In eine dicke Wolldecke gekuschelt, die nach Maeves blumigen Parfüm roch, und ihr pochendes Bein hochgelegt, saß Kaya auf der Couch in Maeves und Fangs Wohnung und ließ keine noch so kleine Bewegung ihres Retters außer Augen.
Besagter Retter stand vor der winzigen Küchenzeile und schaltete gerade mit fahrigen Händen den Wasserkocher vor sich ein. Maeve war nicht Zuhause. Und zwischen ihr und Fang hatte die letzten zwanzig Minuten eisernes Schweigen geherrscht.
Kayas Kopf pochte mittlerweile beinahe genauso sehr wie ihr Knöchel, aber sie durfte nicht zulassen, dass sie in einen wohltuenden Dämmerschlaf sank. Fang mochte sie schlussendlich hierher in Sicherheit getragen haben, aber in ihrem Kopf spielten sich die Momente seiner Verwandlung in Dauerschleife ab. Graues Fell, das sie umhüllte und gen Boden drückte, während sie dachte, ihr letzte Stunde hätte geschlagen. Eine spitze, feuchte Schnauze mit scharfen Zähnen bestückt, so so dicht an ihrem Hals, zwei stehende Ohren und bernsteinfarbene Augen, die sich in ihre gebrannt hatten, bevor er sich schlussendlich zurückverwandelt hatte und Fang vor ihr saß. So wie sie ihn kannte. Dunkle Locken, die ihm in die Stirn fielen, zwei tiefschwarze sanfte Augen, gerade Nase, volle Lippen, leicht gebräunte Haut. Und beides war Fang.
In diesem Moment drehte er sich mit einer frisch befüllten Tasse Tee zu ihr um und stellte sie auf den kleinen Couchtisch vor ihr ab. Eine besorgte Steilfalte hatte sich zwischen seine dunklen Augenbrauen gegraben, während er sich an ihrem Fußende niederließ und immer noch schweigend nach dem zuvor bereitgelegten Verbandskasten griff.
Mit einer Verbandsrolle in de Hand griff er mit seinen Händen vorsichtig nach ihrem Fuß und Kayas Hand zuckte und schon im nächsten Moment hatte sie ihre Hand um sein Handgelenk geschlossen: „Nicht!"
Er blickte zu ihr hoch, ein verletzter Ausdruck auf seinem Gesicht, den Kaya aber zu ihrem eigenen Schutz nicht berücksichtigen konnte, ließ seine Hände aber direkt wieder sinken. Bei dem Gedanken daran, dass Fang vor nicht ganz einer halben Stunde noch in einem anderen - weitaus gefährlicheren - Körper gesteckt hatte, zog sie ihre eigene Hand schnell zurück. Er seufzte tief.
„Ich würde dir nie-", fing er an, aber Kaya unterbrach ihn eilig.
„Was war das?"
Fang konnte weder ewig schweigen, noch konnte er verleugnen, was sie mit eigenen Augen gesehen hatte. Verdammt, er wusste sogar, dass sie seit der DNA-Probe und der Sache mit dem Wolf auf ihrer Arbeit, an der Möglichkeit von Gestaltswandlung forschte. Es war auch der Grund gewesen, weshalb sie heute Nachmittag überhaupt erst den Wald betreten hatte. Er hatte ihr gefälligst Rede und Antwort zu stehen.
Wieder ein Seufzen seinerseits, dann ein unsicherer Blick in Richtung Haustür, bevor seine schwarzen Augen wieder auf ihre trafen. Maeve war immer noch nicht da. Ob sie wohl auch eine Gestaltswandlerin war? Erklärte das, wieso sie sich bei der Raubtier-Auffangstation wohler fühlte? Wieso die Beutetiere sich vor ihr fürchteten und sogar versteckten? Verdammt, sie hatte sich mit zwei Raubtieren angefreundet! Schlimmer. Wesen, die nach dem bisherigen Stand der Wissenschaft nicht existieren durften.
Ihre Finger krallten sich angespannt in den Lederstoff der Couch. Sie musste sich irgendwo festhalten, bevor ihre gesamte Welt aus den Angeln geriet. Einige Schrauben hatten sich bereits vor Wochen gelöst, aber heute war ihre Welt eindeutig in Schräglage gelangt. Ausgelöst von Fang, der sie...?
Ja, was eigentlich? Beschützt hatte? Vor einer Gefahr, von der er gewusst hatte, sie aber nicht davor gewarnt hatte? In die er sie bereitwillig hatte laufen lassen? Wie viel konnte sie ihm und Maeve noch vertrauen?
Sie sollte Lili anrufen und schleunigst von hier verschwinden und das alles schnellstmöglich vergessen. Sich einen neuen Job suchen. In irgendeinem Labor, fern von der Untersuchung von Tieren. Vielleicht könnte sie an Pilz- oder Bakterienkulturen forschen?
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KAYA
WerewolfNach einer überraschenden Beförderung ist Kaya einer heißen Spur auf den Versen, die das Potenzial hat, ihre gesamte Weltsicht einzureißen. Fang glaubt an die Prophezeiung, die ihm Hilfe für sein Rudel verspricht und verlässt das erste Mal den sich...
