Chapter 53

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Am nächsten Morgen, also drei Tage vor dem 24. Dezember ging ich Geschenke kaufen, nachdem ich von meiner Mutter erfuhr, wer aller von unseren Verwandten Heiligabend bei uns verbringen würde. Es war zwar schwer, für jeden eine Kleinigkeit zu finden, aber ich wollte allen etwas kaufen, da ich nicht mit leeren Händen dastehen wollte und sie länger nicht gesehen hatte. Nach gefühlten vier Stunden wurde ich mit cirka 15 Tüten in den Händen zurück zum Haus meiner Eltern geführt.

So unauffällig wie möglich schlich ich in mein Zimmer. Ich wollte nicht, dass meine Eltern mitbekamen, dass ich Geschenke gekauft hatte. Ich sperrte die Tür hinter mir zu, stellte die Einkäufe auf den Boden und machte die Balkontüre auf. Ich band meine Haare zu einem lockeren Dutt und ging ins Badezimmer, um mich dort abzuschminken. Ich zog mir bequeme, lockere Klamotten an und setzte mich dann auf das Bett. Meine Füße taten höllisch weh.

Ich sah auf mein Handy und war es noch nicht gewohnt, keine neue Nachricht von Harry auf dem Display zu sehen. Immer, wenn ich mich mal gut fühlte und das Gefühl hatte, ihn vollkommen vergessen zu können, schien im nächsten Moment eine Traurigkeit aufzukommen, denn immer dann fühlte es sich so an wie früher, als zwischen Harry und mir alles gut war, und ich musste aufs Neue feststellen, dass Harry nicht mehr meins war. Und ich war auch nicht mehr seins. Ich merkte, wie beim Gedanken an Harry wieder etwas die Kehle zuschnürte, also versuchte ich vergeblich auf andere Gedanken zu kommen. Ich zermarterte mir das Hirn, aber das war schon hoffnungslos überlastet und hatte mehr als genug zu tun. Eigentlich wollte ich mich hier in Australien erholen, wollte versuchen loszulassen, aber ich fühlte mich einfach nicht gut. Es war diese Leere, die in mir war. Sie machte mich fertig. Harry war bereits ein großer Teil meines Lebens gewesen; doch jetzt, wo er weg war, fehlte etwas.

Ich seufzte und legte mein Handy weg. Ich setzte mich auf den Boden und begann, alle Geschenke sorgfältig und liebevoll einzupacken. Nach einer gefühlten Stunde klopfte es an meiner Tür. Meine Augen wurden sofort groß, da die Sachen alle auf dem Boden lagen und ich keine Chance hatte, alles in einigen Sekunden wegzuräumen, also beschloss ich, die Türe nicht zu öffnen, was natürlich etwas unhöflich der Person an der Tür gegenüber war, aber ich hatte keine andere Wahl - ich wollte, dass die vielen Geschenke bis Heiligabend ein Geheimnis blieben.

"Emily?", rief mein Vater.

"Yes, dad?" Ich stand auf und näherte mich der Tür.

"Dinner's ready. We're waiting for you!"

"Okay, I'm coming! I'm just gonna get changed.", log ich. Ich wartete ich einige Minuten und ging dann hinunter ins Esszimmer, wo meine Eltern schon am Tisch saßen.

Nach dem Abendessen ging ich mit den Hunden am nahegelegenen Strand spazieren. Es waren wenige Leute hier. Trotz der Fotos, die sie von mir schossen, fühlte ich mich wohl, da sie meine Privatsphäre zu respektieren schienen und nicht gleich wie neugierige Menschen auf mich zukamen. Natürlich hörte ich während des Spazierganges Musik. Ich konnte nicht anders und ließ das Album 'FOUR' abspielen, womit ich nur mehr Salz in die Wunde streute. Als die Hunde sich am Strand austobten, setzte ich mich in den Sand und starrte emotionslos in den Horizont. Jedes Mal, wenn ich Harrys Stimme hörte, bekam ich Gänsehaut. Wenn die Erinnerungen nicht wären, würde es vielleicht nicht so verdammt wehtun.

Nach einer geschätzen halben Stunde machte ich mich auf den Heimweg. Als ich mit meinen Hunden in mein Zimmer kam, war der Himmel bereits stockdunkel. Wie lange war ich weg? Ich schaltete das Licht und den Fernseher ein und machte mich wieder an die Arbeit. Ich musste zugeben, dass das Verpacken von so vielen Geschenken echt mühsam war, aber mithilfe der Musik, die im Fernseher lief, verging die Zeit doppelt so schnell. Nachdem ich fertig war und sogar noch aufgeräumt hatte, erledigte ich meine Abendroutine im Badezimmer und ging dann ins Bett. Ich schaltete den Fernseher ab und starrte ins Dunkle, bis alles schwarz wurde und ich einschlief.

***

Als mein Handy um drei Uhr morgens vibrierte, sprang ich vor Schreck auf. Mein Herz hämmerte gegen meine Brust - ich konnte es beinahe hören. Sogar die Hunde, die mit mir auf dem Bett waren, wachten auf. Ich knipste das Nachtlicht an und sah mich um. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und nahm mein Handy in die Hand. Als das verschwommene Bild klar wurde, hörte mein Herz auf zu schlagen. Harry hatte mir geschrieben. Ein kalter Schauer befiel mich. Mit zittrigen Händen tippte ich auf die Nachricht, um sie zu öffnen.

I always think of you before I fall asleep. The words you said to me, the things we laughed about, the silent moments we shared, the way you looked... I miss it all so much, I really do. And when I dream, I'll dream of you. Because it's about you, it's always about you. I know that I hurt you so bad and I'm sorry about that. I want you, Emily. I wanna kiss you, I wanna be in your arms, I wanna stay up all night talking, I wanna protect you from the evil things, I wanna hold you and I wanna be in your arms but I... can't. I'm sorry. You deserve the best of everything and not me...

Ich schloss meine Augen, als die Tränen ununterbrochen meine Backen hinunterliefen. Ich las die Nachricht immer und immer wieder, bis ich verstand, was darin stand. Die Angst zitterte mir durch jeden Nerv. Ich konnte und wollte es einfach nicht glauben. Im ersten Moment dachte ich, alles wird gut, doch die lezten zwei Sätze zerbrachen meine Hoffnung auf eine Versöhnung.

What? Why?, war das Einzige, was ich im Moment schreiben konnte. Meine Lippen verkrampften sich zu einem schmalen Strich. Ich presste sie fest aufeinander, um nicht loszuheulen.

I cannot make you understand. I cannot make anyone understand what's happening inside me. I can't even explain it to myself.

Mein Herz zerbrach. Ich war der Grund, warum Harry in diesem Zustand war. Ich war an seinem Zweifel Schuld.

You can't just bury it deep inside yourself where it destroys you. Talk to me. Please. You already make me feel like it's my fault. I feel guilty, Harry. I feel guilty because I got you in this situation.

Ich brauchte ziemlich lange um die Nachrichten zu tippen - das Zittern hörte nicht auf.

I'd rather destroy myself than hurting you again, Emily. I care, okay. I care about your feelings and that's why I don't wanna come near you. I'd never forgive me if I hurt you one more time.

Seine Gedanken verletzten mich mehr als alles andere in diesem Moment. Dann kam die nächste Nachricht.

Perhaps we'll meet again when I'm better for you.

Mein Herz zerbrach in Tausend Teile. Ich hielt die Luft an und wusste, dass der Sauerstoffmangel der Grund für meinen Schwindel war und, dass ich jeden Moment in Ohnmacht fallen würde.

You could rip me into a million pieces and I'd still love you, god damn it!

Dann warf ich mein Handy gegen die Wand und spürte, wie immer mehr Tränen den Weg hinunter fanden.

"Beste Freunde" [ hs.ff ]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt