30 Minuten später kam Wincent aus dem Bad zurück und schlich sich wieder ins Zimmer. Mittlerweile hatte ich mich aufgerafft, saß auf der Bettkante und schaute in Gedanken verloren aus dem Fenster. Ich erschrak, als die Tür mit dem vertrauten Quietschen aufging.
"Hey, du bist ja wach!", stellte Wincent überrascht fest, während er sich noch die Haare trocknete. "Hmhm", war alles, was ich antwortete.
Wincent kniete sich vor mich und nahm dabei meine Hände in seine. Ich wusste schon, was jetzt kam. Das unausweichliche Gespräch. Er fasste sich ein Herz, holte tief Luft und begann.
//Wincent//
Ich kannte Mila zu gut um zu wissen, dass sie sich nur schlafend gestellt hat, weil sie einem Gespräch ausweicht. Daher ging ich erst einmal duschen, sammelte meine Gedanken und bereitete mich mental auf das kommende Gespräch vor.
Definitiv mussten wir das noch im alten Jahr klären, denn so wollte ich nicht ins neue starten.
Nachdem ich fertig geduscht und mich in frische Klamotten geschmissen hatte, schlich ich mich zurück ins Schlafzimmer und trocknete mir währenddessen die Haare. "Hey, du bist ja wach!", stellte ich fest. Mila hatte sich an die Bettkannte gesetzt und schaute verträumt aus dem Fenster. "Hmhm", antwortete sie abwesend, sah mich dabei aber nicht weiter an. Mir klopfte das Herz bis zum Hals, so sehr hatte ich Angst vor diesem Gespräch.
Ich kniete mich vor sie, nahm ihre Hände in meine und holte nocheinmal tief Luft. Mit zitternder Stimme suchte ich das unausweichliche Gespräch.
"Mila, was ist los bei uns?" Sie sah mich nicht an, schaute weiter nach draußen. In ihren Augen sammelten sich Tränen. "Warum redest du nicht mit mir? Warum weichst du immer wieder aus, Wincent? Sag du mir verdammt nochmal was los ist!", sagte sie und schaute mir bei jedem einzelnen Satz in die Augen. Ihr Blick war voller Schmerz und Wut und ich konnte es ihr nicht einmal verübeln ... weil sie recht hatte. Seit Wochen wich ihr aus, wenn sie fragte, was los ist. Wie so oft schwieg ich.
Bevor ich ihr alles erzählen würde, setzte ich mich neben sie. Ihr Blick folgte mir bei jeder Bewegung bis ich neben ihr saß. "Bitte sag mir, was los ist Wincent", flüsterte sie und legte eine Hand auf meine Wange. Noch einmal schaute ich nach unten und holte Luft. Mit dem Blick auf die Hände gerichtet fing ich zögerlich an. "Am Tag vor dem Tourabschluss, als du nach dem Frühstück nochmal zur Agentur musstest ... ", fragend schaute Mila mich an, ihre Augen immer noch feucht, "... als ich Klamotten aus dem Schrank nehmen wollte ... da ..." Ich stockte, das Herz rasend. Ich schaute Mila nun direkt in die Augen, während ich nicht verhindern konnte, dass sich auch in meinen Augen nun die Tränen sammelten. "Mila, ich hab die Box gefunden mit den Erinnerungen. Sie ist aus dem Schrank gefallen."
//Mila//
"...ich hab die Box gefunden...", war alles, was mir in diesem Moment im Kopf kreiste. "Und dann kam Kathi rein und hat mich dort mit den Dingen sitzen sehen ... und ... und erzählt wie tief der Schmerz noch in dir sitzt", mittlerweile waren auch Wincents Augen feucht geworden.
//Zeitsprung //Mila //kurz nach Tourabschluss //
Die Tour war vorüber und langsam kehrte mehr oder weniger etwas Ruhe ein. Wincent war viel im Studio und wenn er dort nicht war, dann hier oben im Norden. Zurückgezogen in der ländlichen Ruhe, weit weg vom Trubel.
Ich war dabei, die Wohnung aufzuräumen, den Haushalt auf Vordermann zu bringen und Wäsche zu waschen. Mittlerweile hatte auch Wincent seine Spuren in der Wohnung hinterlassen ~ hier ein Pullover, da eine Hose ... Ich sammelte alles, was herumlag und nicht frisch aussah ein, um es in die Waschmaschine zu stopfen. Wie immer kontrollierte ich alle möglichen Hosentaschen und natürlich war bei Wincent wieder alles mögliche versteckt ~ Taschentücher (natürlich!), Plektren (sollten die nicht bessert aufbewahrt werden?), Kassenbons und ... was war das? Zuletzt vielen mir mehrere gefaltete Zettel in die Hand ... es waren Songtexte. Ich sank auf den Boden im Waschraum und las Zeile für Zeile durch ...
Du hast mir grade noch gefehlt, aber jetzt nicht mehr
Streich dein′n Nam'n wie bekloppt jeden Tag aus mei'm Kopf
Denkst du echt, ich geh kaputt an ′nem bisschen Schmerz?
Ich hab seit gestern Nacht nicht einmal an dich gedacht
Wie du′s jetzt mit ihm machst
Hast du es auch früher mit mir gemacht
Und mir grade noch gefehlt, aber jetzt nicht mehr
Und ich hoffe, dass es diesmal so bleibt, diesmal so bleibt, yeah
Es gibt diese ein-, zweimal im Jahr
Da komm′ ich drei, vier Sekunden nicht klar
Weil mich dann irgendwas an dich erinnert
Und ich mich frag′
Ey sag mir, warum denk' ich immer noch
Immer noch an dich?
Kann nicht erklären, warum′s so ist
Vielleicht kannst du es, also sag mir
Warum denk' ich immer noch
Immer noch an dich?
Geb′ ungern zu, dass es so ist
Dass ich dich immer noch vermiss'
Doch der letzte Zettel versetzte mir einen ungeahnten Stich, ohne, dass ich es wollte oder kontrollieren konnte. Und das tat verdammt weh ...
Was ist mit wieder in den Norden zieh'n
Zurück zu Freunden und Familie
Und wieder mal das Meer zu seh'n?
Unser Traum vom Leben, mehr Zeit für uns, ohh
Du wolltest doch mein′n Ring an deinem Finger
Wir wollten doch ein Haus und zwei Kinder
Und dann an all′n Tagen neben'nander aufwachen
Bis zum Schluss
Wir hatten doch Pläne, wir hatten ein Ziel
Wir haben geträumt und wir wollten so viel
Was nützen die Pläne
Wenn das Wichtigste fehlt?
Wenn das Wichtigste fehlt
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An Wunder
FanfictionZwei Beziehungen, die zerbrechen. Zwei irgendwie ähnliche Geschichten. Sie die Betrogene, er der Verlassene. Eine schicksalhafte Begegnung für zwei jungen Menschen, die selbst noch nichts davon ahnen. Und so nimmt die Geschichte von Emilia und Win...
