Teil 12

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Eddies Sicht:

Ich wachte auf, ohne zu wissen warum.
Der Raum war still. Nur das leise Summen des Kühlschranks in der Küche drang durch die Wand, begleitet vom rhythmischen Atem Amalias neben mir. Es war warm unter der Decke, aber irgendetwas fühlte sich... anders an. Als würde ein Teil von mir fehlen.
„Venom?" flüsterte ich.
Keine Antwort.
Ich setzte mich langsam auf. Das Licht der Straßenlaterne fiel gedämpft durch die Vorhänge und tauchte das Zimmer in silbrige Schatten. Amalia lag auf der Seite, das T-Shirt ein Stück hochgerutscht, ein Streifen Haut blitzte über der Hüfte hervor. Ihre Haare fielen ihr ins Gesicht, eine Hand ausgestreckt, fast so, als hätte sie im Schlaf nach mir gegriffen.
Und dann spürte ich es.
Etwas bewegte sich. Nicht im Raum. In mir – oder besser gesagt: außerhalb von mir. Venom hatte sich gelöst. Ganz sachte. Ohne Lärm. Ohne Grollen.
Ich blickte in die Ecke des Zimmers, und da war er – ein dunkler, schimmernder Schleier, kaum mehr als ein Schatten, der sich langsam über den Boden bewegte, fast neugierig, fast lautlos. Kein Monster. Nicht jetzt. Mehr wie ein... Kind in einem fremden Museum.
Er schwebte näher zu ihr. Keine Bedrohung, keine Gewalt. Nur dieses stille, forschende Etwas. Als würde er verstehen wollen, was ich fühlte, wenn ich sie ansah. Warum mein Herz schneller schlug, wenn sie lachte. Warum mein Atem aussetzte, wenn sie sich im Schlaf an mich schmiegte.
„Du solltest das nicht tun", flüsterte ich.
Der Schatten hielt inne. Dann wandte er sich ein Stück in meine Richtung. Keine Augen. Und doch war da ein Blick. Ein Gedanke.
„Sie riecht nach dir. Und nach Wärme. Nach... etwas, das ich nicht kenne."
Ich stand auf. Langsam. Barfuß auf dem kalten Boden. Ich trat zu ihm, beugte mich hinunter. Er zuckte nicht zurück.
„Das ist Intimität, Venom", sagte ich leise. „Zärtlichkeit. Verlangen. Aber es gehört uns, nicht dir. Verstehst du das?"
Ein Moment lang war er still.
Dann zog er sich zurück, ein dunkles, atmendes Etwas, das sich langsam wieder mit meinem Körper verband – mit einem letzten, flüsternden Gedankensplitter:
„Ich glaube... ich beneide dich."
Ich kroch zurück ins Bett. Zog Amalia sanft an mich. Sie murmelte etwas im Schlaf, drückte sich näher.
Und ich lag da, still, wach, mit einem fremden Wesen in mir, das langsam begann, das Menschsein zu fühlen.

Amalias Sicht:
Am Morgen

Ich wachte auf mit diesem Gefühl... du weißt schon. Wenn man zu nah an einem Traum geschlafen hat, und der noch auf den Wimpern klebt. Warm. Verwirrend. Schön.
Eddie lag noch neben mir. Auf dem Rücken, eine Hand unter dem Kopf, die andere locker auf meiner Hüfte. Sein Atem war ruhig, aber nicht ganz tief – ich kannte diesen Rhythmus. Er war wach. Tat nur so.
Ich öffnete langsam die Augen, drehte mich leicht zu ihm. Unsere Körper hatten sich über Nacht irgendwie ineinandergefaltet, als hätten wir vergessen, dass wir eigentlich "nur Freunde" waren. Nur Freunde, die sich nachts ineinander rollen. Mhm. Klar.
„Hey", murmelte ich.
Seine Lippen zuckten zu einem halben Grinsen, ohne die Augen zu öffnen. „Morgen."
„Nicht wirklich geschlafen, oder?"
„Nicht wirklich."
Ich sah ihn an. Das zerzauste Haar. Der Schatten von Nachdenklichkeit auf seinem Gesicht. Und irgendetwas... anderes. Wie ein Rest von Dunkelheit, der nicht ganz zu ihm gehörte.
„Du wirkst, als hättest du im Schlaf einen internen Kampf geführt."
Er öffnete ein Auge. „Sagen wir, mein... Mitbewohner hat gerade eine Phase."
Ich hob eine Braue. „Mitbewohner."
„Langfristiger Untermieter. Sehr anhänglich. Frisst viel."
Ich lachte leise. „Du machst Witze, aber irgendwas ist da. Ich weiß es. Du bist manchmal nicht ganz... allein in dir."
Er sah mich lange an. Dann streckte er die Hand aus, berührte sacht meinen Arm. Ganz leicht. Wie jemand, der testen will, ob Nähe gefährlich ist. Oder rettend.
„Du hast keine Ahnung, wie recht du hast."
„Dann erklär's mir. Wenn du bereit bist."
„Ich bin's nicht. Noch nicht."
Ich nickte. Weil ich ihn nicht drängen wollte. Weil ich wusste, wie es ist, Dinge zu tragen, die kein anderer sehen soll.
Dann rutschte ich ein Stück näher, unsere Beine verwickelten sich unter der Decke. Es war nicht dramatisch. Kein Filmkuss. Nur zwei Körper, die wussten, dass da mehr war – und dass man es nicht immer gleich aussprechen muss.
„Eddie?"
„Hm?"
„Wenn du mich weiter so ansiehst, schlafen wir hier nicht einfach nur nebeneinander."
Sein Blick flackerte. Zwischen Schüchternheit und etwas Tieferem.
„Ich weiß."
Und dann küsste er mich nicht. Noch nicht. Aber seine Stirn lehnte sich gegen meine, seine Hand lag warm auf meiner Taille, und in diesem Moment war alles gesagt.

𝐷𝑢 𝑔𝑒ℎ𝑜̈𝑟𝑠𝑡 𝑚𝑖𝑟 Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt