Wahrheit oder Lüge?
„Herein!" rief ich und hatte schon Angst, dass meine Mutter oder mein Vater jetzt vor der Tür standen, und was weiß ich von mir wollten. Stattdessen stand mein kleiner Bruder unsicher in der Mitte des Raumes.
Josh hatte viel von mir. Er war auch ziemlich schüchtern und reden war nicht grade seine Stärke. Ich drehte mich auf meinem Bürostuhl zu ihm um, legte den Kopf schief, und wandte meine ganze Kraft auf, um ihm ein überzeugendes Lächeln zu schenken.
Sofort hellte sich seine Miene auf, und ich breitete meine Arme aus. Er sprang auf mich zu, in meinen Schoß.
Josh war 6, und ging somit in die 1. Klasse der Reservatsschule. Ich würde ihn gerne mal zur Schule bringen, um mehr Zeit mit ihm verbringen zu können, da ich nur allzu gut wusste, dass Vanessa ihren Job als große Schwester nicht sonderlich gut meisterte. Ich versuchte das hingegen so gut ich konnte. Leider begann mein Unterricht eine Stunde früher als seiner.
Jetzt hieß es, wieder für ihn da zu sein.
„Ich kann schon bis 20 zählen, hör!", erzählte er aufgeregt und begann zu zählen.
„1,2,3..."
Ich war stolz auf ihn. Nicht nur das er gut in der Schule war, sondern das er trotz der kranken und schwierigen Verhältnisse in denen er aufwuchs, so ein gesundes und fröhliches Kind war.
„18,19,20."
„Super hat du das gemacht!"
Ich wuschelte ihm durch seine rabenschwarzen Haare. Sofort schauten seine braunen Kuhaugen zu mir auf, und sein Glocken gleiches Lachen ertönte.
Dann hörten wir, wie unten die Tür zuschlug, und der Motor eines Wagens ertönte. Wir wussten beide was das hieß, auch wenn er es noch anders wahrnahm.
Er wusste das Dad jetzt weg fuhr, und am späten Abend böse wiederkam.
Ich wusste, dass er jetzt mit seinen Freunden, falls man die überhaupt so nennen konnte, in die einzige Kneipe von La Push ging, und dort sehr unangenehm auffallen würde. Dies würde er später vielleicht an mir auslassen.
Josh sah und merkte sehr viel, er zog es bloß in eine andere Realität mit ein.
Das hieß aber nicht, das er nicht alles mitbekam, was unter diesem Dach passierte, und verstand.
Genau das musste ich jetzt wieder schmerzvoll feststellen.
Er sah mich mit einem für sein so junges Gesicht viel zu ernstem Blick an, und fragte mich dann:
„Was hast du für einen Streit mit Mom?"
Erschrocken riss ich die Augen auf. Warum musste er so viel merken?!
„Gar keinen", log ich. Ich wusste das lügen nicht okay war, aber ich wollte ihn schützen. Und auch wenn ich wusste, das er mir nicht glaubte, war mir Verleugnung lieber als Wahrheit.
Er verengte die Augen zu Schlitzen.
„Und wie geht's dir?"
Wahrheit oder Lüge? Was dazwischen.
„Okay. Und dir kleiner Wuschelkopf?"
„Mir gehts super!"
Und so begann er von der Schule zu erzählen.
Ich vergaß die Zeit während ich ihm zuhörte. Ich lachte sogar, weil ich froh darüber war, das Josh so gesund war.
Dann kam Vanessa in mein Zimmer, in voller Ausgeh-Montur.
„Essen ist fertig. Ich bin dann mal weg."
„Mhm." Mehr hatte ich dazu nicht zu sagen.
Josh sprintete runter, während ich mich gemächlich vom Stuhl erhob.
Langsam schlenderte ich die Treppe hinunter, in die Küche. Meine Mutter machte schon den Auflauf auf, während ich unschlüssig im Türrahmen stand. Die beiden Stühle neben meinem Bruder waren noch frei. Also wollte er, dass ich neben ihm saß. Das hieß:
Entweder neben Mom oder neben Dad, der wohl heute kürzer in der Kneipe war.
Das war für mich momentan wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Hart aber Wahr.
Die Entscheidung wurde mir abgenommen, als Mom meinte:
„Setz dich doch neben mich, Kim."
Also auf die Tour kam sie mir jetzt!
Ich nahm den Platz neben ihr ein, und begann lustlos in meinem Auflauf herumzustochern.
„Hast du keinen Hunger?", fragte sie mich.
Ich schüttelte den Kopf.
Sie wollte grade wieder dazu ansetzen etwas zu sagen, als wir alle hörten wie die Haustür aufging. Kurz danach stand Vanessa im Raum.
„Ich hab nur was vergessen", murmelte sie, während sie nach oben ging.
Von dort kam sie direkt danach wieder. In der Hand hielt sie eine Jacke von mir.
Meine Lieblingsjacke!
„Vanessa, das ist meine!", sagte ich leise aber mit Nachdruck. Sie sah mich nur mit perfekt gezupften und hochgezogenen Augenbrauen an, ehe sie erwiderte:
„Als ob du die brauchen würdest, Kimi."
„Sie gehört trotzdem mir." So schnell würde ich nicht nachlassen. Ich liebte die Jacke.
Es war eine rote Lederjacke, die leicht tailliert war.
„Hast du an einem Mittwochabend nichts besseres zu tun, als dich mit mir um diese Jacke zu streiten, die du eh nie anziehst?"
Ich schwieg. Sie hatte Recht.
Ich hatte nichts besseres zu tun.
Ich zog die Jacke fast nie an.
Warum?
Sie war zu auffällig.
Ein triumphierendes Lächeln bildete sich auf ihren Lippen.
„Ach stimmt ja! Ich vergaß das du keine Freunde besitzt, mit denen du dich treffen könntest."
Das reichte!
Wenn sie jetzt schon die Jacke bekam sollte sie mich in Ruhe lassen.
„Das stimmt nicht!", blaffte ich sie an.
„Ach nein?", fragte sie ungläubig.
„Nein."
„Na dann wollen wir morgen mal sehen, ob du den ganzen Abend wie immer allein zu Hause warst, oder nicht."
Mit diesen Worten ging sie. Ich erhob mich fast Zeitgleich mit dem Knall der Tür und meinte nur:
„Ich bin gleich mal weg."
„Komm nicht so spät wieder", meinte meine Mutter bloß, die mir jetzt auf die Ich-erlaube-dir-alles-und-du-verrätst-mich-nicht-Tour kam.
Wenn sie es so wollte.
In meinem Zimmer angekommen, nahm ich den Zettel in die Hand, und wählte ohne groß nachzudenken die Nummer, die auf dem geheimnisvollem Blatt stand.
Ehe ich mich noch umentscheiden konnte, wurde auf der anderen Seite abgenommen.
„Hallo?"
Das war Joshs Stimme. Irgendwie war ich froh, dass er abnahm.
„H...halllo", brachte ich hinaus. Selbst über die Stromleitung konnte ich das Lächeln in seinem Gesicht sehen.
„Hey Kim! Was gibt's?"
Jetzt gib nicht auf!
Sag etwas!
„Habt ihr Zeit?", fragte ich schnell. War gar nicht so schlimm wie erwartet.
„Ja klar! Ich sitze hier grade eh mit Michael und Will im Auto. Sollen wir dich von zu Hause abholen?"
„Nein, ich lauf vor die Straße. Okay"
„Na dann bis gleich."
Fragte er sich überhaupt nicht warum ich mich mit ihnen treffen wollte?
Vielleicht würden sie mich fragen, wenn wir uns trafen.
Es war eigentlich nicht schlimm gewesen. Ich meine die drei waren echt komisch und undurchschaubar, aber sie hatten doch eine Art, die an mein Vertrauen appellierte.
Mit schon fast vergessenen Glücksgefühlen ging ich langsam und leise die Treppe runter. Ich hatte mich noch nie mit wem getroffen!
Ich glaub das was ich da grade fühlte, war Vorfreude.
Ich musste mit Mühe geben, nicht loszuquieken oder so.
An der Tür angekommen, machte ich mich schnell und fröhlich auf den Weg vor die Straße.
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Liebe kann...
FanfictionKim weiß genau wie es sich anfühlt nicht beachtet zu werden. Sie lässt ihr Leben von anderen und der Vergangenheit bestimmen. Bis Jared, der Junge in den sie heimlich seit Jahren verliebt ist, sich für sie zu interessieren scheint, beginnt sie ihr...
