Kapitel 29

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So ein unruhiges Frühstück hatte es in der Familie Potter wohl selten gegeben. Es lag zwar nicht an ihnen, aber alle waren übermüdet, überfordert von ihren Nahtoderfahrungen letzte Nacht und außerdem hielten eine Menge Leute es für angebracht, sie beim außergewöhnlich stillen Frühstück zu unterbrechen.
Erstmal dauerte es Ewigkeiten bis überhaupt alle am Tisch saßen. Euphemia und Ginny hatten den Anfang gebildet, kurz nach ihnen kam Fleamont. Schließlich stießen auch Remus und Lily zu ihnen, Sirius, James und Harry ließen sich Zeit. Niemand bemühte sich groß um die Konversation, die bestand größtenteils aus „Kannst du mir den Sportteil geben, du kannst dafür den Politikteil haben", während sie den Tagespropheten auseinanderpflückten und unter sich aufteilten.
Nach einer sehr stillen, sehr langen Stunde erleuchtete plötzlich der Kamin in hellem Grün. Ginny fuhr überrascht zusammen. Auch die anderen wendeten sich erschrocken oder überrascht dem Kamin zu. Ein Mann trat heraus. Ginny griff instinktiv nach ihrem Zauberstab unter dem Tisch, während sie ihn musterte und versuchte ihn einzuordnen. Sah er jemandem ähnlich den sie kannte? Wie vielleicht ein Vater oder jüngere Version? Nein. Er war groß, schlaksig aber trotzdem sportlich, hatte dunkle Haut. Sein Gesicht wurde geprägt von markanten Wangenknochen und schulterlangen Dreadlocks, die in einen Pferdeschwanz in seinem Nacken gebunden waren. Seine Augen fielen ebenfalls auf, so dunkelbraun wie flüssige Schokolade, hinter einer kleinen rechteckigen Brille. Er sah nicht schlecht aus, dass musste Ginny zugeben, aber etwas an ihm gefiel ihr nicht. Vielleicht war es aber auch die selbstgefällige Art, wie er hier einfach so reinspazierte. Doch als sie sah, wie Sirius, Remus und James sich entspannt zurücklehnten und Fleamont aufstand um ihn zu begrüßen ließ sie ihren Zauberstab wieder hinter sich auf ihren Stuhl gleiten.
„Le, schön dich zu sehen. Kaffee?", begrüßte ihn auch Euphemia.
„Natürlich, ich komm hier doch nur hin, um meine Koffeinabhängigkeit zu stillen", antworte Le scherzend. Euphemia ging direkt in die Küche und holte noch eine Tasse, währen Le aus einer Tasche über seiner Schulter eine Akte holte und sie Fleamont reichte. „Neuigkeiten zum Lindlane-Fall", erklärte er knapp. Fleamont nahm die Akte entgegen und blätterte kurz durch ein paar markierte Stellen, dann nickte er: „Danke, gute Arbeit, Mann. Mach so weiter und du übernimmst bald die Aurorenabteilung."
„Gerne, aber erst, wenn du in Rente musst, Boss", erwiderte Le.
Also ein Auror und Kollege von Fleamont und Euphemia. Diese kam gerade mit dem Kaffe zurück und warf automatisch auch einen Blick auf die Akte. „Lindlane? Immer noch?", fragte sie.
„Wir finden einfach nicht genug Beweise, um Anklage zu erheben und unsere einzige Zeugin, die zwar eine wage aber immerhin eine Aussage hätte machen können, wurde heute Morgen im Wald aufgefunden. Sie war joggen und wurde wohl von einem Tier angefallen, Kratz- und Bissspuren weisen daraufhin, sie hat es nicht geschafft. Dieser Fall ist ein einziges Desaster", Le rieb sich frustriert die Schläfen und auch Fleamont und Euphemia sahen mehr als unzufrieden aus.
„Entschuldigung, darf man fragen, worum es geht?", fragte Harry. „Natürlich, mittlerweile hat eh ganz England das Versagen der Aurorenzentrale mitbekommen. Es war überall in den Zeitungen", antwortete Le und lachte bitter auf, dann erklärte er, „Lindlane ist der Name einer Straße in einem winzigen Muggeldorf, das jetzt noch winziger ist, da diese ganze Straße vermutlich von Todessern ausgelöscht wurde, natürlich samt der Anwohner. Aber wir finden keine Beweise außer ein paar Minifluchschäden, aber man kann nicht mal die Verursacher ausfindig machen und..." Er sprach noch weiter, aber Ginny hörte auf zuzuhören. Sie sollte das nicht tun, aber lieber war sie ungeniert und hatte Vertrauensprobleme als überlistet und tot.  Sie fokussierte sich auf ihn, blendete den Rest aus. Ihre Legilimentik hatte sich stark verbessert in letzter Zeit, so häufig, wie sie sie in letzter Zeit angewandt hatte. Aber die Okklumentik dieses sogenannten Le war auch nicht schlecht. Schließlich war er Auror. Ginny versucht die Barriere zu durchbrechen, aber es war sogar noch schwerer als damals bei Professor Sampson.
Plötzlich tauchte ein Bild vor ihrem Inneren Auge auf. Endlich, dachte sich Ginny, aber es war total unscharf. Sie konzentriere sich noch mehr. Dann war es wie ein Blitz, sie erkannte das Bild in voller Schärfe für ein Millisekunde. Blut auf erdigem Boden, es roch nach Rauch und Feuer züngelte im Hintergrund. Zerstörung überall. Es war als hätte sie einen Stromschlag bekommen, sie zuckte zurück und weg war die mentale Verbindung.
„Es war furchtbar, einen ähnlichen Anblick so purer Zerstörung habe ich noch nie gesehen und ich bin schon einige Jahre als Auror tätig, es war kaum zu glauben", endete Le seine Erklärung. Das war also Lindlane gewesen. Wie es ausgesehen hat, hatte Ginny eigentlich nicht wissen wollen, aber das war wohl die Bestrafung dafür gewesen in den Kopf eines Aurors blicken zu wollen.
„Klingt grausam", kommentierte Ginny. „Das war es. Es wundert mich, dass ihr nichts davon mitbekommen habt, schließlich stand es überall in der Zeitung und als Potters seid ihr doch sowieso direkt an der Quelle oder?", fragte Le interessiert.
„Äh ja, also ich bin ein Potter, Harry Potter, ein entfernter Cousin und Ginny ist meine Freundin, aber wir sind nicht von hier und zu der Zeit waren wir noch nicht hier und naja, anders okkupiert." Sehr diplomatisch ausgedrückt, gratulierte ihm Ginny per Legilimentik. Harry sah sie kurz überrascht, dann amüsiert von der Seite an, aber sie lächelte weiterhin unschuldig den Fleamont und Le zu.
„Naja, dann erstmal schön noch einen Teil der Potterfamilie kennenzulernen. Mein Name ist Le Firitsoane und ich bin Auror und arbeite mit Fleamont und Euphemia. Was führt euch denn her?"
„Unser Abschlussjahr in Hogwarts, wir wurden vorher privat unterrichtet, aber ein Hogwartsabschluss ist einfach anerkannter", erklärte Ginny.
„Verständlich, na dann viel Glück, die UTZe sind anstrengend, aber es lohnt sich im Nachhinein, sich auf gute Noten zu konzentrieren. Ich muss jetzt leider los, die Arbeit ruft. Auf Wiedersehen", er lächelte ein breites Lächeln, dann trat er wieder in den Kamin und verschwand mit dem Wort „Zaubereiministerium" in grünen Flammen.
„Ich muss eigentlich auch ins Büro, ich kann mein Team nicht mit diesem Fall sitzen lassen", verkündete Fleamont und  machte Anstalten den Raum zu verlassen.
„Monty, bitte. Du hast frei, genau wie die meisten deiner Mitarbeiter mit Kindern, damit die die freie Woche mit ihnen verbringen können. Die kommen heute doch auch nicht ins Büro. Außerdem warst du seit Wochen nicht mehr zuhause für ein ganzes Wochenende und erst gestern Abend im EInsatz", versuchte Euphemia ihn zum Bleiben zu überreden.
„Die anderen sind auch nicht der Leiter der Aurorenabteilung und ich war gestern Abend im Einsatz um Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, die es irgendwie witzig fanden ohne jegliche Expertise in ein Todessernest einzubrechen. Es tut mir leid, Schatz, aber ich muss gehen", mit diesen Worten verließ Fleamont den Raum und die Stille kehrte wieder ein.
„Meint ihr, Pete ist bereit heute Nachmittag Besuch zu empfangen?", fragte Remus irgendwann. „Ich kann mich mal erkundigen, ich bin eh heute da", bot Euphemia an. „Was machst du da?", fragte Sirius überrascht. „Hilfe anbieten. Manchmal sind sie überfüllt und diese sich ziehende Beurlaubung aufgrund dieser einen kleinen Verletzung vom Aurorendienst macht mich wahnsinnig. Ich muss irgendwas tun, also schau ich, ob sie mich da brauchen. Die Leiterin des St Mungos war zufällig meine Ausbilderin in der Heilerausbildung, deshalb nimmt sie mich ganz gerne als unbezahlte Hilfe an", erklärte Euphemia.
In diesem Moment kam Fleamont wieder rein, jetzt allerdings komplett fertiggemacht, bereit ins Büro zu flohen. Er warf schon das Flohpulver in den Kamin, doch als er in ihn hereintrat, prallte er direkt in Dumbledore herein, der auf einmal aus den grünen Flammen kam. Sirius und James konnten ein Kichern nicht unterdrücken. Fleamont trat sofort einen Schritt zurück und ließ den Professor eintreten.
„Albus", begrüßte er ihn überrascht.
„Fleamont. So stürmisch heute", schmunzelte Dumbledore, „guten Morgen, alle miteinander."
„Professor, was machen sie denn hier?", fragte Lily, der es offensichtlich peinlich war, ihrem Schulleiter im Schlafanzug mit ungemachten Haaren im Haus ihres Schulsprecherkollegen und im Übrigen auch in einem seiner Tshirts, zu begegnen.
„Ich wollte nur mit ein paar meiner Schüler sprechen, es geht um die Kammer des Schreckens", erzählte Albus bereitwillig.
Fleamont schnaubte belustigt: „Du wirst im Alter auch immer verschrobener."
„Hast du dich etwa noch nie mit den Schullegenden beschäftigt?", wandte Dumbledore ein. Wenn Fleamont nur wüsste.
„Nein, tatsächlich nicht. Ich habe genug wichtige Arbeit, zu der ich jetzt sich dringend muss. Also dann, bis dann", Fleamont verließ das Haus durch den Kamin und auch Euphemia verabschiedete sich um sich fertigzumachen für das St Mungos.

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