33. Eigentlich ganz okay

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Silas drückt die schwere Eingangstür auf und wir treten aus dem stickigen Schulgebäude.
„Man sollte Nachmittagsunterricht ab dem kalendarischen Sommeranfang bis zum Herbst generell verbieten", schnauft Paul und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Oder es wenn dann als Foltermethode anwenden", knurrt Silas. Ich nicke zustimmend und versuche meine Tasche so zu tragen, dass mir der Tragegurt nicht auf der Schulter klebt. Warum wird es nur zum Ende der Sommermonate immer nochmal so heiß? Eigentlich kann ich mich als Sommerkind nicht beschweren, aber langsam wird es wirklich ekelig.
„Habt ihr hier denn kein Hitzefrei oder sowas?" Silas schüttelt den Kopf.
„Nicht mehr so wirklich. Zwar für die Unterstufe und Mittelstufe, aber nicht für uns. Das unser Flur natürlich der einzige ist, der sich im Sommer in eine Textilsauna verwandelt, das ist egal." Paul muss bei Silas' Antwort losprusten.
„Was ein Saftladen", meine ich kopfschüttelnd, doch Silas widerspricht mir.
„Das mag vielleicht sein, aber wir könnten es schlimmer erwischt haben. Die kleine Gesamtschule in Steinbach hat quasi gar kein Hitzefrei mehr. Obwohl es laut Schulgesetz immer noch existiert, tritt es erst in Kraft, wenn im Keller eine gewisse Temperatur überschritten wird. Das in der Zwischenzeit der Rest der Schule abfackelt, ist irrelevant, solange man im Keller noch einen Pulli tragen kann." Ich muss lachen.
„Nicht dein Ernst!"
„Stimmt aber. Mein Cousin war da", meint Paul und schaut zu mir runter. Ich seufze.
„Dann ein Hoch auf diesen Saftladen." Ich wusste, dass meine Eltern darauf geachtet haben, für mich und meine Brüder die beste Schule im Umkreis zu finden. Das Schlossgymnasium ist eigentlich auch echt gut, aber trotzdem vermisse ich das Hitzefrei.
Paul, Silas und ich nähern uns dem Parkplatz, als uns jemand nachruft. Wir bleiben stehen und schauen uns um. Von der Bushaltestelle kommt jemand auf uns zu. Es ist Juli.
„Hey, Jungs." Sie klatscht Silas und Paul zum Gruß kurz ab und wendet sich dann mir zu. „Heute Nachmittag bist du bitte pünktlich da, okay? Ich habe überlegt, da das mit dir und Flashlight so gut funktioniert, dass wir einen kleinen krassen Vorstoß wagen können." Ich hebe die Augenbraue.
„Kleiner krasser Vorstoß? Wie war das letzte Woche noch mit kleinen Schritten?" Juli zuckt mit den Schultern.
„Keine Sorge. Es wird unseren bisherigen Trainingsstand nicht kaputt machen. Zumindest hoffe ich das." Sie beißt sich auf die Unterlippe und ich habe jetzt beide Augenbraunen hochgezogen.
„Du bist jetzt Pferdeflüsterin bei Juli? Das wusste ich ja gar nicht." Silas scheint überrascht, doch ein kleines dämliches Grinsen hat sich auf sein Gesicht geschlichen.
„Ich habe bei ihr nur angefangen zu reiten."
„Sie hat bei mir nur angefangen zu reiten." Juli und ich antworten fast zeitgleich und Paul und Silas müssen anfangen zu lachen.
„Ach Juli, du willst doch nur nicht zugeben, dass jemand die Viecher besser versteht wie du", grinst Silas und Julianes Augen fangen gefährlich an zu glitzern. Doch sie begegnet ihm mit einem zuckersüßen Lächeln.
„Ach Silas, manchmal würde ich dir gerne mal so richtig eine reinhauen für deine blöden Sprüche." Silas lacht und Paul schielt grinsend zu seinem Kumpel.
