Bahe war kurz davor jeglichen Vorsatz in den Wind zu schlagen und los zu sprinten, als Alucard ihn endlich erlöste.
„Und los!", rief dieser plötzlich und rannte wie abgesprochen nach rechts.
Gemeinsam setzten sie sich hektisch in Bewegung, rannten ganz am Rand der Höhle entlang und lockten so die Monsterameisen ebenfalls in einem riesigen Pulk am Rand der Höhle hinter sich her. Wenig später bauten sie ihren Vorsprung auf zwanzig und dann dreißig Meter aus, ehe sie wieder langsamer wurden und ihre Geschwindigkeit an das Krabbeltempo der Ameisen anpassten. Bahe atmete erleichtert auf. Der erste Teil ihres Plans war ein weiteres Mal aufgegangen. Die dummen Viecher rannten ihnen tatsächlich hinterher.
Nun ging der langwierige Teil los. Sie mussten die Monsterameisen dezimieren. Dafür löste sich als erstes Alucard von ihnen, ehe er ein paar Meter vor ihnen in den Schatten verschwand. Es dauerte drei Minuten des Laufens, ehe die ersten Erfahrungspunkte bei ihnen eintrudelten. Offensichtlich war er sicher am Ende des Ameisenschwarms angekommen und metzelte bereits einzelne Monsterameisen nieder.
Wie sich herausgestellt hatte, waren die gewöhnlichen Monsterameisen gar nicht so gefährlich, wenn man sich ihnen einzeln widmete. Das Problem war immer ihre schiere Menge und die begrenzte Fläche des Höhlensystems gewesen. Doch in Verbindung mit ihren geringen kognitiven Fähigkeiten, immerhin liefen die idiotischen Viecher ihnen im Kreis durch die Höhle hinterher, war ihnen relativ leicht beizukommen. Dafür musste man nur einzelne Exemplare von hinten aus der großen Meute lösen und sich diesen Kreaturen einzeln gegenüberstellen, während der Rest sie vorne ablenkte. Andererseits musste man darauf erst einmal kommen...
Aber sie hatten ja Zeit gehabt...
Mittlerweile hing ihnen alle dieses Höhlensystem zum Halse heraus. Über Wochen jede Spielzeit in dieser schummrigen Dunkelheit des Höhlensystems verbringen zu müssen, schlug nun mal auf die Gemüter. Daher waren alle froh, dass heute die Entscheidung fallen würde. Entweder sie besiegten diese verdammte Monsterameisenkönigin oder sie würden im Kampf gegen sie sterben. Beide Szenarien waren besser als noch länger in diesen Höhlen festzusitzen.
Mit den zunehmenden Erfahrungswerten, die bei ihm eintrudelten, begann Bahe innerlich zu jubeln.
Denn die Erfahrungswerte waren enorm.
Zuvor hatte er nur äußerst passiv einen minimalen Prozentsatz der ganzen Erfahrungspunkte eingeheimst, da er ja de facto in einem anderen Raum war, während der Rest des Teams um sein Leben kämpfte. Aber jetzt, wo er mehr oder weniger aktiv im Kampfgeschehen des Teams involviert war, schnellte seine Erfahrung nach oben. Seine Teammitglieder waren durch die letzten Tage des kontinuierlichen Kämpfens bereits allesamt bei Level 38 angekommen. Daneben wirkte er mit seinem Level 25 regelrecht lächerlich.
Aber immerhin sahnte er dadurch einen Großteil ihrer gewonnen Gesamterfahrung ab, bis sich ihre Level wieder annäherten. Wozu hatte man schon erfahrenere Teammitglieder, wenn nicht, um sich in kürzest möglicher Zeit hochleveln zu lassen?
Die Erfahrungsmeldungen prasselten noch eine Weile auf ihn ein, ehe sich plötzlich Alucard über die Teamchatfunktion meldete: „Ich habe jetzt zwanzig von den Viechern erlegt. Wer übernimmt die nächste Runde?"
„Bin schon auf den den Weg", hörte Bahe Feiying rufen, der sogleich an Geschwindigkeit zulegte, bis er etwa hundert Metern vor ihnen zu den Tunneln der Felsformation rannte, die sich mittig durch die langgezogene Höhle zog.
„Wehe du lässt mich allein zurück, Anael", sagte Stallion schnaufend, während sie vorübergehend nur zu zweit als Lockmittel vor dem Ameisenschwarm wegrannten.
Bahe schüttelte nur den Kopf und konzentrierte sich lieber auf seine Atmung. So wie es aussah, würden sie noch eine ganze Weile rennen müssen.
Alucard tauchte nach einer guten halben Runde durch die Höhle wieder vor ihnen auf. Da sie die ganze Zeit Runden liefen und er sich ganz hinten befand, hatte er einfach abwarten können, bis sie ihn wieder erreichten. Auf diese Art und Weise bekamen diejenigen, die sich zuvor mit den Riesenameisen angelegt hatten, eine kurze Verschnaufpause.
Eine Viertelrunde später, diesmal wieder zu dritt, erschien die nächste Erfahrungsmeldung, die von einer erlegten Monsterameise zeugte. Insgesamt dauerte es bei Feiying deutlich länger bis er die Monsterameisen erfolgreich erlegte und bei ihnen Erfahrungsmeldungen auslöste. Aber das war vermutlich seiner Klasse und seiner Bewaffnung geschuldet.
Das Wichtigste war die Regelmäßigkeit mit der es beim Abschlachten der Monsterameisen voran ging und die war nicht nur bei ihm gegeben. Auch Stallion stellte sich nicht schlechter an, als seine Vorreiter.
Wie Bahe von ihm erfahren hatte, war Stallion wohl zunächst auf die Felsformation mit den Tunneln geklettert. Doch dann stand er vor der Frage, wie er die letzten Insekten treffen sollte, wenn man die Viecher in der Entfernung überhaupt nicht ausmachen konnte?
Die beschwerliche Kletterei in der Dunkelheit war daher vollkommen umsonst gewesen und hatte sie nur Zeit gekostet.
Letztlich hatte Stallion sich für die altbewährte Hit-and-Run-Strategie entschieden. Er schoss seine Pfeile immer so auf die letzten Exemplare der Ameisenhorde, dass er einerseits gerade genug Abstand zu ihnen hatte, um sicher zu sein und andererseits nah genug an den Viechern dran war, um sie auch zu ihm zu locken.
Sobald sich dann einzelne Monsterameisen lösten und auf ihn zuhielten, visierte er ihre Augen an und blendete sie mit zwei gezielten Schüssen, um ihnen danach von unten, mit Pfeilen in der weichen Unterseite, den Rest zu geben.
Das war eine Taktik, die Bahe auch verfolgen wollte. Seitdem sein Schwert sich zu einem magischen Bogen wandelte, hatte er ja schließlich keinerlei Nahkampfwaffe mehr bei sich.
Als er schließlich dran war, grauste es Bahe in den dunklen Tunneln der Felsformation, obwohl ihm die Anderen versichert hatten, dass diese leer seien. Ständig warf er einen Blick über die Schulter, während er hier den vorbei kabbelnden Pulk der Monsterameisen abwartete. Besonders gruselig war die Tatsache, dass die Krabbelgeräusche der Ameisen in den Tunneln widerhallten und ihren Ursprung verschleierten. Nur mit viel Überwindung schaffte es Bahe lange genug an Ort und Stelle zu verharren.
Kaum waren die Riesenameisen vorbeigezogen, rannte er schnell aus den Tunneln heraus und schloss von hinten wieder auf. Meter für Meter arbeitete er sich langsam an die Ameisen heran und justierte vorsichtig die Helligkeit seines Leuchtkristalls, damit die Monsterameisen ihn nicht zu früh bemerkten.
Doch ausnahmsweise lief alles wie am Schnürchen. Bahe wurde nicht bemerkt, bis er es bei einer Entfernung von fünfzehn Metern selbst nicht mehr länger aushielt. Noch im Laufen zog er seinen normalen Bogen samt Pfeilen aus dem Speichergegenstand, kam abrupt zum Stehen und legte schnell den ersten Pfeil an.
Hochkonzentriert zielte er kurz vor die letzte Monsterameise, da diese ja noch einen Meter machen würde, ehe der Pfeil sie traf. Anschließend atmete er noch einmal tief ein und aus und ließ die Sehne dann nach vorne schnellen. Gespannt wartete er ab, als der Pfeil in der Dunkelheit der Höhle verschwand.
Teil 1/1!
RiBBoN
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Die Legende vom Elementflüsterer - Band 3
FantasyMehrere Wochen ist es inzwischen her, dass Bahe es wagte, sich für für das Online-Spiel "Raoie" anzumelden. Vieles besserte sich bereits, sowohl im Spiel als auch in der Realität. Während Bahe zu Beginn noch in seinen Erfolgen schwelgt, muss er weni...
