Eine einzige Tränen bahnte sich an meiner Wange herab. Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß und mit leerem Blick auf die Dinge vor mir sah, ehe ich wieder zu Kathi sah. "Wirst du es ihr sagen?", fragte ich sie ganz leise. "Was sagen?" "Na, das hier. Das ich die Kiste gefunden hab, unser Gespräch ... all das hier", murmelte ich ganz leise.
//Kathi//
Es dauerte einen kleinen Moment, bis ich meine Gedanken gesammelt hatte und Wincent antworten konnte. So viel ging mir in diesem Moment durch den Kopf.
Langsame kniete ich mich neben ihn und half beim Aufräumen. "Nein", ich schüttelte kaum merklich den Kopf. "Es steht mir nicht zu, ihr das zu sagen", fing ich an, während sich spürbar Erleichterung in Wincent breit machte. "Aber", setzte ich fort, "du musst mit Mila früher oder später darüber reden, versprich mir das." Wieder schlich sich der besorgte Blick auf sein Gesicht. So viel Trauer und Sorge in seinem Blick zu sehen, brach selbst mir das Herz. Ich gab ihm noch eine vorsichtige Umarmung. "Danke, Kathi", flüsterte Wincent ganz leise, während er sich die letzten Tränen vom Gesicht wischte. "Nicht dafür", erwiderte ich knapp.
//Zeitsprung zu Silvester// Mila// Südtirol//
Nach Weihnachten hatten wir uns auf den Weg nach Südtirol gemacht um ein letztes Mal zu viert das neue Jahr zu begrüßen. Nur wir vier. In Südtirol in einer gemütlichen Hütte. Die Jungs fuhren den halben Tag Ski und hatten den Spaß ihres Lebens. Währenddessen genoss ich mit Kathi die Vorzüge unserer kleinen Hütte - Whirlpool, Sauna und eine Menge Beauty-Treatments.
Die Abende ließen wir gemeinsam vor dem Kamin ausklingen.
Auch heute waren die Jungs wieder direkt nach dem Frühstück zur Skipiste aufgebrochen. Wir Mädels hingegen hatten uns einen Schneespaziergang vorgenommen. "Können wir los, Mila?", Kathi kam in die Wohnküche. Ich saß noch immer mit meinem Tee auf der Eckbank und starrte in Gedanken versunken aus dem Fenster. "Hmm?", ich zuckte zusammen, verschüttete dabei ein wenig von dem Tee. "Mist", murmelte ich. Ich war vollkommen abwesend gewesen. "Alles gut?", fragte Kathi vorsichtig während sie dabei war, den Tee aufzuwischen. "Ja", sagte ich schnell, aber Kathi warf mir diesen bestimmten Blick zu. "Nein ... ach keine Ahnung", es war eher nur noch ein Flüstern. Kathi hockte vor mir und griff nach meinen Händen. "Mila, was ist los? Irgendwas arbeitet in dir. Ich kenn dich doch."
Kurzerhand hatten wir den Spaziergang verschoben und gegen Sofaecke, Kamin und heiße Schokolade eingetauscht. Ich hatte uns ein Feuer angemacht und Kathi kam mit zwei dampfenden Bechern aus der Küche in die Stube rüber. Wir stießen an und beobachteten eine Weile das Feuer, lauschten dem Knistern vom Holz.
"Ist zwischen dir und Wincent alles in Ordnung?", fing Kathi das Gespräch an. Ich drehte mich zu meiner besten Freundin um.
M: "Ehrlich gesagt, weiß ich es gerade selbst nicht. In einem Moment ist alles so wie immer und im nächsten ist er von jetzt auf gleich so verschlossen und abweisend. Ich hab das Gefühl, momentan nicht wirklich an ihn heranzukommen."
K: "Seine Stimmungsschwankungen haben Marco und ich auch schon bemerkt."
M: "Seit ein paar Wochen geht das jetzt schon. Angefangen hat das nach seinem Tourabschluss Anfang November, kurz nachdem ich ihm alles mit Lars erzählt habe. Irgendwas scheint ihn zu beschäftigen, aber alle Gesprächsversuche hat er immer in eine andere Richtung umgelenkt."
Ich holte kurz Luft, versuchte nicht zu hyperventilieren und sprach an, was mich zusätzlich zerfraß. "Ich ... ich hab Songtexte gefunden. Über seine letzte Beziehung", die ersten Tränen ließen meine Augen feucht werden, "und ich weiß nicht, was sie bedeuten sollen. Versucht er immer noch damit abzuschließen? Oder ist es ein Abschied? Ich weiß nicht, ob er noch an einer anderen Frau hängt oder nicht und das zerfrisst mich, Kathi."
Meine Stimme brach bei den letzten Worten und ich fing bitterlich an zu weinen. Kathi nahm mir meinen Becher ab und stellte diesen auf den Tisch, ehe sie mich in ihre Arme zog.
//Kathi//
In diesem Moment war mir klar, dass er noch nicht mit Mila über das, was Ende Oktober passiert war, gesprochen hatte. Genau deshalb sollte er mit ihr sprechen. Weil ich wusste, dass es ihn zerfressen würde - und nun saß ich zwischen den Stühlen.
Ich hielt Mila einfach, streichelte ihr den Rücken und lies sie all die aufgestauten Gefühle loswerden. So hatte sich wohl niemand unsere Auszeit in den Bergen vorgestellt.
Irgendwann - ich weiß nicht wie lange wir hier gesessen hatten - hatte Mila sich wieder gesammelt und lag ruhig atmend mit ihrem Kopf in meinem Schoß. "Danke, Kathi, für alles", murmelte sie in die Stille hinein. "Nicht dafür", erwiderte ich leise, während ich ihr über den Kopf strich. Irgendwie kamen mir diese Worte, dieses Gespräch, bekannt vor.
Nach einer Weile kamen die Jungs von der Piste zurück. Die Tür sprang auf und fröhliches Gelächter flutete den Raum. "Das war richtig geil, man! Und dann deine Stunteinlage ... hammer!", schallte es bis in den Wohnraum. "Stunteinlage?", fragte ich trocken mit hochgezogener Augenbraue. Marco entledigte sich seiner Skikleidung und kam grinsend auf mich zu. "Alles gut, Schatz! Niemand verletzt oder verunfallt", zwinkerte er und gab mir einen langen Kuss. "Ha, ha!", sagte ich mit verschränkten Armen, "trotzdem schön, dass ihr einen tollen Tag hattet." Nun kam auch Wincent ins Wohnzimmer dazu. Fragend schaute er sich um. "Wo ist Mila?" Mein Lächeln verschwand ganz langsam. "Mila hat sich ins Schlafzimmer zurück gezogen", ich schaute ihn dabei eindringlich an. Gegenseitig konnten wir in unseren Blicken alles lesen, was nötig war.
//Mila//
Ich hörte genau, dass die Jungs wieder zuhause waren, hörte das Gelächter und die Erzählung über die Stunteinlage. Und ein paar Minuten später hörte ich auch die knarzenden Dielen der Holztreppe, als Wincent nach oben kam. Er versuchte die Tür so leise wie möglich aufzumachen, dennoch entfloh ihr ein kleines Quietschen.
Ich stellte mich vorerst schlafend, meine Kräfte reichten noch nicht für ein Gespräch. Dennoch wusste ich genau, dass er vor dem Bett stand und mit welchem Blick er mich anschaute. Er tapste leise zu mir, kniete sich vor das Bett. "Mila? Schläfst du?" Flüsterte er und streichelte dabei meine Hand ganz sanft. Ich gab keine Reaktion von mir. "Ich liebe dich so sehr, Mila!", flüsterte er erneut und gab mir einen vorsichtigen Kuss auf die Schläfe. Noch als er wieder den Raum verlies, um duschen zu gehen, rollte eine einsame Träne an meiner Wange herab.
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An Wunder
FanfictionZwei Beziehungen, die zerbrechen. Zwei irgendwie ähnliche Geschichten. Sie die Betrogene, er der Verlassene. Eine schicksalhafte Begegnung für zwei jungen Menschen, die selbst noch nichts davon ahnen. Und so nimmt die Geschichte von Emilia und Win...