„Dann würde mein Vater da ein dickes Geldbündel zum Kühlen drauflegen und es hätte sich nichts geändert. Apropos, mein Vater, der steht schon da. Wir müssen dann. Bis morgen ihr zwei." Silas will sich abwenden, da fängt Juli auch schon frech an zu grinsen.
„Aber vergess deinen Hodor nicht, ja?" Sie deutet auf Paul, der gerade dabei ist, seinem Freund zu folgen. Zeitgleich drehen sich Paul und Silas um und strecken Juli den Mittelfinger entgegen. Dann setzen sie ihren Weg zum Parkplatz fort. Juli lacht.
„Die beiden sind einfach unglaublich. Manchmal vermisse ich sie auf den ganzen Feten." Wir schauen zu, wie Silas es sich auf den Beifahrersitz eines Porsche Cayenne bequem macht und Paul auf die Rückbank klettert.
„Kommen die zu sowas nicht?", frage ich ungläubig. Bei Paul könnte ich mir das vorstellen, aber Silas ist eigentlich immer scharf auf die Feten, die im Umkreis passieren. Zumindest kommt es in den Pausen immer so rüber.
Juli schüttelt den Kopf.
„Silas' Vater scheffelt eine Menge Kohle und hält nicht so viel von Partys, wie wir sie feiern. Silas schleicht sich oft heimlich dahin. Und Paul... Der ist halt Paul. Wenn Silas nicht kommt, kommt er auch nicht." Dann wendet sie sich von dem Porsche ab und schaut wieder zu mir.
„Also, heute Nachmittag bitte pünktlich, klar?" Ich nicke.
„Sonst noch irgendwas?" Juli schüttelt den Kopf und macht sich schon wieder auf den Weg zurück zur Bushaltestelle.
„Nichts außer die Sachen, die du sonst auch mithast. Ich habe was besonders vor mit dir!" Sie winkt mir noch kurz zum Abschied und geht dann. Auch ich setze meinen Weg zum Parkplatz fort.
Meine Eltern parken bevorzugt weiter hinten, damit sie direkt über die hintere Auffahrt verschwinden können. Ich mustere gedankenverloren die Autos der Lehrer. Bei einigen Autos ist der Kofferraum voller Kisten und Blätterstapel, bei anderen sieht das Auto aus wie frisch vom Band gelaufen. Bei einem sitzt sogar ein alter abgegriffener Wackeldackel auf der Hutablage. Mit einem Blick aufs Nummernschild stelle ich fest, dass das Auto mit dem Wackeldackel Herr Brandt gehört.
„Aber kommst du denn auch?" Ich schaue auf. In einer der Parkbuchten stehen und Cora und Amelie und unterhalten sich mit jemandem, dessen Hinterkopf mir schwer bekannt vorkommt. Ich verlangsame meine Schritte, um das Gespräch unabsichtlich absichtlich zu belauschen.
„Ich muss mal schauen, ich habe den Samstag ein Turnier. Ich muss da morgens früh los. Und nur für zwei, drei Stunden brauche ich nicht bis nach Neidlingen fahren. Außerdem ist über Ohmden gesperrt, dann bin ich fast eine Stunde nur für den Hin- und Rückweg unterwegs." Es ist tatsächlich Kilian, der sich mit den beiden unterhält. Aber warum unterhält er sich gerade mit Amelie und Cora über das Turnier? Ich schaue auf den Boden, doch ich bin noch ein bisschen neugieriger als zuvor.
„Lass das Turnier doch einfach ausfallen. Ich meine, die Saison startet doch jetzt erst richtig, oder nicht? Dann nimmst du halt an einem anderen teil und kannst Samstag auf Lenis Geburtstag kommen." Ich merke, wie Kilian kurz stockt.
„Eigentlich... stecken wir gerade mitten in der Saison. Eher am Ende." Er atmet tief durch. „Ich habe mich dafür angemeldet und vorbereitet, ich will das jetzt nicht ausfallen lassen wegen einer Geburtstagsfeier." Ich kann die Enttäuschung von Cora und Amelie förmlich greifen und grinse in mich hinein. Ich bin inzwischen an der Parkbucht der drei vorbei, als Kilian mir nachruft.
„Hey Brooklyn!" Ich bleibe stehen und versuche so zu tun, als hätte ich die drei vorhin gar nicht bemerkt.
„Oh, hi, ihr drei." Kilian wendet sich von den beiden Mädchen ab und kommt auf mich zu. Er verabschiedet sich nicht mal wirklich von ihnen. Ich merke, wie Amelie mir verkniffen nachschaut und Cora mich stattdessen keines Blickes mehr würdigt. Schließlich verziehen sich die beiden beleidigt in irgendeine Richtung.
„Am Samstag ist um halb neun Abfahrt am Hof. Ich warne dich aber, Vater wartet eigentlich nicht auf Verspätete, also wäre es gut, wenn du schon etwas früher da wärst." Kilian scheint sich damit unwohl zu fühlen, doch ich grinse.
„Daher hat Juli also ihren fanatischen Hang zur Pünktlichkeit." Kilian fängt an zu lachen.
„Ja, schon irgendwie." Er hört auf zu lachen und mustert mich einen Augenblick nachdenklich. Ich überlege fieberhaft, ob ich etwas im Gesicht hängen habe. „Danke übrigens, dass du mitkommst. Eigentlich finden die meisten sowas langweilig." Ich beginne zu lächeln.
„Kein Problem. Es ist bestimmt auch mal schön, wenn nicht immer dieselben mitfahren." Ich denke kurz an die belauschte Unterhaltung zurück. „Die anderen scheinen da ja auch kein Verständnis für sowas zu haben", meine ich und Kilian nickt.
„Ja, sie greifen Reiten nicht als den Sport auf, den er ist und verstehen nicht, dass ich das ernster nehme als das Ponyreiten auf dem Viehmarkt." Er seufzt. „Ich trainiere viel dafür und da sehe ich es nicht ein, für den Geburtstag irgendeiner Cousine von Cora alles sausen zu lassen." Ich nicke verständnisvoll.
„Es zwingt dich ja auch keiner dazu", murmle ich und schrecke auf, als hinter uns jemand hupt. Mein Vater kommt mit unserem Auto um die Ecke und dreht in einer der Parkbuchten. Er winkt mir und Kilian fröhlich zu.
„Ich sehe, du wirst abgeholt. Aber du kommst später eh nach Rosenfeld, oder?" Ich nicke und verabschiede mich zögerlich von ihm.
„Dann bis später", sage ich und kann mir ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Kilian erwidert es. Etwas unsicher drehe ich mich um und laufe zum Auto. Schnell steige ich ein und schließe die Tür hinter mir. Als ich zum Parkplatz schaue, ist Kilian auch bereits auf dem Weg zur Bushaltestelle.
„Und, wie war der Schultag?", fragt Papa, als ich die Autotür hinter mir schließe.
„Es war ganz okay heute. Etwas zu warm, aber sonst nichts spannendes." Ich verstaue meine Umhängetasche im Fußraum.
„Wer war das da vorhin?", fragt mein Vater und grinst mich breit an. Ich sehe das Leuchten in seinen Augen.
„Das war Kilian, der Bruder von Juli. Wir haben uns nur eben über das Turnier am Samstag unterhalten." Ich versuche alles so belanglos wie möglich klingen zu lassen.
„Das Turnier, wo er dich zu eingeladen hat?" Mein Papa schaut ebenfalls kurz über den Parkplatz, in der Hoffnung noch einen Blick auf Kilian oder die Bushaltestelle erhaschen zu können. „Erst hatte ich ja ein bisschen Bedenken, dass jemand dich zu sowas einlädt, aber er sieht ganz gescheit aus." Ich muss widerwillig grinsen.
„Ja, er ist ganz okay."

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