, wo Juliane mir ein „Hände waschen nicht vergessen!" hinterher wirft und anfängt laut loszulachen.
Nach einigem Suchen habe ich mir einen Weg quer über die Tanzfläche zu den Toilettenräumen gefräst und bin froh, dass alle Kabinen halbwegs sauber aussehen. Ich schließe mich in einer Kabine ein und hole mein Handy hervor. Ein verpasster Anruf von Janine und bestimmt fünf Nachrichten von ihr, eine von meiner Mutter, in der sie fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich öffne den Chat mit Janine und werde beinahe von den aufgeregt wirkenden Sprechblasen angesprungen. Unteranderem stehen da Dinge wie:
BROOK, WIE SIEHT'S AUS?
HEY, VERGISS DAS BILD VON KILIAN NICHT.
IGNORIERST DU MICH, ODER IST DIE PARTY DOCH SO GUT FÜR EINE LANDEIER-PARTY?
SOBALD DU DAS HIER LIEST, MELD DICH BEI MIR!!!
PS: VERGISS DAS BILD VON KILIAN NICHT ;)
Ich muss anfangen zu grinsen und beschließe ihr kurz zu antworten, um sie etwas zu beruhigen.
ALLES SUPER HIER. DER DJ IST WIRKLICH GUT. ICH RUFE DICH MORGEN AN UND ERZÄHLE DIR GENAUERES. UND DU BEKOMMST DEIN BILD, KEINE SORGE ;P
Kurz darauf bekomme ich auch schon meine Antwort.
GENIESSE DEN ABEND :)
DU LIEST GERADE
Mit Herz und Huf - Gefunden
Teen FictionBrooklyn ist ein Kind der Stadt, das ist sie seit ihres ersten Tages und das wird sie auch immer bleiben. Davon ist sie zumindest immer stark ausgegangen. Doch wie es das Schicksal will, kommt ihrem perfekten Leben ein Umzug dazwischen. Und ausgerec...
