Es knackte in der Gegensprechanlage, dann hörte ich knisternd: „Hallo?"
„Äh, hi, ist Elly da?", stotterte ich versuchsweise. Es knackte wieder, dann summte der Türöffner. Erleichtert drückte ich die Tür auf. Das Treppenhaus sah wiederum ähnlich verkommen aus wie bei uns. Den Muskelkater in meinen Oberschenkeln ignorierend stieg ich die vielen Stufen hinauf, bis ich schließlich endlich im dritten Stock ankam. Elly stand bereits in der offenen Wohnungstür. Sie trug eine Leggins, Top und einen flauschig aussehenden Cardigan, um den ich sie beneidete. Elly grinste schief, als sie mich tropfendes Elend sah, trotzdem blieben ihre Arme vor der Brust verschränkt.
„Na, du?", fragte sie in ihrem lockeren Ton. Eine Strähne ihres dunklen Haares kräuselte sich vorwitzig über ihre Wange und sie pustete sie weg.
„Hey", keuchte ich, noch von den Treppenstufen außer Atem. Dann wusste ich bereits nicht mehr, was ich sagen sollte und stand stumm und tropfend auf dem Treppenabsatz.
Sie musterte mich mich einem Blick, der zwischen mitleidig und belustigt schwankte, prustete dann leicht und meinte: „Na, komm mal rein, du bist ja komplett durchnässt."
Elly gab mir Klamotten von sich, eine Leggins, einen Hoodie und sogar Puschelsocken. Ich zog mich direkt vor ihren Augen um, durch unsere Arbeit im Dirty Love kannte sie meinen Körper besser als Ryan ihn vermutlich gekannt hatte. Endlich wieder in trockene, warme Sachen gepackt, merkte ich erst, wie kalt mir gewesen war und mein Körper fing leicht an zu zittern. Das Mitleid in Ellys Blick verstärkte sich.
„Hast du Lust auf Tee, oder so? Vielleicht Tee mit Rum?" Bei meinem schockierten Blick lachte sie glockenhell auf.
„War nur ein Spaß! Ich weiß doch, dass du nichts trinkst", zwinkerte sich mir zu. Erleichterung durchzuckte mich und ein leises Glucksen entfuhr mir, was Elly dazu veranlasste, ihr breitestes Grinsen aufzusetzen.
„Gott sei Dank, es hat noch Humor", kicherte sie und bezog sich damit sehr wahrscheinlich auf unsere Zeit im Dirty Love, wo sie teilweise einen Witz nach dem anderen gerissen hatte, bis ich dann doch endlich mal gelacht hatte.
Wir setzten uns in die Küche ihrer recht kleinen und chaotischen Wohnung. Sie wohne hier mit ihrer Schwester erklärte Elly, sie hätten es beide nicht mehr zuhause ausgehalten und wären zusammen gezogen. Es gäbe zwar kein Wohnzimmer aber dafür die recht große und gemütliche Küche. Die Küche war tatsächlich ziemlich gemütlich, wenn sich auch in der Spüle das ungewaschene Geschirr stapelte, aber es stand auch ein Sofa in der Küche, auf dass Elly und ich uns kuschelten. Eine Lichterkette rankte sich um das Fenster und vor uns auf einem kleinen Beistelltischchen zog bereits der Tee.
„Also, erzähl mal", forderte Elly mich auf, „was hast du die letzten Wochen so gemacht? Du bist einfach verschwunden, ohne ein Wort zu uns..." Damit besänftigte sie immerhin meine Sorge, dass Noah auch im Stripclub verkündet hätte, dass ich Freiwild wäre. Trotzdem brachte ihre Frage mich in einen Konflikt. Was sollte ich ihr sagen? Die Wahrheit? Wenn ja, wie viel von der Wahrheit? Falls nein, konnte ich mir auf die Schnelle eine glaubhafte Lüge einfallen lassen?
Zögerlich blickte ich Elly an. Sie beobachtete mich aufmerksam aus ihren dunklen Augen und ich beschloss, dass sie die Wahrheit verdient hatte. Trotzdem blieb ich so wage wie möglich.
„Ich konnte euch nicht mehr bescheid sagen", fing ich an, „ich bin in den Knast gekommen." Ich wartete kurz und sah mit leichter Beunruhigung zu, wie Ellies Augen groß wurden. Ob sie mich wohl aus der Wohnung schmeißen würde?
„Warum?", hauchte sie.
„Ich...", rang ich nach Worten, die Wahrheit war schwer und schrecklich, „ich habe jemanden erschossen." Ich sah mein eigenes Entsetzen in ihren Augen gespiegelt. „Es war Notwehr!", schob ich hastig hinterher.
Elly brauchte einige Sekunden um das zu verarbeiten, dann jedoch nahmen ihre Augen wieder ihre normale Größe an. „Oh nein", murmelte sie mitfühlend, „wie ist das denn passiert?"
Ich senkte den Blick auf meine Hände. Sie waren fest ineinander verkrampft. „Kann ich dir das wann anders erzählen?", fragte ich leise. Elly nickte wild.
„Ja, natürlich, das ist ja jetzt gerade auch überhaupt nicht wichtig." Kurz schwieg sie. „Bist du dann heute aus dem Knast freigekommen?"
„Nicht erst heute, aber vor kurzem. Und jetzt weiß ich gerade nicht mehr, wo ich hin soll." Das entsprach zwar nicht hundertprozentig der Wahrheit, aber ich hatte nur Sachen weggelassen.
Elly legte mitfühlend einen Arm um meine Schulter. „Kann ich verstehen, hat deine Mutter dich rausgeworfen?"
Ich sah sie stirnrunzelnd an. Sie zuckte mit einer Achsel. „Meine Mutter hat mich rausgeworfen, als sie das mit dem Koks erfahren hat...", meinte sie. „Zum Glück hatte ich meine Schwester, die kann zwar voll die Zicke sein, aber sie hat immerhin zu mir gehalten." Sie schreckte kurz hoch, als würde ihr etwas einfallen, dann zog sie ihr Handy aus der Hosentasche. „Ach ja, ich muss kurz wem schreiben..." Ich goss derweil den Hagebuttentee ein und wartete darauf, dass Elly ihr Handy weglegte.
„Meine Mutter hat mich nicht rausgeworfen, aber ich kann gerade trotzdem nicht nach Hause", versuchte ich, zu erklären, als ich wieder Ellys Aufmerksamkeit hatte, „ist eine schwierige Situation." Elly nickte verständnisvoll.
„Wenn du willst, kannst du fürs Erste hier pennen", bot sie an. „Du kannst hier auf der Couch schlafen. Meine Schwester wird schon nichts dagegen haben."
Ich sah sie hoffnungsvoll an. „Wäre das wirklich in Ordnung?"
Sie zuckte mit den Schultern und grinste: „Klar!" Pure, klare Erleichterung durchströmte mich. Impulsiv fiel ich ihr um den Hals.
„Danke, danke, danke! Du bist ein Engel", murmelte ich in ihr duftendes Haar. Ich hatte mich schon zusammengerollt und zitternd im Eingang zu einer Mall schlafen sehen. Elly erwiderte meine Umarmung. Dann gluckste sie los.
„Wusstest du eigentlich, dass mein zweiter Vorname Angela ist?", meinte sie, ich sah sie ungläubig an und sie nickte.
„Eleanor Angela, keine Ahnung, was sich meine Eltern dabei gedacht haben...", sie zuckte mit den Schultern. „Aber ist wirklich kein Problem, dass du hier schläfst", sie zögerte kurz, „ich kann doch einer Knastschwester keinen Wunsch abschlagen." Sie zwinkerte, dann nahm ihre Miene betretenen Ausdruck an. „Entschuldigung, zu früh, darüber Witze zu machen?"
Ich schluckte trocken. „Vielleicht noch ein bisschen zu früh", meinte ich und sie nickte.
„Aber erzähl du mal, wie geht's dir so? Wie waren deine letzten Wochen so?", ging ich zu weniger verfänglichen Gesprächen über.
Soo, ich hoffe, ihr habt euch alle gut mit Tee und was ihr sonst noch so zum Entspannen braucht eingedeckt, hier kommt schon der zweite Teil. Bis jetzt wurden eure Hoffnungen auf Panther oder Ryan noch nicht erfüllt, aber vielleicht nimmt das nächste Kapitel mehr Fahrt auf ;)
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Dark as midnight
Teen FictionFortsetzung von 'The Dark inside me'! Nachdem Liz den Anführer der Hounds of Hell erschossen hat, eine Gang, die ihr anstrengendes, aber geordnetes Leben zerstört und die Leben ihrer Geschwister bedroht hat, wird sie verhaftet. Beim Versuch, durch e...
