Teil 31

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Eddie's Sicht:

Es waren jetzt fast vier Wochen vergangen, seit dieser Nacht, in der ich dachte, ich würde sie verlieren.

Vier Wochen Krankenhausflure. Vier Wochen Medikamente, Bluttests, Gespräche mit Ärzten, nächtliche Albträume, in denen ich aufwachte, weil ich dachte, sie atmet nicht mehr. Und vier Wochen, in denen Amalia mir jeden Tag ein kleines Stück Hoffnung zurückgegeben hatte.

Und jetzt... stand sie da. Auf eigenen Beinen. Schwach, ja. Aber sie stand.

Sie trug einen langen, weichen Pullover, der ihr viel zu groß war – einer von meinen. Ihr Gesicht war blass, aber ihre Augen hatten wieder dieses Leuchten, das ich so sehr vermisst hatte. Es war noch nicht vorbei. Bei weitem nicht. Aber wir durften endlich... nach Hause.

„Denkst du, ich sehe aus wie jemand, der gesund genug ist, um entlassen zu werden?" fragte sie mit einem schiefen Grinsen.

Ich ging zu ihr, nahm ihre Tasche und antwortete leise: „Du siehst aus wie jemand, der alles überlebt."

Venom tauchte kurz an ihrer Schulter auf – nur eine kleine, schwarze Bewegung, kaum sichtbar. „Und du siehst aus wie jemand, der weiterhin keine Pizza essen darf. Was sehr traurig ist."

Amalia lachte – leise, müde, aber ehrlich. „Ich vermisse Pizza."

„Du kriegst Suppe. Und Kräutertee", sagte ich mit erhobenem Zeigefinger. „Und sobald du stabil genug bist, kannst du dir das ungesündeste Ding auf der Karte aussuchen. Versprochen."

„Ich merk's mir", murmelte sie und ließ sich von mir stützen, während wir gemeinsam das Zimmer verließen.

Dr. Maiwald verabschiedete uns an der Tür zur Station. „Wir setzen die Therapie zuhause fort – unter strenger Aufsicht. Kein körperlicher Stress. Kein psychischer. Viel Ruhe, viel Schlaf. Und – wichtig – wenn irgendetwas nicht stimmt, rufen Sie mich sofort an."

Ich nickte. „Machen wir. Danke für alles."

Er sah Amalia einen Moment lang besonders an. Irgendwas in seinem Blick war weich. Nicht distanziert wie sonst. „Sie sind... tougher als viele meiner Patienten", sagte er. „Aber vergessen Sie nicht: Stärke heißt nicht, alles allein tragen zu müssen."

Amalia nickte, aber ich sah das leichte Zittern in ihrer Hand. Ich kannte sie. Sie wollte niemandem zur Last fallen – auch uns nicht. Doch ich würde sie immer daran erinnern, dass sie das nicht musste.

Zu Hause war alles... anders. Vertraut, aber auch neu.

Ich hatte vorher alles vorbereitet – Medikamente, Notfallnummern, frische Bettwäsche, Tee-Vorräte, das Sofa so umgebaut, dass sie tagsüber nicht ins Schlafzimmer musste. Venom hatte sogar beim Putzen geholfen – auf seine chaotische, halb-destruktive Art.

Und als wir die Wohnung betraten, blieb Amalia stehen und sah sich einfach nur um. Tränen stiegen ihr in die Augen. Ich wusste, dass es nicht nur die Erleichterung war, zurück zu sein – sondern auch die Angst, wieder schwach zu werden.

„Willkommen daheim", sagte ich leise, küsste sie auf die Stirn.

Venom tauchte kurz an ihrer Hüfte auf. „Ich habe das Bad geputzt. Mit meinem Körper. Du schuldest mir was."

Amalia lachte wieder, und diesmal war es stärker.

„Ich liebe euch", flüsterte sie.

Ich sah sie an, und ich wusste, es war noch ein langer Weg. Aber sie war da. Wir waren da. Und wir würden weitergehen – gemeinsam.

Die Nacht war kälter, als ich erwartet hatte. Der Regen tropfte von den Dächern, und der Geruch von nassem Asphalt mischte sich mit dem metallischen Hauch von Blut in der Luft – nicht unser Blut. Nicht diesmal.

Wir hatten zwei bewaffnete Typen in der Gasse gestellt. Keine große Sache. Drogen, gestohlene Ausweise, ein bisschen zu viel Macho-Gehabe. Venom hatte Spaß. Ich eher nicht.

Ich stand da, während er den zweiten Kerl an der Wand hochhielt – halb im Schatten, halb im Licht der flackernden Laterne. Der Typ zitterte wie Espenlaub, während Venom mit einem spitzen Grinsen Zähne zeigte, die nie hätten existieren dürfen.

„Du bist ein Feigling", knurrte Venom, seine Zunge zuckte gefährlich nahe an dem Ohr des Mannes vorbei. „Und deine Unterhose riecht nach Angst."

„Venom." Ich seufzte. „Mach keinen Roman draus."

Er grollte. Widerwillig. Und ließ den Typ fallen, der sich sofort abrollte und davonkroch, so schnell er konnte.

„Das war langweilig", brummte Venom. „Kein Spaß mehr. Nur flauschige Kriminelle."

Ich sagte erstmal nichts. Nur Stille. Bis wir wieder auf einem Dach standen, über der Stadt. Ich sah auf die Lichter hinunter, die sich im Regen spiegelten. Und mein Herz war nicht bei der Sache. Schon den ganzen Abend nicht.

Venom schwieg eine Weile, dann fragte er: „Du denkst an sie."

„Ja", murmelte ich. „Die ganze Zeit."

Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar. Das Wasser lief mir über die Stirn, aber es war mir egal.

„Ich weiß, sie hat gesagt, sie kommt klar. Dass sie sich ausruht. Dass sie schläft. Aber... ich fühl mich einfach scheiße, dass wir sie allein gelassen haben."

Venom zuckte durch meinen Arm, wie ein Zittern unter der Haut. „Sie ist nicht allein. Sie hat dein T-Shirt. Und unsere Vorräte. Und... wir waren nur zwei Stunden weg."

„Ich weiß, Mann. Ich weiß." Ich ließ mich auf das kalte Dach sinken, stützte die Ellenbogen auf die Knie. „Aber du weißt, wie es war, als sie zusammengebrochen ist. Ich kann das nicht nochmal sehen. Wenn ich nicht da bin und es passiert..."

Venom war ruhig. Für einmal keine lockeren Sprüche. Nur Stille zwischen uns. Dann sagte er leise, fast vorsichtig: „Ich fühle das auch. Wenn sie Schmerzen hat. Wenn sie Angst hat. Sie... sie fehlt, wenn wir nicht da sind."

Ich drehte den Kopf, überrascht. Venom sprach selten so. Nie so sanft.

*„Ich weiß nicht, was das ist", fuhr er fort. „Aber wenn sie leidet... dann leidet etwas in mir. Und ich mag das nicht. Ich will es rausreißen. Töten. Vernichten."

„Das ist Liebe, Kumpel", murmelte ich. „Scheißgefühl, oder?"

*„Schrecklich", knurrte er. Dann nach kurzem Zögern: „Aber... auch gut. Weil sie da ist. Weil sie uns vertraut."

Ich nickte langsam. In meinem Bauch kribbelte es. Nicht aus Angst. Aus Sehnsucht.

„Komm", sagte ich. „Lass uns heim. Bevor ich ganz verrückt werde."

„Zu spät."

Ich grinste. Nur kurz. Aber ehrlich.

Als wir durch das Fenster ins Schlafzimmer zurückkamen, lag Amalia zusammengerollt auf dem Sofa, ihr Gesicht im Kissen, unser Hoodie über dem Kopf gezogen. Atmend. Ruhig.

Venom war sofort still.

Und ich?

Ich war einfach nur froh, sie zu sehen.

𝐷𝑢 𝑔𝑒ℎ𝑜̈𝑟𝑠𝑡 𝑚𝑖𝑟 Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt