Als ich am Samstagmorgen mit meinem Rad über die Feldwege fahre, liegt eine andere Stimmung in der Luft als sonst. Was vielleicht auch daran liegt, dass ich ein bisschen aufgeregt bin.
Heute würde ich das erste Mal mit auf ein Turnier gehen und mir von Kilian zeigen lassen, auf was er sich die ganzen letzten Tage vorbereitet hat.
Ich habe meinen Rucksack heute Morgen nur mit dem Nötigsten befüllt, um pünktlich um acht das Haus zu verlassen. Frühstück gab es auf die Hand.
Als ich auf den Hof komme und vom Rad springe, sind bereits alle beschäftigt. Unter der großen Eiche steht der alte Geländewagen mit angehängtem Pferdehänger. Ich sehe, wie Kilian und Louisa, das Mädchen mit den getönten Haaren, Abacano und ein Pferd mit goldenem Fell und weißer Mähne hinein führen. Der Kofferraum des Autos steht offen und neben dem Auto stehen neben Putzkästen noch viele verschiedene Kisten mit Sprays, Tuben und etwas, was Verbandszeug sein muss.
„Morgen!" Juli ist hinter dem Auto aufgetaucht und stellt noch eine Kiste voller undefinierbarer Dosen und Flaschen dazu. Selbst um diese Uhrzeit an einem Samstag scheint sie gute Laune zu haben. Verdammte Morgenmenschen...
„Morgen", antworte ich aus Höflichkeit und schiebe mein Rad Richtung Stall. Scheriff liegt in der Sonne und schaut mir aufmerksam hinterher.
„Wenn du dein Rad in den Stall gestellt hast, kannst du mir beim Einräumen der Kisten helfen, okay?", ruft Juli mir noch hinterher und ich seufze leise. Eins muss man ihr lassen, sie kommt immer direkt zur Sache.
„Okay...", antworte ich und schiebe mein Rad weiter neben mir her. Im Stall herrscht Aufregung, als ich durch die kleine Tür komme. Alle Pferde stehen noch in ihren Boxen und einige scharren unruhig mit den Hufen. Der große Schwarze in der ersten Box streckt mir seinen Kopf entgegen und wiehert laut. Sofort stimmen andere in den Ruf mit ein.
„Was habt ihr denn alle?" Ich stelle mein Fahrrad in eine freie Ecke und werfe dann einen unsicheren Blick in die Box von Blacklist. Das Pferd stupst erst mich an, dreht sich dann um und streckt seine Nase in seinen Futtertrog. Der Trog ist leer. Empört zieht er seine Schnauze wieder raus und kommt wieder zu mir.
„Willst du mir gerade erzählen, dass du Hunger hast?" Das Pferd mustert mich aus seinen großen Augen. Bei dem Wort Hunger streckt nebenan ein graues Pferd seinen Kopf in die Stallgasse.
„Und was soll ich jetzt dagegen machen?" Die beiden blinzeln und scheinen selbst kurz zu überlegen, was ich jetzt an ihrer Situation ändern könnte. Da geht die Tür zum Stall hinter mir wieder auf und sofort wiehert Blacklist mir mit einer außergewöhnlichen Lautstärke direkt ins Ohr.
„Jaja, ist gut!" Es ist Juli, die zielstrebig die Stallgasse entlang läuft und sich an einem der Schränke zu schaffen macht.
„Haben die Hunger?", frage ich sie und entferne mich aus Sicherheitsgründen von der Box des großen Schwarzen. Ich habe keine Lust nun auf beiden Ohren taub zu werden.
„Ja, wir haben alle schon früh angefangen mit dem Beladen und allem, deswegen sind wir mit dem Füttern spät dran. Das machen Adam, Louisa und Bernhard, sobald wir weg sind." Juli kramt in dem Schrank herum und befördert eine weiße Schabracke zu Tage. Sie ist mit schwarzen Kordeln verziert und unten in der Ecke hat jemand eine Rose und die Worte ‚Gestüt Rosenfeld' mit schwarzem Faden aufgestickt.
„Kilian weiß seit fast drei Monaten von diesem Turnier und trotzdem schafft er es nicht, sich pünktlich auf eine Schabracke zu einigen. Ist das denn zu fassen?" Juli verdreht die Augen und kommt auf mich zu. Gemeinsam verlassen wir den Stall wieder, unter empörtem Wiehern der Pferde.
Draußen verschließen Kilian und Louisa gerade die Hängerklappe und am Auto räumt bereits ein Typ herum, den ich noch nicht kenne. Ich rate, dass es sich dabei wohl um diesen Adam handeln muss.
„Hier, die kannst du jetzt selber wegräumen!" Juli drückt ihrem Bruder die Schabracke in die Hand und geht weiter zum offenen Kofferraum, um dem Fremden beim Einräumen zu helfen.
„Danke, Schwesterherz!" Kilian wirft seiner Schwester eine übertriebene Kusshand hinterher und sieht dann zu mir.
„Hi, Brook. Schön, dass du da bist." Ich erwidere sein Lächeln und merke, wie meine Wangen etwas warm werden. Kilian gibt gerade ein unglaubliches Bild ab. Er trägt ein weißes Hemd und eine weiße Hose und sieht aus, als würde er leuchten. Nein, es sieht nicht nur so aus, er tut es wirklich. Und neben diesem imaginären Heiligenschein strahlt er auch noch eine ungeheure Aufregung aus.
„Ich bringe eben die Schabracke weg. Du kannst den anderen helfen den Kofferraum noch einzuräumen. Sobald Vater die Papiere aus dem Büro geholt hat, werden wir starten." Ich nicke und sehe Kilian dabei zu, wie er eine kleine Tür am Hänger öffnet und beginnt in einem kleinen Abstellkämmerchen herum zu räumen.
Am Kofferraum haben Juli und der andere Typ bereits einen Großteil der Kisten und Taschen verstaut. Juli mustert ihr Werk zwischendurch abschätzend.
„Meinst du das hält?"
„Klaro, selbst bei einer Vollbremsung wird alles an seinem Ort bleiben, versprochen!" Der junge Mann schaut stolz zu Juli. Da gleitet sein Blick zu mir und seine Augen beginnen zu leuchten, wie die eines Kindes.
„Ist das deine neue Freundin, Juli?", fragt der Typ und lächelt noch breiter. Juliane selbst sieht nicht so begeistert aus, als der Fremde mich als ‚neue Freundin' bezeichnet, doch er lässt die restlichen Kisten auf dem Schotter links liegen und kommt mir das letzte Stück entgegen. Vor mir bleibt er stehen und streckt mir seine Hand entgegen.
„Ich bin Adam." Er lächelt mich breit an und seine dunklen Augen funkeln. Er hat einen dunklen Stoppelbart und ich wette, dass er ihn bestimmt nur trägt, weil er ohne aussieht wie ein Siebtklässler.
„Brooklyn", antworte ich und gebe ihm aus Höflichkeit die Hand. Doch schnell bin ich wieder froh, als er sie loslässt. Er hat einen verdammt festen Händedruck. Adam hat einen gewissen südeuropäischen Touch, den ich nicht leugnen kann, doch sein Deutsch ist ohne jegliche Akzente. Vielleicht liegt er einfach nur gerne in der Sonne.
„Du kannst uns hier noch etwas helfen, Brook", unterbricht Juli die Vorstellungsrunde und Adam beginnt sofort wieder, Kisten in den Kofferraum zu heben. Als ich einen genaueren Blick hinein werfe, stutze ich.
„Wollt ihr umziehen?", frage ich Juli und lasse meinen Blick erneut fassungslos über den Inhalt des Kofferraumes wandern. Es ist schon so gut wie jede Ecke vollgestellt.
„Wir haben einfach nur alles mit, was man möglicherweise brauchen könnte", erwidert sie und arrangiert die Putzkästen und kleineren Kisten noch einmal neu, damit sie bei einer Vollbremsung vielleicht nicht sofort abheben. Verbandskästen, Putzsachen, Bandagen, davon der Ersatz und daneben der Ersatz vom Ersatz. Es wirkt ein bisschen so, als würde sie mit ‚Alles' auch eine spontane Zombieapokalypse miteinschließen. Unter den hinteren Sitzen entdecke ich nämlich neben einem Regenschirm auch eine Eisenstange.
Pferdemenschen sind auf alles vorbereitet.
„Pferde: Check... Zaumzeuge und Sättel: Check... Kisten: Check..." Kilian zählt die Packliste dieses Ausflugs an seinen Fingern ab und mustert nachdenklich, wie Juli, Adam und ich weiter den Kofferraum einräumen. Aus dem Pferdehänger taucht Louisa auf und kommt ebenfalls zu uns.
„Fehlen nur noch die Papiere", fügt sie Kilians Liste hinzu und streicht sich eine ihrer pinken Strähnen zurück, die sich aus ihrem Zopf gelöst haben.
„Die holt Vater gerade." Als wir alle Kisten im Auto haben, schließt Juli den Kofferraum und klopft sich die Hände an der Hose ab. „Am besten steigen wir schon mal ein, er wird bestimmt gleich kommen."
„Was ist mit dem Jackett?" Ich kann Kilian seine Anspannung deutlich ansehen. Die Bestürzung in seinem Gesicht wird noch größer, als Juli und die anderen ihn verwundert ansehen.
„Das habe ich!"
Unsere Köpfe schnellen herum, als Erika um das Auto gelaufen kommt und neben einem schwarzen Jackett auf einem Kleiderbügel auch noch eine Tortenhaube mit sich trägt. Sie lächelt mich breit an.
„Brooklyn, wie schön, dass du auch mitkommst. Hier, du kannst kurz die Bauernbrote halten..." Sie drückt mir die Tortenhaube in die Hand und mir steigt der Geruch von gebratenem Speck, frischen Brot und Schnittlauch in die Nase.
„Och, Omama, du brauchst uns doch nichts machen." Juli lächelt ihre Oma breit an und umarmt sie. Adam neben mir versucht derweil einen Blick unter die Haube zu werfen.
„Adam, lässt du das wohl!" Erika lässt ihre Enkelin los und schlägt nach Adams Hand. „Die für euch stehen in der Küche." Die Augen von Louisa und Adam leuchten gleichzeitig auf. Anscheinend gehören die Mitarbeiter hier zu Familie.
„Dann wollen wir mal nicht länger stören. Außerdem wird Herr Lichtenstein ausrasten, wenn wir nicht langsam wieder an die Arbeit gehen." Louisa winkt Juli und Kilian noch zum Abschied und verschwindet dann mit ihrem Arbeitskollegen in Richtung des Wohnhauses.
„Vater wird sich wieder beschweren, dass du uns zu sehr verhätschelst", meint Kilian und nimmt seiner Großmutter das Jackett ab.
„Ach was!" Erika winkt ab. „Ich weiß doch ganz genau, dass ihr vor lauter Aufregung nichts essen würdet. Euer Vater wird sich auch glücklich schätzen, wenn er zwischendurch etwas zu beißen hat." Plötzlich beginnt sie an Kilians Kragen herum zu zupfen. „Wo ist denn deine Krawatte?"
„Die ziehe ich später an." Er entzieht sich dem Griff von Erika. Ihm scheint das unangenehm zu sein. Ich muss grinsen.
„Ich wollte ja nur nachfragen." Sie schüttelt lächelnd den Kopf. „Nicht das du die am Ende noch vergisst." Kilian verdreht die Augen und Juli versucht ihre Omama zu beruhigen.
„Wird er schon nicht. Ich habe sie höchstpersönlich eingepackt und werde ihn daran erinnern." Kilian wirft seiner Schwester einen dankbaren Blick zu.
„Nun gut, ich will euch nicht weiter stören, euer Vater kommt bestimmt gleich und dann will er direkt losfahren." Erika nimmt ihre Enkelkinder nacheinander in den Arm, wünscht ihnen viel Spaß und Kilian zusätzlich viel Glück. Dann macht sie sich auf den Weg zurück ins Haus.
„Ruft an, sobald ihr auf dem Rückweg seid, ja? Damit ich mich ums Abendessen kümmern kann", ruft sie uns noch über das Autodach zu, bevor sie verschwindet. Juli lacht und nickt.
„Machen wir, Omama." Kichernd sehen sie und Kilian sich an.
„Immer dasselbe", murmelt er und grinst mich an. „Aber wäre auch schade, wenn wir später nichts zu essen hätten."
Er wechselt die Seite des Autos und öffnet die hintere Tür, um das Jackett an den Griff zu hängen. Ich schiebe derweil die Tortenhaube auf die Rückbank und stelle meinen Rucksack daneben. Bevor wir einsteigen können, kommt noch jemand rufend auf uns zu gelaufen. Nun ja, er ruft nach Juli.
„Hey, da seid ihr ja noch!" Aaron trägt eine Mütze über seinen zotteligen Haaren und ein Skateboard unterm Arm. Wie auch immer er es auf diesem Labyrinth aus Feldwegen und Schotterpisten benutzen will, ohne sich auf die Fresse zu legen. Wahrscheinlich hat es für ihn rein ästhetische Gründe.
Kaum ist er aufgetaucht und nähert sich mit langen federnden Schritten Juli, wirft Kilian ihm über das Autodach einen finsteren Blick zu, den ich von ihm so nie erwartet hätte.
„Du hättest schon vor einer Stunde hier sein sollen", wirft er Aaron zur Begrüßung entgegen und seine Stimme sprüht nur so vor Hass. Aaron wirft ihn einem verächtlichen Blick von der Seite zu.
„Früher fuhr kein Bus", erwidert er mit eiskalter Stimme. Ich bemerke die Panik in Julis Blick.
„Dann musst du halt anders hier hinkommen. Wenn mein Vater das mitbekommt, dann kannst du dir diesen Job hier abschminken." Die Tonlage von Kilian macht mir fast Angst. Ich wusste ja, dass er auf Aaron nicht gut zu sprechen ist, aber er scheint ja plötzlich wie verwandelt zu sein. Von dem freundlichen, höflichen Kilian ist nichts mehr übrig.
„Hier, Juli, das wollte ich dir noch geben." Aaron beschließt, Kilian ab jetzt nicht weiter zu beachten und fängt sich dafür den giftigsten Blick ein, den ich je bei einem Menschen gesehen habe. Wütend knallt Kilian die Autotür wieder zu, rührt sich aber nicht vom Fleck.
„Oh, danke. Du bist der Beste!" Juli nimmt das kleine in einer Plastiktüte eingewickelte Etwas entgegen und strahlt Aaron an. Ich kann Kilians Hass förmlich greifen und bin zu nichts anderem in der Lage, als dumm im Weg zu stehen und zwischen den beiden Jungs hin und her zu starren.
„Wir sehen uns heute Abend. Viel Spaß!" Aaron lächelt Juli auf eine ehrliche Art und Weise an, die ich so nur selten bei ihm sehe, und würdigt Kilian eines letzten hasserfüllten Blickes, bevor er sich umdreht und in den Pensionsstall verschwindet.
So muss es sich anfühlen, wenn man mit scharfen Handgranaten jongliert.
„Was ist das?" Kilian hat die Stirn immer noch in wütende Falten gelegt. Juli dreht sich zu ihm um und plötzlich ist das breite Lächeln aus ihrem Gesicht verschwunden.
„Sag mal, hast du sie noch alle? Dass du jedes Mal so einen Aufstand machen musst!"
„Ich? Aufstand?" Kilian zieht überrascht die Augenbrauen hoch. „Was willst du denn mit dem? Der ist ein verdammter Schläger, Juli!"
„Er ist kein Schläger!" Julis Stimme wird lauter. Scheriff springt von seinem Platz auf und fängt an zu bellen. Aus dem Haus stimmen zwei andere Hunde mit ein. „Und außerdem will ich doch gar nichts von ihm!"
„Ach, nein? Das sieht aber von hier ganz anders aus, wenn du mich fragst!", giftet Kilian zurück. Er geht wieder um das Auto herum und reißt die Beifahrertür auf. Schneller als Juli und ich gucken können, hat er sich ins Auto gesetzt und die Tür wieder hinter sich zugeknallt.
Juli stöhnt auf, verdreht die Augen und drückt mir das kleine eingewickelte Päckchen in die Hand. Dann deutet sie mir an, einzusteigen. Während ich zusammen mit Julis Geschenk auf die Rückbank klettere, öffnet sie die Beifahrertür.
„Jetzt sei nicht wieder beleidigt. Ich will nichts von ihm und er nichts von mir. Wir sind einfach nur gut befreundet!" Sie gibt sich Mühe, nicht wieder laut zu werden und Kilian mustert sie von oben bis unten.
„Das mag ja sein, dass du nur mit ihm befreundet bist, aber bei dem bin ich mir nicht ganz so sicher. Oder warum sollte er dir ständig Geschenke mitbringen?" Ich sehe im Rückspiegel, wie er anklagend die Augenbraue hochzieht. Juli öffnet den Mund, um etwas zu erwidern, als sie die Fahrertür öffnet und sich jemand hinter das Steuer setzt. Wir erstarren in unserer Haltung.
„Wer bringt wem Geschenke mit?" Hinterm Lenkrad sitzt der Vater von Juli und Kilian. Ich erkenne ihn sofort an seiner Nase und an den grauen Strähnen im Bereich der Schläfen. Fragend mustert er seine Kinder.
„Es ist kein Geschenk!", erwidert Juli und deutet mir an, die kleine Plastiktüte nach vorne zu reichen. Kilian nimmt sie mir ab und greift hinein. Er befördert ein Paar alte Handschuhe zu Tage. An Julis triumphierender Miene kann ich erkennen, dass sein Blick unbezahlbar sein muss.
„Mareike hatte noch ein altes Paar Reithandschuhe für den Winter, die hat Aaron mir nur mitgebracht." Juli entreißt Kilian die Handschuhe wieder, stopft sie zurück in die Tüte und schließt die Beifahrertür. Sie kommt zu mir und klettert neben mir auf den Sitz. Ihr Vater folgt ihren Bewegungen im Rückspiegel.
„Aaron, also..." Die blauen Augen, die Kilians zum Verwechseln ähnlich sehen, wandern zu Julis Bruder und zurück zu uns auf die Rückbank. Sein Blick streift mich nur kurz und darüber bin ich froh. Julis Vater ist immer noch kein großer Sympathieträger. „Warum brauchtest du denn Mareikes alte Handschuhe?"
„Meine haben ein Loch am Daumen, da zieht es rein", antwortet Juli und erwidert den Blick ihres Vaters. Julis Vater löst schließlich seinen Blick von der Rückbank und lässt das Auto an.
„Warum nimmst du nicht welche von deiner Mutter?" Als ihr Vater das sagt, schaut er keines seiner Kinder an und ich sehe, wie Kilian seiner Schwester einen kurzen besorgten Blick über die Schulter zuwirft. Der Ärger scheint bei ihm schon verpufft zu sein.
Juli braucht ihre Zeit, bevor sie antwortet. „Die sind noch zu groß." Ihre Antwort geht bei dem Motorgeräusch des SUVs fast unter.
Damit scheint das Thema für die Familie Lichtenstein beendet zu sein.
„Hier, Kilian. Das hast du liegen lassen." Der Vater reicht Kilian einen A4- Zettel und ein kleines gelbes Post-It. Er nimmt es entgegen und wirft einen kurzen Blick darauf. Einen kleinen Hefter verstaut der Vater noch im Handschuhfach, bevor er sich anschnallt und ich seinem Beispiel folge. Bis jetzt scheint er mich noch nicht wirklich bemerkt zu haben. Oder mich nicht bemerken zu wollen.
„Lass mal sehen!" Auch Juli scheint ihren Ärger vergessen zu haben. Sie schnallt sich an und lehnt sich nach vorne. Kilian reicht ihr den großen Zettel.
Neugierig wirft Juli einen Blick darauf und auch ich lehne mich zu ihr rüber. Auf dem Zettel stehen verschiedene Buchstaben und dahinter Sachen wie Galoppwechsel, Mittelgalopp und Traversale. Ich werde daraus nicht schlau.
„Die Dressuraufgabe", murmelt Juli mir zu, als sie meinen fragenden Blick bemerkt. Ihr Vater löst die Handbremse und wir fahren los. „Das muss Kilian alles reiten." Ich runzle die Stirn.
„Ich dachte, man darf sich das aussuchen, wie man reitet." Juli prustet los und auch Kilian wirft mir einen amüsierten Blick zu.
„So funktioniert das nicht, das wäre ja viel zu leicht!" Kilian dreht sich so gut es geht zu uns um. „Jeder Reiter bekommt die gleiche Aufgabe, also Abfolge von Figuren, damit man sie besser miteinander vergleichen kann. Ich habe diese Abfolge auf dem Zettel gelernt und muss sie nun auswendig reiten können. Darin besteht ein Teil der Dressurprüfung."
„Für die Sicherheit schreibt er sich aber auch immer Spicker", sagt Juli und zeigt auf den kleinen gelben Klebezettel in Kilians Hand, auf dem auch wirre Buchstabenfolgen stehen.
„Das ist kein Spicker!", erwidert Kilian. „Ich habe dem immer mit im Handschuh, wie soll ich da spicken?" Er schaut zu mir. „Es ist mehr als Glücksbringer gedacht."
Juli verdreht die Augen. „Als ob du das Glück nötig hättest."
Kilian zwinkert uns zu. „Von Talent allein kann ich ja auch nicht leben." Juli kichert.
„Na klar. Also wirst du einfach abergläubisch." Wir lachen und ich lehne mich im Sitz zurück. Vielleicht können wir heute noch einer Katastrophe entgehen.
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Mit Herz und Huf - Gefunden
Teen FictionBrooklyn ist ein Kind der Stadt, das ist sie seit ihres ersten Tages und das wird sie auch immer bleiben. Davon ist sie zumindest immer stark ausgegangen. Doch wie es das Schicksal will, kommt ihrem perfekten Leben ein Umzug dazwischen. Und ausgerec...
