" Lass mich los!" , sagte ich mit zitternder Stimme. Ich bekam Angst.
"Lass mich los, Aiden!", rief ich lauter. Ich starrte nur auf die Hand. Langsam stiegen mir Tränen in die Augen. "Bitte!", flehte ich ihn an. Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Ich hob meinen Blick und sah ihn mit glasigen Augen an. Aiden sah mich erschrocken an und lockerte erst seinen Griff. Dann ließ er mich erschrocken los und entfernte sich ein paar Schritte. Er wirkte überfordert und nicht so, als wüsste er, was er tun sollte.
"Ich ... Es tut mir leid!", sagte er leise. Ich wandte mich von ihm ab und ging ein paar Schritte weiter weg von ihm. Schweratmend versuchte ich mich zu beruhigen.
"Ich wollte dich nicht erschrecken!", sprach er nun zögerlich weiter. Ich ging zu den Regalen und verschwand in einem der Gänge.
Was tue ich jetzt, fragte ich mich immer wieder. Ich will nicht mit ihm darüber reden oder mit sonst jemandem. Ich muss hier weg!
"Hey, weißt du, ich wollte dich wirklich nicht-", setzte er mit einer beruhigenden Stimme an, doch wurde von dem zum Unterricht beginnenden Klingeln unterbrochen.
Ich schreckte hoch, bei seiner Stimme, die immer näher zu kommen schien. Er ging auf mich zu.
Als ich die Klingel hörte, bekam ich Hoffnung. Ich müsste jetzt zum Unterricht und er könnte mich nicht aufhalten. Das wäre mein Weg hier raus.
Ich beruhigte mich und setzte einen neutralen Gesichtsausdruck auf. Dann straffte ich meine Schultern und atmete einmal tief ein.
Ich ging aus dem Gang raus und stieß fast mit ihm zusammen. Doch das störte mich nicht. Meinen Blick stur geradeaus gerichtet ging ich zügig an ihm vorbei und brachte nur ein monotones aber nervöses "Ich muss zum Unterricht" hervor. Das war eigentlich eine Lüge, weil ich jetzt zwei Freistunden hatte.
Als ich aus dem Raum war, war ich erleichtert. Aber nur für einen kurzen Moment. Denn mir fiel auf, dass ich in der fünften und sechsten Stunde mit Aiden zusammen Kunst hatte. Mich beruhigte aber, dass ich erstmal zwei Freistunden hatte und mich etwas abregen konnte.
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Als es zur fünften Stunde klingelte ging ich schnell in den Kunstraum und setzte mich auf meinen Platz. Mein Herz schlug vor Nervosität schneller als sonst. Hektisch sah ich mich um.
Doch als Frau Hutson den Raum betrat und nach 10 Minuten Aiden immer noch nicht auf seinem Platz saß, beruhigte ich mich wieder etwas. Wahrscheinlich musste er zum Schulleiter.
Die Stunden gingen schneller rum als mir lieb war. Zum Glück habe ich die beiden bis zum Mittagessen nicht mehr gesehen.
Ich setzte mich wie immer an den kleinen abseitsstehenden Tisch, an dem Cassie und ich immer saßen und wartete auf sie, während ich zu essen begann.
Als sie sich setzte wirkte sie schon sehr aufgedreht und neugierig.
"Hast du das gehört? Aiden und Carter haben sich geprügelt, aber niemand weiß warum!", fing sie an flüsternd zu kreischen, während sie noch beim Hinsetzen war und ihr Tablett achtlos auf den Tisch warf. Sie öffnete ihren Mund und ahmte ein kreischen nach. Ich tat so, als würde ich das zum ersten Mal hören, da mir das etwas unangenehm war. Ich würde ihr das vielleicht später erklären.
"Weißt du zufällig warum?", fragte sie mich beiläufig.
"Nein.", schüttelte ich meinen Kopf. Im schauspielern war ich recht gut, weshalb sie mir das abkaufte und über das gesamte Mittagessen spekulierte warum sie sich geprügelt haben. Ich versuchte in der Zeit den Blicken von Carter und Aiden auszuweichen. Ich spürte deren Blicke, aber sah mit Absicht nicht hin. Mir war das sehr unangenehm. Vor allem weil ich nicht genau wusste, weshalb sie sich geprügelt haben. Aber es muss etwas mit mir zutun haben. Warum sonst hätten beide mich so entsetzt angesehen und warum sonst ist Aiden mir nach gelaufen?
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Nach dem Essen bin ich direkt zum Musikraum gegangen, in dem ein Klavier stand. Jayden hat mich gefragt, ob wir uns heute treffen wollen, weil er gern Klavier spielen lernen wollte. Ich habe zugesagt, natürlich bevor ich von dem Desaster heute morgen gehört habe, und wir haben abgemacht, uns um drei hier zu treffen.
Da ich nach dem Mittagessen sowieso nichts zutun hatte und schnellstmöglich allein dorthin gehen wollte, bin ich schon eine halbe Stunde eher los gegangen. Und um von diesem Stress abzukommen, spielte ich ein Stück auf dem Klavier. Da meine Oma am Samstag Gburtstag hat, ging ich nochmal ihr Lieblingslied durch und übte es. La valse d'Lamour.
Ich war gerade fertig und wischte mir erschöpft vom heutigen Tag mit meinen Händen durch mein Gesicht, als Jayden den Raum betrat und mich einfach ansah.
"Alles gut bei dir?", fragte er besorgt, während er immer noch im Türrahmen stand. Ich schreckte leicht hoch und mein Kopf schoss in seine Richtung. Als ich sicher war, dass es nur Jayden war entspannte sich mein Körper wieder etwas.
"Ja, ja. Ich bin ... nur etwas müde.", log ich. Obwohl eigentlich war das nicht gelogen. Ich war tatsächlich müde, aber das hatte einen anderen Grund.
Er kam langsam auf mich zu und legte seine Tasche neben den Klavierhocker. Dieser glich eigentlich eher einer Bank, da sie so breit war, dass wir da locker zu zweit drauf passten. Er setzte sich zu mir und sah mich eindringlich an, als Suche er nach irgendwas.
"Wir können das hier auch verschieben, wenn du möchtest!", bot er mir an. Ich sah ihn verblüfft an.
"Nein. Nein, ich denke ein bisschen Ablenkung vom Alltag tut gut!", sagte ich und drehte mich wieder zum Klavier.
"Also Noten lesen kannst du ja. Das heißt du musst nur wissen, welche Tasten sich wo befinden und dann musst du nur noch nach den Noten spielen.", fing ich an. Jayden hörte mir aufmerksam zu und befolgt alles, was ich ihm sagte.
Am Ende dieser einen Stunde konnte er "Hänsel und Gretel" mit der rechten Hand spielen. Aber weil er so begeistert davon war, Klavier zu spielen und die Buchstaben über die Noten zu schreiben, gab ich ihm noch eine Stunde Nachhilfe, sodass er am Ende dieser zwei Stunden die Melodie von "Hänsel und Gretel" mit der rechten Hand und die Begleitung mit der linken spielen konnte.
"Danke, das hat heute echt Spaß gemacht! Das sollten wir öfter machen!", sagte er, während er seine Notenzettel vom Klavier in seine Tasche packte.
"Aber jetzt zum Schluss. Kannst du mir das Lied vorspielen, dass du vorhin geübt hast?", fragte er mich mit einem sanften Lächeln auf dem Gesicht. Es klang nicht irgendwie bestimmt oder befehlend. Es war einfach nur eine Frage, dessen Antwort ihn zu interessieren schien.
Ich zögerte zu Anfang, aber als er dann meinte, dass ich doch bei der Nachhilfe auch nicht nervös war, als ich ihm Hänsel und Gretel vorgespielt habe, habe ich mich zusammengerafft.
Ich fing an zu spielen und war am Anfang sehr nervös, aber mittendrin verfiel ich wie in einen Rausch. Ich blendete alles aus und folgte nur der Melodie. Ich sah die Noten vor mir und doch sah ich sie nicht. Ich schloss sogar meine Augen, da ich das Stück schon so oft gespielt habe, dass ich es inn- und auswendig kannte und es im Schlaf spielen könnte.
Ich drückte die letzte Taste und ließ den Ton ausklingen. Danach erst öffnete ich meine Augen und realisierte, dass ich gerade vor jemandem fehlerfrei Klavier gespielt habe. Ich atmete schwer. Obwohl das nicht einmal anstrengend war, kostete es mich viel Kraft und Überwindung.
Ich sah zu Jayden, der fasziniert an dem Flügel stand und sprachlos lächelte. Seine Augen waren weit geöffnet und zeigte sein Erstaunen.
Sein Lächeln steckte mich an. Das war das erste Mal, dass ich außerhalb meiner Familie vor jemandem auf dem Klavier gespielt habe.
"Wow! Das war ... einfach unfassbar! Denkst du, du kannst mir das auch beibringen?", platzte es aus ihm heraus. Er sah mich begeistert und erwartungsvoll an.
Ich musste kurz auflachen. "Das hat Jahre gedauert bis ich so gut geworden bin. Aber ich kann es versuchen!", ermutigte ich ihn, da er nach meinem ersten Satz etwas niedergeschlagen ausgesehen hat.
"Aber ich habe ja auch eine der besten Klavierlehrerinnen!", scherzte er.
"Wann treffen wir uns das nächste Mal?"
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Three little Papers
RomansaLizzy Baker ist das schüchterne Mauerblümchen des Castle Beaumont Internats und die Zwillingsschwester von einem der beliebtesten Jungs der Schule. Lizzy will mit ihren guten Noten nur unbemerkt die Schule beenden und auf gar keinen Fall in den Vord...
