Teil 23

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Eddie's Sicht:

Es begann mit einem Husten.

Zuerst kaum merklich. Ein kratziges Räuspern, das sie weglächelte. Doch mit jedem Tag wurde es mehr. Nächte mit Fieber, blaue Flecken, die ohne Grund auftauchten. Amalia tat es lange ab – „Nur Stress", sagte sie. „Ich bin müde, das ist alles."

Aber ich sah es.

Und Venom auch.

„Etwas stimmt nicht", sagte er eines Abends leise in meinem Kopf. „Sie riecht... falsch. Anders."

Ich antwortete nicht. Stattdessen beobachtete ich Amalia, wie sie zusammengerollt auf der Couch lag. Blass. Abwesend. Ihre Hand zitterte leicht, als sie nach der Teetasse griff.

„Amalia", begann ich vorsichtig, „wir sollten wirklich zum Arzt. Nur zur Sicherheit."

Sie hob den Blick, lächelte schwach. „Ich weiß."

„Sie belügt uns", knurrte Venom. „Sie hat Angst. So wie du."

Und er hatte recht.

Im Wartezimmer der Klinik war es still. Kühle Wände, grelles Licht. Amalia saß neben mir, die Hände ineinander verschränkt. Ich spürte, wie Venom in mir unruhig wurde. Er mochte solche Orte nicht – nicht, weil er Angst hatte. Sondern weil er wusste, was hier zwischen den Zeilen lag.

Amalia beugte sich irgendwann leicht zu mir und flüsterte: „Venom?"

Ich zuckte leicht zusammen. Sie hatte noch nie so direkt mit ihm gesprochen.

Venom antwortete zögerlich. „Ja?"

„Ich weiß, dass du da bist. Und ich will... dass du das weißt: Es wird alles gut. Mach dir keine Sorgen."

Ein leises Brummen. „Du lügst. Ich fühle deine Angst."

Sie lächelte sanft, sah aber nicht zu mir. Sondern sprach direkt mit ihm. „Vielleicht. Aber das bedeutet nicht, dass ich aufgebe."

Venom schwieg einen Moment. Dann: „Ich will nicht, dass du kaputtgehst."

„Ich auch nicht", flüsterte sie. „Aber wenn's so ist... Dann will ich, dass du bei mir bist. Ihr beide."

Ich fühlte, wie Venom sich zurückzog. Nicht weil er sich abwandte – sondern weil er überwältigt war. Diese Art von Ehrlichkeit war neu für ihn. Für mich auch.

Eine Woche später.

Der Anruf kam morgens, während Amalia gerade im Bad war. Ich ging ran, hörte zu, wie die Worte kamen – präzise, sachlich, grausam: Leukämie. Akut. Behandlungsbeginn: sofort. Chancen: ungewiss, aber vorhanden.

Ich saß lange still auf der Bettkante.

Dann trat Amalia aus dem Bad. Noch blasser als sonst. Das Tuch um ihre Schultern verrutschte leicht, sie zog es nach.

„War das der Arzt?", fragte sie leise.

Ich nickte, zögerte. Ich wollte ihr sagen, dass wir das schaffen würden. Dass sie stark sei. Dass es Hoffnung gibt. Aber nichts davon fühlte sich echt an, nicht jetzt.

Bevor ich etwas sagen konnte, trat sie näher, setzte sich neben mich – und legte die Hand auf meine.

„Ich hab's gespürt, Eddie", sagte sie ruhig. „Wie du still wurdest. Und wie Venom es gespürt hat. Sag's mir einfach."

Ich senkte den Blick. „Es ist Leukämie. Schnell. Aggressiv. Aber... sie sagen, wir haben eine Chance, wenn wir schnell handeln."

Sie nickte langsam. Nur ein kleiner Ruck des Kopfes. Dann holte sie tief Luft und sah geradeaus – nicht auf mich, nicht auf sich, einfach in den Raum. Ihre Stimme war ruhig, fast sanft.

„Dann fangen wir an. Es ist nicht so schlimm. Wir schaffen das."

Ich wusste, dass sie log.

Nicht aus Bosheit. Sondern weil sie uns schützen wollte.

„Sie lügt wieder", flüsterte Venom. „Ich höre ihr Herz. Es hämmert. Sie hat Angst."

Ich antwortete nicht. Stattdessen legte ich meine Hand auf ihre, hielt sie fest.

„Du musst nicht stark sein, wenn du's nicht bist", sagte ich leise.

„Doch", flüsterte sie. „Für euch. Ihr habt so viel durchgestanden. Ich will nicht die Schwache sein."

„Du bist alles andere als schwach", sagte ich – und ich meinte es. „Du gehst durch die Hölle und versuchst immer noch, uns zu beruhigen."

„Ich mag sie", murmelte Venom. „Sie lügt schlecht. Aber mit Herz."

Amalia lächelte müde. „Danke, Venom."

„Ich werde auf dich aufpassen. Eddie ist manchmal langsam. Ich nicht."

Sie lachte leise, erschöpft. „Das weiß ich. Und danke."

Und für einen Moment saßen wir einfach da – kein Schrecken, keine Tränen. Nur drei Seelen, die sich gegenseitig versprachen, nicht aufzugeben.

Tief in uns allen, hinter dem Lächeln, lauerte die Angst.

Aber keiner von uns war allein damit.

Die ersten Wochen der Behandlung waren hart.

Chemo, Müdigkeit, Übelkeit, Tage, an denen Amalia kaum sprechen konnte. Doch sie war stärker, als wir alle erwartet hatten. Sie kämpfte. Lächelte, wenn sie konnte. Scherzte, wenn die Kraft reichte. Und jedes Mal, wenn ich oder Venom sie ansahen, war da diese stille Entschlossenheit in ihr.

„Sie ist zäh", murmelte Venom in meinem Kopf, während wir an ihrem Bett saßen. „Ich will, dass sie lebt."

„Ich auch", sagte ich leise. „Mehr als alles."

Es gab Tage, an denen wir zu dritt einfach nur da saßen – manchmal still, manchmal mit schiefen Sprüchen von Venom, die Amalia zum Lächeln brachten, obwohl ihr schlecht war. Und dann gab es Tage, an denen sie schlief, und ich allein auf ihre Atemzüge achtete.

Aber irgendwann kam der Punkt, an dem sie uns wieder etwas Luft verschaffen wollte.

„Geht raus", sagte sie eines Morgens. Ihre Stimme war schwach, aber klar. „Ich mein's ernst. Geht raus und... rettet irgendwen. Oder schlagt ein paar Gangster zusammen. Ich will, dass ihr was für euch tut."

Ich wollte protestieren, aber sie hob die Hand. „Eddie. Ich lieg hier. Ich bin versorgt. Aber ich will nicht, dass ihr vergesst, wer ihr seid. Venom wird sonst unausstehlich."

„Bin ich eh immer", warf Venom ein, „aber sie hat recht."

Also gingen wir.

Nur ein paar Stunden. Ein paar Dealer, ein Überfall, zwei beinahe-explodierende Motorräder später standen wir wieder auf einem Dach, der Wind wehte uns durch die Haare – naja, durch mein Haar.

„Du denkst die ganze Zeit an sie."

„Natürlich."

„Du hast Angst, dass sie uns etwas verschweigt."

Ich zögerte. „Nein. Nicht wirklich. Warum sagst du das?"

„Weil sie riecht wie jemand, der Angst hat – aber lächelt."

𝐷𝑢 𝑔𝑒ℎ𝑜̈𝑟𝑠𝑡 𝑚𝑖𝑟 Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt