13. Hassen

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Als ich mit einem Stoffbeutel und einem frisch gewaschenen Stapel Wäsche den Feldweg entlang gehe und den kleinen Pfützen ausweiche, die die Sonne noch nicht hat verdunsten lassen, merke ich, wie sich das mulmige Gefühl in meiner Magengegend verschlimmert. Der Weg ist mir bei Sonnenlicht nicht mehr so lang vorgekommen, wie noch gestern Abend und die der Holzzaun neben mir führt mich erneut zu der Auffahrt. Auf den Steinsäulen, die ich gestern nur schemenhaft wahrgenommen habe, stehen zwei massive Pferdestatuen. An den Säulen wächst jeweils eine Rosenranke an einem Holzgitter hoch und vereinzelt blühen rote und weiße Blüten zwischen den dichten Blättern.
Neben der Auffahrt auf beiden Seiten stehen Pferde auf den Wiesen und grasen friedlich. Aber nirgends kann ich Flashlights weißes Fell leuchten sehen.
Ich trete auf den Hof, der zur Vorderseite durch eine Hecke vor neugierigen Blicken vorerst geschützt werden. Rechts neben mir sehe ich das Haus, wo Erika, Sebastian und Juli wohnen. Ich sehe den riesigen Baum in der Mitte des Platzes und dann wird mir das Ausmaß des Gebäudes bewusst, was den Hof eingrenzt. Ein U-förmiger Gebäudekomplex aus Stein, mit großen grünen Holztoren, halbrunden Fenstern aus Glas und mit denselben schönen roten Ziegeln gedeckt wie das Wohnhaus. Links, weiter hinten, direkt gegenüber dem Wohnhaus, steht ein scheinbar neueres Gebäude, dessen Tore aber auch grün gestrichen sind. An einer der Wände hat man eine aus Metall geformte Rosenblüte angebracht.
Einzelne Personen laufen über den Hof und verschwinden in den verschiedenen Gebäuden, aus denen immer mal wieder das Wiehern von verschiedenen Pferden zu hören ist. Niemand scheint mich zu beachten und die wenigsten unterhalten sich miteinander. Obwohl ich nicht sehen kann, was sie machen und auch nicht weiß, ob sie überhaupt irgendwas machen, liegt eine geschäftige Stille über der ganzen Anlage.
Dann sehe ich den Hund.
Ein riesiger zotteliger Berg aus Fell taucht um die Hausecke auf und fixiert mich mit seinen braunen Augen. Er rührt sich nicht und ich glaube kurz, er sei eine Statue, die unerwünschte Leute auf den ersten Blick fernhalten soll. Doch dann öffnet er sein Maul und zeigt mir eine Reihe großer spitzer Zähne. Naja, hätte ja sein können.
Er beginnt zu bellen, sodass die Erde bebt und ich zusammenzucke. Er trottet auf mich zu und trotz seiner Größe nimmt er beachtlich an Geschwindigkeit zu. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und starre ihn einfach nur weiter an. Ich sollte weglaufen, dieser Hund wird mich in der Luft zerreißen, wenn ich nicht schleunigst das Weite suche. Doch dann spannt die Kette an seinem Hals und der Hund wird zurückgehalten. Er bäumt sich auf und bellt immer noch ohrenbetäubend.
„Scheriff, still!", ruft jemand gegen den Lärm an und tatsächlich hört der Hund auf zu bellen und sich wie blöd in seine Kette zu hängen. Er steht einfach weiter da wie eine Statue und starrt mich in Grund und Boden. Mein Herz schlägt trotzdem immer noch bis zum Hals.
Die Person, der die Stimme gehören muss, kommt aus dem Wohnhaus und deutet dem Hund an, Sitz zu machen. Und wieder folgt der Hund dem Befehl ohne seinen Blick wirklich von mir abzuwenden. Dann kommt die Person auf mich zu und wir beide schauen uns verwundert an.
„Brooklyn?"
„Kilian?"
„Was machst du denn hier?" Er kommt auf mich zu und mustert den Stapel Wäsche in meinen Händen.
„Ich bringe das zurück", erwidere ich nach einigem Zögern und strecke ihm die Klamotten und den Beutel entgegen. „Die hat Juli mir ausgeliehen." Kilian nimmt mir die Sachen ab, schaut mich aber immer noch etwas verwirrt an.
„Ah, okay...", antwortet er. Der Hund gibt im Hintergrund ein leises Bluffen von sich. Ich schaue mich etwas verlegen um und verfolge das Muster im Kies.
„Was machst du eigentlich hier?", frage ich Kilian, woraufhin er überrascht die Augenbrauen hochzieht.
„Also, ich..." Bevor er mir eine wirkliche Antwort geben kann, werden wir unterbrochen.
„Brook, was machst du hier?" Ich hebe kurz die Hand, lasse sie aber sofort wieder sinken, als ich Julianes entnervten Gesichtsausdruck sehe.
„Ich habe dir deine Sachen wiedergebracht", murmle ich als Antwort und füge noch schnell hinzu: „Und ich wollte wissen, wie es Flashlight geht." Juli presst die Lippen zusammen, bis es nur noch zwei schmale Striche sind, bevor sie fortfährt.
„Ihm geht es gut. Danke der Nachfrage." Auch wenn Juli nicht so aussieht, als ob sie wirklich dankbar wäre. Kilian schaut unsicher zwischen uns hin und her und beginnt schließlich etwas zu lächeln.
„Willst du noch etwas bleiben, Brooklyn? Es gibt gleich Kuchen und -"
„Ich denke Brook wird Zuhause schon erwartet. Und außerdem müssen wir noch Mathehausaufgaben machen." Der Blick, den Juli Kilian zuwirft, könnte töten. Aber er bleibt völlig unbeeindruckt. Er muss das von ihr schon mehr als gewöhnt sein.
„Die Aufgaben haben wir doch schon im Unterricht fertig gemacht", werfe ich ein und mustere Juliane unsicher. „Also, zumindest habe ich das gemacht, während du meine Lösungen abgeschrieben hast."
Die Doppelstunde Mathe neben Juliane war nervenzerreißend gewesen. Ständig hat sie zwischen meinem und ihrem Blatt hin und her gestarrt und dabei ihre Unterlippe zerkaut. Auf ihre irritierten Blicke hin, habe ich versucht ihr zu erklären, wie wir rechnen müssen, obwohl wir den Musterlösungsweg erst zehn Minuten vorher an der Tafel besprochen haben. Aber es ist ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen. Sie hat etwas komplett anderes gemacht und schien keine Ahnung von dem zu haben, was ich versucht habe ihr einzutrichtern. Schließlich habe ich sie einfach meine Lösungen abschreiben lassen, weil alles andere sowieso keinen Sinn mehr gemacht hätte.
„Ich muss noch was nachrechnen", erwidert sie patzig und ich hebe abwehrend die Hände.
„Meine ja nur..."
„Du bist absolut mies in Mathe, Juli. Du würdest dich niemals freiwillig noch länger damit beschäftigen." Kilians Aussage scheint Juliane wie einen Fausthieb zu treffen. Sie verzieht das Gesicht, dreht sich ruckartig um und rauscht mit einer beachtlichen Geschwindigkeit zurück ins Haus. Wir hören, wie die Tür lautstark ins Schloss fällt und Kilian seufzt.
„Sie wird sich nie ändern." Dann wendet er sich wieder mir zu und schenkt mir sogar so etwas wie ein Lächeln. „Danke fürs zurückbringen. Und du kannst uns gerne immer fragen, wenn du um Flashlight besorgt bist. Laut Juli siehst du ihn ja häufiger als wir." Ich erwidere sein schiefes Lächeln unsicher und reibe mir über die Arme.
„So oft gehe ich auch nicht zu ihm." Ich zucke mit den Schultern und gehe einen Schritt zurück. „Aber danke. Auch für den Kuchen, aber Juli hat Recht. Ich muss zurück. Ich hab gesagt, ich bleib nicht so lange." Kilian wirkt etwas enttäuscht, nickt aber.
„Ja klar. Natürlich." Auch er geht einen Schritt rückwärts und klemmt sich Julianes Sachen unter den Arm. „Dann sehen wir uns spätestens Montag. Zu einer Stunde Englisch." Er verzieht das Gesicht und ich muss kichern.
„Ich weiß, was du meinst. Dann bis Montag." Ich drehe mich um und verlasse mit schnellen Schritten den Hof. Wieder die Auffahrt entlang, zurück auf den Feldweg und nicht zurück schauen. Auf dem Feldweg verlangsame ich meinen Schritt wieder und beobachte die kleine Gruppe Pferde neben mir. Ein schwarzes Tier hebt neugierig den Kopf und kommt freundlich auf mich zu. Ein Brauner folgt ihm und überholt ihn schließlich. Ich bleibe kurz stehen und beobachte wie die beiden ihre Köpfe über den Zaun strecken und mich aufmerksam anschauen. Ich strecke vorsichtig meine Hand aus und streiche ihnen kurz über die Nase. Sie zucken nicht zurück wie Flashlight und scheinen meine Berührung regelrecht zu genießen. Sie sind ganz anders als Flashlight. Nicht nur, dass sie zusammen auf einer Weide stehen.
Ich gehe weiter und die Pferde wenden sich auch wieder ab und gehen zurück zu den anderen. Ich balanciere auf einem kleinen Grünstreifen zwischen den beiden Fahrrillen und lasse meine Gedanken schweifen.
Zugegeben, Juliane ist garantiert kein Freudenbündel und hat auch kein großes Interesse an einer Freundschaft mit mir, worüber ich mich nicht beschweren kann, schließlich will ich auch nichts mit ihr zu tun haben. Aber die Aktion von gerade eben unterschied sich so krass von den anderen, die sie mir gegenüber bereits gebracht hat, dass ich mir selber erst jetzt darüber bewusst werde: Sie hasst mich. Sie will nicht nur nichts mit mir zu tun haben. Sie hasst mich von den tiefsten Tiefen ihres Herzens. Wenn sie überhaupt eins hat.
Dabei schien gestern doch für einen Moment alles soweit in Ordnung zu sein. Ich hatte wirklich für einen Augenblick geglaubt, dass sie so schlimm gar nicht ist. Aber ich habe mich wohl geirrt. Und obwohl ich es mir selbst nicht wirklich eingestehen möchte, trifft mich das mehr, als es sollte.
„Brooklyn!" Ich erwache aus meiner Psychoanalyse und drehe mich verwundert um. Hinter mir kommt ein Pony den Weg entlang getrottet, eine kleine Kutsche im Schlepptau. Und da drauf sitzt Sebastian.
„Hallo, Herr Bergmann." Ich bleibe verwundert stehen und auch Julianes Großvater bringt sein Gefährt neben mir zum Stehen.
„Brooklyn, soll ich dich das letzte Stückchen mitnehmen? Bis kurz vor den Querweg kann ich dich bringen. Das ist bei dem Wetter bestimmt angenehmer und Nikolaus schafft das, nicht wahr, Lausebär?" Das kleine Pferd schüttelt den Kopf und schnaubt zustimmend. Ich beiße mir auf die Unterlippe.
Wenn ich eins gelernt habe, dann, das man bei fremden alten Männern nicht in den Wagen steigt. Auch nicht, wenn dieser gerade mal ein PS hat. Die jetzt begonnen haben, Gras auszurupfen. Aber er hat Recht, die Sonne gibt heute wieder alles, als wolle sie sich für das Gewitter gestern Abend entschuldigen. Dabei auf einem Feldweg entlang zu gehen, der kaum Schatten bietet, wenn die Sonne in diesem Winkel steht...
„Wenn es keine Umstände macht, Herr Bergmann." Sebastian lacht und schüttelt den Kopf.
„Keineswegs. Das liegt genau auf meiner Route, sozusagen. Und ich habe dir gestern Abend schon gesagt, du kannst mich Sebastian nennen." Er lacht wieder und rückt etwas zur Seite, um mir auf der Sitzbank Platz zu machen. Ich setze mich zögerlich neben ihn und er gibt ein leises „Vorwärts" von sich, auf welches das Pony auch sofort reagiert und unsere kleine Fahrgemeinschaft sich in Bewegung setzt. Sebastian bringt das Pony dazu, noch etwas schneller zu gehen und mit zügigen Hufschlägen näheren wir uns dem Rand der Ortschaft. Sebastian und ich reden nicht viel miteinander, aber ich bin mit meinen Gedanken auch ganz woanders. Wie kann jemand wie Juliane nur mit so einer freundlichen Gestalt wie Sebastian verwandt sein? Vielleicht ist sie sonst auch ganz anders. Und nur mir gegenüber so ein richtiges Ekelpaket. Was natürlich mehr als verletzend wäre. Was habe ich ihr denn schließlich getan? Nur weil neben ihr noch der einzige freie Sitzplatz gewesen ist, ist das Ganze ja nicht meine Schuld.
Nach kurzer Zeit erreichen wir den Weidezaun, schneller als ich es zu Fuß geschafft hätte. Wie erwartet liegt der Holzbalken noch immer auf dem Boden und die Wiese ist genauso verlassen, wie gestern Abend. Sebastian scheint meinen nachdenklichen Blick zu bemerken.
„Er ist bestimmt morgen schon wieder da, versprochen. Er hatte heute nur noch mal einen Tag Hausarrest, um sicher zu gehen, dass es ihm wirklich gut geht." Sebastian schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln und ich erwidere es, so gut es mir möglich ist.
Dann taucht der Querweg ein und Sebastian bringt das Pony wieder zum Stehen. Ich kann mein Haus schon fast sehen. Ich steige ab und nicke Sebastian dankbar zu.
„Danke fürs Mitnehmen. Auf Wiedersehen." Ich wende mich bereits zum Gehen, als Sebastian zum Abschied kurz winkt, die Kutsche um die Kurve lenkt und hinter den Pflanzen des Maisfeldes verschwindet. Ich schaue zurück zur Weide, dann zu den Linden. Es geht kein Wind, die Blätter rascheln nicht und außer ein paar Grillen ist es absolut still.
„Morgen...", murmle ich und irgendwie kommt mir das so unglaublich lang vor. Dann muss ich meinen freien Nachmittag wohl dazu nutzen, um mich meiner Hobbysuche zu widmen. Auch wenn ich darauf so gar keinen Bock habe.

Mit Herz und Huf - GefundenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt