11. Im Scheinwerferlicht

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Zurück im Haus sitze ich mit einem Handtuch um die Schultern am Küchenfenster und starre in die verregnete Landschaft. Zwischen meinen Händen dampft eine frische Tasse warmer Kakao.
Kaum als ich die Tür aufgeschlossen hatte und mit triefenden Klamotten auf der Herzlich Willkommen Fußmatte stand, kam meine Mutter an und hat mich gefragt, was los sei. Ich habe nicht geantwortet, aber das hat ihr anscheinend schon gereicht, denn sie hat mir trockene Sachen, ein Handtuch und einen warmen Kakao gebracht.
Der Regen fällt inzwischen so dicht, dass ich die Linden und den Zaun schon kaum noch mehr sehen kann. Hin und wieder blitzt es, sodass die ganze Landschaft unnatürlich hell wirkt, gefolgt von einem Donner, der die Erde erzittern lässt. Die Funkuhr über der Küchentür zeigt viertel vor sieben.
Es ist verrückt. Ich mache mir ungeheuer Sorgen um ein Pferd, das mir nicht mal gehört und dem ich nur gelegentlich etwas zu fressen bringe. Eigentlich mache ich mir nichts aus Tieren, ich habe nie wirklich mit ihnen Kontakt gehabt, außer zur der verrückte Katze von Oma, die aber bereits gestorben ist, als ich sieben war und einigen Hunden im Park, die einem da nun mal so über den Weg laufen. Und wirklich mit denen was gemacht, hat man dann ja auch nicht.
Aber mit Flashlight ist es was anderes. Auch wenn er meistens nur stumm da steht und Möhren und Äpfel zerkaut, während ich ihm über meinen Tag, meine Gedanken und Meinungen erzähle, ist er so etwas wie ein schweigender Vertrauter. Er weiß inzwischen eine Menge über mich und ich habe immer mehr das Gefühl, er versteht genau was ich sage und versucht mich nach einem anstrengenden Tag aufzumuntern. Vielleicht schaffen sich andere deswegen Haustiere an. Einfach um einen Freund zu haben, der einem nicht widerspricht und der einem das Gefühl gibt, verstanden zu werden. Von Oma weiß ich, dass sie ihre Katze hatte, weil sie sich einsam fühlte und Gesellschaft wollte. Und Tiere zu beobachten sei entspannend, hat sie gemeint. Und Flashlight zu beobachten, wie er einfach nur etwas Gras frisst, war mehr als entspannend.
Ich nehme einen Schluck von meinem Kakao, der gerade so warm ist, dass ich mir nicht die Zunge verbrenne. Ich stelle die Tasse ab und rubble mit dem Handtuch erneut über meine dunkelbraunen Locken. Langsam beginnen sie so richtig zu trocknen. Ich könnte sie auch föhnen, dann würde es bestimmt schneller gehen, aber ich will meinen Platz am Fenster nicht verlassen.
Ich weiß nicht genau was ich mir davon erhoffe, am Küchenfenster sitzen zu bleiben. Vielleicht, dass Juliane vorbeikommt, um mir zu sagen, dass sie ihn unverletzt gefunden haben und er jetzt wieder da ist, wo er hingehört. Anrufen könnte sie mich, aber nachdem, wie sie vorhin drauf war, wird sie das wohl kaum. Wahrscheinlich wird sie sich ins Fäustchen lachen, bei der Vorstellung, wie ich völlig aufgelöst zuhause rumsitze und auf eine Nachricht warte.
Ich hätte selber losziehen sollen, ich will auch irgendetwas tun. Schließlich war ich als erste am Tatort. Aber wo suche ich ein fast 500 Kilo schweres Säugetier, das völlig verschreckt durch die Landschaft rast und sich von niemandem aufhalten lässt? Mal abgesehen davon, dass ich mich hier kaum auskenne.
Ich verstehe, dass Juli mich nicht dabei haben wollte. Das hat bestimmt nicht besonders vorteilhaft ausgesehen, wie ich über die Stange gebeugt dastehe, als hätte ich sie an die Seite geräumt. Aber warum sollte ich ihn freilassen? Welche Motive hätte ich dazu? Jedoch wird unser aller liebste Oberzicke ihre Gründe haben, wieso sie Zugezogene so hasst.
Ich nehme wieder einen Schluck von der Tasse. Zumindest hat es jetzt aufgehört zu blitzen und so fürchterlich laut zu donnern. Allerdings regnet es immer noch wie aus Eimern.
Bestimmt haben Juliane und ihre Freunde ihn schon gefunden, sie kennen ihn schließlich besser als ich. Oder Flashlight ist von selbst zurück zu seinem Stall gelaufen, wie Juliane meinte. Er schien bis jetzt zumindest immer ein recht kluges Pferd zu sein.
Ich höre den Fernseher aus dem Wohnzimmer im Hintergrund murmeln und lege das Handtuch über eine der Stuhllehnen. Es hat keinen Sinn mehr am Fenster zu sitzen und in die Landschaft zu starren, als würde ich dafür bezahlt werden. Ich nehme den letzten Schluck von meinem Kakao und stelle die Tasse in die Spüle und lasse etwas Wasser reinlaufen.
Mama kommt rein und lächelt.
„Bist du jetzt bereit zu erzählen, was passiert ist, dass du bei einem Gewitter draußen herum läufst und dann völlig zerstört wieder kommst?" Ich zucke mit den Schultern.
„Ein andern Mal vielleicht, Mama." Sie nickt und holt sich ein Glas aus dem Schrank. Ich verlasse die Küche und setze mich neben Papa auf eines der beiden Sofas. Im Fernseher läuft gerade irgendeine Quizsendung.
„Warum so betrübt, Mäuschen?", fragt er fürsorglich und ich lasse mich in die Kissen sinken. Anstatt eine Antwort zu geben, seufze ich einfach nur.
„Verstehe." Mein Vater konzentriert sich wieder auf seine Sendung und ich schweife mit meinen Gedanken ab. Ich sehe Flashlight, wie er völlig verängstigt durch die Straßen des Ortes rennt. Dann kommt er auf die Hauptstraße und...
„Rudolf, da steht ein Pferd draußen im Regen!" Mamas panisches Rufen reißt mich aus meinem kleinen Albtagtraum und ich springe aus dem Sofa sofort in eine aufrechte Position, bevor Papa überhaupt verstanden hat, was Mama da gerufen hat.
Ich laufe zurück in die Küche, drängle mich an meiner Mutter vorbei ans Fenster und tatsächlich: Auf dem Feldweg nähert sich ein weißes großes Tier unserem Haus.
„Flashlight!", hauche ich fassungslos. Meine Mutter schaut ungläubig zu mir herunter und zieht die Augenbrauen hoch, als ich zum Kühlschrank stürme und eine Möhre herausnehme. Eilig hole ich das Schneidbrett aus einer der Schubladen zusammen mit dem größten Messer, was ich zu packen kriege und zerteile das Gemüse in ungleichmäßig große Stücke.
„Was wird das Brooklyn?" Mama kommt zu mir und beobachtet, wie ich die restliche Möhre in Scheiben trenne, aber ich renne bereits einen Raum weiter ins Bad, wo meine völlig durchnässte Jacke über der Badewanne hängt und pule die kleine Plastiktüte mit den übriggebliebenen Apfelstücken hervor. Auf dem Weg zurück in die Küche, stoße ich mit meiner Mutter zusammen. Auch Papa steht jetzt mit uns Flur und schaut verwirrt zu uns.
„Brooklyn, was hast du denn?", fragt Mama und hält mich an den Schultern fest, damit ich ihr nicht wieder ausweichen kann. Ich atme laut aus.
„Flashlight ist heute abgehauen. Juliane wollte mich nicht mithelfen lassen, ihn zu suchen. Aber jetzt ist er ja hier, ich muss ihn zurück bringen." Ich rede so schnell, dass sich meine Worte überschlagen und meine Eltern bestimmt kein Wort verstehen.
„Wer ist Flashlight?", fragt mein Vater und ich verdrehe innerlich die Augen. Ich drängle mich erneut an Mama vorbei und schiebe die Möhren mit einer flüssigen Handbewegung vom Schneidbrett in die Tüte. Mit einem eiligen Blick aus dem Fenster versichere ich mich, dass Flashlight nicht schon wieder verschwunden ist und ich mir das vielleicht alles auch nur eingebildet habe. Aber er kommt tatsächlich den Weg entlang und betritt inzwischen die asphaltierte Straße. Plötzlich bin ich sehr dankbar, dass wir in einem sehr verkehrsberuhigten Bereich leben.
Wieder zurück in den Flur. An der Garderobe muss ich allerdings feststellen, dass ich keine einzige nicht mal halbwegs wasserdichte Jacke besitze.
„Weißt du denn überhaupt, wo er hingehört? Oder willst du bei diesem Mistwetter durch den ganzen Ort laufen?" Da hat meine Mutter nicht ganz Unrecht. Ich suche die ganzen Jackenhaken nach irgendetwas brauchbaren ab und finde schließlich Mamas knallpinken Regenmantel. Naja, besser als nichts bei der Sintflut, die draußen herrscht.
„Juli hat mir gezeigt, wo sie wohnt", lüge ich, in der Hoffnung, dass mich meine Eltern ziehen lassen, bevor Flashlight wieder verschwindet. Wirklich lügen tue ich ja auch nicht. Laut ihr und Kilian muss man nur fünfzehn Minuten dem Feldweg folgen und dann ist man schon da. Ist ja quasi eine genaue Ortsangabe. Aber wenn ich meinen Eltern sage, dass meine Aussage auf einer vagen Schätzung von zwei Gleichaltrigen beruht, lassen dich mich garantiert nicht aus dem Haus. „Ist nicht weit von hier", füge ich noch schnell hinzu.
Meine Eltern schauen sich mit gerunzelter Stirn an, bis mein Vater mit den Schultern zuckt und mir lächelnd zunickt. Und schließlich gibt sich auch meine Mutter geschlagen.
„Dann warte kurz noch, ich gebe dir was mit", seufzt sie und öffnet die Haustür. Ich ziehe ihre Jacke über und schlüpfe in meine etwas höheren Herbstschuhe. Die werden den Regen zwar nicht aufhalten, aber vielleicht dauert es ja einfach noch etwas länger.
Ich umklammere die Plastiktüte und gehe zur Haustür raus. Mir direkt gegenüber auf der anderen Seite der Straße streift Flashlight durch das nasse Gras und lässt den Kopf hängen. Seine Mähne und auch der Rest seines Fells triefen vom ganzen Regen. Ich ziehe die Kapuze über und laufe auf das Pferd zu.
„Flashlight!" Er hebt den Kopf und macht erschrocken einen Satz nach hinten, tiefer ins hohe Gras, wohin ich ihm nur ungern folgen möchte.
„Flashlight, ich bin's", versuche ich es nun etwas vorsichtiger. Ich nehme die Kapuze wieder ab, um ihm mein Gesicht zu zeigen. Sofort sind meine Haare wieder nass. Ich raschle mit der Tüte und hole ein Stückchen Möhre hervor. Er dreht mir die Ohren zu, als er mich zu erkennen scheint und kommt bereitwillig auf mich zu. Einen Meter vor mir bleibt er stehen. Ich biete ihm das Stück auf der flachen Hand an und tatsächlich kommt wieder etwas näher auf mich zu. Er holt sich das Stück und pustet mir sanft ins Gesicht, wie er es immer zur Begrüßung macht.
„Ich bin auch froh, dich wieder zusehen", flüstere ich ihm zu und gebe ihm noch ein Stück Möhre. Als ich ihm beim Kauen beobachte, fällt mir auf, dass er angefangen hat, leicht zu zittern. Es war bestimmt keine Freude bei dem Gewitter durch die Straßen eines Kuhkaffs zu jagen.
„Ich bringe dich jetzt nach Hause, zu Juli." Sofort habe ich wieder das Gefühl, er hört mir aufmerksam zu und versteht jedes meiner Worte. „Dann trocknet man dich bestimmt ab und stellt dich in einen warmen Stall zu deinen Freunden und gibt dir was Leckeres zu fressen. Na, wie klingt das?" Das Pferd schnaubt und ich schiebe noch eine Scheibe des Gemüses nach, der er fast am Stück runterschluckt und mich sofort wieder auffordernd anguckt.
„Brooklyn, hier!" Ich drehe mich um und Mama kommt aus dem Carport hervorgestürmt mit einem alten Springseil in der Hand. Flashlight wendet sich nervös von mir ab und nimmt einige Schritte Sicherheitsabstand, als meine Mutter näher kommt. Ich nehme das Seil an mich und starre sie entgeistert an.
„Was soll ich damit?", frage ich fassungslos.
„An dem Pferd festmachen. Dann kannst du ihn besser festhalten", antwortet meine Mutter ohne mit der Wimper zu zucken. Ich rolle mit den Augen.
„Woran soll ich das denn bitte festmachen? Soll ich es ihm um den Hals wickeln?" Mama zuckt mit den Schultern und macht sich wieder auf den Weg ins Haus. Inzwischen spüre ich die Nässe auch auf meinen Socken.
„Du machst das schon, Schatz", ruft sie mir aufmunternd über ihre Schulter zu. Und da schaue ich zurück zu Flashlight, der wieder näher kommt und meine Hand mit der Tüte anstupst, als habe er Angst, ich hätte vergessen, dass er gerne was knabbern möchte. Und plötzlich steht das Pferd so nah vor mir wie noch nie zuvor. Der Zaun, der Flashlight sonst davor geschützt hat, von mir berührt zu werden und der Zaun, der mich bis jetzt immer davor bewahrt hat, von diesem Tier aus einem mir unbekannten Grund überrannt zu werden.
Ich beobachte seinen langen geschwungenen Hals und wie die Regentropfen daran herunterlaufen, weil sein Fell vollkommen durchnässt ist.
Ich schaue zurück zu dem alten Springseil in meiner Hand. Es ist relativ dünn, wenn er losstürmen würde, würde es ihn nicht aufhalten. Ich schaue wieder zu Flashlight und gebe ihm ein Viertel von dem Apfel, den er eigentlich schon früher bekommen hätte. Er legt wie immer den Kopf etwas schief und ich stecke die Plastiktüte vorsichtig in die großen Taschen des Regenmantels.
Ich habe nur einen Versuch.
Bevor Flashlight überhaupt begreifen kann, was ich da über seinen Hals geworfen habe, habe ich das andere Ende des Seils schon wieder gepackt und halte es fest in meinen Händen. Zum Glück hat sich das Springseil als eines der großen herausgestellt, wo auch locker drei Personen hintereinander springen können.
Flashlight weicht zurück und reißt den Kopf nach oben. Ich merke, wie das Seil durch meine Finger rutscht und ich mich dabei an den Handflächen verbrenne, doch anders, als das Seil aus Reflex loszulassen, halte ich die Seilenden fester umklammert und stemme mich dagegen. Ich werde ihn nicht so einfach gehen lassen. Zu meinem Glück hört er so plötzlich auf zu ziehen, wie er angefangen hat. Trotzdem verdreht er seine Ohren und bleibt in seiner angespannten Haltung stehen, den Kopf hoch erhoben. Seine blauen Augen mustern mich misstrauisch.
„Sorry...?", entschuldige ich mich halbherzig und hole sofort wieder eine Möhrenscheibe hervor. Das juckende Brennen meiner Handflächen ignoriere ich so gut es mir möglich ist. Ich strecke ihm das Gemüse entgegen und nach einem aufgebrachten Schnauben nimmt er es tatsächlich an. Während er kaut, nutze ich die Möglichkeit einen Doppelknoten (ich will auf Nummer sicher gehen) ins Seil zu machen. Eine lockere Schlaufe aus dreckig weißem Springseil um seinen Hals und der Rest fünfmal in sich selbst verwickelt in meinen Händen.
Oh. Mein. Gott. Was mache ich gerade? Dieses Tier ist unberechenbar, wenn er will könnte er anfangen wegzurennen und niemand könnte ihn hindern. Schon gar nicht ich. Er ist immer noch ein wildes Tier, da mag er noch so menschenlieb sein, ein bisschen freie Natur bleibt in diesen Tieren immer zurück.
Kaum schaut Flashlight mich wieder auffordernd an, gebe ich ihm erneut etwas zu fressen, damit er vielleicht gar nicht merkt, dass ich gerade ein Seil um seinen Hals gewickelt habe.
„Komm, Flashlight. Wir wollen jetzt mal wieder zurück in den Stall, was?" Ich gehe etwas von ihm weg, Richtung Feldweg und als ich merke, wie das Seil anfängt zu spannen, zupfe ich etwas daran. Und tatsächlich, kurz darauf hängt das Springseil wieder durch und sein großer weißer Kopf mit der weichen rosa Nase taucht neben meinem Kopf auf. Ich nehme einen großen Schritt Seitenabstand zu ihm und seinen großen Hufen, dann gehe ich weiter. Und Flashlight läuft halb neben mir, als würden wir den ganzen Tag nichts anderes machen.
Immer wieder bleibt er stehen um nasses Gras vom Wegrand auszurupfen, aber mit einigen Lockversuchen mit den Möhren und Äpfeln in meiner Tasche, bringe ich ihn wieder zurück auf den Weg.

Als wir die Weide hinter uns gelassen haben, hört Flashlight inzwischen auf immer wieder kleine Snackpausen einzulegen und lässt beim Laufen den Kopf hängen. Er ist bestimmt genauso müde und ausgelaugt wie ich. Das Adrenalin, das sich in meinem Körper ausgebreitet hat, als ich Flashlight draußen entdeckt habe, als ich sicher war, dass es ihm gut geht, hat sich verpufft und es bleibt eine bleierne Müdigkeit, die sich über den gesamten Ort ausgebreitet hat.
Der Regen wird zu meinem Bedauern nicht weniger und durch die aufziehende Nacht, verdunkelt sich der Himmel so, dass ich nicht weiß, ob ich irgendwann eigentlich noch den Weg zu meinen Füßen sehen kann, wenn das so weiter geht. Ich befinde mich jetzt in unbekanntem Gebiet, der einzige, der sich hier auskennt, ist Flashlight und der sieht nicht so aus, als würde er mir auf der Suche nach dem richtigen Weg helfen wollen. Zu meinem Glück sind wir bis jetzt noch keiner Weggabelung begegnet.
„Wir sind bestimmt gleich da", murmle ich, um mir selber etwas Mut zu machen. Der Regenmantel ist inzwischen auch komplett durchgeweicht und meine Haare hängen in nassen und verfilzten Strähnen nach unten. Die Kapuze habe ich gar nicht mehr aufgezogen.
Es wird immer dunkler und ich bin froh, dass der Weg nur stumpf gerade aus zu verlaufen scheint. Flashlight läuft immer noch brav neben mir her und ich muss aufpassen, dass meine lose Schlaufe nicht von seinem Hals rutscht, wenn er den Kopf noch etwas tiefer hält. Aber immerhin scheint er es mir nicht übel zu nehmen, dass ich ihm unerlaubt so nahe gekommen bin.
Ich weiß nicht, wie lange wir schon unterwegs sind, aber ich habe das Gefühl, dass es schon ewig ist. Meine Füße spüre ich vor lauter Nässe und Kälte nicht mehr, genauso wie meine Hände, die das Seil aber immer noch fest und tapfer umklammern. Dann irgendwo in der Dunkelheit und hinter den Regenschleiern bilde ich mir ein, ein Licht zu sehen.
Ich beginne schneller zu werden und Flashlight muss sich meinem Tempo wohl oder übel anpassen. Neben mit tauchen Zäune auf. Auf dem Weg versuche ich den langgezogenen Pfützen auszuweichen, die sich über das Gewitter in den Fahrrillen des Weges gebildet haben. Aus der Ferne höre ich ein Bellen und kurz darauf ein helles Wiehern.
Das muss es sein, da bin ich mir sicher. Flashlight hat den Kopf hoch genommen und unsicher die Ohren nach hinten gedreht. Das Pferd folgt mir nun widerwilliger als noch einige Meter zuvor. Das wird es definitiv sein.
Neben dem Zaun taucht plötzlich eine Lücke auf. Eine breite Einfahrt, die von zwei großen Steinsäulen flankiert ist. Es ist Kies ausgestreut und ich kann am Ende ein schummriges Licht erkennen. Ich folge der langen Auffahrt und behalte das Licht fest im Visier. Der nasse Kies knirscht unter meinen Schuhen und Flashlights Hufen. Je näher ich komme, desto mehr kann ich auch erkennen.
Das Licht, was ich mir doch nicht eingebildet habe, kommt von einem Auto, was schräg auf einem großen Platz am Ende dieser gefühlt unendlichen Auffahrt steht. Durch den Schein des Abblendlichts kann ich ein Wohnhaus und die schemenhaften Umrisse von anderen Gebäuden erkennen, die den Schotterplatz umgeben. In der Mitte steht ein großer Baum, auf dessen Blätter der Regen prasselt. Unter dem Baum steht ein Reiter, dessen Pferd bei dem Regen ebenfalls den Kopf hängen lässt, genauso wie Flashlight es macht. Der kleinere Reiter unterhält sich angeregt mit einem Mann, der noch mit einem Bein im Auto steht und beim Reden wild mit der Hand gestikuliert.
Ich höre nicht, über was sie diskutieren, als ich näher komme, denn der Lärm, den die Regentropfen auf den Blättern des Baumes verursachen, übertönt es. Auch als ich das Ende der Auffahrt erreiche und unsicher auf den Hof trete, kann ich außer einem unverständlichen Murmeln der beiden nicht wirklich etwas Verständliches aus ihrer Unterhaltung aufschnappen. Das Pferd auf dem Hof hebt den Kopf. Der Reiter ignoriert sein Tier, aber der Autofahrer schaut in unsere Richtung und zeigt schließlich mit dem Finger auf mich. Der Reiter wendet sich mir und Flashlight zu und ich sehe seine Augen unter seiner komischen Kappe aufblitzen sehen. Ich bleibe unschlüssig da stehen, wo ich gerade bin. Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll und auch Flashlight mag sich keinen Zentimeter mehr bewegen und lässt seinen Kopf neben meiner Schulter hängen. Der Autofahrer und der Reiter, ohne sein Pferd im Schlepptau, kommen eilig auf mich zu.
Der Reiter ist zuerst bei mir und ich merke, wie Flashlight einen Schritt zurück macht. Die Person ist nicht viel größer wie ich, nimmt den dunklen Helm vom Kopf und sofort starre ich in ein mir sehr bekanntes Gesicht. Zaghaft hebe ich die Hand zu Gruß und ziehe den Mundwinkel hoch. Mein Gegenüber starrt mich an wie einen Geist.
„Hey Juli...", murmle ich zögernd und Flashlight schnaubt bestätigend.


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