Aurora
Er half mir hoch. Durch diese Berührung fühlte ich Wärme aufsteigen, es schien, als ob unser Blut miteinander kommunizieren würde. Auch er schien es zu bemerken.
Nachdem ich mir den Schnee von den Hosen gewischt hatte, machten wir uns auf den Weg. Wir liefen wieder ein gutes Stück zurück und danach steil hinauf durch die Bäume. Erstaunlicherweise dachte ich den ganzen Weg über an nichts. An gar nichts. Mein Kopf hätte eigentlich explodieren sollen mit Fragen und Zweifeln, aber mein Herz und meine Gedanken waren einfach nur erfüllt von Zufriedenheit. Ich hatte einen Bruder, der noch am Leben war! Es war mehr, als ich mir in meinen kühnsten Träumen je hätte erdenken können.
Nach einer Weile erblickte ich einen grossen Felsen und davor stand... ein Ragonok. Wie der, den mich und meine Mutter angegriffen hatte.
Vor meinem geistigen Auge sah ich meine tote Mutter, inmitten von Trümmern liegen. Aber dann dachte ich daran, was sie Elija angetan hatte. Ich wusste, dass sie meine Mutter war, aber trotzdem spürte ich jedes Mal, wenn ich nun an sie dachte nur noch Wut. Wenn sie das nicht getan hätte, hätte ich mit einem Bruder aufwachsen können, der bei mir gewesen wäre in schweren Zeiten. Ihr Bild verblasste und der Ragonok kam wieder zum Vorschein. Er sah noch genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte: riesige Klauen und spitze Zacken auf dem Rücken, alles in ein verdorbenes grün getaucht.
Ich blieb starr stehen, meine Hände zitterten leicht. Er folge meinem Blick und schien zu verstehen.
«Tut mir leid, ich hätte dich vorwarnen müssen.»
«Nein, es ist schon okay», sagte ich leise.
Wir liefen weiter, ich nun etwas langsamer.
Als wir vor dem Ragonok standen, fragte ich Elija:
«Wo ist Aren?» Dabei versuchte ich, den Ragonok nicht anzuschauen, was sehr schwierig war, da er direkt vor mir stand und ich, ausser wenn ich die Augen schloss, nicht wirklich etwas anderes sehen konnte.
«Ich weiss nicht», sagte er.
«Ich habe ihn nur im Wald getroffen, als er einen Spaziergang gemacht hatte und dort habe ich ihn auch berührt, um seine Gestalt annehmen zu können. Danach hatte ich ihm befohlen», sagte er und deutete dabei auf das Ragonok, «dass er ihn hierherbringt und ihn versorgt und ihm keinen Schaden zufügt.»
Er blickte das Ragonok an.
«Also, wo ist er?»
«Hier drin, Ihr habt selber befohlen, dass...»
«Hier drin?», unterbrach ihn Elija.
«Was hat er hier in dieser Höhle zu suchen? Was hast du gemacht?»
«Aber...»
«Nun öffne schon die Höhle!», schrie Elija ihn an.
Das Ragonok tat, wie ihm befohlen, und mit einem lauten Krachen wurde der Stein zur Seite geschoben. In der Höhle sah ich nur eine dunkle Silhouette. Ich rannte hinein.
«Aren?», flüsterte ich. Ich drehte ihn um, sodass ich sein Gesicht sehen konnte.
Er bewegte sich nicht. Sein Gesicht war aschfahl, seine Wangenknochen eingesunken und seine Lippen unglaublich spröde. Erst jetzt sah ich, was auf dem Boden war. Durch das Licht, das durch die Höhle schien, erkannte ich am Boden Blut kleben.
«Was ist passiert?», flüsterte ich leise.
Ich führte meine Hand an seinen Hals und zum Glück spürte ich ein leises Pochen.
Nun kam auch Elija in die Höhle geeilt.
«Was zur...»
Ich blickte ihn hilflos an.
«Glaub mir Aurora, ich wusste nichts davon. Dieser Dummkopf...», sagte er und blickte dabei nach draussen zum Ragonok, «hatte nicht getan, was ich ihm befohlen habe.»
Er blickte mich schockiert an.
«Du musst mir glauben, Aurora, ich hatte keine Ahnung, was er gemacht hat...»
«Ich glaube dir», unterbrach ich ihn und lächelte leise.
«Ich habe nie daran geglaubt, dass du etwas mit Arens Zustand zu tun hattest.»
Erleichtert atmete Elija aus. Dann stand er auf und wandte sich dem Ragonok zu.
«Du Idiot!», schrie er ihn an.
«Was fällt dir ein, meine Befehle zu missachten!»
«Aber...»
«Und jetzt willst du mich auch noch unterbrechen?»
Zornig schritt er auf ihn zu. Er sammelte sein Amber und schoss eine riesige Ladung davon auf das Ragonok zu. Dieses spickte nach hinten und blieb dort liegen.
Während diesem Spektakel hatte ich nur begeistert zugeschaut. Während er seine Ladung Amber auf das Monster schoss, hatte ich auch in mir die Wärme etwas aufsteigen gespürt.
Er drehte sich zu mir um. Mit sanfter Stimme sagte er:
«Es tut mir so leid, dass du das gerade mitansehen musstest. Aber bei mir sind einfach alle Sicherungen durchgebrannt, als ich gesehen habe, was dieses Monster Aren angetan hat.» «Kein Problem», erwiderte ich.
«Ehrlich gesagt war ich eher begeistert davon, wie du deine riesige Ladung Amber auf das Monster geschossen hast.»
Er lächelte mich an. Dann deutete er auf Aren.
«Wie geht es ihm?», fragte er.
Aren. Ihn hatte ich ganz vergessen.
Ich blickte ihn an.
«Ich... ich weiss nicht so recht. Er atmet noch... aber...»
«Du kannst ja seine Wunde heilen», sagte er und deutete auf das Blut am Höhlenboden.
Darauf war ich noch gar nicht gekommen! Meine Kräfte waren so neu und ich musste mich jeden Tag daran erinnern, zu was ich fähig war. Schnell legte ich meine Hände an seinen Hinterkopf. Ich erzeugte einen leisen Funken Amber und dann beobachtete ich, wie sein Kopf etwas zu glühen begann. Leise zuckte ich zusammen wegen dem Schmerz, der als nächstes eintrat.
Doch auch nachdem ich ihn geheilt hatte, kam er nicht wieder zu Bewusstsein.
«Was fehlt ihm?», fragte ich Elija.
«Ich hole ihm etwas Wasser, wer weiss, wie lange er schon in der Höhle gelegen hatte», sagte Elija. Ich nickte. Er kam mit einem Beutel zurück und reichte ihn mir. Ich schraubte den Deckel weg und führte ihn vorsichtig an Arens Lippen. Dann fing ich an, ganz langsam, Wasser in seinen Mund zu träuffeln, da ich fürchtete hatte, dass er sich sonst verschluckte.
Mit flatternden Lidern öffnete er seine Augen.
«Aren!», rief ich erleichtert.
Er schien sehr schwach zu sein, richtete sich aber etwas auf und nahm mir langsam den Beutel aus der Hand.
Als er ihn ausgetrunken hatte, schien es ihm schon besser zu gehen, auch wenn er immer noch miserabel aussah.
«Noch...mehr», krächzte er heiser hervor. Sofort nahm Elija noch einen Wasserbeutel hervor und reichte ihn Aren.
Nachdem auch dieser leer war und er ein paar Nüsse und eine Scheibe Brot zu sich genommen hatte, schien er wieder zu realisieren, wo er war und was passiert war. Verwirrt blickte er sich um, bis sein Blick auf Elija traf. Einen Moment studierte er ihn, als käme er ihm in einer Weise bekannt vor.
Sein Kopf drehte sich zu mir um. In seinen Augen lag etwas Beunruhigendes.
«Aurora, wer ist das?», fragte Aren leise.
«Das... das ist mein Bruder Elija.»
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Amber - Das Erwachen
FantasyNach dem Überfall auf ihr Haus wird Aurora ins Lager der Amalintas - der Beschützer der Welt - gebracht. Es stellt sich heraus, dass Auroras Blut, genau wie das Blut der Amalintas, die Farbe von Bernstein hat, was ihnen übernatürliche Kräfte verleih...
