-12- ➳ Geheimnisse

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Ich atmete einmal tief ein, bevor ich mit meiner Faust gegen das edle Holz von Liams Tür klopfte.

Ich stand wirklich hier, in einer Hand das silberne Teeservice und den Keksen mit den Schokoladenraspeln oben drauf und mit der anderen strich ich ein letztes Mal mein Kleid glatt, bevor ich auf nach Liams ‚Herein' die Tür öffnete.

„Ah, endlich, Sophia, Sophia Smith. 15 Minuten nach dem Bestellen bist du da. Nicht schlecht, aber auch nicht gut." Liam lehnte gegen seinem Schreibtisch und tippte mit dem Zeigefinger auf seine Armbanduhr, die er um sein rechtes Handgelenk trug.

„Ich stelle Ihnen den Tee wieder auf den Tisch." Versuchte ich so gefasst wie möglich zu sagen, als ich mit schnellen Schritten auf die Sitzecke zu hielt.

„Sophia, hast du Geschwister?"

Die Frage traf mich unvorbereitet und mir verrutschte beinahe die Teetasse.

„Wa-was, Mr. Payne?" Ich räusperte mich, richtete mich auf und blickte unsicher zu ihm hin. Er trug ein schwarzes Tshirt und eine Jeans, wie ich erstaunt feststellte.

„Das heißt erstens ‚wie bitte', zweitens fragt man dies nur, wenn man es akustisch nicht verstanden hat und drittens widerspricht man nicht. Dafür würde es zwei Minuspunkte geben. Aber da ich so gnädig bin und mir deswegen einrede, dass du es akustisch nicht verstanden hast, wiederhole ich mich: Hast du Geschwister, Sophia, Sophia Smith?" Er nahm einen Brieföffner von seinem Schreibtisch und drehte ihn in seiner Hand hin und her. Dabei wendete er aber nicht seinen Blick von mir ab und machte mich somit nervös.

Ich räusperte mich, straffte meine Schultern, verschränkte meine Hände vor meinem Körper und antwortete so ruhig und neutral wie es ging: „Ja, ich habe einen jüngeren Bruder und eine jüngere Schwester."

Liam lief einmal um seinen Schreibtisch herum und gelangte so zu einem hohen Schrank.
„Und deine erste Ausbildung hast du wo gemacht?"

„Sektor 3c, Mr. Payne."

Warum wollte er das alles wissen? Ich wurde daraus nicht schlau und ein ungutes Gefühl machte sich in meinem Körper breit.

„Interessant..." meinte er nur leise und öffnete die Schranktür. Was war daran bitte interessant?

„Sophia, Sophia Smith." Setzte er an, als er eine Sporttasche aus einem Regal zog und sich wieder zu mir umdrehte. „Ich muss nun in die Sportetage 79.Wenn du bitte einmal so nett sein und dem Zimmerdienst sagen könntest, dass sie meine Tasche packen und schon einmal hochtragen sollen...?" Er wies auf die graue Tasche, bevor er an mir vorbei lief. Erst als er die Türklinke schon herunter gedrückt hatte, drehte er sich noch einmal zu mir um.
„Ach ja, du hast einen Fleck auf deinem Kleid." Mit diesen Worten verschwand er und ließ mich in seinem Zimmer alleine. Der Tee blieb unberührt auf dem Tisch stehen.

„Willst du heute mit zu Syra kommen? Sie wird sich sicherlich freuen, wenn sie mal etwas Abwechslung bekommt." Leo zwinkerte mir zu, als wir im Aufzug standen, doch ich schüttelte verneinend meinen Kopf.

„Tut mir Leid, Leo. Ich habe heute noch viel vor. Soll ich euch sonst morgen beim Kochen helfen?"

„Ich kann Syra ja mal fragen." Meinte Leo als sie mich umarmte und schließlich aus dem Fahrstuhl ausstieg, um ihre Schwester zu besuchen. Ich hingegen lehnte mich gegen die Wand, als sich der Schacht ruckelnd wieder in Bewegung setzte, mich und all die anderen Menschen um mich herum in die Tiefe brachte.
Dabei schloss ich meine Hände um den kleinen Beutel gefüllt mit Geldmünzen. Mein erster Gehalt.

Und dieses Geld würde unsere Zukunft sichern.
Damit könnte ich morgen wieder auf den Markt.
Und später, wenn wir sparen, die Behandlung von Clovys Beinen.
Dieses Geld war unsere Zukunft.
Diese Ausbildung war der Weg zum Ziel.

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