Teil 25

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Eddie's Sicht:

Zuerst waren es Kleinigkeiten.

Ein zu langes Zögern beim Aufstehen. Das Glas, das ihr aus der Hand rutschte. Der Moment, in dem sie lachte – aber ihre Augen nicht mitmachten.

Ich wollte es nicht sehen.

Ich wollte glauben, dass es besser wurde. Dass die Ärzte recht behalten würden, dass sie stark genug war, dass all das hier... nur ein dunkles Kapitel war, das wir bald hinter uns lassen konnten.

Aber ich kannte sie. Zu gut.

Und sie war keine gute Lügnerin.

Eines Abends lag sie auf der Couch, zusammengerollt unter zwei Decken. Ihr Gesicht war bleich, schweißnass, obwohl das Fenster offen stand. Ich kam gerade mit zwei Tassen Tee aus der Küche – eine davon ließ ich fast fallen, als ich sah, wie sie sich heimlich die Seite hielt.

Schmerz. Deutlich. Und sie versuchte, ihn zu verstecken.

Ich setzte mich neben sie, reichte ihr die Tasse, aber sie schüttelte nur den Kopf. Ihre Hand zitterte leicht.

„Ich will nur kurz die Augen zu machen", murmelte sie. „Nur ganz kurz."

Ich legte ihr die Decke höher. Sah sie eine Weile an.

„Sie stirbt", sagte Venom plötzlich. „Langsam. Und sie sagt es uns nicht."

„Ich weiß", flüsterte ich.

„Willst du sie zwingen, es zuzugeben?"

Ich antwortete nicht. Ich sah ihr Gesicht an. Wie friedlich es wirkte. Wie brüchig dieser Frieden war. Und wie tapfer sie ihn trotzdem aufrechterhielt.

Am nächsten Morgen stellte ich sie zur Rede.

Nicht wütend. Nicht mit Vorwürfen. Sondern still. Zärtlich.

Ich setzte mich ans Bett, während sie noch halb schlafend war. Ihre Augen öffneten sich langsam – und dieses Lächeln, dieses automatische, fast geübte Lächeln war sofort da.

„Guten Morgen", murmelte sie.

Ich legte meine Hand auf ihre.

„Amalia... hör auf."

Sie blinzelte. „Womit?"

„Mit dem Lächeln. Mit der Tapferkeit. Mit dem ‚Alles ist gut'." Ich schluckte schwer. „Ich sehe es. Ich sehe dich. Und du musst mir nicht beweisen, wie stark du bist. Du bist es längst."

Für einen Moment war da Stille. Dann drehte sie den Kopf zur Seite. Ihre Augen füllten sich mit Tränen – ganz langsam, ganz leise. Und ich wusste: Das war der Moment, in dem sie nicht mehr konnte.

„Ich wollte euch nicht wehtun", flüsterte sie. „Nicht dich. Nicht Venom."

„Wir sind nicht aus Glas, Amalia", meldete sich Venom, sanft wie selten. „Aber du... du bist unser Herz."

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hab die Ergebnisse bekommen. Ich... ich weiß, dass es nicht gut aussieht."

Ich legte meine Stirn gegen ihre. „Dann kämpfen wir. Zusammen. Du. Ich. Und der nervige Schleimklumpen."

„Ich hab Gefühle, Arschloch."

Amalia lachte durch die Tränen. Und es war das erste echte Lachen seit Tagen.

„Ich hab solche Angst", hauchte sie.

„Ich weiß", sagte ich. „Ich auch."

Und wir hielten sie fest – beide. Ich mit meinen Armen, Venom mit allem, was er war. Und in diesem Moment fiel die Fassade.

Und sie war trotzdem wunderschön.

Am nächsten Tag, als Amalia schlief, saß ich im Wohnzimmer und starrte auf mein Handy. Die Nacht war schwer gewesen – sie hatte kaum gegessen, war mehrfach schweißgebadet aufgewacht, hatte sich aber immer wieder entschuldigt, als wäre ihre Krankheit eine Belastung für uns.

„Sie wird nicht aufgeben", sagte Venom in meinem Kopf. „Aber der Körper... der macht nicht mehr lange mit."

„Dann holen wir Hilfe."

„Wir haben schon Ärzte."

„Nicht die richtigen."

Ich tippte auf das Display. Suchte, las, klickte mich durch medizinische Seiten, Foren, Patientengeschichten. Bis ich über einen Namen stolperte.

Dr. Lorenz Maiwald. Onkologe. Spezialisierung: fortgeschrittene, therapieresistente Karzinome. Klinik in Berlin. Diskret. Privat. Aber brutal ehrlich.

„Der könnte es sein."

Ich zögerte nicht lange.

Zwei Tage später hatte ich einen Termin. Heimlich. Ich sagte Amalia, ich hätte einen Rechercheauftrag. Irgendwas mit einem Artikel über Immobilienbetrug. Sie lachte, winkte müde ab. Und glaubte mir.

Ich hasste es, sie anzulügen. Aber ich wusste: Wenn ich ihr davon erzähle, sagt sie nein. Weil sie glaubt, es sei zu teuer. Weil sie denkt, es sei zu viel Aufwand. Weil sie uns nicht „mehr Sorgen machen" will.

„Sie ist zu stolz. Zu gut."

„Deshalb tun wir's ohne sie."

„Ich hab da ein gutes Gefühl bei dem Lorenz-Mensch. Er riecht nach Hoffnung."

„Du kannst Gerüche im Internet nicht riechen, Venom."

„Aber ich rieche DEINEN Geruch. Und du schwitzt weniger, seitdem du ihn gefunden hast."

Der Besuch in Berlin war kurz. Hart. Direkt.

Dr. Maiwald war kein Mann der großen Worte. Aber als ich ihm Amalias Unterlagen zeigte – Scans, Werte, Verlauf – wurde er still. Und dann sagte er etwas, das mir das Herz in der Brust stocken ließ:

„Wenn sie nichts ändert, hat sie vielleicht noch drei Monate. Aber... es gibt eine experimentelle Behandlung. Ein Versuch. Nicht zugelassen in jedem Land. Aber wenn sie will – und wenn Sie bereit sind, alles dafür zu tun – dann gibt es noch eine Chance."

Ich zögerte keine Sekunde. „Was brauchen Sie?"

Wieder zurück in unserer Stadt.

Ich kam spät heim, fand Amalia auf der Couch, eingedöst, ein Buch in der Hand, das halb auf den Boden gefallen war. Ich setzte mich leise zu ihr, nahm ihre Hand.

„Hoffnung", flüsterte Venom. „Wir haben sie gefunden."

Ich nickte. „Jetzt müssen wir nur noch sie davon überzeugen."

𝐷𝑢 𝑔𝑒ℎ𝑜̈𝑟𝑠𝑡 𝑚𝑖𝑟 Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt