Der Schrei kam direkt aus dem verbotenen Wald. Und er hörte sich menschlich an. Ich überlegte einfach weiter zu gehen. Schließlich wusste ich weder was oder wer mich erwarten würde, noch ob meine Hilfe benötigt wurde. Ich ging zögerlich weiter Richtung Schloss, doch entschied mich nach einigen Schritten schließlich gegen diesen Weg, als mich ein erneuter Schrei zusammenzucken ließ.
Ich blieb stehen, versuchte alle Möglichkeiten abzuwägen.
"Ach verdammt", flüsterte ich und rannte in den Wald, in die Richtung der Schreie. Meinen Zauberstab hielt ich für alle Fälle bereit.
Je tiefer ich in den Wald ging, desto dunkler wurde es. Die dichten Blätterkronen der für mich unendlich in den Himmel ragenden Bäume ließen kein bisschen Mondlicht durchscheinen. Auch das Licht meines Zauberstabs erhellte nicht mehr als ein paar Meter vor mir. Mir fielen einige Zaubersprüche ein, die für helleres Licht sorgen würden. Doch meine Bedenken, dadurch noch mehr Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, überwogen.
Ich hatte bereits Angst mich verlaufen zu haben, doch der dritte und intensivste Schrei schien mir aus direkter Nähe zu kommen.
Begleitet wurde er von panischen Stimmen, die mich schließlich auf eine kleine Lichtung führten.
Ich brauchte ein bisschen Zeit um die Szene zu erfassen, die sich mir bot: Zwei Schüler aus Gryffindor - zumindest nach ihren roten Umhängen zu schließen, ich schätzte sie auf circa vierte Klasse - kauerten am Boden. Einer war an einen Baum gelehnt, atmete sichtlich schwer, der andere saß neben ihm.
Ihre Gesichter waren bedeckt von Angstschweiß, verzerrt vor Schrecken.
Ihnen gegenüber stand ein Geschöpf, wie ich es noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte. Eine Spinne, die die Ausmaße eines ausgewachsenen Pferdes angenommen hatte.
Ich war mir sicher, würde ich näher an sie herangehen, wären wir auf Augenhöhe. Und davon hatte sie genug.
Noch hatte sie mich nicht gesehen und ich wollte diesen Vorteil nutzen. Aus dem Hinterhalt schoss ich einige Flüche auf sie ab. Sie zuckte zwar kurz zusammen, doch es folgte keine Reaktion. Es schien, als könne sie die eher schwächere Magie leicht abwehren.
Ich hatte mich zu Beginn für leichtere Sprüche entschieden, weil ich diese problemlos ohne zu sprechen ausführen konnte und so nicht meine Position verriet.
Die riesige Spinne sah den Ursprung der Störung von den beiden Gryffindors ausgehen und bewegte sich langsam auf sie zu. Sie kam immer näher und gab bedrohliche Geräusche, eine Art knacken, von sich.
Ich musste handeln. Also trat ich aus dem Schutz der umstehenden Bäume hervor auf die Lichtung und rief ihr einen weiteren Fluch zu, der sie direkt erfasste und lähmte.
Ich lief zu den beiden und wollte gerade etwas zu ihnen sagen, da hörte ich es erneut hinter mir rascheln und knacken. Ich drehte mich um. Acht Augen starrten mich wütend an. Sie stand nur wenige Meter von mir entfernt.
"Das kann doch gar nicht sein!", flüsterte ich verärgert. Im Grunde wollte ich das Wesen nicht verletzen, nur so lange außer Gefecht setzen, dass wir problemlos verschwinden konnten.
Ein Fluch kam mir ins Gedächtnis, den ich irgendwann einmal irgendwo gelesen hatte. Er spürte die Schwachstelle eines jeden Gegners auf und griff ihn genau dort an. Zornig schleuderte ich ihn ihr entgegen. Durch seine Komplexität und die sehr breite Wirkungsweise spürte ich sofort, wie viel Kraft er erforderte.
Ich hörte ein lautes Knacken und sah ein Vorderbein der Spinne wegsacken. Sie fiel zur Seite, rollte sich zusammen und gab wimmernde Laute von sich.
"Okay ernsthaft?", fragte ich trocken. "Das war's? Hätte man eigentlich auch drauf kommen können..."
Nun wandte ich mich wieder den beiden Gryffindors zu.
Sie sahen mich mit großen Augen an und waren zu irritiert um zu begreifen, was passiert war.
"Oh Mist", fluchte ich, als mir auffiel, dass derjenige, der am Baum lehnte, eine breite, sich grünlich verfärbende Wunde am Bein hatte.
"Kevin w-wurde... gebissen", sagte der andere mit zitternder Stimme. "Erstmal müssen wir hier raus!", sagte ich bestimmt.
"Kevin, kannst du gehen?", fragte ich ihn. Doch ich bekam keine Antwort.
"Hilf mir mal!", sagte ich zu dem anderen, der noch immer unfähig schien, die Situation zu begreifen.
Gemeinsam halfen wir Kevin unter Schmerzensschreien auf die Beine und stützten ihn so gut wir konnten.
Die Spinne hinter uns schien sich nicht darum zu kümmern, dass wir einfach davonspazierten.
Obwohl es das nicht ganz traf. Wir waren unglaublich langsam und kamen nur beschwerlich voran.
Kevin atmete immer flacher und ich begann mir wirkliche Sorgen zu machen.
Als wir endlich den Waldrand erreichten, gönnte ich uns allen eine kleine Verschnaufpause.
"Mach doch was!", schrie der andere Gryffindor, dessen Name ich nicht erfahren hatte.
Ruhig antwortete ich ihm: "Ich bin keine Heilerin wie Madam Pomfrey. Ich weiß nicht, wie man das am besten versorgt, am Ende mache ich es nur noch schlimmer. Ich weiß nicht mal, was das für eine Spinne war..."
"Aber... Er verblutet doch!", sagte er jetzt verzweifelter und mit Tränen in den Augen.
Ich beschwor einen magischen Verband herauf und legte ihn um die Wunde, um wenigstens diese Gefahr zu bekämpfen. Vielleicht half es ja ein wenig.
"Hast du einen Zauberstab dabei?", fragte ich. Er nickte und zog zwei Hälften eines ehemals hellbraunen Stabes aus der Tasche. "Oh nein, der muss zerbrochen sein, als ich draufgefallen bin", flüsterte er und stumme Tränen liefen über seine Wangen.
"Ok, dann muss ich das wohl oder übel alleine hinbekommen...", seufzte ich.
Vorsichtig legten wir den zitternden Kevin ins Gras. Sein Gesicht hatte eine ungesunde Farbe angenommen.
Ich murmelte ein paar Sprüche und er erhob sich sachte vom Boden. Er schwebte auf Hüfthöhe neben uns und da er sich stärkere Schmerzen nicht ansehen ließ, ging ich davon aus, dass alles funktioniert hatte.
Ich hatte versucht ihn magisch zu polstern und zu stabilisieren, damit wir ihn schmerzlos zum Schloss befördern konnten.
Wir machten uns auf den Weg, Kevin schwebend neben uns.
Es war anstrengend, ihn durchgehend in der gleichen Position zu halten, sodass er möglichst keine Geräusche von sich gab und nicht halb Hogwarts aufweckte.
Obwohl es natürlich reichen würde, wenn einer auf uns aufmerksam werden würde. Filch oder Professor McGonagall zum Beispiel...
Besonders die Treppen waren eine Herausforderung, die ich aber glücklicherweise problemlos meistern konnte.
"Du gehst sofort zurück in deinen Schlafsaal!", flüsterte ich dem anderen zu. Ich sah ihm an, dass er protestieren wollte. "Ich bring Kevin in den Krankenflügel und du bekommst mir hier nicht noch mehr Ärger!", zischte ich verärgert. Widerwillig sah er mich an. Doch mein Blick schien ihm klar zu machen, dass ich recht hatte.
Im Krankenflügel angekommen legte ich Kevin vorsichtig auf einem der Betten ab. Er stöhnte vor Schmerzen. Anscheinend war es nicht ganz so vorsichtig gewesen wie geplant. Aber der Zauber hatte mich erschöpft. Ich musste ihn gleichzeitig schweben lassen, in stabile Lage versetzen um sein Bein nicht durch Unebenheiten zu belasten und eine magische Polsterung aufrecht erhalten, die ihm das Gefühl gab, auf weichen Daunenbetten zu liegen.
Und das auf dem ganzen Weg vom Wald in den Krankenflügel. Vielleicht war das insgesamt übertrieben, aber so hatte es zumindest keine Probleme gegeben.
Am liebsten würde ich mich neben ihn legen und direkt bis zum nächsten Morgen durchschlafen.
Aber ich zog mir meine Kapuze auf den Kopf und tief ins Gesicht, ging zur Tür, hinter der Madam Pomfreys private Räume lagen und klopfte so lange an, bis sie verschlafen öffnete.
"Sie haben einen Patienten. Wurde im Wald von einer gigantischen Spinne gebissen", sagte ich zu ihr, drehte mich sofort um und verließ schnell den Krankenflügel.
Ich wollte unter keinen Umständen mit dem Vorfall in Verbindung gebracht werden.
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Deep down inside me.
Fanfiction1980. Severus Snape beginnt auf Hogwarts zu unterrichten. Der Krieg in der Welt der Zauberer erlebt seinen Höhepunkt. Die Hauptfigur dieser Geschichte kehrt für ihr finales Jahr an die Schule für Hexerei und Zauberei zurück. Sie lebt in einer Zeit...
