°Sicht Alex°
Inzwischen musste es später Vormittag sein. Nicht das ich ein gutes Zeitgefühl hatte, aber Bob hatte vorhin mal erwähnt, dass der Boss gegen halb elf kommt. Die beiden regten sich allerdings schon seit einer guten Viertelstunde darüber auf, wie viel Verspätung man haben konnte. Es musste also ungefähr 10:45 sein. Damit war ich nun schon fast zwölf Stunden von Bob und ihrem Kollegen. Hoffentlich hatten die anderen inzwischen die Polizei gerufen.
Auch wenn ich es nicht wollte, nickte ich immer mal wieder für wenige Sekunden ein. Klar, ich war ja schon seit über 24 Stunden wach - wenn man mal von dieser vorübergehenden, erzwungenen Ohnmacht (oder wie auch immer man es nennen wollte) absah. Trotzdem. In Gegenwart von Bob und dem anderen Typ wollte ich nicht unbedingt schlafen. Und bei diesem Boss erst recht nicht.
Dann hörte ich das klappern von hohen Absätzen. "Na endlich!", rief Bob, "Was hat denn bitte so lang gedauert?!" "Es gab Stress in der Kanzlei", erwiderte eine Frauenstimme spitz, "Es wäre auffällig gewesen, wenn ich früher gegangen wäre. Außerdem, was geht dich das an?" Obwohl ich es nicht sehen konnte, war ich mir sicher, dass Bob gerade einige Zentimeter schrumpfte. Plötzlich spürte ich eine Hand an meinem Kinn und mein Kopf wurde etwas angehoben. "Und das soll ihre Tochter sein?", hörte ich wieder die Frauenstimme, "Sie sieht so... durchschnittlich aus!" Na danke auch. Mit einer schnellen Kopfbewegung entwich ich ihrem Griff. Dafür kniff sie mir in die Wange. Ihre Nägel fühlten sich perfekt manikürt an. Das musst du dir merken, für den Fall, dass du sie beschreiben musst, wenn du frei kommst. Wenn. Wieso dachte ich hier von einem 'wenn'? Ottokar und die anderen suchten doch schon bestimmt nach mir. Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis sie mich fanden. Andererseits hatte ich keine Ahnung, wie weit entfernt von der Burg wir uns befanden. Zu dem Zeitpunkt war ich ohnmächtig gewesen. Oder wie auch immer man es nennen wollte. "Zieht eure Masken an, dann nehmt ihr die Augenbinde ab!", befahl die Frauenstimme nun. Kurz hörte ich nur rascheln, dann wurde ich endlich von der Augenbinde befreit. Ich blinzelte, denn auch wenn es hier nur wenig Licht gab, war es nach der Dunkelheit der Augenbinde viel zu hell. Dann versuchte ich einzelne Details zu erkennen. Vor mir stand eine große, blonde Frau, welche die lachende der beiden für Theater typischen Masken anhatte. Neben ihr stand ein nicht nur vergleichsweise kleiner Mann mit verwuschelten, mittelbraunen Haaren. Er trug die traurige Theatermaske. Die andere Frau, die die beiden immer Boss genannt hatten (ich war deswegen eher von einem Mann ausgegangen. Da sah man mal wieder, was das generische Maskulin so anstellte) stand im Schatten und war dunkel gekleidet, sodass ich sie nicht wirklich erkennen konnte. Dumm war sie also nicht.
"Was wollt ihr von mir?" Damit sprach ich die ersten Worte aus, die ich Bob und den anderen gegenüber bisher gesagt hatte. Bewusst siezte ich auch nicht. Dieses Recht hatten sie sich meiner Meinung nach verwirkt. "Gut, dass du fragst, Little Miss Cooper!", meinte Bob und ich meinte, ein Grinsen herauszuhören. Vielleicht lag das allerdings auch nur an der Maske. Moment. Little Miss Cooper? Cooper war doch der Nachname von Paige! Hatten Bob und der andere vielleicht gar nicht mich erwischen wollen?
"Bernd, hol das Handy hervor. Wir müssen ihre Eltern doch wissen lassen, dass es ihr gut geht!", tönte es aus der Ecke, wo die Frau stand. Warte mal... Bernd? Ich war von Bob und Bernd entführt worden? Für eine Sekunde musste ich grinsen. Wer nannte heutzutage seinen Sohn Bernd? Oder seine Tochter Bob? Wobei Bob vielleicht nur ein Spitzname war.
"Also, wir machen eine Sprachnachricht, die wir an deine Mutter schicken. Sag so etwas wie 'Hey Mom, mir geht es gut. Hier sind ein paar nette Leute, die gerne mit dir reden wollen.' Wehe, du versuchst irgendwelche Tricks, verstanden?", erklärte Bernd. Ich runzelte die Stirn: "Mom?" Bob seufzte: "Wie nennst du deine Mutter dann?" Gar nicht. Oder wahlweise Verräterin. Oder ein paar andere unschöne Begriffe. Das konnte ich jetzt allerdings schlecht sagen, deswegen blieb ich stumm. Bernd wurde scheinbar ungeduldig und ohne eine Vorwarnung kam er näher, holte aus und gab mir eine Backpfeife. "Bernd!", rief Bob, "War das denn nötig?" Er murmelte darauf etwas unverständliches in seine Maske hinein. Nun wandte Bob sich wieder an mich: "Dann sagts du eben Ma. Ach so, vergiss nicht zu erwähnen, wir wollen 250 Tausend Euro, damit sie dich wieder kriegt." Die Frau in der Ecke räusperte sich. "Ich meine 300 Tausend", verbesserte sich Bob. Wieder räusperte sich die Frau. Bob drehte sich zu ihr um, dabei flogen ihre langen, blonden Haare mit. Genervt fragte sie: "Wie viel denn dann?!" "500 Tausend", erwiderte die Frau ruhig. "Na gut, okay. Also, 500 Tausend, hast du das gehört?", wandte Bob sich wieder an mich. Schnell nickte ich. Ich wollte auf keinen Fall noch eine Backpfeife haben, eine reichte mir vollkommen. Bernd hielt mir nun das Handy hin und startete eine Sprachnachricht. "Hey... Ma. Ich bins. Deine Tochter. Ähm, mir geht's gut und so, aber hier sind so ein paar ... nette Leute, die ganz gerne ein bisschen Geld hätten. Um genau zu sein fünfzigtau-" "500 Tausend!" "Ach so, genau. 500 tausend. Die hätten gerne 500 tausend." Nun nahm Bernd das Handy zu sich und meinte mit verstellter Stimme: "Noch ist der Kleinen nichts passiert, aber wir hätten die Kohle gerne bis Montag, 18 Uhr. Den Ort kriegen sie noch geschrieben!" Dann beendete er die Sprachnachricht. Natürlich hatte ich genau gewusst, dass es 500 Tausend und nicht 50 Tausend waren. So war jetzt allerdings auch die unverstellte Stimme von Bob zu hören - zwar vermutlich nur leise im Hintergrund, aber immerhin. Das war besser als nichts. Außerdem hatte ich gesehen, an wen die Nachricht geschickt wurde: Daria Cooper. Das musste die Mutter von Paige sein. Es gab folglich nur eine mögliche Schlussfolgerung: Bob, Bernd und die Fremde hielten mich für Paige. Und ich würde mitspielen, denn solange sie dachten, dass ich Paige war, war Paige in Sicherheit.
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Die Mädchen von Schreckenstein
FanfictionZweiter Teil von "Die Einzige auf Schreckenstein", ich empfehle den ersten Teil gelesen zu haben Inzwischen hat Alex sich damit abgefunden, dass sie auf Schreckenstein zur Schule geht - mehr noch, sie will gar nicht mehr dort weg! Das liegt natürli...
