Teil 33

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Amalia's Sicht:

Der Abend war ruhig. Kein Piepen von Maschinen, kein grelles Licht, keine fremden Stimmen im Flur. Nur wir. Zuhause. Endlich.

Eddie saß neben mir auf dem Sofa, ein Buch halb offen in der Hand, aber er las nicht. Stattdessen beobachtete er mich – unauffällig, dachte er. Aber ich kannte diesen Blick inzwischen. Wachsam. Zärtlich. Und ein bisschen überfordert mit der Tatsache, dass ich gerade nicht zusammenklappte.

Ich lächelte. „Du musst nicht die ganze Zeit auf mich achten."

„Doch", murmelte er. „Ist Gesetz."

Ich streckte die Hand nach ihm aus, berührte seine Wange. „Ich mein's ernst. Ich fühl mich... wirklich besser."

Er drehte sich zu mir, suchte meinen Blick. „Aber du musst trotzdem vorsichtig sein."

Ich nickte langsam. „Ich weiß. Und ich werde es sein. Aber..."

Er zog die Augenbrauen hoch, wartete.

„Ich... ich wollte mit dir über etwas reden. Etwas, das mir schon länger im Kopf rumschwirrt."

Er legte das Buch weg, ganz. Jetzt war er da – ganz da.

„Okay", sagte er sanft. „Sag's mir."

Ich zögerte kurz, dann atmete ich tief durch. „Seit allem, was passiert ist... hab ich meinen Körper so lange nur noch als Kampfzone gesehen. Schmerz. Angst. Medikamente. Und plötzlich – fühl ich mich wieder wie ich. Ein bisschen zumindest. Und du... du warst immer da. Mit allem. Trotz allem."

Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Aber ich hielt seinen Blick.

„Ich möchte dir nahe sein. Richtig. Nicht nur in Gedanken. Nicht irgendwann – sondern... bald. Wenn du auch willst."

Eddies Augen wurden weich. Eine Mischung aus Überraschung, Rührung – und diesem vorsichtigen Glück, das nur er hatte.

„Will ich?", flüsterte er, als wäre die Frage fast albern. „Amalia... ich liebe dich. Ich hätte nie erwartet, dass wir überhaupt so weit kommen. Aber das hier? Mit dir? Das ist alles, was ich will."

Er nahm meine Hand, hielt sie mit beiden Händen fest. „Aber nur, wenn du dich wirklich bereit fühlst. Nicht, weil du denkst, du musst."

Ich schüttelte den Kopf. „Ich will das. Mit dir. Und ich will, dass es leicht ist. Schön. Nicht vom Schmerz überlagert."

*„Und... ich kann später rausgehen", meldete sich Venom leise in meinem Kopf. „Oder schlafen. Oder – keine Ahnung – auf dem Balkon Schokoeis essen."

Ich schmunzelte. „Danke, Großer."

Eddie beugte sich vor, berührte meine Stirn mit seiner. „Dann lassen wir uns Zeit. Kein Druck. Kein Plan. Nur wir."

Ich schloss die Augen. Atmete ihn ein. Die Wärme, die Ruhe – das Zuhause, das er war.

„Nur wir", flüsterte ich.

Und in diesem Moment zählte nichts anderes.

Eddie's Sicht:

Es war das erste Mal seit Langem, dass ich nicht mit einem Kloß im Hals aufwachte.

Kein nächtlicher Hustenanfall. Kein Panikblick auf ihre Hautfarbe oder auf die Medikamente am Nachttisch. Nur Amalia. Schlafend. Ruhig. Ihre Brust hob und senkte sich gleichmäßig, fast friedlich. Und da war dieser leise Moment der Dankbarkeit, der mir die Kehle zuschnürte, obwohl es nichts gab, wovor ich gerade Angst haben musste.

Die Therapie schlug an. Nicht rasant – aber deutlich. Die Werte waren stabiler geworden. Dr. Maiwald hatte sogar vorsichtig von „besser als erwartet" gesprochen. Und Amalia... sie war stärker. Nicht nur körperlich. In allem.

Sie hatte mehr Farbe im Gesicht, wieder Appetit – sogar diesen kleinen Hunger auf Leben, den ich so an ihr liebte.

Und jetzt lag sie da. Die Decke war zur Hälfte weggeschoben, ihr Arm auf meiner Brust, ihr Bein über meinem. Als wäre ich ihr Lieblingskissen.

Ich legte meine Hand auf ihre und schloss für einen Moment die Augen.

*„Sie ist stark", flüsterte Venom in mir. „Aber wir bleiben wachsam."

„Ich weiß."

Ich spürte, wie sie sich bewegte, wach wurde, sich ein wenig reckte.

„Morgen", murmelte sie, ihre Stimme noch rau vom Schlaf.

„Morgen, Trouble."

Sie blinzelte zu mir hoch und grinste. „Ich fühl mich gut."

Ich strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du siehst auch gut aus."

Sie schob sich ein Stück höher, stützte sich leicht auf den Ellbogen und sah mich an. Offen. Weich. Dann küsste sie mich – ruhig, aber mit etwas Tieferem dahinter. Etwas, das mehr wollte.

Ich erwiderte den Kuss, vorsichtig erst, dann intensiver. Ihre Finger wanderten über mein Brustbein, langsam, suchend. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug – nicht nur wegen der Berührung, sondern wegen der Bedeutung.

Sie zog sich ein kleines Stück zurück, sah mich an. „Ich will das", sagte sie. „Nicht aus Trotz. Nicht, weil ich denke, dass ich es muss. Sondern weil ich mich ganz bei dir fühle."

Ich schluckte. Die Worte trafen tiefer, als ich sagen konnte. Also zeigte ich es ihr.

„Ich bin bei dir", sagte ich leise, während ich meine Stirn an ihre legte. „Und ich pass auf dich auf. Immer. Wenn irgendwas zu viel ist... sag's mir."

„Versprochen", flüsterte sie.

Und dann ließen wir los – den Schmerz, die Angst, die vielen Wochen der Unsicherheit. Für eine Weile war da nur Nähe. Wärme. Zwei Körper, die sich wiederfanden, nachdem sie fast verloren gegangen wären. Kein Druck, keine Eile. Nur Liebe.

Und am Ende lag sie in meinen Armen, leise atmend, mit diesem kleinen Lächeln auf den Lippen, das ich mehr liebte als alles andere.

*„Jetzt können wir ihr endlich Schokoeis holen", murmelte Venom. „Als Belohnung."

Ich musste lachen – leise, um sie nicht zu wecken.

Vielleicht war das der Anfang vom Zurückkommen.

Und vielleicht – ganz vielleicht – würden wir es diesmal wirklich schaffen.

𝐷𝑢 𝑔𝑒ℎ𝑜̈𝑟𝑠𝑡 𝑚𝑖𝑟 Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt