20. Traumtänzer

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Ich habe mir die halbe Nacht darüber Gedanken gemacht, was Juli mir über Flashlight erzählt hat.
Angststörungen
Unkontrollierbar
Unreitbar
Nicht mehr zu retten
Er oder wir
So unberechenbar wie Juliane ihn in ihrer Erzählung dargestellt hat, ist er mir nie vorgekommen, aber seitdem er sich gestern so aufgeregt gegen den Zaun gedrückt hat, habe ich eine Ahnung wovon sie reden könnte. Ich ärgere mich darüber, dass dieses Verhalten an ihm mir Angst gemacht hat. Es fühlt sich an, als hätte ich ihn durch meine Angst verraten. Ich weiß, dass er sonst ein ganz anderes Pferd ist. Etwas misstrauisch, aber trotzdem neugierig; er liebt Äpfel und ist ein super Zuhörer. Er lässt sich zwar nicht gerne anfassen, allerdings kann ich darüber hinweg sehen. Und schließlich hat er sich mit der Zeit ja auch an mich gewöhnt und kommt inzwischen viel näher.
Aber das was ich hinter dem Stallgebäude gesehen habe, das ist alles, was die anderen in ihm sehen werden. Und das wird auch das sein, was Juli noch in ihrem vorherigen Traumtier sieht. Ein Problempferd.
Ich frage mich, was Juli wohl damals auf der Auktion gesehen hat, ein stolzes schneeweißes Pferd mit hocherhobenem Kopf und demselben schön geschwungenen Hals, den er jetzt noch hat. Oder ob er damals schon so nervös und schreckhaft gewesen ist und sie Flashlight nur aus Mitleid und einem Fünkchen Hoffnung mitgenommen hat.
Irgendwann schaffe ich es trotzdem einzuschlafen. Allerdings nicht so ruhig wie ich wollte.
Ich stehe auf einer weiten Wiese, um mich herum am Horizont die Wipfel von Bäumen und ich bilde mir auch ein irgendwo einen Fluss rauschen zu hören. Über mir der weite Himmel, der im schönsten Blau strahlt. Ein leichter Wind geht über die Ebene, trotzdem ist es angenehm warm und irgendwie gefällt es mir hier.
Plötzlich verstärkt sich der Wind und ein Donnern überzeiht die schöne Szenerie. Ich kann nirgends eine Gewitterwolke am Horizont entdecken, doch da erübrigt sich meine Frage auch schon. Etwas dunkles Großes nähert sich schnell vom Waldrand. Und es bringt Freunde mit. Immer noch scheint von irgendwoher die Sonne und ich habe auch nicht das Gefühl, mich fürchten zu müssen. Doch unwohl ist mir schon.
Das Grollen wächst an und dieses Etwas kommt immer näher. Ich kann erkennen, dass es vier Beine hat und wehendes Haar und auch seine Freunde sehen so aus. Da rauscht etwas von der Seite an mich heran und ich springe erschrocken zurück. Ein riesiges schwarzes Pferd prescht an mir vorbei und auch das große Etwas von vorhin ist nun bei mir angekommen. Ebenfalls ein Pferd. Es ist eine ganze Herde. Sie beginnen wild um mich herum zu laufen und ich bekomme nun tatsächlich Beklemmungen. Dieses laute Donnern der Hufe und der pfeifende Wind beginnen mir in den Ohren zu schmerzen und ich habe ständig Panik eines könnte die Richtung ändern und mich überrennen. Ich drücke mir die Hände gegen die Ohren und schließe die Augen, in der Hoffnung, sie würden dann verschwinden. Und tatsächlich wird es auf einmal totenstill.
Ich öffne die Augen und schaue wieder auf und tatsächlich sind die schwarzen Pferde stehen geblieben und verschwinden alle nacheinander wieder in Richtung des Waldes. Und dann steht er da. Einfach so.
„Flashlight." Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus und ich gehe schnell einige Schritte auf ihn zu. Er weicht nicht zurück und sein Fell glänzt noch schöner wie sonst im Licht dieser nicht vorhandenen Sonne. Seine blauen Augen mustern mich freundlich. Ich bleibe kurz vor ihm stehen und strecke die Hand vorsichtig nach seiner rosa Nase aus. Er pustet mir wie immer leicht ins Gesicht und drückt schließlich ohne viel Zögern seine Nase gegen meine Handfläche. Ich bin zu fasziniert von diesem Anblick, als wirklich darüber nachzudenken, was hier gerade passiert. Ich nehme meine andere Hand und fahre damit über seinen geschwungenen Hals. Er scheint meine Berührungen sichtlich zu genießen und ich tue es irgendwie auch.
Ich lasse seine Nase los und wandere weiter an ihm lang. Er dreht den Kopf, um zu mir zu sehen und schließlich lege ich beide Hände auf seinen Rücken. Ich werfe ihm einen kurzen Blick zu und sehe Zuversicht in seinen Augen. Als wolle er mir Mut zu sprechen.
Ich springe vom Boden ab, ziehe mich hoch und schaffe es, etwas umständlich zugegeben, auf seinen Rücken. Von hier oben sieht alles riesig aus. Ich will gerade nach seiner seidigen Mähne greifen, als Flashlight sich aufbäumt, schrill wiehert und ich herunterfalle. Mit einem lauten Schlag komme ich auf dem Boden auf.
Auf dem Boden meines Zimmers. Halb eingewickelt in meine Bettdecke liege ich auf dem Rücken neben meinem Bett und spüre den dumpfen Schmerz in meinem Rücken, den der Aufprall verursacht hat. Zu meinem Glück habe ich die Seite meines Bettes erwischt, auf der kein Nachtischschränkchen steht, sonst hätte ich mir bestimmt noch den Hinterkopf aufgeschlagen.
Da poltert irgendwas die Treppenstufen hoch und keine Sekunde später reißen meine beiden Brüder meine Zimmertür auf.
„Alles gut, Brooklyn?"
„Mann, das hat ja einen Schlag gegeben!"
„Ja, das ganze Haus hat gebebt!" Leon grinst mich an und Luis lacht über die dämliche Aussage seines Zwillings.
„Ja, nichts passiert. Habt ihr's jetzt?" Ich setze mich endgültig auf und reibe mir über die Augen. Es ist eindeutig noch zu früh für diesen Mist. Leon zuckt mit den Schultern und ist schon dabei, die Tür wieder zuzuziehen, als Luis sie wieder speerangelweit aufstößt.
„Mama ist schon auf der Arbeit und Papa sagt, wir sollen den Bus nehmen", erklärt er und mustert mich aus seinen Rehaugen, die er von unserer Mutter geerbt hat, genauso wie seine Kopie im Hintergrund.
„Wie, Mama ist schon weg?" Ich stöhne auf. Bus fahren ist das Letzte worauf ich Lust habe. Zwar sind meine Brüder und ich mit der Bushaltestelle und den Fahrzeiten vertraut gemacht worden, aber eigentlich will ich mein Privileg, zur Schule gefahren zu werden, nicht gegen einen mit Kindern vollgestopften Bus eintauschen. „Muss das sein?"
„Hör auf dich zu beschweren, Brook. Du hast erst zur zweiten. Da ist der Bus bestimmt leerer", erwidert Leon, der bereits wieder dabei ist, seinen Bruder am Ärmel seines T-Shirts aus meinem Zimmer zu ziehen. Ich kann nicht behaupten, großen Respekt von meinen Brüder zu erhalten, aber Leon achtet meine Privatsphäre immerhin noch mehr wie Luis. „Und wir gehen jetzt auch, wir müssen jetzt los. Bis heute Nachmittag, Brooklyn." Die Giftzwerge stürmen aus meinem Raum und knallen dabei die Tür hinter sich zu.
Seufzend stehe ich auf und werfe meine Bettdecke und schließlich mich wieder auf mein Bett. Erneut hinlegen macht keinen Sinn, wenn ich einmal wach bin, dann hat der Tag für mich begonnen. Also auf dem Rücken liegen und aus den Dachfenstern starren. Die Jalousien sind zwar noch zugezogen, aber an den Rändern kann ich bereits die Sonne durchscheinen sehen.
Erneut kommen die Gedanken an Flashlight und an meinen Traum zurück. Er hat sich von mir anfassen lassen und er hat es genossen. Er ist auf mich zugekommen. Mich, niemanden sonst.
Vielleicht...
Nein, was für ein bescheuerter Gedanke. Ich bin ja gerade mal in der Lage ein Pferd richtig im Kreis zu führen und es ohne Hilfe in der richtigen Reihenfolge zu putzen. Nein, das war eine richtig doofe Idee.
Ich stehe auf und sammle mir ein Outfit aus den herumliegenden Klamotten zusammen. Irgendetwas muss ich tun, denn einfach nur herumliegen kann ich später auch noch. Hoffentlich. Ich habe noch gut eine Stunde, bis laut Fahrplan der für uns zuständige Bus kommt, also werde ich die Zeit nutzen, mich etwas unter der Dusche abzulenken. Was bestimmt nicht verkehrt ist.

Mit Herz und Huf - GefundenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt