Kapitel 5 - Fang

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„Fang, bitte pass auf dich auf da draußen. Die Stadt birgt viele Gefahren!", die Augen seiner Schwester waren glasig vom vielen Weinen. Als er ihr von der Aufgabe, die ihm und Maeve bevorstand, erzählt hatte, war sie sofort in Tränen ausgebrochen und hatte ihn an sich gedrückt, als hätte sie Angst ihn damit das letzte Mal zu sehen.

Fang nickte, als er sich von ihr löste, um den großen Rucksack zu schultern, in dem sich sein wichtigstes Hab und Gut für die Reise befand. Maeve wartete mit großer Sicherheit schon draußen auf ihn und die Nervosität in ihm stieg bis ins Unermessliche, während er zuerst seine Schwester umarmte und dann in die Hocke ging, um seinen beiden Nichten einen Kuss auf die Stirn zu geben. Die beiden wuselten, gänzlich ungewiss von der großen Gefahr, die ihren Onkel erwartete, in ihrer Wolfsform auf dem Boden herum und wälzten sich keine zwei Sekunden später in einem spielerischen Kampf auf dem Boden.

„Ich passe auf mich auf. Versprochen!"

Fang lächelte zuversichtlich und winkte ihnen ein letztes Mal zu, bevor er nach draußen trat, wo Maeve, wie er erwartet hatte, schon stand und ihn mit einem abenteuerlustigen Grinsen fokussierte.

Maeve Treechase sah bei Weitem nicht so nervös aus, wie er sich fühlte. Das lag aber auch daran, dass er wusste, dass seine beste Freundin Abenteuer wie diese liebte. Sie war im ganzen Rudel bekannt dafür, dass sie sich zwischen ihren Patrouille- und Jagdeinheiten immer wieder davonschlich, um die Stadt und das Leben der Menschen außerhalb des Waldes zu erkunden. Sie kannte sich etwas aus, was ihnen zum Vorteil werden konnte. Denn sobald sie Timeas Hütte vorgestern verlassen hatten, hatte sie sich auf den Weg gemacht und ihnen eine kleine Wohnung in Oryon besorgt, in der sie in der Zwischenzeit unterkommen würden. Als er sie gefragt hatte, wie sie so schnell an eine Wohnung gekommen sei, hatte sie nur gelacht und ihm den Ellbogen in die Seite gerammt und gesagt:

„Ich habe meine Mittel und Kontakte dort draußen."

Maeve schien ihrer Reise mit Vorfreude entgegenzublicken und so versuchte sich Fang ein wenig zu entspannen, während sie dem Waldrand immer näherkamen und Maeve ihm kichernd von ihren Erlebnissen in der Stadt erzählte. Sie redete von großen Blechschüsseln mit Rädern, die als Fortbewegungsmittel fungierten und Geschäften mit massiger Ware an neuer Kleidung. Von dem Nachtleben der Stadt und tanzenden Körpern, die die gesamte Nacht wachblieben, um sie in engen schwitzigen Räumen mit ihren Freunden zu verbringen. „Feiern" nannte sie es und ihre Augen strahlten dabei voller Glück.

Als sie nach einer Weile am Rand des Waldes ankamen, hatten sich seine vorläufigen Nerven soweit beruhigt, dass er selbst so etwas wie Vorfreude empfand. Ihre Erzählungen hatten ihn neugierig gemacht. Obwohl ihre Lichtung nicht allzu weit vom Stadtrand Oryons entfernt war, hatte er selbst noch keinen Schritt nach draußen gewagt. Es lag nicht daran, dass ihn die Welt da draußen nicht gereizt hätte, ganz im Gegenteil. Aber die Erwartungen an ihn im Rudel waren bereits sehr früh sehr hoch und so hatte er seine Verantwortung darin gesehen, das Rudel zu schützen und auf potenziell gefährliche Abenteuer vorerst zu verzichten. Und er hatte es gerne getan. Sein Rudel bedeutete ihm alles.

Der Waldrand rückte immer näher und Maeve begann ihm bereits einige Regeln einzubläuen, an die er sich unbedingt halten sollte, als ein Rufen sie dazu zwang stehen zu bleiben. Maeve hielt ihre ausgestreckte Hand hoch um ihm zu bedeuten, dass er besser stehen blieb und ihre wachsamen Augen suchten die Nähe um sie herum nach einer Gefahr ab und auch sein eigener Körper war unbewusst in eine allzeit bereite Kampfstellung verfallen.

Ein lautes Jaulen donnerte durch den Wald und seine Nasenflügel blähten sich überrascht auf, als er den Geruch der jungen Heilerin witterte, die auf eiligen Pfoten zu ihnen herüber eilte. Das dunkelgraue Fell Rosas glänzte im Licht der Sonne, als sie schlitternd vor ihnen stehen blieb. Ihr, für einen Wolf zierlicher Körper, bebte, als sie versuchte nach ihrem kleinen Sprint wieder zu Atem zu kommen, aber ihre hellen Augen waren wachsam auf Fangs eigene fixiert. In ihrem Maul trug sie einen verschlissenen kleinen Beutel, den sie Fang vor die Füße fallen ließ, bevor sie sich unsicher über die Schnauze leckte. Fang machte keine Anstalten sich zu bewegen, was Maeve mit einem amüsierten Schnauben quittierte und Rosa dazu veranlasste nervös von einer Pfote auf die andere zu tippeln. Der Wölfin muss nach seinem langen Schweigen wohl der Geduldsfaden gerissen sein, denn sie knurrte frustriert und bohrte ihre kühle Schnauze in sein Knie, bevor ihr Kopf auf das Bündel Stoff deutete. Fang hob den Beutel auf und erspähte darin ein Fläschchen der schmerzlindernden Tinktur, die die Heilerin ihm für sein schmerzendes Bein hinterlassen hatte. Auf seine Lippen stahl sich unwillkürlich ein kleines Lächeln mit dem er die Heilerin bedachte, aber diese stupste ihn nur ein weiteres Mal sanft mit der Schnauze ins Knie bevor Maeve zunickte und ihren Körper herumwandte und eiligen Schrittes Richtung Rudel davon eilte. Als sein Blick schließlich zu Maeve wanderte, hatte diese ein wissendes Lächeln auf den Lippen und zog nur verspielt eine Augenbraue nach oben. Rosa mochte sich zwar um ihn sorgen, aber etwas musste sie dennoch so sehr verärgert haben, dass sie ihn lieber in ihrer Wolfsform aufgesucht hatte, um nicht mit ihm sprechen zu müssen. Er würde dieses Problem jedoch auf später vertagen müssen, denn vor ihnen erstreckte sich bereits ein weiter Weg, der sie nach Oryon führen würde.

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