„John, sie wird nicht verdächtigt", kam nun mein Cop, Daniel Williams, auch mal zu Wort.
„Ach Schwachsinn", erwiderte Hall, „das letzte Mal hatte sie jemanden erschossen. Wobei ich mich jetzt natürlich frage, warum sie wieder auf freiem Fuß ist..." Er ließ die Worte bedeutungsschwanger in der Luft hängen. Officer Williams sah mich nun mit erwachtem Misstrauen genauer an.
„Ist das wahr?"
Ich räusperte mich. „Ich bin nicht ausgebrochen, falls Sie darauf hinauswollen", mein Unwille war mir deutlich anzuhören.
Hall ließ lautstark die Luft aus seinem Mund entweichen. „Ja, ist klar, und der Papst ist protestantisch..." Ich warf ihm einen bösen Blick zu.
„Okay, wir können ja einfach in der Datei nachschauen", versuchte Williams schlichtend dazwischen zu gehen. Er weckte den Computer und sah mich dann abwartend an. „Wie heißen Sie denn?"
Ich hatte keine Ahnung, was sie sehen würden, wenn sie versuchten, meine Datei aufzurufen. Aber ich wusste auch nicht, wie ich aus dieser Situation wieder herauskommen sollte. Daher gab ich nach, nannte meinen Namen und versuchte, ruhig zu bleiben, während Williams tippte und die beiden Polizisten dann gebannt auf den Bildschirm starrten.
„Das ist ja seltsam", murmelte Williams, „hattest du so etwas schonmal?" Hall schüttelte den Kopf. Neugierig beugte ich mich ein Stück nach vorn, doch ich konnte absolut nichts vom Bildschirm sehen. Fragen wollte ich aber auch nicht.
„Hm, was machen wir denn jetzt?", fragte Hall, plötzlich klang er gar nicht mehr so triumphierend.
„Da sie sowieso nicht verdächtigt wurde, lassen wir sie sich frisch machen und rufen dann die Sanitäter für sie oder lassen sie gehen", entschied Daniel, sah mich endlich wieder an und lächelte entschuldigend. Ich war aber nicht in der Laune irgendein Verhalten zu entschuldigen.
„Ich geh mal eben auf die Toilette", meinte ich nur pampig. Auf dem Weg lief ich um seinen Schreibtisch herum und warf dabei einen Blick auf den Bildschirm. Was ich dort sah, gab mir dann doch zu denken.
Als ich die Tür zur Damentoilette aufdrückte, zuckte ich erstmal erschrocken zurück. Direkt hinter der Tür befanden sich die Waschbecken mit Spiegeln. Ich erkannte mich kaum wieder. Entsetzt musterte ich mein zerstörtes Gesicht. Mein linkes Auge war dick angeschwollen und hatte sich in die Richtung Pflaume verfärbt. Knapp darüber, an der Schläfe, hatte ich eine fette Platzwunde, das Blut war mir seitlich das Gesicht runtergelaufen, hatte sich an meinem blauen Auge, den Nasenfalten, um den Mund herum gesammelt. Ich sah aus wie frisch vom Schlachtfeld.
Mein erster, instinktiver Gedanke war ein Relikt. Hoffentlich kriege ich das fürs Dirty Love gut überschminkt. Dann schüttelte ich den Kopf. Die Zeiten, in denen ich für die Hounds arbeiten musste, waren vorbei.
Seufzend beugte ich mich über das Waschbecken und versuchte mit Wasser, das getrocknete Blut abzuwaschen. Mund und Nase war noch in Ordnung, doch als ich mein Auge berührte, schoss ein brennender, wohlbekannter Schmerz durch mich. Ich fluchte laut. Am liebsten hätte ich geweint, aber ich riss mich zusammen. Weinen konnte ich heute Nacht immer noch, wenn ich allein war und das alles fürs erste überstanden.
Als ich den Großteil des Blutes abgewaschen hatte, ging ich zumindest etwas frischer und mit einer neuen Idee im Kopf zurück zu meinem Officer Williams.
„Können Sie irgendwie Agent Bushner oder Agent McMahon bei der FBI Ortsstelle erreichen?"
Williams starrte mich an. Dann nahm er ohne ein Wort den Telefonhörer ab, wählte auswendig eine Nummer, sagte „Hey Mandy, könntest du mich mit dem ansässigen Büro des FBI verbinden? – Danke", wartete einige Sekunden, dann schien jemand abzuheben.
„Ja, hallo, hier Officer Williams vom PPD, ja, ist Agent Bushner oder McMahon gerade im Haus? – Würden Sie mich bitte zu einem von ihnen weiterleiten? – Hallo?" Er hielt mir mit einer auffordernden Geste den Hörer hin. Plötzlich wieder verunsichert nahm ich ihn. Ich hatte weder Mais Handynummer, noch die von einem der beiden FBI Agenten eingespeichert, sonst hätte ich direkt angerufen.
„Hallo?", fragte ich.
„Ja, hier Agent McMahon, wer ist dran?", hörte ich McMahons geschäftig klingende Stimme.
„Ähm, hier ist Elisabeth Brooks..." Kurze Pause auf der anderen Seite.
Dann ein scharfes „Was?" Ich hörte sie laut fluchen, netterweise hielt sie aber den Hörer dabei weit von sich.
„Wir suchen Sie schon die ganze Zeit, seit Ms. Young angerufen hat."
„Ähm, ja, Entschuldigung?" Ich wusste nicht genau, wie ich mit ihrer Stimmung umgehen sollte.
„Bleiben Sie dort, wir schicken Mai, die sie abholen soll."
Dann klickte es in der Leitung und sie war weg. Etwas entgeistert blickte ich erst den Hörer und dann Officer Williams an. Dann zuckte ich mit den Schultern.
„Ich soll hier warten..."
Und man konnte sagen, was man wollte, aber Officer Williams kümmerte sich wirklich rührend um mich. Er holte mir eine Cola aus dem Automaten (die er selbst bezahlte) und wollte mir sogar einen Kühlakku bringen. Während er unterwegs war, schlich in einiger Entfernung Hall vorbei, der mich aus seinen Glubschaugen anstarrte. Ich starrte böse zurück. Vielleicht waren nicht alle Cops so, aber Hall war auf jeden Fall ein Bullenschwein mit ordentlichen Vorurteilen und Schubladendenken. Williams kam wieder und Hall trollte sich. Mit einer ordentlichen Portion Genugtuung öffnete ich meine Coladose und nahm einen Schluck. Der Zucker ging schnell ins Blut und so fühlte ich mich wieder ein wenig gestärkt, als Mai in die Polizeistation marschierte.
Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, auf keinen Fall eine Umarmung oder so, aber vielleicht zumindest ein Lächeln oder einen erleichterten Gesichtsausdruck. Aber Mai schaute einfach nur noch mürrischer als sonst. Sie musterte mich kritisch, meinte trocken, dass sie sich die Frage, ob es mir gut ginge, wohl sparen könne und packte mich ins Auto. Ich hatte kaum Zeit, mich von Williams für die Cola zu bedanken.
Im Auto saß ein zweiter Sicherheitsmann auf dem Rücksitz und bei jeder Kurve wurde mein Oberkörper zu ihm rüber geschleudert. Mai fuhr, als würde sie sich in GTA 4 befinden. Lediglich zwanzig Minuten später hielten wir vor dem Safe House und ich stieg mit wackeligen Beinen aus. Mir war kotzübel, dabei wurde mir in Autos normalerweise nie schlecht, war jedenfalls bisher noch nicht vorgekommen.
Doch der wirklich unangenehme Teil kam erst noch. Denn als wir das Haus betraten, begrüßten uns Agent Bushner und Agent McMahon, die natürlich von mir wissen wollten, was passiert war.
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Dark as midnight
Fiksyen RemajaFortsetzung von 'The Dark inside me'! Nachdem Liz den Anführer der Hounds of Hell erschossen hat, eine Gang, die ihr anstrengendes, aber geordnetes Leben zerstört und die Leben ihrer Geschwister bedroht hat, wird sie verhaftet. Beim Versuch, durch e...
