Teil 13

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Eddie's Sicht:

Es war einer dieser langsamen Vormittage, wo die Zeit sich zieht wie zäher Honig. Die Sonne warf goldene Flecken auf den Wohnzimmerboden, und Amalia saß im Schneidersitz auf dem Teppich, einen Löffel Müsli in der Hand, der viel zu klein für ihre Schüssel war.
„Ich hab vergessen, dass du Milch mitbringst. Jetzt ist sie warm und traurig."
Ich stand in der Küche, mein Kaffee in der einen Hand, ein Apfel in der anderen, und grinste. „Willst du 'ne Runde Mitleid oder einen neuen Löffel?"
„Beides." Sie sah mich über die Schulter an, Haare wild, T-Shirt schief am Kragen. Ich hätte sie stundenlang ansehen können. Hatte ich vermutlich auch schon.
„Sie sieht essbar aus. Ich will wissen, wie sie schmeckt."
Nicht. Jetzt.
„Du denkst es auch. Gib es zu."
Ich unterdrückte ein Stirnrunzeln. „Was machen wir heute?", fragte ich stattdessen, um den Fokus von Venoms Kommentaren zurückzuerobern.
„Ich dachte... vielleicht rausgehen. Spaziergang? Oder auf dem Balkon sitzen und Leute beobachten? Oder... drinnen bleiben und Serien anfangen, die wir nie zu Ende gucken?"
„Also, wie ein Rentnerpaar mit Bindungsangst."
„Exakt." Sie lächelte und nahm noch einen Bissen.
Ich setzte mich neben sie, ließ mich absichtlich theatralisch auf den Boden plumpsen. „Bin dabei."
„DU willst sie. Sie will dich. Warum zum Teufel starrt ihr euch an wie zwei Teenager mit WLAN-Sperre?"
Weil ich's nicht verkacken will, du Tentakel-Schnulze.
Der Tag verstrich langsam – wir gingen spazieren, ihre Hand manchmal nah an meiner, manchmal berührte sie sie zufällig, und ich war mir nie sicher, ob das Absicht war. Oder einfach Amalia, die so war, wie sie war: offen, warm, ein bisschen chaotisch. Ich war nur... ich. Plus Beißer im Kopf.
Am späten Nachmittag lagen wir auf dem Balkon. Sie auf einer Decke, ich halb gegen die Wand gelehnt. Wir tranken Eistee aus Weingläsern – weil sie fand, dass Alltag dramatischer werden muss – und ich versuchte, nicht wie ein Teenager nervös mit dem Fuß zu wippen.
„Weißt du", sagte sie irgendwann und sah in den Himmel, „ich hab in letzter Zeit das Gefühl, ich bin nicht allein, selbst wenn keiner da ist."
Ich hielt den Atem an.
„Aber es ist kein gruseliges Gefühl. Eher wie... als würde jemand auf mich aufpassen."
Ich sagte nichts. Nur ein leises: „Das... klingt schön."
„Sie meint mich. Sie hat Instinkt. Ich bin beeindruckt."
Wenn du das nächste Mal sabberst, während ich denke, verlange ich Miete.
Sie sah zu mir, ihr Blick ernst. „Und bei dir? Fühlst du dich allein?"
„Nie", sagte ich, ein bisschen zu schnell.
Ihre Augen verengten sich, sie war klug. Sie wusste, dass in meinem Schweigen mehr steckte als in jedem Satz.
Aber sie drängte nicht.
Am Abend kochte sie, ich schnitt Gemüse und war stolz, dass ich nichts zerstörte. Wir lachten, tranken Wein, ihre Finger streiften meine. Und obwohl alles zwischen uns weich war, warm, vorsichtig... wusste ich, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis wir zu nah wurden, um noch zu tun, als wären wir nicht längst dabei, zu fallen.
„Lass es zu. Küss sie. Oder ich mach's."
Wenn du auch nur daran denkst, sie zu berühren, während ich schlafe, bring ich uns beide in Therapie.
„Versprochen."
Und als ich später im Bett lag, Amalia dicht neben mir, ihr Atem ruhig gegen meinen Hals – wusste ich, dass es nicht mehr lang dauern würde, bis irgendetwas zwischen uns explodieren würde.
Vielleicht war es Liebe. Vielleicht Wahnsinn.
Vielleicht beides.
Der Abend hing schwer in der Luft. Es war einer dieser warmen, zu stillen Abende, an denen selbst die Zeit langsamer zu atmen schien. Ich saß mit Amalia auf der Couch, ein altes Kissen zwischen uns, das langsam aber sicher zur Seite rutschte. Die Stehlampe neben uns warf weiches Licht auf ihre Wangen, und sie sah... verdammt schön aus. So schön, dass es fast wehtat, hinzusehen.
„Also", begann sie, ihre Stimme leise, „wann gehst du eigentlich wieder?"
Ich zog eine Augenbraue hoch. „Wow. Romantisch. Das war's jetzt? Rauswurf deluxe?"
Sie grinste schief. „Ich meine... du wohnst quasi hier. Und isst mein Toast."
„Und rette deine Eier."
„Auch das. Ein Held in zerknittertem T-Shirt."
Ich lachte. Und dann wurde ich wieder still, als ich ihren Blick fing. Diese Augen – die ich in letzter Zeit immer öfter ansah, ohne sofort wegzuschauen.
„Ich weiß nicht, wann ich gehe", sagte ich ehrlich. „Vielleicht gar nicht."
Sie legte den Kopf schräg. „Vielleicht find ich das nicht schlimm."
Wir sahen uns an. Lange. Und dieses Mal wich keiner von uns aus.
Ich rückte näher, langsam, fast zögerlich. Und als sie sich nicht zurückzog – als sie sich stattdessen ein Stück auf mich zu bewegte – wusste ich, dass es passieren würde. Kein Vielleicht. Kein Wenn.
Ich hob die Hand, legte sie an ihre Wange. Sie fühlte sich so weich an, dass ich kurz die Luft anhielt. Mein Daumen strich über ihre Haut, und sie schloss für einen Moment die Augen, als würde sie sich die Berührung merken wollen.
Dann küsste ich sie.
Langsam. Zärtlich. Wie ein Satz, den man flüstert, weil er zu wichtig ist, um ihn laut zu sagen.
Und sie küsste mich zurück.
Es war kein stürmischer Kuss. Kein filmreifer, dramatischer Wir-reißen-uns-die-Klamotten-vom-Leib-Moment. Es war echter. Ruhiger. Ehrlicher. Und genau deswegen so intensiv. Ihre Hände glitten unter mein Shirt, nur leicht, ihre Finger auf meiner Haut wie eine Frage, die ich sofort mit „Ja" beantwortete, ohne ein Wort zu sagen.
„Endlich." Venom schnaufte in meinem Kopf. „Ich dachte schon, ihr macht daraus einen zehnteiligen Slow-Burn-Film."
Halt die Klappe.
Ich versuchte, mich auf alles andere zu konzentrieren – auf ihre Lippen, auf ihre Nähe, auf dieses verdammte Gefühl, angekommen zu sein, ohne genau zu wissen, wie ich dort hingekommen war.
Als wir uns langsam voneinander lösten, hatte sie die Stirn gegen meine gelegt. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen halb geschlossen.
„Das war..." begann sie.
„Überfällig", flüsterte ich.
Sie lächelte. Und ich schwor, ich hätte noch zehn Jahre bei ihr auf der Couch sitzen können, nur um diesen Moment nicht loslassen zu müssen.

𝐷𝑢 𝑔𝑒ℎ𝑜̈𝑟𝑠𝑡 𝑚𝑖𝑟 Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt