36. Streit

24 3 0
                                        

°Sicht Paige°

Gefühlt sank die Temperatur gerade um mehrere Grad. "Was machst du hier?", stieß Taio eiskalt hervor. So kannte ich ihn gar nicht. Als ich in den Sommerferien bei Alex war, war er immer so fröhlich und liebevoll gewesen. Er hatte jede freie Minute genutzt, um sie mit Alex zu verbringen. Aber so? Er schien vor Wut zu kochen, gleichzeitig war da jedoch noch etwas anderes... War das Trauer? Verletztheit? "Ich..." Geschockt blickte ich zu meiner Mutter. Wo war die selbstbewusste, schlagfertige Anwältin hin? "Was machst du hier?", wiederholte Taio seine Frage. Er betonte jedes Wort einzeln, als wäre ein Punkt dahinter. Endlich kam Mamă wieder richtig zu sich. "Nun, immerhin denken die Entführer, sie hätten meine Tochter entführt!" Während sie das sagte, legte sie ihren Arm um mich und zog mich näher zu sich. Taios Blick verfinsterte sich noch weiter: "Wenn sie das nicht haben, wo ist dann Alex?" Verwirrt blickte ich zwischen Taio und Mamă hin und her. Was ging denn jetzt ab? "Du weißt, was ich meine", versuchte Mamă sich herauszureden. Ich spürte, wie sie sich verspannte. "Nein, weiß ich nicht!", gab Taio zurück.
"Könnt ihr uns vielleicht auch mal einweihen?", fragte Walze und schaute verwirrt zu den beiden Erwachsenen. Doch die ignorierten ihn. "All die Jahre. Du hast nichts gesagt. Keine Nachricht, kein Tschüss, keine Info. Du warst nicht mal bei Noras Beerdigung!" Taios Stimme wurde lauter und überschlug sich fast.

Und dann machte es bei mir klick. Sofort riss ich mich von Mamă los. "DU BIST ALEX' MUTTER?", schrie ich sie an, "WARUM HAST DU MIR NIE ETWAS DAVON GESAGT?!" "Paige, ich-", fing Mamă an, doch bevor sie sich erklären konnte rannte ich aus dem Burghof.
Ich musste weg von ihr.
Weg von der Frau, die mich mein ganzes Leben lang angelogen hatte.
Weg, einfach weg.
Ich hörte Schritte hinter mir, wurde aber nicht langsamer. Als die Straße eine Kurve machte, rannte ich in die entgegengesetzte Richtung. Direkt in den Wald hinein. "Warte!", hörte ich Walze hinter mir rufen, doch ich lief einfach weiter. 
Und weiter.
Und weiter.
Irgendwann war ich total außer Atem und hatte Seitenstechen des Todes, weswegen ich langsamer wurde. Den Wald hatte ich lang hinter mir gelassen, aber das verwunderte mich nicht, denn in dieser Richtung kamen schon bald die Felder. Als ich auf einen Feldweg kam, bleib ich endlich stehen. Walzes Schritte hatte ich schon eine Weile nicht mehr gehört. Die Hände auf die Oberschenkel gestützt stand ich da und atmete schwer. Verdammt, seit wann waren die Wolken denn bitte so dunkel? Jeden Moment würde es regnen.
Ich drehte mich um. Burg Schreckenstein lag weit über mir. Ich war den Hang hinunter gerannt, erinnerte ich mich. An einer Stelle war ich sogar ausgerutscht und eine steile Fläche hinab gerutscht. Da kam ich garantiert nicht nochmal hoch. Besonders nicht, bevor es regnete. Danach konnte ich es auf jeden Fall vergessen. Dann war es zu matschig. Mein Atem ging immer noch viel zu schnell und langsam war ich mir sicher, dass meine Seiten nicht nur wegen dem Rennen sondern auch wegen dem Sturz weh taten. Mist. Dafür konnte ich nun Walzes Silhouette ausmachen. Er befand sich gerade erst am Waldrand. Zwischen uns befand sich noch ein komplettes Feld. Scheinbar hatte er mich jetzt entdeckt, denn er wurde schneller. Innerhalb weniger Augenblicke war er fast bei mir. Halbherzig grinste ich und sagte: "Es ist illegal, vor der Ernte über ein Feld zu laufen." Doch er erwiderte nichts sondern nahm mich einfach in den Arm. Ich schloss meine Arme ebenfalls um ihn und ließ meinen Tränen freien lauf. 

Die Mädchen von SchreckensteinGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt