Aren
Diese Nacht war es besonders schlimm, die Träume waren wirr und unklar. Ich wälzte mich umher, in der Hoffnung, so vielleicht die Träume vertreiben zu können. Aber sie blieben. Ich beschloss, rauszugehen an die frische Luft, da Schlafen heute wohl einfach nicht sein sollte. Vor allem wollte ich Aurora nicht noch mehr stören. Sie schlief so friedlich und tief und ich hatte Angst, dass, wenn ich durch irgendein Wunder heute erneut einschlafen könnte, ich durch verstörte Albträume schreiend wieder aufwachen würde. Und seitdem ich Aurora sterben gesehen habe, war sowieso etwas in mir zerbrochen. Von mir aus hätte ich tausendmal von irgendeiner dunklen Gestalt aufgespiesst werden können, wenn ich nicht ihren Tod hätte sehen müssen. Ich wusste, dass es nur Möglichkeiten waren, was in Zukunft geschehen könnte, aber es hatte sich so real, so echt angefühlt.
Leise trat ich aus dem Bett und legte meine Decke zusätzlich auf Aurora. Sogar wenn sie schlief, hatte ich manchmal das Gefühl, dass sie vor Kälte zitterte. Sie war nicht gemacht für den Winter. Ich zog mir meine Schuhe an und auch einen Pullover, da es eine sternenklare Nacht war und deswegen noch kälter als sonst. Beim Ausatmen bildete sich eine kleine Atemwolke vor meinem Gesicht, die sich innerhalb kürzester Zeit wieder zerstreute. Der Schnee war gefroren und hart und knirschte laut unter mir, wenn ich darauf trat.
Als ich vor dem Wald angekommen war, zögerte ich kurz. Es war dunkel und der Weg sehr uneben. Überall lagen abgebrochene Äste herum, die nur dazu einluden, dass man über sie stolperte. Mir fiel aber nicht ein, was ich sonst noch machen könnte, also betrat ich den Wald.
Es war still. Ich wusste, dass die meisten Tiere nun einen Winterschlaf machten oder sich generell in ihre Höhlen zurückgezogen hatten, aber trotzdem kam es mir zu ruhig vor. Und dann hörte ich plötzlich ein Knacken hinter mir. Ich drehte mich um, sah aber nichts. Automatisch beschleunigte ich meine Schritte. Es war nur ein Wald, sagte ich mir. Da konnte es ruhig sein und es konnte auch sein, dass plötzlich etwas knackte. Wahrscheinlich war irgendwo ein Ast hinuntergefallen. Oder ein Tier war drauf getreten. Doch ich hatte ein ungutes Gefühl. Gerade wollte ich umkehren. Ich war sowieso schon genug lange unterwegs gewesen. Aber dann hörte ich wieder ein Geräusch, nun ganz in der Nähe. Bevor ich meinen Kopf umdrehen konnte, spürte ich einen harten Schlag auf den Hinterkopf. Für einen Moment war ich wie betäubt von dem Schmerz. Dann wurde mir schwarz vor Augen.
Bevor ich auch nur meine Augen öffnete, fasste ich mir automatisch an meinen Hinterkopf. An meiner Hand klebte nun noch nicht ganz getrocknetes, warmes Blut.
Ich stöhnte auf. Durch die höllischen Schmerzen fiel es mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.
Als ich nun endlich meine Augen öffnete, sah ich beinahe nichts. Im Raum war es stockdunkel und auch das Atmen fiel mir schwer, da es sehr stickig war. Als ich versuchte aufzustehen, schlug mein Kopf mit voller Wucht an die Decke. Das zweite Mal verletzte ich meinen Kopf. An einem Tag.
Als ich diese letzten Worte gedacht hatte, fiel mir plötzlich wieder ein, was geschehen war und ich geriet in Panik. Wer war die Person im Wald gewesen? Warum war ich hier? Mit schnellem Herzklopfen versuchte ich herauszufinden, wo ich war. Da man fast nichts sehen konnte, musste ich den Raum mit meinen Händen abtasten. Er war - wie ich schon vorher schmerzlich in Erfahrung gebracht hatte, nicht besonders hoch, aber immerhin ging er etwas in die Länge. Die Wände schienen aus Stein zu sein, es musste sich also um eine Höhle handeln. Auf der einen Seite drang etwas, wenn auch nicht viel, Licht an den Rändern heraus. Es musste sich wahrscheinlich um den Eingang handeln.
Sobald ich diese Schlussfolgerung gezogen hatte, sammelte ich mein Amber und schoss einen Strahl in Richtung Höhleneingang. Dabei begann aber die ganze Höhle zu zittern und an einzelnen Zeilen hörte ich, wie Steine auf dem Boden aufschlugen. Bevor ich den Höhleneingang öffnen würde, würde diese ganze Höhle einstürzen und mich bei lebendigem Leibe vergraben. Also versuchte ich, mit aller Kraft, den riesigen Stein von Hand zu verschieben. Aber abgesehen von meinen leisen Flüchen war nichts zu hören, nicht die leiseste und feinste Bewegung des Steins. Trotzdem versuchte ich es noch, mindestens eine halbe Stunde lang. Es nützte nichts.
Also begann ich, mit meinen Fäusten gegen den Stein zu trommeln.
«Hallo? Ist da jemand? Ich brauche Hilfe!», schrie ich.
Mir war bewusst, dass es eine aussichtslose Lage war. Im Wald gab es viele solcher Höhlen und warum sollten die anderen im Lager schon in den Höhlen nach mir suchen? Mir wurde der Ernst der Lage bewusst. Gleichzeitig konnte ich mir keinen Reim darauf bilden, warum mich jemand bewusstlos schlagen und dann einfach in dieser Höhle zurücklassen sollte.
Verzweifelt trat ich mit meinem Fuss grob gegen den Stein, was mir wahrscheinlich sehr viel mehr Schmerzen bereitete als ihm. Was zur Hölle machte ich hier? Und warum hatte ich Aurora nicht geweckt, um ihr zu sagen, dass ich in den Wald ging? Das hätte die Suche nach mir eingegrenzt. Doch auch wenn ich das getan hätte, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass sie mich finden würden, unglaublich gering gewesen. Ich hoffte, dass Aurora sich nicht allzu grosse Sorgen um mich machte. Sie war sowieso schon unruhig wegen meinen Träumen und auch wegen ihrem eigenen.
Erschöpft von dem vergeblichen Herumschieben des Steins, dem Schreien und dem Sorgen machen, sank ich auf den Boden, mein Kopf lehnte gegen diesen unbeweglichen, unheimlich schweren Stein, wo er sicher einen schönen Blutfleck hinterlassen würde. Ich hob meine Hände auf Augenhöhe und obwohl ich fast nichts sehen konnte, war ich mir sicher, dass bei meinen Fingern die Haut aufgerissen und blutig war.
Ich schloss meine Augen, versuchte, meine Panik und Sorgen zu unterdrücken, da mein Kopf zu dröhnen begann und fragte mich, ob ich so sterben würde. Natürlich machte es keinen Sinn, mich hier einzusperren und sterben zu lassen. Man hätte mich gleich töten können. So musste zwar keine Leiche entsorgt werden, aber dieses Argument kam mir nicht wahninnig stark vor. Trotzdem machte ich mich darauf gefasst zu sterben. Früher hätte ich, wäre ich in derselben Situation gewesen, vielleicht nur mit den Schultern gezuckt und hätte fast schon freudig, oder zumindest erleichtert, den Tod begrüsst. Aber nun war alles so perfekt. Ich wusste, woher ich kam. Und vor allem - ich hatte Aurora. So glücklich und so voller Leben war ich noch nie gewesen. Es war ja klar gewesen, dass in genau diesem Moment etwas wie dies geschehen musste und ich dieses Leben genau dann verlassen musste, wenn es endlich schön wurde. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass das Schicksal mir keine Sekunde Glück gönnen konnte.
Schliesslich gewannen der Schlafmangel, meine Kopfverletzung und die Anstrengungen der letzten paar Stunden die Oberhand und ich schlief ein.
Als ich aufwachte, spürte ich als erstes, wie trocken mein Mund war. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, seit ich eingeschlafen war. Mein Gefühl sagte mir, dass ich schon eine ganze Weile in dieser Höhle eingesperrt war. Sonst hätte ich nun bestimmt nicht so Durst. Wenn ich mich recht erinnerte, hatte ich beim Mittagessen zuletzt etwas getrunken. Das war lange her.
Es war das erste Mal seit langer Zeit, in der mich keine Albträume heimgesucht oder ich überhaupt Träume hatte. Aber wahrscheinlich lag das nur an meiner grossen Erschöpfung und meinen Kopfschmerzen. Sonst müsste ich jetzt - im Anbetracht der wirren und unverständlichen Dingen, die jetzt in Gang waren, wahrscheinlich unzählige Träume haben.
Bei dem Stichwort Träume fiel mir plötzlich etwas ein. Hatte es vielleicht etwas mit dieser Armee zu tun, dass ich hier war? Sie hatte ja, bis auf eine Ausnahme, aus Wesen der anderen Welt bestanden und vielleicht hatten sie erkannt, wer ich war. Nun würden sie mich in die andere Welt mitnehmen und mich dann, vor dem ganzen Volk, töten. Dann würde es auch Sinn machen, dass sie mich nicht gleich umgebracht hatten. Bei dem Gedanken zog sich mein Magen zusammen. Lieber würde ich jetzt gleich sterben, als das. Doch bei näherer Betrachtung machte auch das keinen Sinn. Das Tor war ja geschlossen, niemand wusste, wie man es öffnen konnte. Und auch wenn sie es irgendwie geschafft haben sollten - wie hätten sie erfahren können, dass ich noch lebte? Ich schüttelte den Kopf, bereute es aber gleich wieder, da mir schwindlig wurde. Ich war also wieder bei null angekommen und ich hatte immer noch keine Ahnung, was los war.
Beim nächsten Aufwachen fiel es mir schwer, überhaupt die Augen zu öffnen. Irgendwann musste ich wohl wieder eingeschlafen sein. Der Durst, den ich nun empfand, war quälend. Meine Kehle schmerzte und brannte und meine Zunge fühlte sich an wie ein Stück Watte. Mein Kopf lehnte nun nicht mehr an der Wand, sondern lag mit dem Rest meines Körpers auf dem Boden. Ich bezweifelte, dass ich die Kraft haben würde, eigenständig wieder aufzustehen. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren und auch nach einiger Zeit war es mir nicht möglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Das einzige, an was ich denken konnte, war Wasser. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es sich anfühlte, zu trinken. Aber es war schwer. Es fühlte sich an, als ob es lange her war, seit ich das letzte Mal etwas getrunken hatte. Und es war tatsächlich auch lange her.
Ich wollte fluchen, diese Feiglinge beschimpfen, die mich in diesem Drecksloch zurückgelassen hatten, aber es kam nichts mehr als ein Röcheln heraus.
Das nächste Mal öffnete ich nicht einmal mehr meine Augen. Das Verlangen nach Wasser war nun mein einziger Gedanke, mein einziger Trieb. Die Frage, warum ich hier war, interessierte mich nicht mehr. Ich konnte mich auch nicht mehr daran erinnern, was geschehen war. Ich konnte mich fast nicht mehr daran erinnern, wer ich überhaupt war.
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Amber - Das Erwachen
FantasyNach dem Überfall auf ihr Haus wird Aurora ins Lager der Amalintas - der Beschützer der Welt - gebracht. Es stellt sich heraus, dass Auroras Blut, genau wie das Blut der Amalintas, die Farbe von Bernstein hat, was ihnen übernatürliche Kräfte verleih...
