Stillschweigend liefen wir durch den Wald zurück zur Villa. Unter unseren Füßen knirschte der Schnee, während wir uns zwischen den Bäumen unseren weg entlangbahnten.
Er muss dich markieren... dich beißen. Immer wieder schwirrten diese Worte von der Jägerin in meinem Kopf herum. Ich war sauer und wollte am liebsten gegen irgendetwas schlagen, doch ich blieb stumm.
Hunter schien mir anzumerken, dass etwas nicht stimmte. Wieder und wieder lief er ein Stück neben mir, ließ sich dann ohne etwas zu sagen zurückfallen und beschleunigte dann seinen Schritt zu mir wieder. Er verwirrte mich genauso wie meine Gefühle für ihn.
Der leicht metallische Geschmack von Blut in meinem Mund ließ mich jedoch stets in der Realität. Ich träumte nicht und ich würde auch aus keinem Alptraum aufwachen, denn das war real. Dennoch übersah ich unter der Schneedecke auf dem Boden eine Wurzel und stolperte nach vorne.
Auf dem Boden landete ich jedoch nicht, dafür allerdings in Hunters Armen. Selbst mit meinen Klamotten an, spürte ich das Kribbeln an den Stellen, an den er mich berührte. Mein Blick wanderte hoch zu seinen Augen. Wie sehr erhoffte ich mir aus diesen Augen die Antworten auf meine unausgesprochenen Fragen.
Aber er konnte die Antworten nicht kennen, weil ich die Fragen nicht formulieren konnte. Trotzdem fühlte es sich so an, als würde er direkt in meine Seele sehen. Sein Gesicht näherte sich meinem und seine Augen huschten zu meinen Lippen. Ich traute mich nicht zu atmen.
Doch im nächsten Moment sahen mich seine Augen wieder an und färbten sich von innen nach außen rot und überdeckten das Smaragdgrün. Er knurrte und ich versteifte mich, versuchte mich dabei aus seinem Griff zu lösen.
Es war Violet, die ihn von mir weg zog. ,,Alpha, reiß dich zusammen!", zischte sie eindringlich zu Hunter, der knurrte. Verstört und verzweifelt trat ich ein paar Schritte weg. ,,Ich... glaube ich gehe schon einmal zur Villa.", stotterte ich und drehte mich um.
In der Villa zögerte ich jedoch keine Sekunde und griff nach einer kurzen und schnellen Dusche nach dem verschlossenen Buch und suchte einen Weg auf das Dach, denn hier würde ich erst einmal meine Ruhe haben. Mit meinem Fuß wischte ich den Schnee von einem größerem Bereich weg, bevor ich mich dort hinsetzte und das Buch genauer besah.
Der violette Umschlag fühlte sich wie Filz unter meinen Fingern an, außer an bestimmten Stellen auf dem Cover. An diesen drückte sich der Stoff leicht nach innen. Mit meinen Fingernägeln kratzte ich an diesen Stellen und entdeckte so einen Titel in silberner Schrift auf dem Buch, je weiter ich diese freikratzte.
,,Das...erste...Buch...der...Vollmond-Hexen.", las ich. Vollmond Hexen? Was ist, wenn das etwas mit dem violetten Mond zu tun hat? Aber das konnte nicht sein, dieses Buch sah sehr alt aus und so lange ist es noch nicht her, dass der violette Vollmond die gesamte Menschheit auf den Kopf gestellt hat. Doch trotz allem weckte dieses Buch meine Neugierde.
Schnell stellte ich allerdings fest, dass sich der Verschluss nicht öffnen ließ, egal was ich versuchte. Weder mit roher Gewalt, noch mit irgendwelchen Tricks. Ich gab es nach mehreren Minuten auf und legte es neben mich. In der Zeit, in welcher ich hier saß, war die Sonne bereits untergegangen und hatte die wenige Wärme mitgenommen, die am Tag herrschte.
,,Heiße Schokolade?", hörte ich eine Stimme, dessen Besitzer setzte sich eine Sekunde später neben mich und hielt mir eine der beiden dampfenden Tassen hin. Ich seufzte stumm und nahm sie an.
,,Was war das heute?", fragte ich ihn, während ich beide Hände um die Tasse schlang. Durch die Kälte fühlten sich meine Fingerspitzen leicht taub an. Über die Tasse hinweg sah ich zu Hunter. ,,Ich habe die Kontrolle fast verloren.", gab er zu und wirkte wirklich nicht begeistert davon.
Mein Blick glitt zum Mond, besser gesagt zum Himmel und der schwach erkennbaren Silhouette des Mondes. ,,Liegt das am Neumond?", fragte ich in die Stille, die entstanden war.
Er schüttelte den Kopf. ,,Nein. Ich weiß zwar noch nicht, ob und was für Auswirkungen der Neumond auf uns hat, aber das ist keine davon." Wir beide nahmen einen Schluck der heißen Schokolade. ,,Wie geht es dir wegen der Sache mit Katie?", fragte Hunter.
Ich seufzte. ,,Keine Ahnung. Das ist nicht die Katie, die ich kennengelernt habe, zumindest...wollte sie mich da nicht umbringen." Erschöpft lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter. ,,Wieso ist diese Welt so verkorkst und verdorben?"
Hunter griff nach meine Tasse und stellte sie zusammen mit seiner an die Seite. ,,Damit wir das Beste daraus machen.", sagte er und machte eine Pause, in der er mein Kinn leicht mit seinen warmen Fingern hob. ,,Wir können nicht ändern, wer wir sind. Aber wir können entscheiden, was wir aus uns machen. Und das jeden Tag wieder." Ich sah ihm in seine Augen während er weiter sprach.
,,Ich konnte nicht bestimmen, ob ich ein Werwolf werde oder nicht, aber ich konnte entscheiden, ob ich ein Alpha bin oder nicht.", fuhr er fort und strich eine Träne mit seinem Daumen von meiner Wange. ,,Katie konnte nicht bestimmen, was ihr widerfahren ist, dass sie nun eine Jägerin ist, aber sie kann entscheiden, ob es das Richtige oder Falsche ist."
Seine Stimme wurde leiser und er rückte etwas näher, sodass unsere Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Mein Herzschlag beschleunigte sich. ,,Und Elisa, du konntest nicht bestimmen, ob du meine Mate wirst oder nicht, aber du kannst entscheiden, ob du das willst." Sichtbar schwer schluckte Hunter.
,,Ich würde dich niemals zwingen, kleine. Aber mein Herz hat sich entschieden- und zwar ausnahmslos für dich." Auch ich musste schwer schlucken.
Zentimeter für Zentimeter näherte er sich und sah dabei abwechselnd auf meine Lippen und in meine Augen, als suche er nach einem Anzeichen dafür, dass ich zögerte. Doch das tat ich nicht.
Hunters Lippen berührten hauchzart meine und ich spürte, wie mein Herz sich gleichzeitig von all den Ketten der Verzweiflung und Angst befreite und höher schlug, als ich es jemals für möglich gehalten hatte.
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Vollmond total - Violett
Hombres Lobo▪️ 1. Teil der Vollmond Reihe▪️ Unwissen kann dich umbringen. Elisa fürchtet sich davor. Hunter scheint dieses Wort nicht in seinem Wortschatz zu haben.
