"Sie bedeutet mir rein gar nichts."

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Mein Rücken schmerzte und ich begann langsam vor Kälte zu zittern. Ich wusste nicht, wie lange es her war, seit Severus in der Dunkelheit verschwunden war.
Ich traute mich nicht, ein Feuer zu machen. Zu groß die Angst, tatsächlich entdeckt zu werden.
Der Irrsinn der Situation wurde mir erst klar, als ich intensiver darüber nachdachte.
Ich, eine Muggelstämmige, ein Schlammblut, dachte ich bitter, versteckte mich nur wenige hundert Meter von Todessern und vermutlich dem Dunklen Lord persönlich hinter einem Baum.
Ich musste lachen, so zynisch war die gesamte Situation.
Ein leises Knacken ließ mich erschrocken innehalten.
Mein Herz klopfte schneller als vorher und eine leichte Panik packte mich. Angestrengt versuchte ich zu hören, ob noch weitere Geräusche folgen würden und was ihr Ursprung war.
Doch das einzige, das ich wahrnahm, war Stille und das sanfte Rascheln der Blätter, wenn der Wind durch sie hindurchfuhr.
Ich zwang mich, wieder ruhiger zu werden.
Mein Herzschlag normalisierte sich.
Ich schloss meine Augen und lehnte meinen Kopf an die Rinde des Baumes, der mir als Lehne diente. Meine Finger strichen leicht über den Waldboden und fanden schließlich ein herabgefallenes Blatt, das ich geistesabwesend in kleine Stückchen riss.
Ich öffnete meine Augen wieder und versuchte irgendetwas in der Dunkelheit vor mir zu erkennen. Ich scheiterte.
Bevor ich ein weiteres Blatt zum Zeitvertreib aufsammeln konnte, traten plötzlich rote Funken in mein Blickfeld.
Bevor ich nur einen klaren Gedanken fassen konnte, fuhren sie in meine Brust, ich spürte einen stechenden Schmerz und verlor anschließend sofort das Bewusstsein.

"Avery sagt sie zu kennen..."
"... Drachenreservat, sein Bruder..."
Kaltes Lachen. Ich konnte mehrere Stimmen ausmachen, jedoch war ich nicht in der Lage zu benennen, um wie viele genau es sich handelte.
Ich gewann langsam die Kontrolle über meinen Körper zurück und versuchte mich zu erinnern, wie ich auf den nächsten harten Boden gekommen war.
Immerhin war dieser nicht feucht, dachte ich mir.
Und plötzlich kam es mir wieder ins Gedächtnis: Mich hatte vollkommen unvorhergesehen ein Schockzauber getroffen.
Hustend setzte ich mich auf.
Ich blinzelte, und versuchte zu erkennen, wo ich mich befand. Noch war alles verschwommen, doch langsam wurde meine Sicht klarer.
Ich musste mich in der Hütte befinden, die ich zuvor nur von weitem gesehen hatte. Die Wände waren kahl, sie war nur spärlich eingerichtet, doch immerhin brannte ein Feuer im Kamin.
An einem Tisch standen ein halbes Dutzend Gestalten, fünf Männer und eine Frau.
Einer davon war Severus. Er hatte mir den Rücken zugekehrt und schien mich nicht zu beachten. Es versetzte mir einen kleinen Stich im Herzen, obwohl ich wusste, dass er seine Position als Spion Dumbledores nicht riskieren durfte.

Die Frau drehte sich mit einem diabolischen Grinsen um, als sie mein Husten hörte.
Sie richtete ihren Zauberstab auf mich und begann zu lachen. Es war ein kaltes Lachen, das geradezu wahnsinnig klang.
"Bellatrix", sagte einer der Männer seufzend, "wir müssen erst herausfinden, wie sie hergekommen ist, dann darfst du deinen Spaß haben."
Sie verzog das Gesicht zu einem Schmollmund, ihr schien der Gedanke nicht zu gefallen. "Sie ist doch nur ein Schlammblut!", krähte sie empört.
"Trotzdem ist es von Interesse, wie sie hergefunden hat", erklärte ihr der Mann mit einer unangenehm tiefen und kalten Stimme.
Er schritt auf mich zu, steckte den Zauberstab in die Tasche und blieb neben mir stehen. Er blickte mit verzogenem Gesicht zu mir herab, wie auf ein Stück Abschaum, das ich in seinen Augen zweifellos war.
Bevor ich nur darauf vorbereitet war, griff er grob in meine Haare und zog mich zu sich hoch.
Wimmernd stolperte ich auf meine Füße und wurde gezwungen, ihn schmerzverzerrt anzusehen.
Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt und als er erneut zu sprechen begann, schlug mir ein übel riechender Atem entgegen: "Wie bist du hier hergekommen, Schlammblut?"
Ich konnte nicht antworten, war nicht in der Lage, mir eine schnelle Ausrede einfallen zu lassen.
Seine Hand krallte noch immer in meinen Haaren und er begann nun, mich zu schütteln.
Vor Schmerzen schrie ich auf.
Sein Gesicht war nun wutverzerrt und er keifte mich an: "Antworte!"
"Ich...", stammelte ich mit Tränen in den Augen, "... ich weiß es nicht..."
Ein anderer Todesser löste sich von der Gruppe und kam auf uns zu: "Wie kannst du das nicht wissen?"
Seine Frage unterstrich er, indem er mir seinen Zauberstab direkt zwischen die Augen hielt.
"Ich bin hier einfach aufgewacht, in dieser Hütte...", stieß ich hervor und versuchte mich gegen die Griffe zu wehren, die mich umschlossen.
Verstohlen sah ich zu Severus, der noch immer an seinem Platz stand, ohne seine Gedanken zu offenbaren.

Die Hexe, Bellatrix, schien langsam die Geduld zu verlieren, denn sie zückte erneut ihren Zauberstab und ließ mit hoher, überdrehter Stimme verkünden: "Wenn du nicht antwortest, bringe ich dich dazu!"
Weitere heiße Tränen stiegen in meine Augen, rollten über meine Wangen und hinterließen brennende Spuren.
Ich zitterte am ganzen Körper und schaffte es kaum, mich auf den Beinen zu halten.
"Bitte...", keuchte ich nur und konnte nicht mehr über die Lippen bringen.
Sie ließ ihren Zauberstab nach oben schnellen, schrie einige Worte, die ich nicht verstand und im nächsten Moment spürte ich einen brennenden Schmerz durch meinen Körper zucken.
Ein Schmerzensschrei entwich mir und ich krümmte mich zusammen. Ich stöhnte und versuchte mich wieder aufzurichten.
"Ich sagte doch, ich weiß nicht, wieso ich überhaupt hier bin...", meine Stimme war ein gebrochenes Krächzen.
Ich wusste nicht, wie viel Schmerz und Demütigung ich aushalten konnte, bevor mein Willen gebrochen wurde und ich die Wahrheit verriet. Ich war nicht besonders erpicht darauf, es herauszufinden.

Bevor Bellatrix den nächsten Schritt gehen konnte, öffnete sich die Tür und ein nur zu bekannter Zauberer mit hellblondem, langen Haar betrat den kleinen Innenraum der Hütte.
Unbeeindruckt betrachtete er die Szenerie, die sich ihm bot und schenkte ihr nach wenigen Sekunden keinerlei Beachtung mehr.
"Wen habt ihr dieses Mal, Bellatrix?", fragte er beiläufig, während er seinen Umhang auszog und über einen Stuhl hängte.
"Ein Schlammblut - hat Crabbe im Wald gefunden und die Schlampe will uns einfach nicht sagen, wie sie da hingekommen ist! Eigentlich müsste sie nämlich auf Hogwarts sein! Ist das Drecksblut, das den Namen des Hauses Slytherin beschmutzt. Die, die Averys Bruder letztes Jahr in diesem Drachenreservat beseitigen wollte!", sie bedachte mich mit einem Blick, als sei ich das widerwärtigste, das es seit langer Zeit wagte, in ihr Blickfeld zu treten.

Das Interesse von Lucius Malfoy schien geweckt.
Er betrachtete mich genauer, ich versuchte mich von ihm abzuwenden, doch konnte ich das Unausweichliche nicht verhindern.
"Ist das nicht die Kleine, die ich schon mal in der Nokturngasse mit dir gesehen habe, Severus?", schnurrte er mit samtweicher Stimme und blickte ihn grinsend an.
"Sie musste nachsitzen", erwiderte Severus schlicht und noch immer undurchschaubar.
"Ich habe gehört, du hast Gefallen an ihr gefunden?", fuhr Malfoy fort und grinste erneut durchtrieben.
"Schon wieder, Severus?", fragte Bellatrix mit gespielter Enttäuschung, "Schon wieder ein Schlammblut?"
Er würdigte mich keines Blickes und sagte nur: "Sie bedeutet mir rein gar nichts."
Bellatrix schlich auf ihn zu, strich mit ihren langen Fingern über seine Wange und flüsterte ihm voller freudiger Erregung zu: "Beweis es!"

Seine schwarzen Augen ruhten auf mir. Kalt und ausdruckslos.
"Komm schon, Severus! Sie ist nur ein wertloses Schlammblut! Ich will sie schreien hören - ich liebe es, wenn sie schreien!", krähte Bellatrix und lachte schallend.
Seine Mimik zeigte keine Regung.
Langsam ging sie auf ihn zu, strich ihm mit einem Finger über die Wange und flüsterte: "Oder bedeutet sie dir doch etwas?"
Er wandte sich mir zu, zog mit kontrollierten Bewegungen seinen Zauberstab aus seinem Umhang und richtete ihn auf mich.
"Crucio!", sagte er mit klarer Stimme, es klang geradezu beiläufig.
Ich wurde erfasst von einer Welle unbeschreiblichen Schmerzes.
Ich verlor die Kontrolle über meinen Körper und stürzte zu Boden. Mein Blut schien Gift geworden, das durch meine Adern gepumpt wurde und mich von innen zerfraß.
Ich wünschte mir, dass mein Herz aufhören würde zu schlagen. Einfach aussetzen und den Transport meines brennenden Blutes unterbinden.
Nicht nur mein Blut brannte; ich schien wieder im Drachenfeuer zu versinken, das meine Haut in verkohltes, zerstörtes Gewebe verwandelte.
Ich verkrampfte, zuckte, wandte mich vor Schmerzen am Boden.
Jede Bewegung intensivierte mein Leiden, als wäre ich umgeben von Messern, die sich immer tiefer in mich bohrten, je mehr ich mich gegen sie wehren wollte.
"Ich will sie schreien hören - ich liebe es, wenn sie schreien!", hallte Bellatrix Lestranges Stimme in meinem Kopf wider.
Den Gefallen tue ich dir nicht!, dachte ich mir verbissen und unterdrückte jede Art von Geräuschen.
Ich wandte meinen Kopf zu Severus.
Es war, als würde ein glühender Eisenstab in mein Herz getrieben, als ich sein unverändert ausdrucksloses und kaltes Gesicht erblickte.
Kein Zauber der Welt könnte mir solche Schmerzen bereiten wie seine Gleichgültigkeit. Seine zwar gespielte Gleichgültigkeit, doch ist das keine Kategorie in der du denkst, wenn jede Faser, jede Zelle deines Körpers dem größtmöglichen Schmerz ausgeliefert ist.

Deep down inside me.Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt