4. Kennenlernen, die Zweite

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„Bis nächste Woche habt ihr bitte alle das Buch und lest die ersten 15 Seiten." Unsere Deutschlehrerin hält ihre zerknitterte und mit Post-Its vollgeklebte Ausgabe von Die Entdeckung der Currywurst hoch und einige Schüler schreiben sich schnell den Titel und den Verlag von der Tafel ab.
Gelangweilt kreist mein Kugelschreiber über dem Block und malt hin und wieder einen kleinen Bogen auf das linierte Papier. Das Buch habe ich in meinem Bücherregal, ich habe Maggie ihre Lektüren alle geklaut, bevor sie sie mit in ihre WG nehmen konnte. Außerdem haben Maggie und ich uns gemeinsam den Film angeschaut, weil sie damals zu faul war das gesamte Buch zu lesen.
Kleiner Hinweis: Sie erfindet die Currywurst erst in den letzten fünf Minuten und der Rest ist größtenteils irrelevant.
Dann erlöst mich die melodische Tonfolge des Pausengongs von meiner Zwangshaft neben Ich-hasse-dich-abgrundtief-und-ignoriere-dich-ab-jetzt-Juliane. Was nicht heißt, das dieses Spiel nicht auch in beide Richtungen funktioniert und wir geschlagene anderthalb Stunden mit Schweigen verbracht haben und auch den restlichen Schultag nicht anders verbringen werden.
Ich wische mein Mäppchen mir einer Handbewegung in meine Tasche und packe meinen Collegeblock und meinen Kugelschreiber. Die anderen Schüler haben noch nicht mal ihre Plätze verlassen, da springe ich auf und verlasse so schnell es mir möglich ist den Klassenraum. Ich nehme den Weg, den mir Herr Brandt mir zur Cafeteria gezeigt hat und lasse mich vor dem Anbau der blau angestrichen Turnhalle auf eine der Bänke fallen. Ich lege mir den Block auf meine Beine, atme tief durch und lasse meinen Blick über den sich füllenden Schulhof streifen. Einige Fünft- und Sechstklässler laufen lachend und kreischend über den Bolzplatz und kicken einen alten Ball über den Asphalt. Auch meine beiden Brüder springen dazwischen herum. Kleine Mädelsgruppen verteilen sich unter Bäumen und auf Bänken und unterhalten sich angeregt, während sich einige zwischendurch immer wieder feindselige Blicke zu werfen.
Dann lenke ich meine Konzentration auf meine Politikhausaufgaben. „Demographischer Wandel, demografischer Wandel...", murmle ich wie ein Mantra vor mich hin. Einfallslos mache ich einige Notizen, die mir spontan zu dem Thema einfallen. Jedoch beginnen meine Gedanken sofort abzuschweifen und ohne es zu merken, male ich die zugegeben grausige Skizze eines Pferdes an den Rand meines Blatts.
„Auch Probleme mit Politik?" Ich schrecke auf und starre in zwei blaue Augen, die von dunklen dichten Wimpern umrahmt werden, auf die jedes Mädchen neidisch wäre.
„Äh, ja. Ich hatte das Thema an meiner Schule schon mal, aber irgendwie fällt mir nicht mehr ein, was wir damals gemacht haben", ich lächle etwas verunsichert und tue so, als würde ich mich weiter auf meine Hausaufgaben konzentrieren.
„Ja, so geht es mir in Politik dauerhaft." Der Junge lacht und es klingt, als wäre er einem kitschigen Liebesfilm entsprungen. Sein Lachen ist für die echte Welt einfach zu perfekt. Er streckt mir seine Hand entgegen und lächelt mich an, als ich wieder zu ihm hoch sehe. Es ist der ehemalige Sitznachbar von der dummen Kuh.
„Hi, ich bin Kilian." Ich überlege kurz, ob ich ihn nicht einfach ignorieren sollte. Aber das kommt mir doch etwas dämlich vor. Ich nehme seine Hand, erwidere den kurzen Druck und ziehe meine Hand auch sofort wieder zurück. Man muss es ja auch nicht gleich übertreiben.
„Ich hoffe Juliane hat dir den ersten Eindruck nicht allzu sehr vermiest. Sie kann manchmal echt unausstehlich sein." Wieder dieses viel zu perfekte Promilachen.
„Ach, wirklich? Ist mir kaum aufgefallen...", erwidere ich sarkastisch. Ich setze meinen Kugelschreiber wieder auf das Papier und ziehe bei meiner Zeichnung einige Linien nach. Hauptsache es sieht so aus, als wäre ich beschäftigt. Vielleicht geht er dann ja wieder und beschließt mich nicht weiter mit nervigen Small- Talk zu belästigen.
„Wer soll das denn sein?" Kilian beugt sich über meine Schulter und mustert das Kunstwerk mit schief gelegtem Kopf. Ich stöhne innerlich auf. Was ist denn so schwer daran, in Ruhe gelassen zu werden?
„Ach, niemand", meine ich knapp und male die Mähne noch etwas länger. Kilian stellt sich wieder gerade hin und ich spüre sein Grinsen, auch wenn ich es nicht sehe. Bestimmt ist das auch viel zu perfekt, mit Grübchen oder so einer niedlichen Zahnlücke, die bei jedem anderen bescheuert aussieht.
„Er sieht jemanden ähnlich, den ich kenne. Hätte ja sein können, dass wir dieselbe Persönlichkeit meinen." Ich drehe mich zu ihm um und treffe ihn mit einem Blick, der tödlich sein kann. Persönlichkeit, ernsthaft? Das ist ein Pferd, noch dazu grausig gezeichnet. Da kann man froh sein, wenn man überhaupt erkennt, was es ist.
„Bin ich wirklich so mitleidserregend? Langsam ist es auch mal gut. Du kannst gehen", sage ich mit dem ironisch- bissigsten Unterton, den ich zustande bringe. Janine wäre stolz auf mich.
Ich bin nicht von Natur aus so unfreundlich, aber ich hasse es. Die Neue zu sein, meine ich. Alle sind aufdringlich, übertrieben freundlich und wollen auf Zwang deine neuen besten Freunde sein. Aber ich habe bereits eine beste Freundin. Die wohnt zwar zwei Stunden Autofahrt entfernt von hier, aber das tut ja nichts zur Sache.
Kilian folgt genau diesem vorhersehbaren Muster und sucht zwingend nach Gesprächsstoff, um mir das Gefühl zu geben, hier willkommen zu sein. Den ersten Eindruck hat Juliane mir aber schon gründlich versaut. Auch ihr Kumpel kann da nichts mehr retten. Und irgendwelche Unterhaltungen über die Politikhausaufgaben retten die Situation auch nicht mehr.
„Du sitzt hier mit Politikaufgaben auf dem Schulhof, es gibt durchaus Dinge, die mehr Spaß machen. Also ehrlich gesagt, ja, ein bisschen Mitleid hab ich schon mit dir gehabt."
„Danke!", erwidere ich trocken. Kilian zuckt verlegen mit den Schultern. Der hat doch bestimmt verstanden, dass das Ironie war, oder?
„Es tut mir wirklich leid, dass Juliane dir den Start hier erschwert. Sie ist nun mal... Nun ja, sie ist..."
„Völlig wahnsinnig; total aggro; angsteinflößend?", vervollständige ich seine Aussage und er schmunzelt.
„Ja, kann man so sagen." Ein kleines Grinsen schleicht sich auf mein Gesicht. Kilian seufzt und fährt fort. „Aber nimm es ihr nicht allzu übel. Sie ist zwar schräg, aber kein völliger Idiot. Auch wenn sie so rüber kommt." Nun muss ich sogar etwas kichern. Ich beiße mir sofort auf die Unterlippe und starre auf meine Hausaufgaben. Aber ich weiß, dass Kilian es bereits gesehen hat. Verdammt, jetzt werde ich den nie mehr los.
„Ich wollte fragen; am Wochenende ist eine kleine Fete im Kellerclub, einige Straßen von der Schule entfernt. Und es ist bestimmt kein schlechter Einstieg, um alle aus unserer Klasse etwas besser kennenzulernen. Vorausgesetzt Silas und Tabea schaffen es, alle einzuladen. Sie haben so ein Talent dafür, gerne irgendwelche Leute zu vergessen." Er lacht etwas, da es sich dabei anscheinend um einen Insider handelt, den ich bestimmt auch irgendwann mal verstehen soll. Aber zumindest weiß ich, dass Silas und Tabea die Klassensprecher sind. Ich starre ihn nur weiter ratlos an und er räuspert sich.
„Du könntest mir deine Nummer geben, wenn du Interesse hast. Wir nehmen dich auch gerne mit, wenn dich keiner fahren kann. Aber dann bräuchte ich noch deine Adresse." Kilian schaut mich auffordernd an und ich huste nervös. Will der jetzt einfach so meine Nummer und Adresse haben? Entweder ist das gerade die schlechteste Anmache aller Zeiten, oder er meint es Ernst und ich hab die Chance einer Landeier- Party beizuwohnen. Na ja, besser eine schlechte, als gar keine Party...
„Ich hätte schon Lust zu kommen...", druckse ich herum und drehe nervös den Stift zwischen meinen Fingern. Das Aber ist förmlich greifbar und ich sehe, wie Kilian sich schon auf eine Absage vorbereitet. Mir fällt nur spontan kein Grund ein, wieso ich nicht mit auf diese Party gehen sollte. Und wenn ich mir auch keine Gedanken über die Fahrt machen muss, solange sich der Fahrer nicht die Kante gibt...
„Ja, also gut. Ich komme mit", gebe ich mir einen Ruck. Kilian schaut mich fast erstaunt an und lächelt dann. Ich kritzle meine Handynummer und meine neue Adresse (die ich bereits auswendig kann, weil ich sie sie seit einem dreiviertel Jahr praktisch jeden Tag verflucht habe) auf den unteren Rand meiner Hausaufgaben und reiße die Ecke ab, bevor ich mich anders entscheiden kann. Jetzt ist es zu spät für einen Rückzieher, Brooklyn Eckert.
„Super!" Kilian nimmt den Schnipsel an sich und grinst mich immer noch viel zu perfekt an. Kein Wunder, dass Juliane so an dem hängt, der muss ja der Schulschwarm schlechthin sein. Bestimmt sind wegen diesem Lächeln schon reihenweise Siebtklässlerinnen in Ohnmacht gefallen. „Ich sage den beiden sofort Bescheid und garantiere dir, dass du definitiv auf der Gästeliste von denen landest." Ich erwidere sein Lachen halbherzig, was Kilian sofort zu bemerken scheint.
„Hey, ich weiß du bist diese Landidylle wahrscheinlich nicht gewohnt, aber der Kellerclub ist definitiv einen Besuch wert. Und wenn du die anderen wirklich kennen lernen möchtest, musst du sie im betrunkenen Zustand sehen. Nüchtern zu schüchtern und leider Gottes besoffen zu offen." Er lacht und ich kann nicht verhindern etwas zu grinsen. „Außerdem beißen sie nicht. Außer Jonas vielleicht, bei dem weiß man das seit der Sylvesterfete nie so ganz genau." Ich kichere wieder und kann es nicht wirklich verhindern. Der kann ja sogar etwas witzig zu sein, wenn man sich auf diesen ganzen Small- Talk Quatsch einlässt. Ohne dass ich etwas dagegen tun kann, setzt sich Kilian auch schon neben mich auf der Bank und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Ich hab genug aus dem Nähkästchen geplaudert. Was ist mit dir? Kommst du wirklich aus Frankfurt? Also so direkt?" Er lehnt sich zurück und mustert mich aus dem Augenwinkel. Ich gebe ein lachendes Schnauben von mir.
„Ja, so direkt...", meine ich und verdrehe dabei die Augen. „Was hast du denn erwartet? Nur so halb?" Er lacht und zuckt mit den Schultern.
„Meine Vermutung wäre Vorort gewesen", gibt er zu und schmunzelt etwas. „Das einzige was man von Frankfurt schon mal gehört hat, ist der riesige Flughafen, die Börse und die komische Messe, die Ann-Marie da jedes Jahr besucht."
„Die kleine Streberpetze?", rutscht es mir heraus und Kilian lacht zögerlich.
„Ja, die kleine Streberpetze. Das ist ein guter Name, daran hab ich noch gar nicht gedacht. Aber sie ist keine Petze, sie kann einfach nicht lügen, das ist ihr großes Problem. Und ihre guten Noten hat sie sich mit harter Disziplin erarbeitet." Ich will etwas darauf erwidern, als wir unterbrochen werden. Und das von niemand geringerem als Juliane höchstpersönlich.
„Killi, möchtest du auch was aus der Cafe..." Die Oberzicke verstummt sofort, als sie mich neben ihrem „Killi" entdeckt. Sie kneift die Augen zu Schlitzen zusammen und hebt übermütig den Kopf. Na klasse.
„Na, Stadtkind? Schon Leute gefunden, die du mit deiner traurigen Lebensgeschichte nerven kannst?" Ich schnaube wütend. Wer glaubt sie zu sein? Die Königin von Langweilerland? Ich will gerade mit einem spitzen Kommentar zurückschießen, aber Kilian grätscht dazwischen.
„Ach, Juli. Kann man sich nicht mal mit jemandem unterhalten, ohne dass du direkt ausflippst? Du hast nichts Spannendes verpasst. Nur das übliche „Willkommen auf dem Land"- Gespräch. Also komm wieder runter." Sie starrt ihn an, als habe er das Passwort ihres Handys verraten und ich sehe ihr an, wie gern sie uns beide zusammenstauchen würde. Aber anstatt uns anzuschreien oder sonst irgendein Theater zu veranstalten, verschwindet sie mit hocherhobenem Kopf wieder in die Richtung, aus der sie gekommen ist.
Ich und Kilian schauen ihr eine Weile nach, bevor wir uns wieder trauen zu sprechen. Kilian seufzt und schaut auf den Boden.
„Es tut mir leid, dass sie dich wieder angepflaumt hat. Ich werde später mal mit ihr reden, das kann so ja nicht weiter gehen." Ich zucke wenig hilfreich mit den Schultern. Er steht wieder auf und ich sehe, wie er meinen Papierschnipsel tief in seiner Hosentasche verstaut. „Du kannst immer noch absagen. Juliane wird auch da sein und ich will nicht, dass sie dir den Abend versaut", wendet er sich an mich. Ich schaue zu ihm hoch, er hat die Stirn in tiefe Falten gelegt.
„Warum sollte ich?", erwidere ich mit kräftiger Stimme. „Von der lasse ich mir die Party nicht versauen. Und wenn sie kommt, dann komme ich erst recht." Ich bilde mir ein, dass in seinen blauen Augen ein kurzes Grinsen und auch ein Funke Ehrfurcht aufleuchtet. Er zieht die Schultern hoch und steckt seine Hände lässig in seine Hosentaschen.
„Wenn du meinst, Brooklyn." Dann verschwindet er so unbemerkt wie er aufgetaucht ist in der Schülermenge und lässt mich wieder alleine.
„Von der lasse ich mich nicht einschüchtern", murmle ich vor mich hin.

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