-43- ➳Aufbruch

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In der Nacht konnte ich keine einzige Minute meine Augen zu machen. Ich lag auf der zu kleinen Chaiselongue, drehte mich immer nur von einer Seite auf die andere und zuckte bei jedem Geräusch zusammen. Lange Zeit starrte ich auf die simulierte New Yorker Skyline und fragte mich, ob dies wohl der letzte Ausblick aus solch einem Fenster sein würde.
Es war mein Ende, das war klar, aber dennoch blieben so viele Fragen offen.
Denn selbst wenn wir es rechtzeitig zu dem Wasserkraftwerk schaffen würden, was wäre, wenn es unmöglich wäre, es zu reparieren?
Es fühlte sich so an, als würde meine Kehle vor Trockenheit in Flammen stehen und mein Magen zog sich alle fünf Minuten verzweifelt vor Hunger zusammen. Immer noch tat mir jeder Knochen weh und nicht einmal die weichen Kissen gaben mir Linderung.
Mehrmals schweiften meine Gedanken zu Megs und Niall in den Zellen und ich fragte mich, ob ihnen auch bereits dieses Angebot gemacht wurde, ob sie auch schon über ihr Schicksal Bescheid wussten.

Aber dann wurde mein Kopf wieder von dem größten Gedanken eingenommen.

Du hattest versprochen, dass du für deine Geschwister sorgen wirst, Sophia.

Ich habe es versaut. Ich habe meinen kleinen Bruder nicht aus den Machenschaften von Niall heraushalten können und nun wusste Marcus und der gesamte hohe Rat über seine Verbrechen Bescheid. Und ich wusste immer noch nicht, ob dies hieß, dass auch er sein Ende bei uns finden sollte. Ich betete, dass Marcus zumindest so viel Herz besaß, um einen 14-jährigen Jungen zu verschonen...

Als ich jedoch das Klicken der Tür hörte und die grüne Lampe aufleuchtete, sprang ich von der Chaiselongue auf und sofort wurde ich von einer panischen Aufregung durchflutet.
Nun war es so weit. Ich konnte nicht länger wegrennen.

Marcus betrat zusammen mit den mir bereits zwei bekannten Wächtern den Raum und kam ein paar Meter vor mir zum Stehen.

„Sophia Smith?"

Ich wusste, was er damit fragte. Einmal holte ich tief Luft und fing dann an zu nicken. „Ja."

„Gut. Peterson wird dich zu den benötigten Sachen begleiten. Wir treffen uns unten."
Bevor ich mich versah, drehte er sich um und verschwand mit einem seiner Wächter, während der andere mich ohne ein Wort grob am Arm fasste und mich durch den Flur in die entgegengesetzte Richtung zerrte. Wütend wollte ich mich aus dem Griff reißen, da ich sehr wohl alleine laufen konnte, doch dafür umfasste er ihn nur noch stärker.

Wir durchliefen mehrere Gänge, die alle gleich aussahen, trafen keine Menschenseele und gelangten schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit zu einem winzigen Raum.
„Du hast zehn Minuten." Knurrte Peterson, drückte mich über die Türschwelle und schloss die Tür. Ein kleines rotes Lämpchen symbolisierte, dass sie abgeschlossen war.
Erst nach weiteren 30 Sekunden begann ich zu realisieren, dass es eine kleine Waschkammer war, ähnlich wie die im Apartment der Paynes, wo Leo und ich uns immer umgezogen und fertig gemacht hatten.
Bevor mich die Erinnerungen zu erdrücken schienen, schluckte ich sie herunter und konzentrierte mich auf das Hier und Jetzt.
In der Mitte stand eine längliche Bank, auf der ein Bündel Kleidung sorgfältig zusammengelegt worden war, daneben ein Teller mit einer Scheibe Brot. Bevor ich länger nachdachte, hatte ich dieses bereits in meiner Hand und stopfte es mir stückweise in den Mund. Ich wusste nicht, wie lange es genau her gewesen war, dass ich etwas gegessen hatte, doch es fühlte sich so an, als hätte ich bisher nichts Besseres als dieses trockene Brot gegessen.
Als ich alles aufgegessen hatte, beugte ich mich unter den Wasserhahn und trank in gierigen Schlucken, bis mein Hals nicht mehr wehtat. Danach spritzte ich mir Wasser ins Gesicht und rieb auch meine Arme und Beine damit ein, die mit blauen Flecken und Kratzern nur so übersäht waren. Den Blick in den Spiegel mied ich, da ich mir diesen Anblick ersparen wollte.
So stand ich schließlich etwas unsicher vor dem Kleiderhaufen und zog mir vorsichtig mein Kleid über den Kopf. Nur mit Mühe konnte ich es aus der Hand legen und in die bereitgelegte Hose schlüpfen. Als ich das einfarbige Langarmshirt über meinen Kopf zog, musste ich meine Zähne zusammenbeißen, damit die Schmerzen nicht die Überhand nehmen konnten.
Schwere, feste Schnürschuhe standen bereit, für die ich Ewigkeiten brauchte, bis ich sie richtig zusammen gebunden hatte und als ich dann in die leichte Jacke schlüpfte, starrte ich auf mein altes, zerschlissenes Kleid.

SkyscraperGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt