Ich richtete meinen Blick auf das Mädchen, welches soeben aus dem Schatten der Wand lief. ,,Suchst du etwa nach mir?", stellte ich ihr eine Gegenfrage.
Wir sahen beide scheiße aus. Unsere Haare waren wirr und zerzaust, unserer beiden Kleidung war voller Blut und Schmutz. Aber unsere Augen funkelten. Sie glühten in dem fahlen Licht der Deckenbeleuchtung.
Ich durfte hier kein Risiko eingehen. Ich musste Hunter finden. Um jeden Preis. Erneut holte ich tief Luft und heulte laut und tief auf. Keine Sekunde lang ließ ich Katie aus dem Blick, die je mehr Schritte zu hören waren, Schritte zurückwich.
Doch das brachte ihr rein gar nichts. Die Zwillinge hielten sie fest, als ich direkt vor ihr stehen blieb, meine Hand zu einer Faust ballte - und ihr in ihr Gesicht schlug. Ihr Kopf schleuderte zur Seite.
,,Das war für das Rudel.", meinte ich trocken, als sie mich wieder ansah. Blut tropfte aus ihrer Nase, über ihr verdrecktes Gesicht. Sie sah schrecklich aus. Mit nichts war sie mit der Katie zu vergleichen, die ich kennengelernt hatte.
,,Wo ist Hunter?", fragte ich sie zischend. Über ihr Aussehen und ihre Vergangenheit konnte ich mir später Gedanken machen. Ich öffnete meine Faust und ballte sie wieder zusammen, als Katie auflachte. Und zwar vollkommen irre.
,,Noch kannst du dich mir anschließen, Elisa.", trällerte sie schief grinsend. Das glaubte sie doch selbst nicht. Definitiv nicht.
,,Wo ist das Tagebuch?", fragte ich erneut und musste mich zusammenreißen, sie nicht erneut zu schlagen. Meine Nerven waren strapaziert. Mit meiner Hand hob ich ihr Kinn an, als sie mir nicht antwortete.
Meine blauen Augen hefteten sich in ihre Augen. Ihr Blick war ernst geworden. ,,Du kannst sie nicht aufhalten, Luna. Sie werden alles verändern, sie hassen die Menschen. Glaubst du, sie werden dir helfen?" Ihre plötzlich so ruhige Stimme und der seltsame Klang in ihr ließen mich meine Augen für eine Sekunde aufreißen.
Katie sprach nicht von Jägern oder Werwölfen, sie meinte die Hexen. ,,Sie werden mir nicht erneut helfen, Katie. Aber jetzt schaffe ich es auch ohne sie. Wo sind Hunter und das Tagebuch?" Die verständnislosen Blicke der Zwillinge ignorierte ich. Woher wusste sie von den Hexen?
,,Über uns." Ich nickte den Anwesenden zu, die sofort die Treppe hinauf stürmten. Knurren und Brüllen, dann Schreie. Schließlich Gejubel. Ich atmete erleichtert aus und wandte mich zu Katie. Sie hatte sich aufgerichtet und sackte sogleich wieder zu Boden, als ich ihr einen weiteren Schlag verpasste. ,,Und das war für meinen Freund."
,,Du wirst noch sehen, Elisa. Nicht alles was gut zu sein scheint, ist auch gut." Brachte sie lachend hervor, als ich mich abwandte. Ich war enttäuscht und gekränkt. Der Kampf gewonnen- doch die Schlacht?
Gab es eine? Würde es eine geben? Oder befanden wir uns bereits mittendrin? Vielleicht hatte Katie recht. Vielleicht habe ich mich zu schnell blenden lassen, vielleicht aber auch nicht. Ich hörte Schritte die Treppe herunterkommen.
,,Verschwinde jetzt, Katie." Ich würde es nicht über mich bringen, sie gefangen zu halten. Für was auch? Also tat ich das einzige, was ich für richtig hielt- und ließ das einsame Mädchen ihren Weg gehen.
,,Wir werden uns wiedersehen, Luna.", hörte ich ihre kratzige Stimme wie einen Hauch im Wind, bevor der Platz an dem sie stand und lag leer war, als ich mich das nächste Mal umdrehte. Sattes Mondlicht schien durch das offene Fenster und die Naturgeräusche waren leise im Hintergrund zu hören.
,,Das hoffe ich.", flüsterte ich. Irgendwann.
,,Kleine." Hunter sah katastrophal aus, und doch schienen seine Wunden bereits zu heilen. Sein Shirt war deutlich zerrissen und selbst von hier erkannte ich die darunterliegenden Wunden, die nur langsam aufhörten zu Bluten. Auch seine Hose sah nicht besser aus.
Er humpelte leicht, als er aus dem Schatten trat. Das Mondlicht ließ seine grünen Augen in einem silbernen Schimmer glühen. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Er lebte noch, er lebte! Ohne zu zögern umarmte ich ihn.
Bewusst atmete ich seinen Geruch ein, Kiefer und Minze um mich zu versichern, dass er auch wirklich vor mir stand. Ich drückte meinen Kopf auf seine Brust und er erwiderte diese Umarmung trotz seiner Wunden nicht weniger stark.
Um uns herum wurde alles still. Keiner von uns beiden bekam mit, wie Adrian das Buch in der Hand hielt oder die anderen Rudelmitglieder sich versammelten. Wir waren ganz woanders. In unseren Herzen gab es eine eigene, kleine Welt.
Vielleicht würde ich niemals herausfinden, was ich alles wissen wollte.
Vielleicht war das aber auch nicht so wichtig.
Müssen wir denn wirklich alles verstehen und alles wissen?
Ist unser Ziel wirklich das Wissen auf der Erde?
Oder ist es am Ende doch unser Herz, was uns zeigt, was wir wirklich brauchen.
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Vollmond total - Violett
Hombres Lobo▪️ 1. Teil der Vollmond Reihe▪️ Unwissen kann dich umbringen. Elisa fürchtet sich davor. Hunter scheint dieses Wort nicht in seinem Wortschatz zu haben.
