37. Regen

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"Möchtest du darüber reden?", fragte er mich irgendwann. Stumm schüttelte ich den Kopf und löste mich von ihm. "Danke", murmelte ich leise. "Kein Ding", entgegnete er, dann schwiegen wir beide für kurze Zeit. "Und jetzt?", durchbrach Walze die Stille. "Keine Ahnung", erwiderte ich und blickte zu den Wolken hoch, "Wir sollten uns vielleicht irgendwo unterstellen. Sieht nach Regen aus." "Dann fällt wenigstens nicht auf, dass mein Pulli nass ist." Als ich zu ihm blickte, grinste er. Mein Gesicht wurde ein wenig heiß. "Meinst du wir schaffen es noch bis zur Burg zurück?", wollte ich wissen, nicht nur, um meine Verlegenheit zu verbergen, sondern auch, weil es mich wirklich interessierte. "Ich weiß nicht. Das wird knapp. Zum Dorf ist es wahrscheinlich kürzer", antwortete Walze, nachdem er abwiegend zur Burg geschaut hatte. "Dann sollten wir vielleicht losgehen", meinte ich und er nickte zustimmend. Und doch standen wir wenige Augenblicke  immer noch da und blickten uns einfach nur an. Nach einiger Zeit (vermutlich ein paar Sekunden, so genau möchte ich es ehrlich gesagt auch gar nicht wissen) sagte ich in viel zu schnellem Tempo: "Wir wollten los." Walze blinzelte, dann meinte er etwas verwirrt: "Ja, stimmt,  genau. Los."

Wir kamen bis zum Waldrand, dann hörten wir den ersten Donner grollen. "Scheiße", fluchte ich, während uns schon einzelne Tropfen trafen. Natürlich musste es ausgerechnet jetzt ein Gewitter geben. "Vielleicht sollten wir nicht in den Wald gehen", sprach Walze aus, was wir vermutlich beide dachten. Ich seufzte: "Aber irgendwo müssen wir uns unterstellen oder so!" Walze drehte sich um und schien nach irgendwas Ausschau zu halten. "Suchst du was bestimmtes?", wollte ich wissen und drehte mich ebenfalls um. Er ignorierte mich allerdings und kniff seine Augen zusammen. "Da!", rief er plötzlich und zeigte auf etwas, das locker 500 Meter entfernt war. "Was ist da?", hakte ich nach und fixierte es genau. "Da wird Holz oder so gelagert. Strehlau und Mücke haben sich da früher gerne versteckt, wenn ihnen die Joggingrunde zu viel wurde", erklärte er mir, "Wenn wir uns beeilen werden wir nicht zu nass! Wer zuerst da ist!" Und schon sprintete er los. "Ey, das ist unfair!", beschwerte ich, während ich ebenfalls mit rennen begann. "Weniger reden, mehr laufen!", konnte ich Walze rufen hören. Der Abstand zwischen uns wurde immer größer. Nicht nur der Frühstart war unfair, Walze trainierte auch viel mehr auf Ausdauer und Schnelligkeit als ich. Deswegen versuchte ich gar nicht erst, ihn einzuholen, sondern suchte lieber eine für mich angenehme Geschwindigkeit. Nass war ich so oder so. Außerdem mussten wir über ein weiteres Feld drüber, da dieser Unterstand leicht schräg von uns war. Dieses war immerhin schon abgeerntet, weswegen es garantiert nicht so viel Ärger geben würde, erwischt zu werden.

Als ich den Unterstand erreichte, war ich nicht nur klatschnass, sondern auch schon wieder außer Puste. Walze grinste mich bereits mit seinem typischen Grinsen an. Immerhin war er genauso nass wie ich. "Machen Sie es sich bequem, eure Majestät", begrüßte er mich und wies mit völlig übertriebener Geste auf ein paar Holzstücke neben sich. Ich verdrehte allerdings nur die Augen. Nachdem ich mich gesetzt hatte, schlang ich meine Arme um mich. Durch meine nasse Kleidung in Kombination mit den frischen, eher kühlen Temperaturen war mir nicht unbedingt warm.
"Vielleicht sollten wir den Anderen bescheid geben", meinte ich und zitterte dabei ein wenig. "Mein Handy ist in der Burg", entgegnete Walze, worauf ich seufzte. "Meins auch!" Er seufzte nun ebenfalls.
"Ich hab mich jetzt schon mehr bewegt, als an normalen Sonntagen, dabei ist es noch nicht mal zehn!", beschwerte er sich nach einiger Zeit der Stille. "Sicher? Gefühlt ist es schon Ewigkeiten her, dass wir zehn hatten!", erwiderte ich, worauf Walze widersprach: "Nope, es ist 09:53 Uhr!" "Woher willst du das so genau wissen?", fragte ich ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. "Schonmal was von Uhren gehört?", stellte er als Gegenfrage. Ruckartig schaute ich ihn an. "Hast du deine Uhr an?" Er runzelte die Stirn: "Klar, sonst hätte ich dir ja nicht sagen können, wie viel Uhr es ist!" Ich seufzte tief: "Kann es sein, dass du dumm bist?" "Wieso?!" "Deine Uhr. Das ist doch so eine von der Sorte, mit der man telefonieren kann, oder?" "Ja, aber nur mit bestimmten Leu- Ohhh mein Gott, Paige, du bist genial!" "Ne, nur nicht dumm." "Is klar. Warte, ich rufe Ottokar an!"
Er tippte ein bisschen auf dem Bildschirm seiner Uhr herum, dann hob er seinen Arm mittig von uns. Ein gleichmäßiges Tuten ertönte. "Walze?!" Gerade als ich dachte, dass sich niemand melden würde, nahm Ottokar endlich ab. "Hii!", rief ich, genau in dem Moment, als Walze etwas sagen wollte. Kurz guckte er mich beleidigt-sauer an, dann meinte: "Hi Ottokar, wir wollten nur bescheid geben, dass es uns gut geht. Wir sind gerade bei diesem Lager wo Strehlau und Mücke sich während Sport immer versteckt haben!" Ich schnappte mir den Arm mit der Uhr und hielt die Uhr näher an meinen Mund: "Wir kommen zurück sobald es aufhört zu regnen! Gibt es schon was neues wegen Alex?" "Ich gebs dem Rex weiter, es sind eben alle ein bisschen am durchdrehen gewesen! Was Alex betrifft, sie-"
Und dann war Ottokars Stimme weg. "Ottokar? Hallo?", fragte ich, bekam allerdings keine Antwort. "Batterie alle!", stellte Walze fest. "Na super", seufzte ich, "Dabei klang es so, als gebe es neue Informationen! Hättest du deine Uhr nicht laden können?!" "Ich kann doch nicht wissen, dass du wegrennst!", giftete er zurück. "Ich hab dich nicht drum gebeten, mit zu kommen!", zischte ich. Genervt hob er eine Augenbraue: "Ich kann auch einfach gehen!" Mir entwich ein Seufzen: "Tut mir leid. Ich wollte das nicht sagen. Es ist gerade nur einfach so... überfordernd für mich. Ich meine, Alex ist meine Halbschwester, meine Mutter hat mich mein Leben lang angelogen und mir ist verdammt kalt!" "Kann ich verstehen. Ich habs auch noch nicht so ganz realisiert", erwiderte Walze, seine Stimme war angenehm ruhig, "Was die Kälte betrifft, wir können gerne zusammen rutschen wenn du willst." Ich blickte auf den Boden. Alles in mir schrie JA und das nicht nur, weil mir kalt war, allerdings war ich mir unsicher, wie ich das richtig sagen konnte. "Du hast ne Freundin", sagte ich stattdessen nur. "Ich weiß", erwiderte er und irgendwie hörte ich so etwas wie Qual heraus. Vielleicht wollte ich es aber auch nur heraushören. "Allerdings wird sie ja wohl kaum etwas dagegen haben, dass ich eine Freundin vor dem erfrieren bewahre!" "So schlimm geht es mir jetzt auch nicht", lachte ich, rutschte mit meinen Holzstücken allerdings trotzdem näher an ihn ran. Als er seinen Arm um mich legte, platzierte ich vorsichtig meinen Kopf auf meiner Schulter. Ihm so nah zu sein fühlte sich falsch und doch so richtig zugleich an.

Die Mädchen von SchreckensteinGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt