18. Turmzeit

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Bin mir nicht sicher, ob ich hier mal (zur Abwechslung 🥲) eine Trigger Warnung aussprechen sollte. Das andere Kapitel (Erster Band, Kapitel 15) hätte es vermutlich eher benötigt, vorsichtshalber setze ich hier jetzt aber mal ne Warnung. Wenn ihr mit der Erwähnung von (Noras) Tod nicht klar kommt, lest das Kapitel entweder nicht alleine oder überspringt den zweiten Absatz. Ich möchte auf keinen Fall, dass ihr euch unwohl fühlt!


"Hey." Ottokar blickte auf als ich die Tür hinter mir schloss. "Hey", erwiderte er und legte sein Handy weg. "Stephan meinte, du hast Kopfschmerzen?" Als Antwort darauf murmelte Ottokar etwas unverständliches, was entweder "ich sterbe deswegen gleich" oder "hat sich halt so ergeben" hieß. Bei ihm war ich mir da nicht so ganz sicher, möglich war beides. "Du Armer", sagte ich und ließ nicht nur einen Hauch Ironie mitschwingen, "Das ist bestimmt die Männergrippe!" Grinsend griff Ottokar nach seinem Kissen und schmiss es nach mir. Was hatten Leute um mich herum eigentlich mit fliegenden Kissen? Er hatte ziemlich schlecht gezielt, denn ich musste mich nur leicht zur Seite beugen, um auszuweichen. "Wenn du nicht mal richtig zielen kannst, dann muss es dir ja sehr schlecht gehen!", stichelte ich. "Ach ja?", meinte Ottokar, stand auf und kam auf mich zu. Plötzlich hob er mich hoch. Überrascht quietschte ich auf und hielt mich schnell an seinen Schultern fest. "Stark genug um dich hochzuheben bin ich aber trotzdem noch!", sagte er dann und ließ mich wieder runter. Nach einem mehr oder weniger kurzem Kuss entgegnete ich: "So schwierig ist das aber auch nicht. Immerhin bist du größer als ich!" "Ein paar Zentimeter", erwiderte er und kam meinem Gesicht wieder näher. Als wir uns diesmal lösten war ich leicht außer Atem, doch ich versuchte, es zu überspielen und meinte: "Frische Luft soll bei Kopfschmerzen gut tun, hab ich gehört. Was hälst du davon, wenn wir es uns auf dem Burgturm gemütlich machen?" "Klingt super!", entgegnete Ottokar und blickte mir direkt in die Augen. Ich starrte zurück. Wie sehr ich dieses Braun doch liebte. 

"Hier." Ottokar gab mir eine der Decken aus der Kiste. "Danke", erwiderte ich und legte sie auf den Boden, damit wir uns darauf setzen konnten. Für Mitte September war es angenehm warm. Wir setzten uns und ich lehnte mich an ihn. Einen Moment lang schwiegen wir beide und hingen unseren Gedanken nach. Ich war diejenige, die die Stille brach. "Manchmal", sagte ich, "Manchmal frage ich, wo meine Mutter jetzt ist. Ob sie einen Neuen hat. Wie viele Halbgeschwister ich wohl habe. Ob sie auch manchmal an mich denkt. Sie war nicht mal bei Noras Beerdigung." Ottokar sagte nichts, strich mir aber beruhigend durch die Haare. Er wusste, wie ungern ich über meine Mutter sprach. "Ab und zu hat Nora mir von ihr erzählt, wie sie scheinbar so war. Nora war ja sechs Jahre älter, die hatte immer kurz Zeit, diese Frau kennen zu lernen. Aber mir bleibt sie vermutlich immer fremd. Ich weiß nicht mal, wie sie heißt." Noch immer hatte Ottokar kein Wort gesagt, doch das musste er nicht. Ich wusste auch so, dass er da war und zuhörte. Mehr brauchte ich gerade nicht. "In letzter Zeit träume ich wieder öfter von Nora. Nicht wie sie war. Sondern wie sie jetzt wäre, zwei Jahre später. Wie sie mich von der Schule abholt zum Beispiel. Oder wie ich sie dir vorstelle. So was. Langsam tut es weniger weh, an sie zu denken, habe ich das Gefühl. Noch lange nicht komplett schmerzlos, aber immerhin schon besser als vor einem Jahr." Ich seufzte. "Aber manchmal verändert sie sich. Dann steht plötzlich Paige vor mir. Ich weiß nicht wieso, aber ab und zu verwandelt Nora sich in Paige." Für einen Moment stoppte Ottokar in seiner Bewegung und als ich zu ihm blickte runzelte er die Stirn. "Vielleicht", meinte er zögerlich, "Weil Paige dich an Nora erinnert. Ich mein, sie spricht auch rumänisch und vieles, was du über Nora so erzählt hast, stimmt auch mit Paige überein." "Ja vielleicht. Trotzdem... egal", ich verwarf meinen Gedanken, noch bevor ich ihn aussprach. Das wäre ein zu großer Zufall, als das es möglich wäre.

Nach dem Abendessen gingen Paige und ich wieder zu den Jungs ins Zimmer. Wir spielten Uno und mit der Zeit mussten wir uns immer öfter daran erinnern, leise zu sein. Irgendwann gingen Strehlau und ich los, um seine Schwester ebenfalls dazu zu holen. Auf dem Rückweg wollte ich noch einen kurzen Abstecher aufs Klo machen, deswegen gingen sie schonmal vor. Es gab insgesamt drei oder vier Toiletten für uns Mädels auf Schreckenstein, dabei waren diejenigen an den Zimmern nicht mitgezählt. Sammy hatte leider nicht das Glück, direkt am Zimmer eine zu haben, aber auf ihrem Gang gab es zwei, immerhin waren hier auch die Tigerbergerinnen untergebracht. Außer meinem Zimmer befanden sich alle Mädchenzimmer in diesem Gang. Von denen gab es aktuell vier. Natürlich waren die Tücher zum Händeabtrocknen leer und dieser Hand Föhn oder wie der hieß war zu laut, um ihn jetzt zu benutzen. Immerhin war es schon weit nach 22 Uhr. Da heute Freitag war konnten wir zum Glück so lang wachbleiben, wie wir wollten. Naja, inoffiziell. Solange wir leise waren merkte es niemand. Notgedrungen trocknete ich meine Hände an meiner Hose ab und ging langsam wieder zurück zum Zimmer der Jungs. Dabei hing ich meinen Gedanken nach und achtete nicht wirklich auf meine Umgebung, den Weg konnte ich fast im Schlaf. Und so bemerkte ich viel zu spät die beiden Gestalten, die mir - nur wenige Zimmertüren von meinem Ziel - entfernt auflauerten. Der Strahl einer Taschenlampe wurde auf mich gerichtet und geblendet hob ich meine Hand. "Das ist sie", hörte ich jemanden zischen und hatte wenige Sekunden später einen Sack über dem Kopf. "Lasst das!", rief ich leise, da ich davon ausging, dass das wieder Walze und Co waren und wollte mir den Sack vom Kopf ziehen. Doch plötzlich vernahm ich eine Stimme direkt neben meinem Ohr: "Wenn du dich wehrst oder schreist, dann tuts weh!" Das war der Moment, in dem ich realisierte, dass das nicht Walze oder jemand von meinen Freunden war. Geistesgegenwärtig streifte ich mein Armband ab und hoffte, dass die beiden nicht merkten, wie es zu Boden fiel. "Da geht's lang!", hörte ich die Stimme wieder und jemand schubste mich vorwärts. Mir blieb nichts anderes übrig, als mit zu stolpern.


Es tut mir leid, aber es macht mir viel zu viel Spaß, Alex' Leben zu erschweren 🫣

Die Mädchen von SchreckensteinGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt